Die am Oberlauf der Preßnitz (tsch. Přísečnice), an der Grenze zu Sachsen, nördlich der böhmischen Bergstadt Kupferberg (tsch. Měděnec) in karger Landschaft etwa 780 m ü. NN gelegene Ortschaft Orpus, ursprünglich zu Dörnsdorf (tsch. Dolina) gehörig und seit 1974 der Gemeinde Christophhammer (Kryštofovy Hamry [Okres Chomutov/Bezirk Komotau]) angegliedert, verdankt ihre Entstehung dem Bergbau. Obwohl dessen Anfänge vermutlich bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, ist der bis 1965 betriebene Eisenerzabbau in den zahlreichen Gruben dieses Reviers, der bedeutendste des mittleren Erzgebirges, mit der großen Dorotheazeche erst seit 1577 urkundlich fassbar. Zwischen 1787 und 1945 stieg die Anzahl der Häuser von sechs auf 20. Am Ende des zweiten Weltkrieges gab es in Orpus 96 Einwohner, im Jahre 2011 wurden deren nur noch zwei registriert (http://www.zanikleobce.cz/index.php?lang=d&obec=54 [Okt. 2018]).

Die erste schriftliche Erwähnung der sich neben den bergbaulichen Gebäuden entwickelnden Ortschaft ist nicht erst 1712 (ebd.) bezeugt, sondern sie findet sich, von dem Erzgebirgschronisten Christian Lehmann für 1622 erwähnt, nach bisheriger Kenntnis bereits etwa 100 Jahre früher, da man „den köstlichen Eisenstein auff dem Orbuß ausgeschürffet" (Lehmann 1699: 759).

Der Siedlungsname Orpus mutet auf den ersten Blick befremdlich, irgendwie lateinisch an. Schlägt man bei Profous (1951: 286 f.) nach, so erhält man mit Verweis auf poln.-russ. arbuz 'Wassermelone' (DWB 1, 564) eine wenig überzeugende Erklärung als Bewohnername. – Zugrunde liegt ein mit /w/ anlautendes Lexem, das in Zusammenhang steht mit mhd. werben 'drehen, bewegen', wirbel, wërbel 'was sich kreisförmig dreht' und dessen zweiter Bestandteil auf z, boz (z = stl. Reibelaut) 'Schlag. Stoß' zurückgeht: nämlich mhd. wurpōz 'Baumwurzel; Wurzelstock'. Nach Dahlberg (1955) ist von *huurbbōz 'umgewälzter Baumstamm', nach DWB 30, Sp. 2026, sub Wurbs, eher von nd. wurtbōt 'Wurzelstock' auszugehen.

Häufiger erscheint das Wort Mitte des 16. Jahrhunderts im omd. Raum als Wurbiß, Wurpissen (Pl.), wurpus, Wurbs, Orps (da undurchsichtig, vereinzelt auch als Murbiß oder wurmbiß) in den Kanzelansprachen des Joachimsthaler Pfarrers Johannes Mathesius († 1565). Vorher ist es nur einmal als wurpōz Ende des 13. Jahrhunderts im md. „Passional“, einer Sammlung gereimter Heiligenlegenden, bezeugt (Wolf 1969: 274 f.; Lexer 3, 1010).

Mundartbelege für das Obersächsische (Worps) und die Niederlausitz (Wurpst) 'Baumstumpf, der noch mit den Wurzeln in der Erde steckt', gibt Müller-Fraureuth (1914: 679); OsäWB 4, 622 f. verzeichnet nur noch seltenes Worbs mit der Bedeutung 'gedreht gewachsenes, hartes Stück Holz in einem Baumstamm' in der östlichen und westlichen Lausitz. Für das ältere Nhd. finden sich aufschlussreiche Belege wiederum bei Lehmann (1699: 398): „Orps (wie die Gebirger die alten grossen Stöcke von umgehauenen oder umgestürtzten grossen Bäumen zu nennen pflegen)“, oder „Rothkähligen hecken unter den Orbißen oder grossen Baumwurtzeln der umgeworffenen Bäume." (ebd. 681; DWB 30, Sp. 2060).

Was nun die von Wald umgebene erzgebirgische Ortschaft Orpus betrifft, so dürften die dort zahlreich vorhandenen Wurzelstöcke kaum Anlass zur Namengebung gewesen sein. Der Bergbauhistoriker Lothar Riedel (Marienberg/Pobershau) macht in einem aufschlussreichen Beitrag (2018: 25) mit Recht darauf aufmerksam, dass wohl „vielmehr eine auffallende farbliche Veränderung des [durch umgestürzte Bäume V. H.] bloßgelegten oberen Bodenhorizontes unter der Humusschicht, die ein Anzeichen von möglicherweise im Untergrund vorhandenen Erzvorkommen sein konnte und den Anlass zu Bergbauversuchen gab", für die Entstehung der Siedlung ausschlaggebend war. Bestätigt findet er sich u. a. durch den böhmischen Piaristen, Historiker und Topographen Jaroslaus Schaller (1738–1809), der (1787: 170) über diese Ortschaft schreibt: „Orpes, Orpis, Orpus, davon das Zechenhaus dem presnitzer Bergamte zugehöret. Man trifft in hiesiger Gegend in der obern thonigen Erde flözweise und in grosser Menge weiße Porcellänerde, die mit vielen Holzästen und Eisenocher durchdrungen ist". Riedel (ebd.) verweist zusätzlich auf eine beträchtliche Anzahl Urpus, Orpus, Orbiß, Orbs genannter Bergwerke, z. B. 1552 vfm Roten Vrpus zwischen Sosa und Steinheidel, wo vornehmlich Eisenerze gefunden wurde.

Mit einiger Berechtigung darf man deshalb annehmen, dass es sich bei den ohne /w/ anlautenden Varianten des mhd. wurpōz um ein ostmitteldeutsches, vornehmlich im Erzgebirge beheimatetes Fachwort des Bergbaus handelt. Der abgeschwächte Vokal seines Zweitelements mit im Frnhd. häufig bezeugtem <p> in indirekter Initialstellung (Reichmann/Wegera 1993: 85) wird graphisch unterschiedlich realisiert bzw. völlig eliminiert, wobei -us nicht unbedingt als Latinisierung zu gelten hat. Die besondere Semantik des fachsprachlichen Lexems dürfte dabei weniger auf den „Teller“ des entwurzelten Baumes als vielmehr auf die dabei in charakteristischer Weise zutage tretende Struktur des Erdbodens zielen, so dass man am ehesten 'durch einen entwurzelten Baum entstandene Kreisfläche im Boden, die den Blick auf geologisch aufschlussreiche, bergbaulich relevante Sachverhalte (Vorkommen von Eisenerz) freigibt' o. ä. ansetzen kann.

Die spezielle fachsprachliche Bedeutung dieses Terminus wurde im Laufe der Zeit nicht mehr erkannt. Für den 1949/50 durch Dekret des Innenministeriums eingeführten tschechischen Namen Mezilesí (u Přísečnice), der sich auf die Lage der Siedlung zwischen den Wäldern bezieht (https://de.wikipedia.org/wiki/Meziles%C3%AD_u_P%C5%99ise%C4%8Dnice [Okt. 2018]), war eine Anknüpfung an den deutschen Namen, selbst wenn man dies gewollt hätte, de facto nicht mehr möglich.

 


Dahlberg, Torsten (1955). Mhd. wurpōz ‚radix’, bōze ‚Flachsbündel’. bōz/boz ‚Stoß’, Geographie und Etymologie (= Acta Universitatis Gotoburgensis LXI), Göteborg.

DWB (2004): Der Digitale Grimm. Digitalisierung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm. Bearb. von Hans-Werner Bartz, Thomas Burch et al. Frankfurt/Main.

Lehmann, Christian (1699): Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen 0ber-Ertrzgebirge, Leipzig.

Müller-Fraureuth, Karl (1914): Wörterbuch der obersächsischen und erzgebirgischen Mundarten. Bd. II, Dresden.

OsäWB: Wörterbuch der obersächsischen Mundarten. Begründet von Theodor Frings und Rudolf Große. Unter der Leitung von Gunter Bergmann bzw. Dagmar Helm bearb. von Gunter Bergmann, Ingrid Eichler et al., 4 Bde.,Berlin.

Profous, Antonín (1951): Místní Jména v Čechách. Díl III. Praha.

Reichmann, Oskar; Wegera, Klaus-Peter (Hg.) (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik, Tübingen.

Riedel, Lothar (2018): Orpus – Betrachtungen zu einem Ortsnamen, in: Erzgebirgische Heimatblätter 5, 24–26.

Wolf, Herbert (1969): Die Sprache des Johannes Mathesius. Philologische Untersuchung frühprotestantischer Predigten. Einführung und Lexikologie (= Mitteldeutsche Forschungen 58), Köln/Wien.