Zu Walter Wenzels anregendem Versuch, die bisher uninterpretierten Belege eines Wüstungsnamens „†Nessuk“ einer Deutung zuzuführen, sei zunächst angemerkt, daß die beiden Nennungen <Nessoc> und <Neszuc> (aus verschiedener Quelle ad 1004) sehr wahrscheinlich Reflex des Genitivs eines pluralischen Ortsnamens sind, als dessen Nominativform der Beleg ad 966 (aus einer Fälschung aus dem 11. Jahrhundert) gelesen werden kann. Wohlfundiert wäre dabei die Annahme, daß das auslautende -<c> nicht -[k] gemeint haben muß, sondern als -[ʦ] zu lesen sein könnte. Als wahrscheinlich und hilfreich für die Untermauerung der Vermutung eines Zusammenhanges der Bezeichnung einer magna urbs als <Businc> bei Thietmar von Merseburg mit dem Stammesnamen Besunzanebeim sog. Bayrischen Geographensowie dem Ortsnamen Biesnitz/ obersorbisch Běžnica (durch Ernst Eichler und Hans Walther, zuletzt in HONSa: I, [71-]72) und für Versuche der Deutung dieser Namen wurde die Lesung von <Businc> als *[bizunʦ] statt *[buziɳk] nahegelegt (Koenitz 2016: 4f.; Wenzel 2018: 107, 109). Die Anregung zu einer solchen Überlegung ergab sich aus Freydank 1967: 657, wo auf das Problem der Wiedergabe von [ʦ] in anderen Umgebungen als mit folgendem vorderen Vokal mit der Graphie <c> in spätlateinischen Texten hingewiesen wurde (vgl. auch Koenitz im Druck). Entweder behalf man sich mit der Anfügung von -<i>  an das <c>- – wie etwa im Genitiv <Luticiorum> statt <Luticorum> zum Nominativ *<Lutici> für aso. *Lutici oder in <Zuarasici> statt < Zuarasic> für aso. *Swarožic– oder man nahm die Gefahr einer falschen Lesung des <c> als [k] in Kauf, wie z.B. in <Curbizi> (neben <Zurbizi>, beides bei Thietmar für Zörbig) für *Surbici/Sorbici (vgl. Eichler/Walther 1986: 309).

 Allerdings haben vor allem zwei Aspekte der Namensüberlieferung mich schließlich dazu bewogen, nach  einer alternativen Lösung zu suchen: (a) Für das zweite Drittel des 10. Jahrhunderts sollte man eigentlich noch mit dem Erhaltensein des Nasalvokals rechnen, so daß für ein *Nesõdici eher *<Nessunzi> zu erwarten wäre. (b) In einer so frühen Aufzeichnung des Ortsnamens wie der zu 1004 ist m.E. für -o- statt -u- noch nicht mit einer Senkung aufgrund des mündlichen Gebrauches des Namens im deutschen Munde zu rechnen, sondern noch mit einer Unsicherheit des Schreibers, welcher slawische Vokal zu hören war. 

Demnach war die Möglichkeit einer anderen Erklärung des -<u>- in <Nessuzi> und <Neszuc> zu prüfen. Die Analyse des etwa zeitgleichen Textes der Thietmarchronik bzgl. des Umgangs des Chronisten mit den slawischen Vokalen zeigt deutlich die Neigung, in die Graphie <u> die Wiedergabe des Vokals /o/ einzubeziehen. Das Phonem /o/ wurde offenbar sehr eng bzw. diphthongoid realisiert und die labiovelarisierte Anglittphase in der Wahrnehmung durch Deutsche, die ganze Silbe „übertönend“, als [u] rezipiert. Wichtig ist der Umstand, daß offenbar im entsprechenden Slawischen nicht nur eine diphthongoide Realisierung des /o/, sondern ebenfalls (ggf. auch heterosyllabische) Kombinationen dieses Phonems mit vorangehendem oder nachfolgendem nicht-silbischen, offenbar bilabialen, /w/ – also |wo| / |ow|– häufig als [u] wahrgenommen und als <u> notiert wurden. Es ist auch nicht auszuschließen, dass in bestimmten Fällen in den entsprechenden slawischen Dialekten der Vokal /o/ zum Monophthong /u/ übergegangen war.Diese Frage ist insbes. im Zusammenhang mit dem Volksnamen der Sorben und seiner Notierung öfters erörtert worden. Vgl. noch einmal den hiervon abgeleiteten ON Zörbig, bei Thietmar <Zurbizi>/<Curbizi> (s.o.), in Eichler/Walther 1986, 309: *Surbici/SorbiciBei Thietmar finden sich Eigennamen  wie die folgenden: <Vurcin> = *Worčin<Vurta> = *Worta<Suentepulcum> = *Swtopołk-; <Selibur> = *Želibor; <Tuchurini> = *Tuchoŕane; <Ustiure> = *Usťeor’a; <Glogua> = *Głogowa; <Ilua> = *Iłowa;  <Liubusua> = *Ľubušowa; <Niriechua> = *Ni/eŕe/achowa; <Cracuaensem>/<Cracuaensis> lateinisches Adjektiv zu *<Cracua> = *Krakowa<Gusua> = *Chu(ď)źowa<Zuencua>/<Suencuam> = *Zwkowa;  (ab [<Ustiure>] wohl sämtlich Reflexe von Genitivformen); <Vedu> = *Wědow; <Medeburu> = *-borow(?); <Mistui> (neben <Mistuwoi>/<Mystuwoi>) =  *Mstiwoj, rezipiert als  *[mistwui̯]; <Olscuizi> = *Oľšowic-. Besonders hervorzuheben ist der Name des sorbischen Edlen <Cuchavico>-, bei dem nicht nur beide <c> nicht als [k] zu lesen sind, das Anlaut-<C> vielmehr wie im Falle von <Curbici> ein slawisches [s] bezeichnet, sondern außerdem das -<u> nach dem Beispiel <Mistui> als aso. *-/wo/- zu lesen ist und sich somit für den PN (entgegen bisherigen Deutungen) die Lesung *Swochowic (wohl Sohn des *Swochow und Enkel des *Swoch) ergibt. Nimmt man nun an, daß für die Texte, in  denen <Nessuzi> genannt ist, ähnliche Rezeptionsregularitäten gewirkt haben wie beim Verfassen der Thietmarchronik, dann ergibt sich als möglich ein entsprechender Ansatz *[nesu̯oci], für die Belege ad 1004 *[nesu̯oc] oder *[nesu̯ok]. 

Diesen Ansatz weiter auszudeuten sehe ich zwei Möglichkeiten: 

(1) Die altsorbische Lautkette *[nesu̯oci] ist phonologisch als */nesoci/ oder */nesu̯oci/, *[nesu̯ok] als */nesok/ oder */nesu̯ok/ zu verstehen, (in üblicher und vereinfachender Graphie) als *Nesoci(Pl.), G. *Nesok, wohl ›die “Nesok’s” – die Familie des *Nesok‹, wobei *Nesok– wie Walter Wenzels *Nesud(a) – wohl ebenfalls ein apotropäischer Rufname wäre, zu ursl. *sokъ, atsch. sok ›Verfolger‹, später auch ›Fahnder, Ermittler, Ankläger‹ (vgl. Machek 1968: 566), ntsch., slk. ›Rivale, Konkurrent, Nebenbuhler, Feind, Schmäher, Verleumder‹. (Im Ober- und im Niedersorbischen ist das Wort nicht mehr bekannt.) 

(2) Die altsorbische Lautkette *[nesu̯oci] ist eine Vereinfachung von *[neswu̯oci], phonologisch */neswoci/ oder */neswu̯oci/ – es ergibt sich *Neswoci, G. *Neswok. Dann erinnert der Name an Neschwitz/Njeswačidło (s. Königswartha) und Nieschütz (nw. Meißen), beide mit Schuster-Šewc HEW: 1382 und Ders. 2008: 97) gegen Eichler und Walther (HONSa: II, 92, 115) zu ursl. swakъ ›Verwandter, Angehöriger der Sippe‹ zu stellen, entsprechend als *Neswač ›Gut des *Neswak‹ zu interpretieren, mit *Neswak ›ein nicht zur selben Sippe/zum selben Stamm Gehörender‹ (vgl. Wenzel 2009: 74f.; Koenitz 2011: 97). Man kann die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß dem ON <Nessuzi>ein PN *Neswok oder eine appellativische Bezeichnung *neswok als eine sorbische Variante von *Neswak zugrunde liegt. Immerhin sind Ableitungen von *swoiti (abg. svoiti s›familiarem reddi‹ und svoitь›affines, Anverwandte‹) in den beiden sorbischen Sprachen mit oso. swójba›Familie‹ und nso. swójźba›Familie, Verwandtschaft‹besonders stark und nachhaltig verankert. Bei *Neswocikönnte es sich um eine (deappellativische) Kollektivbenennung der Bewohner und damit um den Namen einer Siedlung von fremden Zuzüglern handeln. (Es könnte sich bei *neswokvielleicht um eine sorbische Neuerung gegenüber archaischem *neswakgehandelt haben, falls, wie Schuster-Sewc HEW a.a.O. glaubt, *swak- nicht auf Kontraktion aus *swojak- beruht.)

Die beiden Belege zu 1004 Nessocund Neszucwären nun doch mit Auslaut -[k] zu lesen. Die Aussprache des Namens hätte im altsorbischen Munde zur gegebenen Zeit womöglich *[nesu̯ok] (gar mit Verschmelzung des -/w/- mit der Anglittphase des diphthongoiden -/o/- oder auch diphthongischen -/u̯o/-) gelautet. Die phonetische Gestalt des altsorbischen Namens um 1000, wenn wie oben rekonstruiert *[nesu̯oci] bzw. *[nesu̯ok] lautend, war geeignet, Schreiber zu verunsichern, ob da *[nesu(:)ci] oder *[neso(:)ci] bzw. *[nesu(:)k]-  oder *[neso(:)k]- zu hören sei. Die Registrierung des Namens unter dem Lemma †Nessuk in Bily 1996: 426 wäre etymologisch gerechtfertigt.


Literatur:

Bily, Inge (1996): Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Berlin.

Eichler, Ernst/Walther, Hans (1986): Städtenamenbuch der DDR, Leipzig.

Freydank, Dietrich (1967): Namenkundliche Bemerkungen zu der Thietmar-Ausgabe von W. Trillmich. In: Wz. d. HU Berlin, GSR, Jg. XVI 1, 657-658.

HONSa = Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen / hg. von Eichler, Ernst; Walther, Hans, Bde. I-III, Berlin, 2001.

Koenitz, Bernd (2011): UnwürdeLubijDažinStwěšinund andere Namen altsorbischer Herkunft. Miszellanea und manches Systemhafte (Teil II), in: Lětopis 58, H.1.

Koenitz, Bernd (2016): Die „magna urbs Businc”, Biesnitz und der Stamm „Besunzane”, bisher unveröffentlichtes Manu­skript, S. 1-16.

Koenitz, Bernd: Gebotene Auflösung nachhaltiger Wirrnis um den Namen eines Burgwards („Titibuzin“ usw.) – Was aber war sein Ort?. Mit einer Karte, im Druck in NI. 

Schuster-Šewc, Heinz (2008): Die Ortsnamen der Lausitz – Anmerkungen zum Stand ihrer Erforschung, in: Lětopis 55, H. 2, 94-108.

Schuster-Šewc, HeinzHEW = Ders.: Historisch-etymologisches Wörterbuch der obersorbischen und niedersorbischen Sprache, Bd. 1-5, Bautzen 1978-1996.

Wenzel, Walther (2009): Umstrittene Deutungen Lausitzer Ortsnamen, in: NI 95/96, 55-88. 

Wenzel, Walther (2018): Der Stammesname Besunzanein neuer Sicht. Mit einer Karte, in Lětopis65, H. 2, 107-111.