Generelles

Wissenschaft lebt von der Diskussion. Und wissenschaftlich weiterführende Erkenntnisse ergeben sich durch Infragestellen bisheriger Ergebnisse und Einbeziehung möglicher neuer Gesichtspunkte sowie weiterführender Gedanken. Daher sind die Beiträge des tiefschürfenden und verständlich begründenden Slavisten Bernd Koenitz grundsätzlich sehr zu begrüßen. Das umso mehr, da er zwar in der historisch orientierten Onomastik für die meisten Leser bisher nicht in Erscheinung getreten ist, aber  infolge seiner Studien in Prag bei dem herausragenden slavistischen Forscher Vladimír Šmilauer sowohl mit der slawischen Namenwelt als auch mit der Methodik slavistischer Namenforschung und auch slawischer Namenbildung bestens vertraut ist. Hinzu kommt, dass Bernd Koenitz sich als Sprachforscher erst spät und mit ungetrübt kritischem Blick der Onomastik zuwendet. Er hat den Vorteil, ein für den slawisch-deutschen Kontaktraum zwischen Saale und Neiße und inzwischen sogar bis zum Bobr von der Leipziger Onomastischen Schule über Jahrzehnte in gewissenhafter Forschung erarbeitetes und leicht zugängliches Sprachmaterial in Handbüchern, Lexika sowie diversen Aufsätzen vorzufinden. Bernd Koenitz ist einer der wohl verschwindend kleinen Zahl dauerhafter Nutzer all dieser Arbeitsergebnisse. Im Unterschied zu manchem Nachbarwissenschaftler und sogar Linguisten, der die Angaben und Ausführungen zu Herkunft und Entwicklung einzelner Namen in den Nachschlagewerken aus Mangel an sprachgeschichtlichen Kenntnissen zu den Sprachprozessen in weit zurückliegenden Sprachperioden gar nicht nachvollziehen kann, besitzt er die notwendige fachliche Kompetenz. Daher ist es aus meiner Sicht nachdrücklich zu begrüßen, dass sich auch zu Namen slawischer Provenienz im Deutschen und speziell in Sachsen eine neue Stimme meldet. Und er ergreift erst das Wort, wenn er genau analysiert, verglichen und begründet hat, was neu zu überdenken, zusätzlich oder neu zu beachten resp. zu ergänzen, präzisieren oder auch zu korrigieren ist. 

Diese einleitenden Worte halte ich für nötig, um auch für Historiker, Germanisten und andere Vertreter von Nachbarwissenschaften etwas durchschaubar zu machen, wie das Verhältnis von Bernd Koenitz in etwa zu den maßgeblich die Slawisch-Deutschen Forschungen bestimmenden Gelehrten Ernst Eichler und Hans Walther zu verstehen ist. Ich verstehe ihn so, dass von ihm nicht die Leistung dieser Forscher in Frage gestellt werden soll. Ganz im Gegenteil, ohne die Leipziger Forschungen unter Mitwirkung einer ganzen Reihe weiterer Mitglieder dieses einstigen Forschungsteams, so z. B. der Slavisten Inge Bily, Walter Wenzel sowie der Germanisten Volkmar Hellfritzsch und Horst Naumann wäre heute noch manches tabula rasa. Es ist ein Zeugnis für die Gründlichkeit und Verlässlichkeit bisheriger Forschungsarbeit, wenn diese lesenswert bleibt, vereinzeltzu neuen Überlegungen anregt und das mühevoll zusammengetragene sprachliche Material punktuell präzisiert und vereinzelt auch korrigiert werden kann. Das ist eigentlich das Schönste, was in der Wissenschaft wohl passieren kann, wenn bisherige Forschungsfakten aufgegriffen werden, an sie angeknüpft wird, neue Gedanken entwickelt werden und sich gar neue Erkenntnisse ergeben. In einer Zeit ohne noch nennenswert slavistisch und sprachgeschichtlich Interessierte ist es ausdrücklich zu begrüßen, dass sich im Blog unserer Gesellschaft die besondere Möglichkeit bietet, auch zu speziellen Fragen slavistisher Namenforschung Meinungen zu äußern und recht spezielle Einzelfragen zu diskutieren. 

Spezielles 

Im Blog ist Beschränkung und Kürze ratsam. Zu den Ausführungen „Ein unbeachteter Typ altslawischer Bewohnernamen“ (15.3.2019) mit den Namen von Mockzig bis Doberlug möchte ich Bedenken anmelden. Handelt es sich wirklich um einen bisher übersehenen Typ? Die Möglichkeit des toponymischen Gebrauchs von Zweiwortbenennungen auch im Altsorbischen ist von Ernst Eichler schon in seinen Seminaren 1954/55 ausdrücklich betont und vermittelt worden. In dem grundlegenden und umfangreichen Aufsatz von Ernst Eichler zur Namengeographie im altsorbischen Sprachgebiet (Materialien zum Slawischen Onomastischen Altas, Berlin 1964) sind die „Wortverbindungen von Adjektiv + Substantiv“ (S. 16) vor „Sätze als Namen“ aufgeführt. Und ein Blick z. B. in Band 1 seines Kompendiums „Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße“ (Bautzen 1985) unter Belgern (S. 32f.) belegt den Typ dort eindeutig mit der Angabe von „aso. Běla gora“. Unbeachtet ist der genannte Typ also nie geblieben. Als diffizil erwies sich aber immer wieder, klar zwischen Zweiwort-Toponym und Kompositum unterscheiden zu können. 

Im Rekonstruktionsprozess anhand von historischen Namensbelegen ist dabei aus jahrzehntelanger Erfahrung stets auch eine gewisse Vorsicht ratsam. Jeder aufgezeichnete Name slawischer Herkunft erfordert zu beachten, dass die Niederschrift ein letzter Schritt in einem vorangegangenen Wechsel des Namens aus einer Sprache in eine andere mit von a) gehörtem Namen, b) nachgesprochenem Namen, c) wiederholt in nichtslawischer Gemeinschaft gebrauchtem Namen und schließlich d) in Schrift transponiertem Namen ist. Das zeigt schon das erste Beispiel Mockzig mit 1184/1214 Mocurzoch bis hin zu 1445 Magczog mit doch deutlicher Veränderung. Im Vergleich zu tschech. Mokrosuky hat daher auch der altsorb. Name seine Erklärung als *Mokrosuky erfahren. Was aber bisher zu wenig beachtet wurde und worauf nun Bernd Koenitz mit Recht aufmerksam macht, ist Folgendes: Die mögliche Entlehnung eines Toponyms aus dem gehörten Syntagma. Bei dem auffallend endungslosen Mocurzoch um 1200 kann durchaus a) eine Genitiv-Plural-Form *Mokrosuk oder sogar b) *Mokr suk < älter *Mokrъ sukъ vorliegen. Aber der Ansatz unter b) ist keineswegs zwingend, denn dagegen kann das um 1200 bezeugte <o> als Begründung für den Ansatz eines Kompositums ins Feld geführt werden. Das jedoch lässt sich in einem Lexikon bei jedem einzelnen Namen nicht im Detail vorführen oder gar mit Für und Wider diskutieren. Hinzu kommt, dass zusätzlich immer mit Schreiberhandeinfluss gerechnet werden muss, also das <o> vielleicht auf diese Weise zu erklären ist. Bei 1012/1018 Dobraluh nimmt daher B. Koenitz seinerseits bereits bei dem sprachlich versierten Bischof Thietmar von Merseburg Kontamination einer nominativischen und einer gesprochenen genitivischen Namensform *Dobrlug an. Zu beweisen freilich ist das nicht, denn das nachtonige <a> in der Schriftform muss nicht einen Genitiv anzeigen, vgl. 1184 Dobrilug, sondern kann in seiner nachtonigen Position anders gedeutet werden. 

Insofern ist die summarische Angabe von B. Koenitz am Ende doch wohl etwas zu relativieren. Von „Fehldeutungen“ in der bisherigen Forschung ist da wohl kaum mit Berechtigung zu sprechen. „Erklärungsunsicherheiten“ ist eher akzeptabel. Solche sind aber bei Rekonstruktionsbemühungen nach einem Jahrtausend immer wieder zu erwarten und nicht ungewöhnlich. Und sie bleiben für mich auch bei den hier auswählend aufgegriffenen Beispielen Mockzig und Doberlug bestehen.  

Was die gesondert von Bernd Koenitz behandelten Namen Potschappel usw. betrifft, ist als weiterführender und künftig zu beachtender Hinweis wiederum die mögliche Transsumtion aus einem Syntagma mit Genitivform des Toponyms gültig und wichtig. Doch auch da ist es komplizierter als es scheint. Da ich selbst vor 60 Jahren das „Rätsel“ um den Namen Kuhschnappel angegangen bin, will ich dazu kurz Stellung nehmen. Die Problematik beginnt schon damit, dass die ältesten verfügbaren Belege erst aus dem 15. Jh. stammen: 1460 Consnapele, Consnapel (nach Autopsie aus dem Terninierbuch der Zwickauer Franziskaner). Damit ist davon auszugehen, dass der Name bereits seit mehr als 250 Jahren im deutschen Sprachgebrauch war, ohne dass noch eine Verwendung des Namens in interethnischer Kommunikation seit dem 14. Jh. möglich oder gar notwendig gewesen wäre. Es ist daher bei diesen Aufzeichnungen mit alltagssprachlichen Einflüssen in mittelhochdeutscher Zeit bzw. von gesprochener Mundart in SW-Sachsen zu rechnen. Das betrifft besonders die von Abschwächung bis Reduktion betroffenen Vokale in den Silben nach der akzentuierten ersten Silbe. Wie oben 1445 Magczog zeigt, müssen wir bei spät einsetzender Überlieferung vor allem ab dem 15. Jh. mit bereits auffälligen Veränderungen von ursprünglich einmal aus einer anderen Sprache übernommenen Sprachformen rechnen. Das ist ja selbst bei genuin deutschen Ortsnamenbildungen aus der Zeit des 12. Jh.s im 15. und 16. Jh. häufig beobachtbar. 

Ein forschungsmethodischer Grundsatz in der slawisch-deutschen Kontaktonomastik lautet daher schon seit der Zeit von Alexander Brückner, bei Rekonstruktionen von slawischen Ausgangsformen insbesondere die Lautung und Struktur von Vergleichsnamen aus den benachbarten Slawinen zu beachten. Dem Prinzip ist auch B. Koenitz gefolgt und hat die Deutung *Końčne pol´e resp. *Końčnopol´e akzeptiert bzw. übernommen. Fraglich bleibt aber, ob die von ihm als neu vorgetragene a) pluralische Bildung *Końčna pol´a und b) dazu wiederum noch ein Kompositum *Końčnapol´ in Genitivform als wirklich zutreffend rekonstruiert werden können. Hier wird den beiden historischen Belegen aus der Zeit um 1460 eine weitaus zu große direkte Nähe zur slawischen Ausgangsform beigemessen und möglicher deutscher Einfluss gänzlich außer Acht gelassen. Das steigert sich schließlich noch c) bei der Annahme von  o-e-Umlaut des Sorbischen für die altsorb. Zeit und dem Ansatz von *Końčnapel´a (als Nominativform) mit dem Genitiv *Końčnapel´ - allein, um 1460 Konsnapel mit sowohl <e> in der 3. Silbe als auch mit Apokope des auslautenden <e> (im Unterschied zu ebenfalls 1460 Consnapele) als Wiedergabe einer fraglichen Genitivform glaubhaft zu machen. Hier muss rechtzeitig mahnend vor einer einseitig vor allem slavistische Überlegungen bevorzugenden und anwendenden Arbeitsweise in der historischen Kontaktnamenforschung gewarnt werden.

Zusammenfassend

Abschließend möchte ich aber nochmals die scharfsinnigen Überlegungen in den Beiträgen von Bernd Koenitz im Blog begrüßen. Seine vortreffliche Bemühung um eine Vertiefung der Analysen bei Kontaktnamen aus dem Slawischen ist anregend und lässt weitere neue Einblicke erwarten. Die von ihm angestoßene Diskussion zeigt, dass für die Forschung auch künftighin noch mit weiteren verfeinernden methodischen Verfahren gerechnet werden darf und auch immer wieder neue bzw. präzisierende Erkenntnisse zu gewinnen sind. Diesmal betrifft es zunächst die stärkere Beachtung von a) möglichen altsorb. Zweiworttoponymen und b) die mögliche Übernahme von altsorb. Toponymen in Genitivform aus Syntagmen. Erkennbar dürfte aber sein, dass die Forschung zu genuin slawischen Toponymen künftighin der Ausbildung von heute in Deutschland leider nicht mehr verfügbaren Nachwuchskräften bedarf, die eine gediegene sprachhistorische Kompetenz besitzen, wie sie Bernd Koenitz beispielhaft als  Sprachforscher unter Beweis gestellt hat. Dazu erfordert die Sprachkontaktforschung aber zugleich auch eine solide Kenntnis der immer mit zu beachtenden sprachlichen Entwicklungsvorgänge in der übernehmenden deutschen Sprache seit dem frühen Mittelalter sowie in den einzelnen Mundartgebieten. Das ist freilich „ein weites Feld“ mit gewiss auch wenig verlockender Wirkung. Deshalb sind für mich alle sprachhistorisch ausgerichteten Beiträge im Blog wie auch in unseren Fachzeitschriften ganz besonders begrüßenswert.