Am 2. März 2019 feiert ein großer Vertreter der „Leipziger Namenforschung“ seinen 85. Geburtstag. Seit 67 Jahren, also bereits seit Studienzeiten, ist Karlheinz Hengst engstens verbunden mit der Universität Leipzig. Grund genug, um hier einigende würdigende Sätze zu schreiben, zumal er bis zum heutigen Tag und man möchte sagen „produktiver denn je“ zu namenkundlichen Themen publiziert und den Mitarbeitern des Namenkundlichen Zentrums als Berater zur Seite steht, wofür wir sehr herzlich danken.

Bei meiner Laudatio zum 80. Geburtstag hatte ich das Bild einer Perlenkette vor Augen, die sinnbildlich für die Lebensstationen des Jubilars standen. Die sich nun aufreihenden 85 Perlen, müsste man eigentlich Jahr für Jahr betrachten, was natürlich nicht geht. Hier sollen aber einige für den Wissenschaftler und Hochschullehrer Karlheinz Hengst wichtige herausgesucht werden und in Erinnerung gebracht werden. Meine „Kette“ (also der methodische Versuch nach memorierbarer Anschaulichkeit) für den Jubilar bietet die Möglichkeit, wichtige seiner Lebensstationen nochmals abzugehen. Im Jahr 1934 wurde der er in Marienberg im Erzgebirge geboren und legte 1952 das Abitur ab. Danach studierte er von 1952 bis 1956 an der Universität Leipzig die Fächer Russistik, Bohemistik, Bulgaristik, Lituanistik, Pädagogik und Psychologie –mit dem Ziel Lehramt. Seine akademischen Lehrer waren die Slavisten Reinhold Olesch, Wolfgang Sperber, Rudolf Růžička und Gerhard Dudek sowie der allgemeine Linguist Georg Friedrich Meier. Von besonders prägender Wirkung war für ihn der Ordinarius für Slavistik, der Sprachwissenschaftler Reinhold Olesch. Seine Examensarbeit widmete K. Hengst einer Untersuchung der Funktionen des Instrumentals im Russischen und Litauischen. Die Anregung dazu hatte er von Georg Friedrich Meier bekommen. Es folgt eine intensive die Lehr- und Forschungstätigkeit als Lehrer, Lektor und Hochschullehrer in der Lehrerausbildung in den Jahren zwischen 1956 bis 1993. Für uns steht natürlich insbesondere sein namenkundliches Wirken seit dem Jahr 1958 im Vordergrund, denn schon seit dieser Zeit begann er nebenberuflich die Sammelarbeit für seine Dissertation zur deutsch-slawischen Namenforschung. 1961 erhielt er eine Assistentenstelle und damit die Möglichkeit, nach Leipzig zu gehen und dort seine Dissertation „Die Ortsnamen der Kreise Glauchau, Hohenstein-Ernstthal und Stollberg“ abzuschließen und 1963 zu verteidigen. Im Jahr 1964 erschien sie im Druck und bietet bis heute wichtige Anregungen für die Erforschung des Namengutes dieser Landschaft, in der sich verschiedene Sprachschichten niederschlugen.

Auf der Grundlage seiner ganz privaten Forschung zum deutsch-slawischen Sprachkontakt habilitierte sich Hengst 1972 mit „Studien zur altsorbischen Toponymie“ an der Universität Leipzig. Gutachter waren Ernst Eichler, Wolfgang Fleischer und Mieczysław Karaś aus Polen. 1973 erfolgte die Berufung zum ao. Professor für Angewandte Sprachwissenschaft an der PH Zwickau. Im Jahr 1985 wurde er zum ordentlichen Professor berufen. Im Laufe der Jahrzehnte blieb K. Hengst seit 1958 im dauerhaften wissenschaftlichen Kontakt mit den Namenforschern der Universität Leipzig, vor allem mit Hans Walther und Ernst Eichler, die 1954 die Leipziger namenkundliche Arbeitsgruppe begründeten. Später natürlich auch mit Inge Bily, Erika Weber Dietlind Kremer u.a. Er nahm über Jahrzehnte regelmäßig an fast allen wissenschaftlichen Veranstaltungen und Kolloquien teil. Ich selbst lernte Karlheinz Hengst (mit Hans Walther und Wolfgang Fleischer war er einer der drei Vizepräsidenten des Kongresses) vor 35 Jahren, im August 1984, kennen, als in Leipzig der 15. Internationale Kongress für Namenforschung (ICOS) stattfand. Zu danken habe ich für ein stets gutes und vertrauensvolles Miteinander, unzählige gute Ratschläge –in guten wie in schweren Zeiten, Ermutigung, Zuspruch und unbedingte Verlässlichkeit. K. Hengst vertiefte sich besonders in Untersuchungen zum deutsch-slawischen Sprachkontakt zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert im einst altsorbischen Sprachraum. Er analysierte und arbeitete anhand des Namenwechsels von einer Sprache in eine andere z. B. deutlich Transsumptions- und Transpositionsprozess als erste Phasen im Integrationsprozess heraus. Legendär und bei Generationen der Studierenden wohlvertraut das Kürzel SSM, das der Jubilar später um ein weiteres S anreicherte („scheinbar sekundäre semantische Motivation“). All das ist in regelmäßigen Veröffentlichungen in unserer Fachzeitschrift „Namenkundliche Informationen“ (gegründet im Jahr 1964 als „Informationen der Leipziger namenkundlichen Arbeitsgruppe“), in der Reihe „Onomastica Slavogermanica“ sowie in ICOS-Kongressbänden erschienen. Dem Redaktionsbeirat der „Namenkundlichen Informationen“ gehörte er seit dessen Gründung 1978 an. Seit 1969 in Wien hat K. Hengst bis 2005 an nahezu allen großen Kongressen der Namenforscher teilgenommen. Das Erscheinen mehrerer Bände der Reihe „Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte“ hat er durch Gutachten unterstützt. Selbst ist er in dieser Reihe mit dem Band zu geographischen Namen, d.h. Ortsnamen Südwestsachsens (2003) vertreten. Auch in der Wendezeit hat K. Hengst die Entwicklung der Namenforschung unterstützt. So ist er Gründungsmitglied der Gesellschaft für Namenkunde e. V. (jetzt Deutsche Gesellschaft für Namenforschung“) Ende September 1990 in Leipzig. Er gehörte quasi als auswärtiges Mitglied zum Bestand der Leipziger Namenforschung, international war er als ein Vertreter der „Leipziger onomastischen Schule“ längst anerkannt. Im Rahmen der Neugestaltung der Hochschullandschaft in Sachsen erfolgte 1993 die deutschlandweite Ausschreibung einer Professur für Onomastik. Am Rande des Trierer ICOS-Kongresses im Frühjahr 1993 bestärkte ich ihn, sich doch unbedingt auf diese Stelle zu bewerben. Er tat es und wurde zum „Vorsingen“ eingeladen. Zum 1. September 1993 erhielt er dann den Ruf an die Universität Leipzig, wo wir fast sechs Jahre bestens zusammengearbeitet haben. Als Professor für Onomastik hat sich Hengst von Anfang an voll auf seine gänzlich neue und anspruchsvolle Lehrtätigkeit konzentriert. Er hat in den Jahren seines Wirkens weit über zwanzig unterschiedliche Themen in Vorlesungs- und Seminarreihen angeboten, immer mit höchstem didaktisch methodischen Anspruch, was von den Studierenden sehr gelobt wurde, weniger dagegen seine Strenge und Unnachgiebigkeit, was Leistungen und Umgangsformen und sogar die Kleiderordnung der studentischen Jugend betraf.

Hier kann passender Weise Konfuzius zitiert werden: „Die Perle kann ohne Reibung nicht glänzen, der Mensch ohne Anstrengung nicht vervollkommnet werden“ .Sein Bemühen war es, die aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten kommenden Studierenden in dem Nebenfach Namenforschung für die historische wie auch die synchrone Namenforschung zu erwärmen und auch entsprechend zu befähigen. Das war bei den Studenten aus überwiegend nichtphilologischen Fächern ein schwieriges Unterfangen. In der Nachfolge von Hans Walther übernahm er 1994, also vor 25 Jahren (die nächste Perle!) die Mitherausgeberschaft der „Namenkundlichen Informationen“ und zeichnete über fast zwei Jahrzehnte für den stets umfangreichen Rezensionsteil mit allen seinen Schwierigkeiten verantwortlich. Dafür ist ihm ganz ausdrücklich zu danken. Er gehört von Anfang an (seit 2004) zu den Herausgebern der Reihe „Onomastica Lipsiensia“ mit bisher dreizehn Bänden. Gemeinsam haben wir in den Jahren 2006 bis 2008 an den zwei Bänden „Familiennamen im Deutschen“ gearbeitet - lange nach seiner Emeritierung. Insbesondere der Band 6.2. „Familiennamen aus fremden Sprachen“ ist zu einem Nachschlagewerk geworden, wie es bisher zu dem Thema noch nie eines gab. Die Zeit seines Wirkens an der Universität Leipzig war zugleich bestimmt von seinem Streben nach einem breiteren und modernen Profil der Namenforschung, wohlwissend, dass es in der Zukunft nicht so weitergehen würde wie bisher. Doch diese seine Weisheit fand leider wenig bzw. kein Gehör und Verständnis bei den damals Verantwortlichen. Nach der Lutherbibel kann ich nun Weisheit und Perlen nach HIOB 28 zitieren:“ Die Weisheit ist höher zu wägen denn Perlen“, womit den Perlen aber nicht abgesprochen wird, dass sie etwas Wertvolles sind. Manche nennen ihre Kinder „Perle“ oder eben Margarete (lat. Margarita!). Er hat es bis heute nicht verwunden, dass durch die fehlende Weisheit die Ausschreibungen ab 2008 letztlich Schritt für Schritt zur Liquidierung dieser einzigartigen Professur hinführten. Ich auch nicht. Die Leipziger Tradition der namenkundlichen Kolloquien (neuerdings auch als Workshop innerhalb des Wahlbereichs Namenforschung) hat er durch mehrere Vorträge fortgesetzt. Über 20 namhafte Onomasten ehrten ihn 1999 in einer feierlichen Veranstaltung im Alten Senatssaal der Universität mit ihm gewidmeten Beiträgen (abgedruckt im Beiheft 20 der „Namenkundlichen Informationen“). Anlässlich seiner Emeritierung vor 20 Jahren (1999) erschienen ausgewählte Schriften von ihm in den „Beiträge zum slavisch-deutschen Sprachkontakt in Sachsen und Thüringen“. Auch im Ruhestand ist K. Hengst aktiv geblieben. Das gilt für Lehre und Forschung. Seine Leipziger Schüler Silvio und Andrea Brendler wandten aus Verehrung für ihren Lehrer viel Mühe auf und edierten im Eigenverlag eine ganz besondere Festschrift zu seinem 70. Geburtstag: Das international mit großem Interesse aufgenommene „Lehrbuch für das Studium der Onomastik“ mit dem Titel „Namenarten und ihre Erforschung“ erschien 2004 in Hamburg, eine weitere Perle also, die vor nunmehr 15 Jahren aufgefädelt werden konnte und seither die folgenden Studentenjahrgänge unterstützten. Erwähnt werden soll schließlich auch die Öffentlichkeitswirksamkeit für die Namenforschung durch die Sendereihe „Namen auf der Spur“ im MDR-Fernsehen in den Jahren 2005 bis 2007 - stets mit hohem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, was bei den Medien gelegentlich nicht so gern gesehen wird. Anlässlich seines 80. Geburtstages erschien das monumentale Werk: Karlheinz Hengst: Sprachkontakte, Sprachstudien und Entlehnungen im östlichen Mitteldeutschland seit einem Jahrtausend. Ausgewählte Studien zur Sprach- und Namenforschung (= Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft, hg. v. Peter Ernst, Band 21). Wien: Praesens Verlag 2014, XXVI + 872 S. , erst kürzlich rezensiert im Onomastikblog (>>).

Zu wünschen ist dem Jubilar Karlheinz Hengst kräftige Gesundheit und weiterhin Kraft und Freude an der Bearbeitung namenkundlicher Themen, die ihm sicher nicht ausgehen werden. In diesem Sinne also: Ad multos annos! Oder eben noch viele schöne Perlen an der Kette des wissenschaftlich so ertragreichen Lebens.