Onomastica Canadiana, Band 96, No. 1 & 2 (Journal of the Canadian Society for the Study of Names/Revue de la Société canadienne d'onomastique). Redaktion: Carol G. Lombard (University of the Free State, South Africa); Associate Editor: Carol J. Léonard (University of Alberta, Canada). Edmonton, Alberta: Campus Saint-Jean, University of Alberta, 2017, 59 S. – ISSN 0078-4656.

Rezensiert von Gunter Schaarschmidt, University of Victoria/BC, Canada

Der vorliegende Band ist mit seinen 59 Seiten sicher der zweitkürzeste in der Geschichte dieser Serie der Zeitschrift „Onomastica Canadiana“. Wie frühere Bände ist auch der vorliegende Band gleichmäßig auf die zwei offiziellen Sprachen Kanadas, Französisch und Englisch, aufgeteilt. Die zwei Forschungsarbeiten sowie die beiden Buchbesprechungen sind je auf Französisch und Englisch verfasst.

Die Hälfte des Bandes 96, also 30 Seiten, befasst sich mit dem Toponym Vide-Poche, das der Verfasser Pierre Gendreau-Hétu, Privatgelehrter, als ein „archipel toponymique inédit en Amérique du Nord“ (also einen toponomastisch unbearbeiteten Archipel von Nordamerika) beschreibt. Gendreau-Hétu behandelt erst einmal etliche Bedeutungen von vide-poche, sowohl in der geschriebenen als auch der gesprochenen französischen Sprache, ausgewählt aus verschiedenen Wörterbüchern (S. 14–15). Dem könnte man etliche Entsprechungen im Englischen, Amerikanischen, Deutschen und Obersorbischen hinzufügen, wie z. B. organizer, dressing-room tidy, sundries tray, valet tray, deutsch Ablagekorb, obersorbisch košik k wotkładowanju. Dazu kommen dann die verschiedenen Materialien, aus denen solche Behälter angefertigt werden, wie Leder, Holz, Metall usw. (siehe z. B. https://www.wordreference.com/fren/vide-poche; zuletzt abgerufen 22.6.18). Auf den ersten Anblick scheint der Weg von diesen Bedeutungen im modernen Französischen zu einer historischen Bedeutung filou ‘Taschendieb’, die Gendreau-Hétu vorschlägt (S. 14), recht weit zu sein; aber vielleicht liegt die Bedeutung eines Taschendiebs doch recht nahe, zumal wenn man bedenkt, dass so ein Behälter, wenn er ausgeleert wird „vide“ (leer) ist. Von etymologischen Betrachtungen abgesehen, ist Gendreou-Hétu jedoch mehr daran interessiert zu zeigen, wie ein Begriff wie Vide-Poche zum Namen für ein Archipel werden konnte. Gendreau-Hétu, in seiner Methode der Platzierung und chronologischen Einordnung des Namens Vide-Poche, stellt dann eine Hypothese auf, dass neun Vorkommen von Vide-Poche über eine weite geographische Verbreitung auf eine frühere generische Funktion dieses Namens hinweisen, und dass die Forschung bis jetzt diese Funktion nur örtlich und anekdotisch behandeln konnte: das Vorkommen des Namens im Jahre 1650 in Charente, Frankreich, weist allerdings auf eine recht alte Geschichte von Vide-Poche hin. In Nordamerika lassen sich neun Toponyme des Namens Vide-Poche finden. Fünf davon befinden sich in Québec im Tal des Saint-Laurent-Flusses: Kamouraska, Saint-Raphaël de Bellechasse, Charlesbourg (heute Québec), Saint-Grégoire de Nicolet (heute Bécancour, Bois-Francs) und Yamachiche.

Von Kanada aus muss sich dann das Toponym in den amerikanischen Mittleren Westen ausgebreitet haben (d. h. in das Gebiet der Großen Seen). Weiterhin gibt es ein Vide-Poche in St. Louis am Missourifluss (sozusagen als „das Tor zum Westen“). Mit zwei weiteren Vorkommen in der Gegend von Kansas City schließt sich der Kreis der Toponyme. Gendreau-Hétu überlässt die nordamerikanische Ausbreitung des Archipels einer zukünftigen Studie, die er selbst schon in Vorbereitung hat (vgl. Fußnote 4, wo es heißt „Article en préparation“). Seine Studie schließt mit fast acht Seiten Anmerkungen und einer fast vierseitigen Literaturliste, die zukünftigen Erforschern von Toponymen in Englisch-Nordamerika, sowie auch Französisch-Nordamerika, gute methodologische Ansätze bietet und ein reiches Material für eine internationale namenkundliche Studie liefern könnte.

Die zweite Studie in diesem Band mit dem Titel „Preserving the Community in Gabriel García Márquez’s Crónica de una muerte anunciada“ (Chronik eines vorausgesagten Todes) von Grace A. Gomashie (Doktorandin im ersten Studienjahr in Hispanic Studies an der Western University, London, Ontario, Canada), untersucht die diskursive Funktion der Namengebung in einer fiktiven Gemeinschaft in diesem Roman. Gabriel García Márquez erzählt eine spannende Geschichte vom Tode eines jungen Mannes arabischer Abstammung, Santiago Nasar, verursacht von den Zwillingen Pedro und Pablo Vicario, die damit die Deflorierung ihrer Schwester Angela rächen wollen. Der Erzähler lässt offen, ob Santiago der Täter ist und wer in Wirklichkeit Angelas Liebhaber war. Aus diesen Gründen kann der Roman sehr unterschiedlich interpretiert werden, was die Täter angeht. Und hier schlägt Gomashie vor, die Variable der Namengebung im Roman zu untersuchen. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass die Wahl der Namen keineswegs zufällig oder willkürlich ist, und dass der Autor im Gegenteil durch die Namengebung die Rollen der Charaktere in ihrer erzählerischen Funktion in der fiktiven Gemeinschaft darstellen will. Diese Namengebung bringt Gomashie zu dem Schluss, dass Santiago Nasar das Opferlamm darstellt, weil er seine hispanisch-maurische Herkunft nicht verleugnet und deshalb als Außenseiter in der Gemeinschaft angesehen wird. Also bezeichnet der Name selbst die gespannte Koexistenz zwischen Arabern und Hispanics in der Stadt, und obwohl Araber schon drei Generationen lang in der Gemeinschaft leben und als eine Gruppe von friedliebenden Einwanderern beschrieben werden, werden sie trotzdem wegen ihres Festhalten an ihren Bräuchen, ihrer Küche, ihren Gewohnheiten und ihrer Sprache als Außenseiter angesehen. Dazu kommt noch ein stereotyper Klassenunterschied, denn sie werden im Allgemeinen als reichtumssuchende und deshalb unbesiegbare Mitglieder der Bourgeoisie angesehen, während die Gebrüder Vicario zum Proletariat gezählt werden, die genug von der Ungleichheit haben. Dieser augenscheinliche Klassenkampf kommt in der Frage des Fleischers Santos zum Ausdruck, warum die Gebrüder Vicario ausgerechnet Santiago Nasar umbringen mussten, wo es doch viel reichere Leute gäbe, die den Tod noch viel mehr verdienten. Während Santiago Nasars Name ihn schon von vornherein als abweichend von der Gemeinschaft markiert, sind die Vicarios die Torwächter der Bräuche und Werte dieser Gemeinschaft. Gomashie zeigt in ihrer Analyse des Romans von García Márquez, wie die Namengebungsstrategie des Autors zur Grundbedeutung seines Werkes beiträgt, nämlich den Konflikt in einer Gemeinschaft, die am Jungfräulichkeitskult festhält, selbst wenn in dem gegeben Fall ein wahrscheinlich Unschuldiger (der Autor lässt diese Frage offen und Angela gibt auch keine Antwort) zum Tode verurteilt werden könnte. Alles in allem hat die Doktorandin Grace A. Gomashie eine gelungene namenkundliche Analyse dieses Romans vorgelegt, die man als Modell für namenkundliche Analysen literarischer Werke nur hoch empfehlen kann. Weiterhin sind 20 Literaturhinweise zum Thema des Romans selbst oder allgemein zum Konflikt Gemeinschaft gegenüber Außenseitern in der Prosa der Gegenwart enthalten.

Wie üblich, schließt auch dieser Band der Onomastica Canadiana mit zwei Buchbesprechungen. Die erste, auf Französisch, von Carol J. Léonard, Assistant Editor der Zeitschrift, befasst sich mit dem Band Répertoire des gentilés officiels du Québec (Repertoire der Einwohnernamen von Québec, von Jean-Yves Dugas und Gabriel Martin). Dieser Band korrigiert und vervollständigt die früheren Listen und Werke, die von Jean-Yves Dugas veröffentlicht wurden (1981; 1987; supplement 1995).

Die zweite Buchbesprechung (auf Englisch) stammt aus der Feder von Donald J. Orth, Professor am Polytechnischen Institut an der State University of Virginia, und Verfasser des Wörterbuchs der Ortsnamen von Alaska, herausgegeben vom United States Geological Survey. Orth bespricht das Buch Place Names in Wisconsin (Madison: University of Wisconsin Press, 2016) des nun schon weitbekannten amerikanischen Onomasten und Professor emeritus der Sprachwissenschaft Edward Callery (Northern Illinois University in DeKalb, Illinois). Die Leser seiner Arbeiten über die Toponymik des Staates Wisconsin verbinden Callery mit dem Zitat „Man findet fast das gesamte Europa in Wisconsin“, d. h., zum Beispiel wenn man einen Reiseatlas des Staates Wisconsin durchsieht. Callary unterscheidet fünf Kategorien von Namen in Wisconsin: indigene Ortsnamen, französische Ortsnamen, transferierte Namen, Gedenknamen, und andere Namen. In der  Kategorie indigener Namen räumt Callery ein, dass viele solcher Namen als „pseudo-indigene Namen“ bezeichnet werden sollten, weil sie in Wirklichkeit von Europäern in einem Anflug von Nostalgie für vergangene Zeiten geprägt wurden (S. 57 in Orth). Als Beispiel gibt Orth den indigenen Namen für ein Knollengewächs, das im Französischen „pomme de terre“ ergab, rückübersetzt ins Englische als „apple“ (Apfel) wie in dem Flussnamen „Apple River“ (S. 58 in Orth). Daher sind viele Flurnamen heute indigene/französische Mischnamen, z. B. ein „lake of the torches“ (See der Fackeln) ergab das heutige Lake Flambeau. Ähnliche rückübersetzte Mischnamen sind sicherlich La Crosse, Prairie du Sac, Prairie du Chien und Fond du Lac (S. 58 in Orth).

Callerys zweite Kategorie von Namen sind seine sogenannten „transfer names“, also zumeist Namen aus dem alten Europa versehen mit der Modifikation „new“, z. B. New Amsterdam, New Berlin, New Denmark. Callery bezeichnet New York als den Preisträger in dieser Kategorie, denn fast einhundertmal ziert der Name New York die Toponyme Wisconsins. Es gibt sogar einen Namen, der seinen Weg stufenweise durch das Land fand. Das ist der Name Wyoming. Abgeleitet von einem Namen in der Delawaresprache, bezeichnete der Name erstens damit das Wyomingtal und wurde dann populär durch ein Gedicht von Thomas Campbell mit dem Titel Gertrude von Wyoming. Danach wurde der Name im Staat New York sowie einem weiteren Dutzend Staaten verbreitet, bis er dann in Wisconsin (Bezirk Waupaca) und dem Staat Wyoming fest wurde.

Die vierte Kategorie der Namen in Wisconsin, die Gedenknamen, wurde zur Stärkung des Nationalgefühls der Amerikaner nach 1836 immer öfter angewandt, so dass z. B. die Namen von 20 Gouverneuren von Wisconsin in den Namen von Bezirken, Städten und Gemeinden geehrt werden. Callarys letzte Kategorie von Namen in Wisconsin ist die der „Other Names“ (also „anderer Namen“). Diese Kategorie schließt religiöse Namen ein, wie z. B. Jericho, Calvary oder Lebanon. Deutsche Namen stammen hauptsächlich aus dem landwirtschaftlichen Gebiet des „Wisconsin Holyland“ mit seinem fest zusammengewachsenen deutschen Gemeindeleben und monumentalen römisch-katholischen Kirchen, die ihre Spuren in etwa ein Dutzend Namen in diesem Gebiet hinterlassen haben. Seit Oktober 2016 ist das Buch von Callary auch als Paperback verfügbar (360 Seiten; ISBN-10:0299309649; ISBN-13:978-0299309640).

Der vorliegende besprochene Band der Onomastica Canadiana zeigt, dass sich die Onomastik in Kanada immer mehr der europäischen, besonders der deutschen Forschungstendenz in ihrer engen Verbundenheit mit der sprachwissenschaftlichen Forschung angleicht. Die kanadische Forschung, zumal in der Provinz Québec, geht dabei auch öfter eigene Wege, wie z. B. in der Arbeit von Pierre Gendreau-Hétu mit seiner Untersuchung eines „Toponymarchipels“ oder in der Arbeit von Grace A. Gomashie mit ihrer „toponymischen Lesung“ des bekannten Romans von García Márquez’s („Crónica de una muerte anunciada“ [Chronik eines vorausgesagten Todes]), die die früheren Ausgaben in Vielem übertrifft.

Empfohlene Zitierweise
Gunter Schaarschmidt: [Rezension zu] Onomastica Canadiana 96/1–2 (2017), in: Onomastikblog [25.09.2018], URL: https://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-onomastica-canadiana-96-1-2/

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