Gabriele Rodríguez (25.1.1961 – 20.1.2022)

Foto: Swen Reichhold

 

Es war in der Zeit, als die Leipziger Namenforschung eine – hoffentlich nicht letzte – Blütezeit erlebte. Infolge eines glücklichen „Anzapfens“ der verschiedensten Förderungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Forschung wurde ein Projekt nach dem anderen installiert. Auch das damals weit verbreitete Instrument der „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ blieb dabei nicht ungenutzt, und im Jahr 1994 erschien auf dieser Basis eine junge Frau bei der Namenkunde, die sich den Anfragen aus der Öffentlichkeit widmen sollte, welche die Leipziger Namenforschung auch seinerzeit schon in nicht geringer Zahl erreichten. Noch im damaligen Universitätshochhaus am Augustusplatz trennten unsere damaligen Schreibtische – der Schreiber dieser Zeilen war damals gerade studentische Hilfskraft geworden – nur wenige Meter, und von Anfang an ließ sich Gabriele Rodríguez am besten so charakterisieren: Sie war zugewandt. Dies galt für ihre neue Aufgabe, derer sie sich ohne Umschweife mit Feuereifer annahm, als auch für den Umgang mit den Kolleg:innen, die sie im großen Hochhausbüro antraf.

Ihr bisheriges Leben war ein Spiegel der Zeitgeschichte gewesen. Die fast fertig gestellte Dissertation konnte sie durch die Wende im und nach dem Jahr 1989 nicht abschließen, und die ihr unverschuldet fehlende Promotion sollte sich im Wissenschaftsbetrieb an manchen Stellen als Hemmschuh erweisen. Davon ließ sie sich jedoch nicht beirren und baute alsbald eine erfolgreiche Namenberatung auf. Ihr besonderes Kennzeichen war, dass sie Anfragen von Eltern, die ihren neu geborenen Kindern einen anderen als einen gewöhnlichen Namen geben wollten, nicht einfach mit einem Blick in die einschlägigen Lexika beschied, sondern sich nach Kräften bemühte, den gewünschten Namen doch irgendwo als existierend nachzuweisen und damit Realität sein zu lassen. In den meisten Fällen war diese Mühe berechtigt, denn schon damals gab es Familien, deren Angehörige ihre Wurzeln in anderen Ländern und deren Kulturen hatten und ihre Traditionen und Identität auch in der Benennung ihrer Kinder dokumentieren wollten. Hierbei hat sich Gabi Rodríguez, der die Ansprache mit der Kurzform ihres Vornamens lieber war als mit der Vollform, schnell eine beeindruckende Kompetenz und große Verdienste erworben, indem sie sich in die Personennamensysteme zahlreicher Sprachen einarbeitete und in ihnen alsbald auskannte.

Hilfreich waren ihr hierbei ihre beneidenswerten Sprachkenntnisse, die sie ihrer nicht alltäglichen Biografie verdankte. Ein Studium in der Sowjetunion brachte ihr einen gewandten Zugang zur slawischen Welt, ihren familiären Beziehungen – ebenfalls eine Folge jenes Studiums (aber Privates soll hier nicht behandelt werden) – verdankte sie nicht nur ihren Familiennamen, sondern durch das Spanische ihre Kompetenzen in den romanischen Sprachen, wobei hier aber auch ein Romanistikstudium von Bedeutung war. Somit konnte sie in ganz Europa und in großen Teilen der Welt leicht Kontakte knüpfen und pflegen, was sie – zugewandt, wie sie war – auf wissenschaftlichen Veranstaltungen zu nutzen verstand. Diese Kontakte kamen in vielen Fällen ihrer Beratungstätigkeit zugute, weil sich durch sie ihr Wissensschatz noch erweiterte.

Über die Jahre wurde Gabi Rodríguez zur Institution, und als die Namenkunde von den Bildungs- und Unterhaltungsmedien als massenwirksam entdeckt wurde, war sie fast von Anfang an dabei. Sie lernte sowohl den Tingeltangel auf lokalen Hochzeitsmessen und dergleichen kennen als auch die großen Fernsehauftritte und war imstande, auf zahlreiche Anfragen höchst kompetent einzugehen. Daneben schaffte sie es auch, im wissenschaftlichen Betrieb präsent zu sein, immer wieder Beiträge zu publizieren und auf Vorträgen ihr Wissen weiterzugeben. Einige Jahre lang war sie auch Geschäftsführerin der Gesellschaft für Namenkunde (wie sie damals noch hieß). Aber in erster Linie ist sie als Expertin für Personennamengebung hoch geschätzt. Eine Krönung stellte ihr Buch dar, in dem allgemein verständlich „Von der Spezialistin für Vornamen“ – wie es auf dem Einband etwas reißerisch, aber zutreffend heißt – zahlreiche Aspekte aus der Welt der Namen erläutert werden, und das würdig aus der Reihe der populären Namenkundebücher hervorsticht[1].

Mehr als 25 Jahre lang fand Gabi Rodríguez im Kollektiv der Leipziger Namenforschung eine Heimat und einen Lebensmittelpunkt. Sie hinterlässt aber auch Familienangehörige, die nun um die viel zu früh von ihnen gegangene Partnerin, Schwester, Mutter und Großmutter trauern, und natürlich sind unsere Gedanken auch bei ihnen. Sie war aber auch auf vielen anderen Gebieten vielseitig aktiv und interessiert, und dies mit Musik, Tanz und zahlreichen Reisen nicht nur in wissenschaftsnahen Bereichen. Hiervon haben wir freilich aus unserer, namenkundlichen Sicht nur ungenügend Kenntnis.

Es wurde ihr jedoch nicht immer leicht gemacht, denn der Komfort einer festen Stelle ist ihr nie vergönnt gewesen. Obwohl sie ein öffentliches Aushängeschild der Universität Leipzig war und Namenberatung zeitweise mit dieser in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend synonym erschien, gelang es trotz großer Bemühungen der verschiedensten Akteure nicht, ihr langfristig ein zuverlässiges materielles Auskommen zu verschaffen. Vielmehr bildete die Sorge, wie ihre Beschäftigung weiter gesichert werden könnte – eine Sorge, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kolleg:innen in der namenkundlichen Arbeitsgruppe umtrieb – einen stets mitklingenden Grundton ihrer gesamten Tätigkeit. Von dieser Sorge ließ sie sich aber nicht sichtbar beirren, sondern freute sich über die Möglichkeiten, die sie hatte – anderen Menschen durch ihre Tätigkeit zu helfen und deren Dankbarkeit zu spüren, doch noch die Reisekosten für eine Konferenz bewilligt zu bekommen und dort wieder neue interessante Kolleg:innen kennengelernt zu haben. Ihre Begeisterung, ihr Enthusiasmus, den sie in allen Gesprächen zeigte, sind legendär.

Eine weitere, sie längere Zeit begleitende Sorge war diejenige um ihre Gesundheit. Eine tückische Krankheit hatte sie schon vor längerer Zeit heimgesucht, sie konnte aber erfolgreich niedergerungen werden. Dennoch hat sie der Kampf dagegen, um ihr Leben, lange Zeit in Atem gehalten. Wenn es gälte, als Quintessenz ihr Leben in einem einzigen Satz zu beschreiben, so würde er vielleicht so lauten können: Sie hat sich durchgekämpft, und dies mit großem Erfolg.

Nun schlug aber die Krankheit erneut zu, und die Ungerechtigkeit, mit der Menschen wie sie, begabt mit den besten Kompetenzen und Charaktereigenschaften, weit vor der Zeit leidvoll aus dem Leben gerissen werden, macht uns sprachlos. Es bleibt ein gewisser Trost – immerhin – dass sie die ihr gewidmete Festschrift noch in Händen halten konnte. Dort erfährt sie eine ausführlichere Würdigung[2], als sie in diesen wenigen, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Todesnachricht niedergeschriebenen Zeilen möglich war. Wir hätten uns gewünscht, dass uns in der Namenforschung Gabriele Rodríguez länger als nur ein Vierteljahrhundert begleitet hätte. Tristes sunt animae nostrae ad mortem.

 


[1] Rodríguez, Gabriele (2017): Namen machen Leute. Wie Vornamen unser Leben beeinflussen, München/Grünwald: Komplett-Media.

[2] Kremer, Dietlind (2021): Gabriele Rodríguez zum 60. Geburtstag, in: Hengst, Karlheinz (Hg.): Namenforschung und Namenberatung. Dietlind Kremer und Gabriele Rodríguez zum 60. Geburtstag (= Onomastica Lipsiensia 14), Leipzig 2021, 21–25.