Man stößt immer wieder auf Ortsnamen im einst altsorbischen Sprachraum zwischen Bober und Queis im Osten und der Saale im Westen, deren bisherige Deutungen Zweifel aufkommen lassen. Da die richtige Erklärung von Ortsnamen unabdingbare Voraussetzung  für deren sprach-, kultur- und siedlungsgeschichtliche Auswertung ist, muß versucht werden, eindeutige Lösungen zu finden. Das gilt auch für die beiden oben genannten, sicherlich recht alten Namen.

Dothen, nw. Eisenberg, nö. Jena, 1261 Dotin, 1350 Dotin, 1386 Dotyn, 1447 Dothen, vielleicht aso. *Dotin- aus dem PersN Dota, altpoln. Dota, unklarer Herkunft, oder aso. *Dat-n-, gebildet zum Part. Prät. Pass. daty ʻgegebenʼ, dati ʻgebenʼ (Eichler 1985-2009: I 99). Ein PersN Dota war weder bei den altpoln. Kurzformen aus Vollnamen noch bei den Deappellativa nachweisbar, und unter Dot- wird auf Doda verwiesen, das hier nicht in Frage kommt (Rymut 1999-2001: I 145, 139). Die tschechischen Handbücher lassen ein *Dota vermissen, auch sonst ist ein entsprechender Name nirgends zu finden. Gegen den Ansatz aso. *Dat-n- sprechen, jedenfalls auf den ersten Blick, die historischen Belege, die alle -o- enthalten. – Aso. *Dota könnte wie folgt gebildet sein: Die erste Silbe Do- beruht auf dem gekürzten Vorderglied solcher VollN wie DoběslavDobromir oder Domaslav. Bekannt sind Koseformen wie Doch und Doš. In einigen Fällen konnte statt -ch oder -š auch das sehr seltene Personennamensuffix -ta antreten, wie es bei alttschech. PersN vorkommt (Svoboda 1964: 163). Unserem *Dota entspräche in Bezug auf seine Bildung der PersN *Data < *Damir in dem Mährischen OrtsN Dolní Datyně und Horní Datyně (Hosák/Šrámek 1970-1980: I 172). Damit fände der aso. OrtsN *Dotin ʻSiedlung des Dotaʼ eine plausible Erklärung. Sollte aber schon früh nach der Eindeutschung ursprüngliches -a- zu -o- geworden sein, wie z. B. bei †Rodebille, w. Dessau, 1263 Rodebule, aso. *Radobyľ ʻSiedlung des Radobylʼ, könnte man aso. *Datin oder *Datyńi annehmen, gegebenenfalls sogar mit der Übertragung des Mährischen Ortsnamens rechnen. Das von Ernst Eichler neben *Radobyľ angesetzte *Rodobyľ findet keine Stütze durch Vergleichsnamen. Der unter dt. Einfluß stattgefundene Wandel von azu oist auch in den Belegreihen anderer OrtsN nachweisbar.

Rottin, heute Wüstung bei Altenburg, 1181-1214 Rotin, 1244 Rothin, 1290 Rotyn, 1306 Ratin, eventuell aus aso. *Roťn-, zum Stamm *rot- aus urslaw. *rъtъ ʻMundʼ, toponymisch ʻLandzungeʼ, wobei in ursprünglichem *Rъtin-die Vertretung des ъ in schwacher Stellung durch angenommen werden müßte, was fraglich sei. Bei einer Ableitung des Ortsnamens  von *rota ʻSchwur, Eidʼ, dazu alttschech, altruss. rota ʻEidesformel, Schwurʼ, *rotiti ʻschwörenʼ, oso. roćić ʻbedeutern, beschwörenʼ, könnte mit aso. *Rotin die Bezeichnung einer alten Gerichtsstätte vorliegen (Eichler 1985-2009: III 171). Die Existenz slawischer Gerichtsstätten in so früher Zeit wäre noch zu beweisen. Bei einem rekonstruierten aso. *Roťn-*Rъtьna oder *Rъtьno ʻOrt am Ausläufer eines Bergesʼ hätte man auch Belege wie *Rot(t)en usw. erwartet und nicht nur Schreibungen mit -in. Ein aso. *Roťnica < *Rъtьnica für Röthenitz, n. Schmölln, ist dagegen durchaus berechtigt, im Gegensatz zu dem von Ernst Eichler postulierten aso.*Ratěnici, dessen -a- erst spät eine Stütze in der Belegreihe hat, zudem ist ein Personennamensuffix -ěn selten (Hengst 1968: 129). Es dürfte sich bei aso. *Roťnica um einen ursprünglichen Gewässernamen handeln, also ʻBach, der an einem Berg entspringtʼ, später ʻSiedlung an der Roťnicaʼ. – Nimmt man bei aso. *Rotin dieselbe Bildungsweise wie bei Dothenan, siehe oben, so läßt sich der Name mühelos als ʻSiedlung des Rotaʼ erklären. Rota könnte auf dem gekürzten Vorderglied solcher Vollnamen wie RodoslavRostislav u. dgl. sowie dem Personennamensuffix -ta beruhen.

  Dothen und Rottin dürften wegen ihrer archaischen Bildungsart schon sehr zeitig entstanden sein. Beide Orte liegen weit im Westen, darunter Dothen ganz am Rande des altsorb. Siedlungsraumes, der am frühesten von den aus Böhmen und Mähren eingewanderten Slawen eingenommen wurde, von woher sie auch dieses altertümliche Nominationsmodell mitbrachten. Es bleibt nach weiteren Vertretern dieser Bildungsweise Ausschau zu halten.

Literatur:

Eichler, Ernst (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium, Bde. I-IV, Bautzen.

Hengst, Karlheinz (1968): Die Ortsnamen des Bosauer Zehntverzeichnisses, in: Onomastica Slavogermanica IV, 115- 139.

Hosák, Ladislav /Šrámek, Rudolf (1970-1980): Místní jména na Moravě a ve Slezsku, Bde. I-II, Praha.

Rymut, Kazimierz (1999-2001): Nazwiska Polaków, Bde. I-II, Kraków. 

Svoboda, Jan (1964): Staročeská osobní jména a naše příjmení, Praha.