Rez.: Luzerner Namenbuch 4: Pilatus. Die Orts- und Flurnamen des westlichen Amtes Luzern. 1. Teil A–L, 2. Teil M–Z.

Luzerner Namenbuch 4: Pilatus. Die Orts- und Flurnamen des westlichen Amtes Luzern. 1. Teil A–L, 2. Teil M–Z. Hrsg. und bearb. von Erika Waser, in Zusammenarbeit mit Peter Mulle, Heidi Blaser und Irene Rettig, unter Mitarbeit von Alex Baumgartner, Philippe Bart und Ingrid Strassmann. Schüpfheim: Entlebucher Medienhaus 2022, 1554 S. – ISBN 978-3-906832-26-5, Preis: SFR 149,00 (CH).

Rezensiert von Albrecht Greule

Wer wissen möchte, wieso das südlich von Luzern gelegene Bergmassiv mit einer maximalen Höhe von 2128 m ausgerechnet nach Pontius Pilatus, dem römischen Statthalter, der Jesus Christus kreuzigen ließ, benannt ist, wird umfänglich von Erika Waser und ihrem Team in einer geradezu spannend zu lesenden Namengeschichte im 4. Band des Luzerner Namenbuchs (LuNB, S.890–895) informiert. Um einen weiteren Leseanreiz zu verschaffen: die Erklärung des Namens, die von Pilatus-berg ausgeht, ist nicht nur für an Namen Interessierte, sondern auch für Literaturwissenschaftler/innen, Volkskundler/innen und sogar Meteorolog/innen interessant. Es lohnt sich aber nicht nur die zwei gewichtigen Teilbände des LuNB 4 wegen Pilatus zu Rate zu ziehen. Wie früher schon mehrfach gerühmt, ist auch dieses LuNB formal und inhaltlich so hervorragend gestaltet und informativ, dass einen die einmal angefangene, punktuell interessierende Lektüre nicht mehr loslässt – zumal auch diese beiden Bücher nicht nur Siedlungsnamen, Hofnamen, Geländenamen, Waldnamen, Flurnamen und Bergnamen erfassen und ausführlich und kompetent erklären, sondern auch Personen- und Familiennamen, und insgesamt durch die hohen Anteile der Luzerner Mundart (rezent und historisch) faszinieren. 

Erika Waser ist auch in diesem Band des Luzern Namenbuchs dem seit Band 1 (Amt Entlebuch), Band 2 (Rigigemeinden) und Band 3 (Habsburgeramt) eingeschlagenen Weg der inhaltlichen und äußeren Gestaltung der Namenbuch-Reihe treu geblieben. Auch der Rezensent, der die Publikation seit 1996 verfolgt, sieht keinen Anlass, diese Konsequenz zu kritisieren – im Gegenteil; denn die konstante Darstellung der Luzerner Namenlandschaften wird auch digital durch die von Alex Baumgartner entwickelte Datenbank weiterhin trefflich unterstützt. Das – beide Teile gewissermaßen umfassende – Herzstück des LuNB 4 ist das mit „2. Die Orts- und Flurnamen“ überschriebene Namenbuch, das ungefähr 5250 Namenartikel mit zirka 30 500 historischen Belegformen erfasst; mehr als die Hälfte davon betreffen abgegangene Namen. Beachtenswert ist die Darstellungsmethode, etymologisch zusammengehörende Namen unter einem graphisch hervorgehobenen Stichwort zu vereinen. Auf diese Weise entstanden 1232 Stichwortartikel. Zum Beispiel sind die Namen Gummli, Gummlihütte, Gummlischwändi und Gummliweid unter dem Stichwort „Gummli“, dem Diminutiv zu Gumme, vereint (S.439–440). Bei der Suche nach bestimmten Namen dürfen sich die geneigten Leserinnen und Leser nicht von der Schreibweise mancher Stichwörter abschrecken lassen; sie richtet sich nämlich nach den „eidgenössischen Weisungen betreffend Erhebung und Schreibweise der geografischen Namen“ und dem luzernischen Reglement (S.55) und weicht teils erheblich von der standardsprachlich gesuchten Namenform ab. Zum Beispiel findet man die luzernischen Entsprechungen zu Flur- oder Ortsnamen mit Kapelle unter dem multiplen Stichwort „Chappel/Chapelle/Kapälle“ und „Chappeli/Chäppeli“ (S.591–596).

Das Namenbuch ist flankiert von der Einleitung (mit der Beschreibung von Geographie, Geschichte, diese verfasst von Anton Gössi, und Mundart des Pilatus-Gebiets), einem Bildteil (von Armin Wey), den Verzeichnissen (besonders wichtig das Quellenverzeichnis) und umfänglichen, nützlichen Registern, die den Namenbestand pro Gemeinde alphabetisch auflisten. Aus dem Quellenbestand, aus dem das Namenbuch die historischen Belege schöpfen kann, ragt die vermeintlich älteste Quelle wegen ihrer besonderen Überlieferung hervor: Es handelt sich um den Traditionsrodel des Stifts St. Leodegar in Luzern, auf dem sechs angeblich aus dem 9.Jh. stammende Urkunden abgeschrieben sind. Der Traditionsrodel ist aber als Fälschung, wahrscheinlich aus dem 12.Jh., identifiziert worden, dessen Inhalt zum Teil den Tatsachen entsprechen kann. Welche Grundlagen die darin verzeichneten Ortsnamen haben, ob sie aus „echten“ Vorlagen stammen oder ob die alten Namenformen (z.B. Chrientes/Kriens oder Fracti Montis/Fräckmünd am Pilatus) klosterlateinische Erfindungen zur Sicherung des Klosterbesitzes sind, bleibt unklar.

Welcher Schatz an Etymologien, durch die selbst einem altgedienten Namenkundler die Augen geöffnet werden, das LuNB 4 enthält, soll durch einen knappen Einblick in die unter dem Buchstaben G (S.355–445) erfassten, historisch belegten und erklären Namen gezeigt werden: Flurnamen (metaphorisch): Gabelegg, Gibel, Gigeli (‘kleine Geige’), Gsig, Gugel, Güpfi; Flurnamen mit Bezug auf Tiere: Gänsacher, Gauchmatten, Geussbüel, Geitsche (‘Stelle, wo Füchse bellen’), Gemschmettli, †Wiselbach, Gitzigragel, Guggerfluck; Flurname mit Heiligenname: Gallenmatt (St. Gallus) – Gewässername Giessbach – Bergname Gnepfstein – Alpnamen: Gumm, Gummli – Waldnamen: Grittigwald, Grindel, Gschei (< G(e)schüch), Guber – Hofnamen mit PN + -ing: Gabeldinge (PN Gebald), Geitige (PN *Geito), Gopige (PN Gopo), Grisige (PN Griso), Grudlige (PN?); Hofname mit Funktionsbezeichnung im Genitiv: Gantersei (< Ganter ‘der die öffentliche Versteigerung ausruft’ + ei ‘Land am Wasser’) – Liegenschaftsname Gäng – Hausnamen: Gaden, Greber, Grämlis, Greter.

Für den ganzen Namenschatz des westlichen Amtes Luzern kann resümierend gesagt werden, dass ein durch und durch alemannisches, teils bis ins Althochdeutsche reichendes Namengut wenigen romanischen, zu Namen gewordenen Lehnwörtern gegenübersteht, z.B. Frutt (S.345f.), Gumme (S.439), Gütsch (S.443), Tosse (S.1223), Tschugge (S.1231), aber keine Siedlungsnamen mit gesicherter (vor)romanischer Etymologie nachgewiesen sind. Eine solche weist lediglich der Gebietsname Birholz (S.143–145), um 1150, K um 1500, Pireols < rom. *pireolus ‘kleiner Birnbaum’, auf. In mehreren Fällen wird eingeräumt, dass es trotz verschiedener Versuche keine befriedigende Deutung gibt, und die Herausgeberin regt damit indirekt dazu an, auf der Grundlage des ausgebreiteten Materials weiter nach einer Erklärung zu suchen. In die Reihe der (noch) unsicher gedeuteten Namen gehören die Namen Kriens, Malters, Nätsch, Rümlig, Spahau.

Obwohl es nicht zu den Aufgaben des Rezensenten gehört, neue Deutungsvorschläge zu unterbreiten, soll hier doch für den ON Kriens eine weitere Deutung zur Diskussion gestellt werden. Die zu Kriens im LuNB 4, S. 656–664, gemachten Vorgaben sind: Beschreibung der geographischen Lage (Kriens liegt am rechten Rand eines schmalen vom Chrienbach, einem Wildbach, durchflossenen Tales), historische Belege (9.Jh., K 12. Jh, in Chrientes, 1178 W. de Chriens, usw., 1420 bi dem Krienpach) sowie die Diskussion verschiedener Namendeutungen. Aus der Belegdiskussion ergibt sich, dass das /-t-/ in Chrient- nicht stammhaft ist und das /-s/ in Chriens Rest einer altromanischen Flexionsendung sein dürfte. Somit sollte die Deutung von ahd. *Chrien und Chriens von einer „vordeutschen Grundlage“ ausgehen. Es bietet sich an, dazu auf rätorom. crena ‘Einschnitt, Kerbe, Scharte, Rinne’, im Plural crenas (vgl. Handwörterbuch des Rätoromanischen, Zürich 1994, S.200) zurückzugreifen. Da Erika Waser empfiehlt, weitere Vergleichsnamen in der Schweiz heranzuziehen, kann man annehmen, dass rom. *créna, *crénas als *chrien, chriens ins Alemannische entlehnt wurde (mit Diphthongierung des rom. /-é- > -ie-/ und Lautverschiebung /k- > ch-/), und zwar als Name für charakteristische Einschnitte in der Landschaft. Rom. crena wird auf vorrom. *krina zurückgeführt und dieses Nomen auf das urkelt. Verb *krini ‘sift, shake’, vgl. gall. *crinare ‘spalten’.

Abschließend ist man gedrängt, zu dieser neuesten Dokumentation der seit Jahrzehnten aktiven, erfolgreichen und Vorbild gebenden Orts- und Flurnamenforschung der Schweiz einfach zu gratulieren und zu wünschen, dass alle geplanten Bände des Luzerner Namenbuchs der Wissenschaft bald zur Verfügung stehen.  

DOI: https://doi.org/10.58938/ni777