Der bisher als unklar geltende Ortsname Nessuzi, Name einer wüst gewordenen Siedlung bei Kemberg, südl. Wittenberg, ist wie folgt überliefert: 966 (Fälschung 11. Jh.) Nessuzi, 1004 Nessoc, Neszuc (BILY 1996: 426 unter †Nessuk). In einer späteren Untersuchung rekonstruierte man aso. *Nesuci, jedoch ohne diese Form zu erklären (ZSCHIESCHANG 2011: 16). Auszugehen ist höchstwahrscheinlich von aso. *Nesudici ʻLeute des Nesud oder Nesudaʼ mit Nesud  bzw. Nesuda als einem apotropäischen Rufnamen (Abwehrnamen), bestehend aus der Negationspartikel Ne- und Sud oder Suda, Kurzformen von Sudimir, Sudislav oder ähnlichen Vollnamen mit dem Vorderglied aus urslaw. *sǫditi ʻrichten, urteilenʼ, dazu oso. sudźić ʻrichten, (ver)urteilen, beurteilenʼ, poln sądzić (RYMUT 2003: 64). Entsprechende Kurzformen sind schon früh bezeugt: poln. 1265 Sąd, 1244 Sęda, tschech. 1057 Súd, 1078 Suda, enthalten auch in Ortsnamen (RYMUT 1999-2001: II 401; PROFOUS 1947-1960: IV 228).

   Bei der Eindeutschung  wurde der viersilbige Ortsname um zwei Silben gekürzt, beginnend mit der dritten Silbe, was zu *Nesudci führte, von den Schreibern mit Nessuzi wiedergegeben. Dass gerade die dritte und nicht, wie gewöhnlich üblich, die zweite Silbe gekürzt wurde, könnte mit dem Akzent zusammenhängen. Wahrscheinlich sprachen die Slawen *Nesúdici, die Deutschen verlegten bald die Betonung auf die erste Silbe. Das könnte verursacht haben, dass, wie der Beleg Nessoc von 1004 ausweist, -u- zu -o- gesenkt wurde. Das am Wortende stehende -c- müßte eigentlich als [k], also als velarer Verschlußlaut gesprochen werden. Es gibt jedoch in den schriftlichen Quellen jener Zeit eine Anzahl von Fällen, wo geschriebenes c in dieser Position für gesprochenes [ts] steht.

   Namenstratigraphisch gesehen dürfte aso. *Nesudici, auf den Ort bezogen aso. *Nesudicě ʻSiedlung der Leute des Nesud bzw. Nesudaʼ, zu den ältesten Namenschichten gehören und von den ersten Einwanderern aus Böhmen und Mähren gebildet wurden sein. Die Lokalisierung der später untergegangenen Siedlung im Stadtgebiet von Kemberg, nicht zuletzt durch mittel- und spätslawische Bodenfunde, darf als relativ gesichert gelten (ZSCHIESCHANG 2003: 291). *Nesudici lag mitten im Slawengau Uuolauki, aso. *Volav́ci ʻSchreihälseʼ, ein Spott- und Neckname (WENZEL 2019: Kap. 13, K. 1, 2). Es ist von zahlreichen älteren und jüngeren slawischen Ortsnamen umgeben, die von einer dichten Besiedlung zeugen (WENZEL 2019: Kap. 4, K. 1-4, Nessuzi fehlt). Einige dieser Ortsnamen haben genaue Entsprechungen im altschechischen Sprachraum, darunter Kochwitz und Klitzschena (WENZEL 2019: Kap. 8-11).


Literatur:

BILY, Inge (1996): Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Berlin.

PROFOUS, Antonín (1947-1960): Místní jména v Čechách, Bde. I-V, Bd. IV zus. mit Jan SVOBODA, Bd. V von Jan SVOBODA und Vladimír ŠMILAUER, Praha.

RYMUT, Kazimierz (2003): Szkice onomastyczne i historycznojęzykowe, Kraków.

RYMUT, Kazimierz (1999-2001): Nazwiska Polaków, Bde. I-II, Kraków.

WENZEL, Walter (2019): Namenkundliche Studien zur slawischen Frühgeschichte Mitteldeutschlands, hg. von Andrea BRENDLER und Silvio BRENDLER, Hamburg [im Druck]. 

ZSCHIESCHANG, Christian (2003): „Das land tuget gar nichts“. Slaven und Deutsche zwischen Elbe und Dübener Heide aus namenkundlicheer Sicht, in: Namenkundliche Informationen, Beiheft 22.

ZSCHIESCHANG, Christian (2011): Wolauki, Nizici und MGH DO I 446 – zum Wandel der Siedlungslandschaften im späten 10. Jahrhundert an der mittleren Elbe, in: Felix BIERMANN,

Thomas KERSTING  und Anne KLAMMT (Hg.), Der Wandel um 1000, Langenweissbach, 15-22.