Fritz Frhr. Lochner von Hüttenbach, Lexikon steirischer Ortsnamen von A–Z. Die Deutung der Siedlungsbenennungen mit ausgewählten Berg-, Flur- und Gewässernamen, 2 Bände (A–L, M–Z) (= Grazer Vergleichende Arbeiten 29). Leykam: Graz 2015, 963 S. – ISBN: 9783701103270, Preis: EUR 99, 80 (DE).

Rezensiert von Wolfgang Janka, Regensburg

Das vorgelegte Lexikon enthält laut Vorwort alle Siedlungsnamen und ausgewählte Vertreter weiterer Namenarten (v. a. Berg-, Flur- und Gewässernamen) des österreichischen Bundeslandes Steiermark, wobei der Autor das Ziel verfolgt, „bisher Erarbeitetes und noch zu behandelnde Namen“ in einer Veröffentlichung zusammenzufassen. Damit kann freilich „keineswegs ein zukünftiges Ortsnamenbuch der Steiermark“ ersetzt werden (S. V). Ein solches wird dann, wie Fritz Lochner von Hüttenbach zu Recht erwähnt, bei allen zu untersuchenden Toponymen die historische Überlieferung und darüber hinaus auch valide Mundartformen beinhalten müssen (wie etwa in den bisher erschienenen Bänden des „Ortsnamenbuches des Landes Oberösterreich“).

Im Lexikon Lochner v. Hüttenbachs enthalten die Stichwörter in der Regel die Nennung der Art des durch den Namen bezeichneten geographischen Objekts (Dorf, Markt, Rotte [abgelegener Ortsteil], Stadt, Weiler usw.), Angaben zur Lokalisierung (Bezirks- und Gemeindezughörigkeit), historische Schreibformen (ca. 1‒5; in vielen Fällen bleibt diese Rubrik allerdings unbesetzt: „nicht früh genannt“ [passim]), die stichpunktartig angeführte oder kurz skizzierte Etymologie und Hinweise auf Literatur. Damit wird eine brauchbare Grundlage mit ersten wichtigen Daten und Erklärungsansätzen für die weitere ortsnamenkundliche Erschließung der Steiermark erbracht. Allerdings erscheint es grundsätzlich problematisch, bei fehlender Überlieferung eine Etymologie anzubieten ‒ so vom Autor vielfach praktiziert (s. Lemmata wie Abstrang, Ahrbach oder Alling).

Gegenüber seinem im Jahr 2008 publizierten Buch „Steirische Ortsnamen“, das einen Überblick über die wichtigsten Ortsnamenschichten und -typen der Steiermark gibt, hat Verf. manche Erklärungsansätze überarbeitet und ggf. berichtigt. So wird etwa Knittelfeld (1224 Chnutteluelde) statt mit einem Personennamen „*Hnûtilo“ (2008, S. 130) nun mit Recht mit dem Appellativ ahd. knutil, mhd. knütel ‘Knüppel’ verbunden (S. 385). Petzelsdorf (1265 Peczlinsdorf) wird statt des schwach flektierten Personennamens „Petzilo“ (2008, S. 119), dessen Genetiv nicht auf -s endet, jetzt zutreffend der stark flektierte Name Pëzilī zugrunde gelegt (S. 584). Bei Walleiten (ca. 1500 Walichlewten) setzt Verf. mit Recht nicht mehr den Personennamen „Walcho“ (2008, S. 30) an, sondern weist auf eine namengebende Tuchwalke hin (S. 871).

Allerdings bleiben viele der in der Besprechung des Buchs von 2008 (in: Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 46, S. 471–474) angeführten Kritikpunkte bestehen: Im Fall von Ingering werden einander zeitlich nahe stehende Belege wie 860 ad Undrimam und 924 Inheringen, die sprachlich nicht zusammenhängen können, in einer Reihe angeführt (S. 334). Wenn Katsch an der Mur (982 Chatissa) auf eine Ableitung mit dem keltischen Suffix -issa zurückgeführt wird (S. 362), stellt sich nach wie vor die Frage, warum das darin enthaltene /i/ keine Umlautung des Vokals /a/ bewirkt hat. Der Siedlungsname Köppling (1431 Kepplarn) kann wegen /pp/ nicht zu einer Ableitung von mhd. kobel gestellt werden (S. 396). Zur Erklärung bietet sich eine suffixale Ableitung von mhd. keppel(īn), Deminutiv zu kappe, an. Malleisten (ca. 1280–1295 Meleist) soll auf einem slawischen Personennamen „*Malějь, *Malanъ, *Malonъ o. ä.“ beruhen (S. 477), was -st im Erstbeleg nicht erklären kann. Als Beispiele für aus morphologischer Sicht abzulehnende Erklärungen, die im „Lexikon“ nicht korrigiert worden sind, seien hier Maiersdorf (1282 Mageisdorf) und Schwasdorf (1205 Suabesdorf) angeführt, deren Bestimmungswörter nicht auf „Mago“ bzw. „Swâbo“ basieren können (S. 475f. und 758).

Die Steiermark weist bekanntlich einen hohen Anteil von aus dem Slawischen ins Bairische integrierten Ortsnamen auf. Die Erklärungsansätze des Verf. zu diesem Namengut sind in der Regel nachvollziehbar, nur sollte für gemeinslawische Formen des 9./10. Jahrhunderts wie etwa *jędrъ ‘stark, schnell’ (S. 20) oder *avorъ ‘Ahorn’ (S. 31) nicht die Bezeichnung „ur­slaw.“ verwendet werden (urslawisch [6./7. Jahrhundert] wäre in den genannten Fällen *endru bzw. *āwaru anzugeben [vgl. Emanuel Klotz, Urslawisches Wörterbuch, Facultas: Wien 2017, S. 102 bzw. 66]). Bei den zwei heute auf -weg endenden Namen Sillweg (12. Jh. II Siliwich) und Strettweg (1149 Strecuic, 12. Jh. II Stretwich) kann nicht von einem Suffix „-oviki“ (S. 770f.) bzw. von einem slawischen Personennamen „*Stratь [...] mit Suffix -ov-ik’e“ (S. 805) ausgegangen werden, weil zur Zeit des Vollzugs des Lautwandels /a/ > /o/ (wie im Suffix -aw- > -ov-) der Velar /k/ in der Stellung vor aus Diphthongen entstandenen palatalen Vokalen (wie hier /ī/ bzw. /ē/) im Rahmen der Zweiten Velarenpalatalisierung bereits zu /tʹ/ palatalisiert war. Ähnlich verhält es sich im Fall von Lobming (1041–1060 Lomnicha), wo der Ansatz slaw. „*Lomьnika“ (S. 463f.; zu slaw. [nicht „urslaw.“] „*lomъ, slowen. lom ‘Stein‑, Windbruch, Abbruch’“) wegen der dem Lautwandel /a/ > /o/ vorausgehenden Dritten Velarenpalatalisierung, die hier /k/ betroffen hätte, in Bezug auf das angenommene „Gewässernamensuffix -ьnika“ nicht haltbar ist [vgl. Georg Holzer, Slavische Gewässernamen in Niederösterreich: ihre Bildung und ihr Verhältnis zu den Geländenamen, in: Albrecht Greule/Wolfgang Janka/Michael Prinz (Hg.), Gewässernamen in Bayern und Österreich, edition vulpes: Regensburg 2005, S. 95–109, bes. S. 99f. und 104]. Die Grundform lautete vielmehr slaw. *Lomьnikъ; es handelt sich demnach um einen Gewässernamen auf -(ьn)ikъ.

Ein künftig zu erarbeitendes „Historisches Ortsnamenbuch der Steiermark“ kann sich seit dem Erscheinen des „Lexikons steirischer Ortsnamen“ auf die zusammenfassende Nennung wichtiger historischer Schreibformen aus der bisherigen Fachliteratur, auf zahlreiche plausible Angaben zur Namensherkunft und auf ein umfangreiches Literaturverzeichnis stützen. Für die Erstellung dieses Fundaments ist Fritz Lochner von Hüttenbach sehr zu danken.

Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Janka: [Rezension zu] Fritz Frhr. Lochner von Hüttenbach, Lexikon steirischer Ortsnamen, in: Onomastikblog [17.12.2019], URL: https://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-steirische-on/

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