Praktische Relevanz von Namenforschung und Namenkunde. Festschrift für Albrecht Greule zum 75. Geburtstag, hg. v. Roswitha Fischer, Stefan Hackl, Sandra Reimann, Paul Rössler (= Regensburger Studien zur Namenforschung, Band 10). Regensburg: edition vulpes, 2021, 282 S. – ISBN 978-3-939112-09-9; Preis: EUR 32,00 (DE), EUR 32,90 (AT).

Rezensiert von Simone Berchtold, Vancouver/BC

Der vorliegende Sammelband enthält Beiträge, die 2017 im Rahmen einer Tagung zum 75. Geburtstag von Albrecht Greule als Vorträge gehalten wurden. Das Ziel resp. der rote Faden, der die Beiträge inhaltlich zusammenhält, ist gemäss den vier Herausgebern: „die praktische Relevanz von Namenforschung und Namenkunde“ (S. 7). Unter dieser praktischen Perspektive wurden auf der Tagung neben den „Klassikern“ Ortsnamen und Familiennamen auch Warennamen oder Pseudonyme in den Vorträgen thematisiert. Für die Publikation fanden zusätzliche passende und relevante Forschungsfelder Aufnahme, um eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Themenkomplexes zu erlauben.

Resultat ist ein Band mit 12 Beiträgen, die im Vorwort von den Herausgebern informativ zusammengefasst werden (S. 10–14), und einer Laudatio (Beitrag Kremer, S. 257–262). Beschlossen wird das Buch mit einem Verzeichnis der onomastischen Publikationen des Jubilars von 1963–2020 (S. 263–282).

Im Vorwort (S. 7–14) würdigt das Herausgeber:innen-Team den wissenschaftlichen Werdegang Albrecht Greules unter besonderer Berücksichtigung seiner onomastischen Forschungstätigkeit, die 1969 begann und nach wie vor andauert. Die Herausgeber:innen weisen darauf hin, dass der „Aspekt der Praxisrelevanz […] in der Namenforschung häufig unterschätzt und deswegen auch vernachlässigt“ (S. 9) werde und versprechen, dass die Brücke zwischen Alltag und wissenschaftlichen Fragestellungen und Forschungsfeldern in den vorliegenden Beiträgen geschlagen wird. Eine zentrale Frage soll sein: Wie werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die breite und interessierte Bevölkerung aufbereitet und zugänglich gemacht? Dadurch möchte der Band wiederum neue Forschungsfragen generieren, die die Aspekte des Namengebrauchs und der Namengebung fokussieren, also kurz gesagt die Namenpragmatik umkreisen.

Eine Anmerkung zum Titel soll noch vor der Besprechung der einzelnen Aufsätze gemacht werden: Warum im Titel die beiden Begriffe Namenforschung und Namenkunde verwendet werden, wird nicht klar. Falls damit unterschiedliche Konzepte des Faches zum Ausdruck kommen sollen (vielleicht Wissenschaft und Alltag?), wird dies von den Herausgeber:innen nicht erklärt. Eine Differenzierung wird auch nicht in den Beiträgen vorgenommen. Aus Perspektive der Rezensentin werden die beiden Lexeme – auch in der onomastischen Forschung – meist synonym verwendet, zumindest nicht deutlich getrennt (vgl. auch die Artikel im aktuellen „Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online“, besucht am 11.1.2022).

Zu den Beiträgen im Einzelnen:

Jürgen Udolph: Ihr Name im Radio – Erfahrungen aus 20 Jahren Namensendungen in Radio und Fernsehen, S. 15–28

Jürgen Udolph schildert unterhaltsam, wie man mit einem plastisch gewählten Aufsatztitel zum Ortsnamen Hameln unverhofft ins Radio kommt und in der Folge über 20 Jahre lang Anthroponyme und Toponyme in Radio, Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zum Thema macht. Aus diesen Erfahrungen leitet er Punkte ab, was aus seiner Sicht gut funktioniert hat, sowohl für die Arbeit im Radio als auch im Internet. Seine Erfahrungen zeigen, dass v. a. Anthroponyme (Familiennamen vor Vornamen) von den Medien behandelt werden wollen; Ortsnamen sind offenbar sperrig. Warum dies so ist, fragt er sich selbst und antwortet: „Ich denke, daran, dass Namen keine Inhalte besitzen, die visuell anregen.“ (S. 24) Dies stimmt, trifft aber auf Namen allgemein zu. Sicher ist es auch die unmittelbare Verbundenheit mit dem Vor- und Nachnamen, die das Interesse an Anthroponymen so besonders macht. Udolph beschließt mit den Vorteilen der Präsenz in den Medien, die natürlich auch Arbeit bedeutet. Wenn man aber geschickt ist, kann man diese Arbeit lukrativ umsetzen und auch Geld mit Namenforschung verdienen.

Wolfgang Janka: Zur Popularisierung ortsnamenkundlicher Ergebnisse, S. 29–36

Nachdem Udolph zur Feststellung gelangt, dass Ortsnamen weniger medienwirksam sind, geht Janka in seinem Beitrag davon aus, dass dieses Interesse doch vorhanden sei. Der Fokus des Beitrages liegt auf Bayern, dem onomastischen Angebot bestimmter dortiger Universitäten und Lehrstühle sowie auf den Arbeiten der Kommission für bayerische Landesgeschichte (KBL). Anhand des Beispiels Eichendorf (S. 31–33) zeigt er, wie man bei Vorträgen didaktisch vorgehen und Laien zeigen kann, wie wichtig die Arbeit mit historischen Belegen ist und was man daraus alles ablesen kann. Wichtig ist sein Hinweis, dass WWW-Seiten der Gemeinden sowie Wikipedia häufig falsche Informationen weitergeben oder sich gegenseitig falsch wiedergeben. Auch Medienanfragen werden thematisiert, wobei es häufig um Kuriosa wie Biersackschlag oder Kühblöß (S. 33) geht. Mit dem Auftrag der bayrischen Universitäten die entsprechenden Wissenschaftler:innen auszubilden und Ideen für die Aufnahme von Namenkundlichem in die Lehrpläne der Grundschule beschliesst Janka seinen Beitrag.

Roswitha Fischer: Namenberatung an der Universität Regensburg, S. 37–58

Konkret nach Regensburg bringt uns Roswitha Fischer. Sie ist Koordinatorin der Forschergruppe NAMEN, deren Geschichte unmittelbar mit Albrecht Greule zusammenhängt, wie von ihr erläutert wird. Sie legt die Anforderungen an die wissenschaftliche Namenberatung dar und zeigt aus ihrem Alltag, wie ein (kostenpflichtiges) Gutachten von NAMEN erstellt wird. An fünf anschaulichen Beispielen zeigt sie, was bei der Erklärung eines Namens alles beachtet werden muss. Es wird einiges deutlich: Etymologie (Knieriemen: Knie + Riemen) und Motiv (Berufsübername für einen Schuster) sind getrennt zu bearbeiten. Meist reicht eine Wissenschaft nicht aus: Man braucht ein Kollektiv (i. e. Gemanist:in, Slawist:in, Romanist:in, Historiker:in usw.), um Namen zu erklären. Es mag trivial erscheinen, aber gerade in der Arbeit mit Laien muss sich Namenforschung deutlich von Ahnenforschung abgrenzen: (linguistische) Namengeschichte ist keine Familiengeschichte. Fischer betont am Ende zu Recht, „dass Wissenschaft nicht nur anspruchsvoll und theoretisch, sondern auch allgemein ansprechend und praxisnah sein kann“ (S. 56–57).

Kathrin Dräger und Rita Heuser: Zielgruppenorientierung beim Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD), S. 59–74 [im Inhaltsverzeichnis falsch mit S.  61 (sic!)]

Das Dilemma der Familiennamenforschung gegenüber der Familienforschung ist auch ein Punkt im Beitrag von Kathrin Dräger und Rita Heuser. Die beiden Forscherinnen stellen eines der größten Projekte der letzten Jahre zu Familiennamen in Deutschland vor – mit Bezug auf die Laufzeit (24 Jahre), aber auch das Volumen (200.000 Familiennamen) – inklusive technischer Realisation sowie Aufbau der einzelnen Artikel. Der gut lesbare Beitrag führt kurz in die Geschichte und die Ziele des DFD ein: Das Wörterbuch wurde von Beginn an als fortlaufende Internetpublikation konzipiert, die Laien und Wissenschaftler:innen gleichermassen dienen soll. Das DFD ist seit 2013 online, somit öffentlich zugänglich, kostenlos nutzbar und – anders als bisherige Familiennamen-Wörterbücher – bildet das DFD die Namen der Gesellschaft um 2005 ab, das heisst: alle Namen mit mind. zehn Telefonanschlüssen, egal ob türkisch, italienisch, polnisch, griechisch, deutsch usw., werden erklärt. Zudem werden die Namen auch mit einer Verbreitungskarte begleitet. Aufschlussreich sind die Rückmeldungen („Ich finde meinen Namen nicht.“), die zeigen, dass Paratexte zu Aufbau und Inhalt so gut wie nie gelesen werden, auch dann nicht, wenn man bei der Suche nicht weiterkommt. (Man kann ketzerisch werden und sich fragen: Soll man diese Texte überhaupt schreiben?) Interessant ist auch, dass die zweitgrößte Nutzer:innengruppe aus den USA zugreift, weshalb es nun auch eine englischsprachige DFD-Seite gibt. Das ist ein schöner Impuls, denn dadurch ist die deutsche Familiennamenforschung international leichter rezipierbar geworden. Im DFD treffen sich aktueller Stand der Technik mit Wissenschaftlichkeit, um Bedürfnissen der Jetztzeit gerecht zu werden: jederzeit schnell etwas online nachschlagen zu können. Die Zugriffszahl 2020 von 332.472 spricht für sich.

Rüdiger Harnisch: Einwohnerbezeichnungen aus Ländernamen. Wortbildungspraxis der Laien und lexikographische Praxis ihrer Erfassung, S. 75–134

Eine völlig andere Namenklasse stellt Rüdiger Harnisch in den Mittelpunkt: fremde Ländernamen. Im umfangreichsten Beitrag des Bandes nimmt uns Harnisch mit auf eine morphologische Bildungsreise, wie Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen die Bewohner und Bewohnerinnen ferner Länder benennen (würden) und möchte Analogien resp. Bildungsmuster aufdecken. Er greift dazu auf eine Befragungsliste von Nanna Fuhrhop zurück. Wichtig ist ihm: Es geht nicht um die normierten Formen, sondern was Sprecher:innen morphologisch mit den Namenkörpern machen, wenn sie daraus Einwohnerbezeichnungen ableiten. Und das ergibt eine ganze Menge an Formen, wie die Listen eindrücklich zeigen. Zu einem Ländernamen wie Togo werden von Gewährspersonen durch die Reanalyse bekannter Muster folgende Bezeichnungen gebildet: Togalese, Toganer, Toganese, Toger, Togoaner, Togoer, Togoese, Togole, Togolese, Togone(r), Togote (S. 94–95). Diese Menge führt Harnisch auf drei strukturelle Bildungstypen mit je zwei Untergruppen zurück: Grundform (Bsp. Ghana), Stammform (Bsp. Ghan-) sowie gekürzter Stamm (Bsp. Simb- aus Simbabwe). Die von ihm segmentierten Glieder, die zwischen Stamm und Personensuffix stehen, nennt er im Weiteren Interfixe, deren Vorkommen er besonderes Augenmerk schenkt. Harnisch analysiert, ausgehend vom Auslaut verschiedener Ländernamen (vgl. den Überblick, S. 82–83), schrittweise die Bildungen der Einwohnerbezeichnungen sowie der Interfixe. Dazu wählt er einen (i) quell- und (ii) zielorientierten Zugang, d. h., er schaut bei (i), welche Auslaut- und Lautstruktur des Ländernamens welche Einwohnerbezeichnung hervorruft, bei (ii) dreht er diesen Blick um und fragt, „welche Typen von EinwBez von welchen LänderN-Typen herkommen können“ (S. 125). Harnisch verbindet die Erkenntnisse aus seiner methodisch umfangreichen Analyse zu einer Art „Vorstudie“ für ein digitales Wörterbuch der Einwohnerbezeichnungen. Allerdings wird nicht ganz klar, wie die Nutzer:innen mit der Fülle solcher Formen umgehen sollen. Die morphologische Position von Interfixen dürfte die Allgemeinheit weniger interessieren, aber die Formenvielfalt kann zu einer Neueinschätzung der Frage führen, ob es nur eine Standardform solcher Bezeichnungen geben muss.

Kerstin Richter: Fokusgruppenbasierte Online-Umfragen als Medium varietätenlinguistischer Datenerhebung: Konzeptvorschlag und Erfahrungsbericht, S 135–149

Wie man „experimentelle digitale Datenerhebung in der Dialektologie bzw. Onomastik“ (S. 135), konkret wie man schriftliche Onlinebefragungen nutzbar machen kann, stellt Kerstin Richter vor. Sie diskutiert methodische (Neu-)Ansätze, die sie für ihr Dissertationsprojekt zu Vogelbezeichnungen (i. e. sie erhebt keine VogelEIGENnamen wie Fritzi für den Wellensittich, sondern untersucht Varianten und dialektale Appellative der Vogelbezeichnungen) angewendet hat resp. die sich aus dieser Arbeit ergeben haben. Denn – und Richter bringt es auf den Punkt – die Möglichkeiten im Netz sind eben nur „auf den ersten Blick optimal geeignet“, um Daten zu generieren (S. 148). Richter gibt Antworten auf wichtige Fragen, die heute vor einer empirischen Online-Datenerhebung gestellt werden müssen: Wie findet man im Netz die richtigen Leute für seine/ihre Fragen, ohne zu wenige oder zu einseitige Resultate zu generieren? Ihre Überlegungen zeigen auf, wie man die geeignete Fokusgruppe einkreist, aber auch wo Probleme bei der Verbreitung einer Umfrage im virtuellen Raum liegen (Stichwort Multiplikatoren[-gruppen]). Sie gibt eine Menge praktischer Tipps, wie man Umfragen erfolgreich an Teilnehmer:innen und Multiplikatoren verschickt und worauf man achten sollte (z. B. Links vs. ausfüllbare PDFs, Umfragesoftware und Zeitmanagement).

Elke Ronneberger-Sibold: Curacao, Schloß Nymphenburg, Thuringia – mehr als nur Orte: Über die Verwendung von Ortsnamen in Markennamen, S. 151–174

Einen expliziten Bezug zu Albrecht Greules interdisziplinären Forschungszugängen macht Elke Ronneberger-Sibold und verquickt – einem ihrer Forschungsschwerpunkte folgend – Sprache, Recht und Wirtschaft: Es geht um Markennamen, genauer um das „Recyceln“ von Ortsnamen als Markennamen. Der gut gegliederte, methodisch einwandfreie Beitrag liefert Ergebnisse, wie Ortsnamen in Markennamen auftreten. Dazu analysiert Ronneberger-Sibold die Bildungsweise von 345 Namen aus den Jahren 1894 bis 1994. Neben der rein formalen Seite möchte sie aber auch „die werbepsychologische Funktion“ (S. 157) der Ortsnamen in den Markennamen aufdecken. Im Beitrag geht es weniger um die Vermittelbarkeit onomastischer Forschungsergebnisse als vielmehr um den umgekehrten Zugang: Was können wir Linguist:innen daraus ablesen, wenn in der Werbung kreativ mit Ortsnamen gearbeitet wird. Interdisziplinär – sowohl linguistisch als auch historisch interessant – sind die Erkenntnisse: „Insgesamt erweisen sich Markennamen also sogar in der Wahl eventuell integrierter Ortsnamen als ein treuer Spiegel der soziokulturellen, wirtschaftlichen und sogar der politischen Entwicklung der Gesellschaft, in der sie ihre Werbewirksamkeit entfalten sollen.“ (S. 170). Weiterführende Fragestellungen für zukünftige Untersuchungen werden abschliessend formuliert.

Sascha Schmidt-Kärst: Eine kurze Geschichte von Marken und Patenten, S. 175–183

Ebenfalls um die Welt der Markennamen geht es im Beitrag von Sascha Schmidt-Kärst, aber aus der Sicht des Patentprüfers. Sehr praxisnah und anschaulich informiert Schmidt-Kärst über den Unterschied zwischen Patent und Marke. Dazu führt er u. a. die beiden bekannten Beispiele Foen, Föhn (S. 176–177) und Inbus (S. 177) aus und illustriert damit auch Deonymisierungen. Ausführlicher zeigt er den Weg von der Erfindung zur Patentanmeldung anhand des DropStops. Dieser Weg erfordert eben nicht nur Erfinder:innengeist, sondern auch sprachliche Genauigkeit, was die Produktbeschreibung angeht. Da Markennamen nie so präzise sein können (und sollen), sind sie „in Patentansprüchen oft ein Hindernis“ (S. 181). Er beschließt seinen Beitrag mit der humorvollen Geschichte des Post-its.

Kathrin Simon: Namenkunde in der Schule, S. 185–190

Mit einem didaktischen Input löst Kathrin Simon das ein, was Janka in seinem Beitrag fordert: Namenforschung bereits in der Schule aufzugreifen. Simon kann aus der eigenen Lehrtätigkeit bestätigen, dass Schülerinnen und Schüler „ein großes Interesse an der Namenforschung zeigen“ (S. 185). Um Onomastik als Unterrichtsthema aufzunehmen, muss mit Blick auf die Altersstufe ausgewählt und reduziert werden. Simon illustriert drei Ideen zu den herkömmlichen Namenarten (Vor-, Familien und Ortsnamen), die so von Lehrpersonen auf jeden Fall ausprobiert werden sollten. Kreativ sind auch die Vorschläge zum Namenpatron im fächerübergreifenden Religionsunterricht oder zu einem Projektseminar in der Oberstufe.

Anikó Szilágyi-Kósa: Kodifizierung von Eigennamen in zweisprachigen Wörterbüchern – im Sprachenpaar Deutsch-Ungarisch, S. 191–221

In einen anderen praktischen Bereich, nämlich in jenen der Lexikographie, nimmt uns Anikó Szilágyi-Kósa mit: Sie diskutiert „die Darstellung der Eigennamen in der zweisprachigen Lexikographie“ (S. 191). Der Beitrag berührt u. a. die Fragen: Haben Namen in Wörterbüchern Platz? Welche Namenklassen werden repräsentiert? Was ist, wenn mehrere Übersetzungen für einen Namen vorliegen? Eindrücklich ist nämlich die Vielfalt an deutschen und englischen Benennungen für die ostungarische Grosslandschaft Alföld (S. 193). Kernstück bildet ihre Untersuchung von sechs deutsch-ungarischen Wörterbüchern unterschiedlichen Umfangs und Alters: Wie werden die aufgenommenen Namen übersetzt? Die Entsprechungen von bspw. Schweiz, Österreich werden in schmalen Tabellen mit vielen Umbrüchen gelistet, die leider nicht sehr gut zu lesen sind. Man verliert etwas den Überblick bei der Lektüre. Manche der angeführten Beispiele lassen am Namenstatus eher zweifeln wie Bundestag (S. 199) oder Kinderhilfswerk (S. 213, neben der UNESCO gibt es noch zahlreiche andere). Interessant ist der Blick ins Kulturwörterbuch, in welchem vom Bearbeiter Györffy Namen aufgenommen wurden, die eine „kulturelle Konnotation“ besitzen (S. 215). Das sind einige Namen und man fragt sich beim Durchlesen der Liste, was wohl die Konnotationen bei Mühlviertel oder Babelsberg sind. Szilágyi-Kósa kommt zum Schluss, „dass Eigennamen in zweisprachigen Wörterbüchern wenig Platz haben“ (S. 219). Aus lexikographischer Sicht mag das praktikabel sein. Dass dies aber nicht unbedingt dem Nutzer:innenbedürfnis entgegenkommt (Wie schreibt man X? Wie spricht man Y aus?), ist ein anderes Problem.

Peter Ernst: „Heiß umfehdet, wild umstritten“ ‒ Zur Namengebung im öffentlichen Raum am Beispiel von Karl Lueger, S. 223–242

Den Pfad des öffentlichen Raumes, der Politik und der öffentlichen Emotionen begeht Peter Ernst mit dem Beispiel Karl Lueger. Sekundäre Straßennamen (i. e. jene ab dem 18./19. Jh.) sind – wie Ernst betont – meist kulturelle Reflektoren ihrer Zeit, besonders wenn sie Personen gedenken. Neben kurzen Überlegungen zur Terminologie (Straßenname, Hodonym, Urbanonym usw.) und Nennung der Benennungsmotive bei Straßennamen geht es dann um den Straßenabschnitt, an welchem die Wiener Universität steht. Schon der Beginn von Kap. 2.1. „Kurze Geschichte der Umbenennung“ zeigt die politischen Winde hinter der jeweiligen Namengebung: vom Kaiser zur Republik zum Bürgermeister Lueger (S. 229). Der Umbenennungsprozess von Dr.-Karl-Lueger-Ring zum heutigen Namen Universitätsring hat dann allerdings 25 Jahre gedauert. Lesenswert sind die zeitgenössischen Aussagen der verschiedenen politischen Lager und anderer Vereine zur Causa am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ernst analysiert abschließend den Umbenennungsdiskurs formalsemantisch und kommt zur Conclusio, dass „Sprache in der Politik nicht Wahrheiten verkünden, sondern Ansichten durchsetzen“ will (S. 239).

Dieter Schwab: Pseudonyme und Recht, S. 243–255

Als thematischen Abschluss vollzieht der Jurist Dieter Schwab einen Perspektivenwechsel in die Rechtswissenschaft. Thema sind Pseudonyme und wer, wann, was mit einem Pseudonym in Deutschland machen kann. Gut zu lesen ist die Terminologie-Diskussion, was ein Pseudonym – und hier setzt er bei den Gräzisierungen der Humanisten an bis hin zu den Usernamen der sozialen Netzwerke – eigentlich ist und wie es abzugrenzen ist, z. B. gegen Chiffrierungen. Schwab versteht unter Pseudonym „jeden auf eine Person bezogenen Namen, der von dem in offiziellen Büchern registrierten Namen abweicht“ (S. 245). Wichtig zu ergänzen wäre noch, dass Pseudonyme von den Nutzer:innen selbst gewählt werden, ansonsten kommt die Definition aus onomastischer Sicht ins Gehege mit Spitznamen. Schwab legt dar, dass der rechtliche Radius eines Pseudonyms recht gross ist. Das Pseudonym macht aber spätestens vor dem Fiskus halt: Hier gilt die Amtliche-Namen-Politik. Was viele vielleicht auch nicht wissen: Es gibt sogar ein Grundrecht auf digitale Anonymität (S. 253), was nicht unproblematisch ist. Interessante Fragen zur weiteren Diskussion werden abschliessend formuliert.

Fazit (Dieter Kremer: Greules 75. Geburtstag, S. 257–262)

Der sehr lesenswerte und informative Band zeigt, in welchem breiten Spektrum Namen im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sind und zum Diskussionsgegenstand werden: als Straßennamen, als Markennamen, als Familiennamen, als Alias-Namen und sicher auch noch als andere Namenklassen (z. B. als Tiernamen). Die Beiträge zeigen aber doch auch, dass Aspekte der Praxisrelevanz durchaus auf dem Radar der Forscherinnen und Forscher auftauchen, ernst genommen und praxisnah umgesetzt werden, ohne dass dabei auf Wissenschaftlichkeit verzichtet werden müsste. Durch die gezeigte Mischung aus direkter Vermittlung (Schule, Vortrag, Namenspaziergang, Universitätsseminar usw.) und niederschwellig zugänglichen Hilfsmitteln (Wörterbücher wie das DFD, Webseiten wie personennamen.ch) können die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die breite und interessierte Bevölkerung aufbereitet und zugänglich gemacht werden.

Als Fazit aus den Beiträgen seien zwei persönliche Gedankenstränge gestattet: (i) Universitär gedacht: Universitäten wollen und müssen sich heute mit herausragenden Profilen positionieren. Eines dieser Profile kann Namenforschung sein. Dieser Forschungsbereich lässt sich aus allen erdenklichen Richtungen beforschen: synchron, diachron, grammatisch, pragmatisch, mit big und small data, mit Fokus auf Verschriftlichungsprozessen, mit Studien der Primärquellen, mit Befragungen zum Gebrauch in der Jetztzeit usw. Es lassen sich alle erdenklichen Methoden nutzen. (ii) Allgemein gedacht zeigt der Band: Es gibt dieses unbändige Interesse an Namen „da draußen“, dem eigenen, dem der Nachbarin, dem des Nachbarortes, den Namen anderer Kulturen usw. Praktische Relevanz hat mit Öffentlichkeit zu tun und Öffentlichkeit hat mit Sichtbarkeit zu tun. Und hier treffen sich beide Gedanken: Gut ausgebildete Namenforscher:innen können diesem Interesse begegnen, didaktisch und inhaltlich, kreativ und wissenschaftlich. Das fachliche Wissen ist da und auch solide Projekte und Ideen. Machen wir doch weiter so! Ich denke, das wäre im Sinne des Jubilars.

Empfohlene Zitierweise
Simone Berchtold: [Rezension zu] Praktische Relevanz von Namenforschung, in: Onomastikblog [25.1.2022], URL: https://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-praktische-relevanz/

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