Milan Majtán (1934 – 2018)[1]

Im Alter von 84 Jahren verstarb am 30. Juni 2018 der national wie international bekannte slowakische Slawist und Namenforscher Prof. Dr. Milan Majtán, dem die Wissenschaft grundlegende Forschungsergebnisse vor allem in zwei Bereichen verdankt: in der Geschichte der slowakischen Sprache und ihrer Dialekte sowie in der Namenforschung.

Geboren am 3. Mai 1934 in Vrútky, trat Milan Majtán nach seinem Studium an der Pädagogischen Hochschule Bratislava (1953-1957) zunächst eine Stelle als Lehrer an einem Gymnasium in Bratislava an.

Aber schon bald bekam er am Institut für Sprachwissenschaft der Slowakischen Akademie der Wissenschaften eine Stelle als Stipendiat. Später arbeitete er in der Abteilung für Dialektologie dieser Akademie am Atlas der slowakischen Sprache mit, nun bereits als Aspirant. Mit dem Abschluss seiner Dissertation zu einem dialektologischen Thema im Jahre 1965 erfolgte ein Wechsel in die Abteilung für slowakische Sprache der Akademie, wo ihm 1984 die Leitung der Abteilung für slowakische Sprachgeschichte übertragen wurde.

Als eine seiner vordringlichsten wissenschaftlichen Aufgaben sah Milan Majtán die Erforschung der slowakischen Sprache an. So verwundert es nicht, dass er bereits an der Konzipierung und den vorbereitenden Arbeiten zum Historischen Wörterbuch der slowakischen Sprache [slowak.: Historický slovník slovenského jazyka. 1-7. Ved. red. Milan Majtán. Bratislava 1991-2008] tatkräftig mitwirkte. Von der ersten Lieferung an war er Mitautor, Leiter des Autorenkollektivs und wissenschaftlicher Redakteur zugleich. Mehrfach wurde das Autorenkollektiv dieses in seiner Bedeutung weit über das Slowakische hinaus reichenden grundlegenden Werkes für seine Arbeit ausgezeichnet. Die Ergebnisse von Milan Majtáns parallel zur Arbeit am Wörterbuch laufenden Untersuchungen zur historischen Lexik des Slowakischen sind in einer ganzen Reihe von Aufsätzen niedergelegt und wurden von ihm auf wissenschaftlichen Tagungen im In- und Ausland vorgestellt und diskutiert.

Wie wichtig Milan Majtán auch die gründliche Erforschung historischer Quellen war, zeigt seine Mitarbeit an allen drei Bänden der Pramene k dejinám slovenčiny [Quellen zur Geschichte des Slowakischen] (Bd. 1: 1992, Bd. 2: 2002, Bd. 3: 2008). Bei den Bänden 1 und 2 war er darüber hinaus Mitherausgeber. Zusammen mit seiner Frau M. Majtánová bereitete er die Edition des Krupinské prísne právo [Die Karpfener Hexenprozesse] (1979) vor.

Neben seinen Forschungen zur Geschichte der slowakischen Sprache wandte sich Milan Majtán bereits sehr früh und mit großem Engagement der Entwicklung der slowakischen Onomastik zu. Mit einer Arbeit zu den onymischen Systemen habilitierte er sich im Jahre 1995. Im Mittelpunkt seiner namenkundlichen Interessen standen vor allem die Toponyme. So schuf er ein Wörterbuch der Namen der Gemeinden in der Slowakei in den letzten zweihundert Jahren [slowak.: Názvy obcí na Slovensku za ostatných 200 rokov. Bratislava 1972]. Im Jahre 1998 erschien eine aktualisierte Fassung dieses fundierten und umfangreichen Nachschlagewerkes [slowak.: Názvy obcí Slovenskej republiky. (Vývin v rokoch 1773-1997). Bratislava 1998]. Zusammen mit I. Lutterer und R. Šrámek erarbeitete er das Ortsnamenbuch der Tschechoslowakei [tsch.: Zeměpisná jména Československa]. Praha 1982.

Aber auch der Untersuchung der Flurnamen in der Slowakei galt seine Aufmerksamkeit. Erklärtes Ziel war ein Atlas der slowakischen Flurnamen. Auch die Konzeption eines Flurnamenwörterbuches der Slowakei stammt von ihm, vgl. slowak.: Slovníkovo-areálové spracovanie lexiky slovenských terénnych názvov [Die Bearbeitung der Lexik der slowakischen Flurnamen in einem Wörterbuch und unter arealem Aspekt] (1983). Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in der Monographie Z lexiky slovenskej toponymie. Bratislava 1996 [Zur Lexik der slowakischen Toponymie] niedergelegt.

Der Erforschung der Gewässernamen der Slowakei wandte sich Milan Majtán ebenfalls zu. Im Rahmen des Projektes Hydronymia Slovaciae, das sich methodisch an das Projekt Hydronymia Europaea anlehnte, sollten die Namen der großen Flusssysteme der Slowakei bearbeitet werden. Die Thesen der Grundlagen dieses Gewässernamen-Projektes publizierte Milan Majtán in zwei Aufsätzen, vgl.: Projekt a zásady spracovania hydronymie Slovenska. Bratislava 1985 [Das Projekt und die Grundlagen der Bearbeitung der Hydronymie der Slowakei] und Slovenská hydronymia v slovanskom kontexte. Bratislava 1987 [Die slowakische Hydronymie im slawischen Kontext]. Zusammen mit dem polnischen Namenforscher K. Rymut hat Milan Majtán die Gewässernamen im Flussgebiet des Dunajec [poln.: Nazwy wodne dorzecza Dunajca. Stuttgart 1998] bearbeitet, mit dem slowakischen Namenforscher P. Žigo kurz darauf die Hydronymie des Flussgebietes des Ipel’s [slowak.: Hydronymia povodia Ipl’a. Bratislava 1999] herausgegeben. Und im Jahre 2006 erschien eine Neuauflage des Buches von 1985 zur Hydronymie der Zuflüsse der Orawa [poln.: Hydronimia dorzecza Orawy. Wrocław].

Aber damit nicht genug. Milan Majtán beschäftigte sich ebenfalls mit den Anthroponymen. So gab er in Zusammenarbeit mit M. Považaj ein in mehreren Auflagen erschienenes Vornamenbuch heraus, vgl.: Meno pre naše diet’a [Ein Name für unser Kind] (Bratislava 1983, 1985, 1993). Zu nennen sind außerdem Vyberte si meno pre svoje diet’a [Wählen Sie einen Namen für Ihr Kind aus] (Bratislava 1998) und Naše priezviská [Unsere Familiennamen] (Bratislava 2014).

Erwähnt werden müssen ebenfalls eine Einführung in die Onomastik [slowak.: Úvod do onomastiky] (1985) sowie Beiträge zur Theorie, Methodologie und Terminologie der Onomastik, auch Aufsätze zur literarischen Onomastik sowie zu den Ethno-, Chremato-, Urbano- und Zoonymen.

Milan Majtán nahm an zahlreichen slawistischen und namenkundlichen Tagungen und Kongressen im In- und Ausland teil, und er war ein gefragter Autor, auch wenn es um Artikel in Handbüchern ging. Das Verzeichnis seiner Publikationen ist lang. Für die Ergebnisse seiner engagierten wissenschaftlichen Arbeit wurde er mehrfach mit hohen Auszeichnungen geehrt.

Zu Milan Majtáns vielfältigen Verpflichtungen gehörten ebenfalls Mitgliedschaften in zahlreichen Kommissionen, so u.a. in der Slowakischen Onomastischen Kommission, in der Internationalen Kommission für slawische Onomastik beim Internationalen Slawistenkomitee, in der Kommission zur Vergabe wie auch der zur Standardisierung geographischer Namen. Aus der Mitarbeit in diesen Kommissionen gingen vielbeachtete Beiträge hervor. Auf den Arbeitstreffen zum Slawischen Onomastischen Atlas (SOA) war er ein gern gesehener und engagierter Teilnehmer, dem die Mitglieder der Arbeitsgruppe wertvolle Impulse verdanken.

Milan Majtán war nicht nur ein bemerkenswerter Wissenschaftler mit einem hohen Anspruch an die Ergebnisse seiner eigenen Arbeit. Er legte auch sehr großen Wert auf die Aus- und Weiterbildung seiner Studenten und Doktoranden und gab so sein umfangreiches Wissen und seine reichen Erfahrungen bereitwillig, geduldig und mit großer Selbstverständlichkeit an die nächste Generation von Forschern weiter. Als Gast war er u.a. an den Pädagogischen Fakultäten in Nitra und Prešov sowie an der Universität Trnava tätig, vor allem mit Lehrveranstaltungen zur Geschichte der slowakischen Sprache wie auch zu den allgemeinen Grundlagen der Slawistik.

Durch seine Quellenstudien, seine Arbeit am Historischen Wörterbuch der slowakischen Sprache wie auch durch seine lexikologischen Untersuchungen hat er einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Slowakischen geleistet. Grundlegend und in die Zukunft weisend sind ebenfalls die Ergebnisse seiner umfangreichen und breit gefächerten namenkundlichen Forschungen.

Milan Majtán hat nicht nur die slowakische wie auch die internationale Slawistik und Namenforschung bereichert, sondern immer wieder entscheidende Impulse für die weitere Forschung gegeben. Sein Tod hinterlässt eine schmerzliche Lücke. Fachkollegen und Freunde im In- und Ausland werden seinen fachlichen Rat und den Austausch mit Milan Majtán ebenso vermissen wie seine angenehme herzliche Art und seinen feinen unverwechselbaren Humor.

Inge Bily

 


[1] Von P. Žigo erschien bereits ein Nachruf in: Kultúra slova, 2018, Jg. 52, H. 4, S. 233-236 und inzwischen auch VALENTOVÁ, Iveta: Odišiel nestor slovenskej historickej jazykovedy a onomastiky Milan Majtán. In: Slovenská reč, 2018, roč. 83, č. 2, s. 206 - 212. Weitere Nachrufe befinden sich im Druck, so u.a. in den Zeitschriften: Slovenská reč, Acta Onomastica, Voprosy onomastiki und RIOn.