Daniel Kroiß, Humanistennamen. Entstehung, Struktur und Verbreitung latinisierter und gräzisierter Familiennamen (= Lingua academica, Band 6). Berlin und Boston: de Gruyter 2020. – ISBN: 9783110744347, Preis: EUR 99,95 (DE).

Rezensiert von Christof Rolker, Bamberg

Als Konrad Kürsner, Sohn und Enkel eines Kürschners aus Rufach, sich 1494 in Heidelberg immatrikulierte, wurde sein Name als Pellifex in die Matrikel eingetragen. Sein Onkel jedoch (zugleich Rektor der Universität) änderte diesen Namen in Pellicanus, und der Neffe nutzte diesen Namen mit und ohne den Zusatz Rubeaquensis auch in gelehrten Kontexten, im Alltag nannte er sich hingegen Pelikan. Welche dieser Bezeichnungen – Kürsner, Pellifex, Pellicanus, Rubeaquensis, Pellikan – sind Familiennamen, welche gar Humanistennamen? Und was hat diese Episode mit dem rezenten Vorkommen dieser Namen zu tun?

Mit solchen Problemen hat sich zu beschäftigen, wer sich wie Daniel Kroiß dem spannenden Phänomen der Humanistennamen nähern will, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Bildung als auch ihrem Fortleben bis in die Gegenwart. Die Arbeit ist als linguistische Dissertation entstanden, um so löblicher ist die Berücksichtigung auch literaturwissenschaftlicher und historischer Forschung.

Im ersten Kapitel werden Fragestellung, Forschungsstand und Operationalisierung der Arbeit ebenso knapp wie klar entwickelt. Die negative Darstellung des Themas in der älteren Forschungsliteratur, die Kroiß in aller Kürze deutlich macht, mag dazu beigetragen haben, warum es tatsächlich wenige vertiefte Studien zum Thema gibt. Das sehr kurze zweite Kapitel skizziert Personennamen in Antike und Mittelalter und ist für die weitere Arbeit vor allem insofern relevant, als sich Humanisten auf antike Namenpraktiken bezogen, diese aber (wie Kroiß überzeugend darlegt) keineswegs nachahmten.

Das dritte Kapitel stellt zunächst Humanisten und ihre Namen vor (Kap. 3.1 und 3.2). Hier geht es also um die gelehrten oder sich jedenfalls gelehrt gebenden Selbststilisierungen der deutschen Humanisten, von bekannten Fällen wie Conradus Celtis Protucius bis zu unbekannteren wie Iacobus Theodoricus Tabernaemontanus. Die Vielfalt der Namen, ihrer Bildungsweisen und ihrer teils nur ephemeren Nutzungen wird dabei sehr anschaulich. Die Gruppe der Humanisten hätte aber durchaus um einige Gelehrte, die sich vor allem aus religiösen Gründen für antike Texte und Sprachen interessierten, erweitert werden können: Auch Martin „Eleutherius“ Luther oder Erasmus „Desiderius“ Rotterdamus haben sich und anderen humanistisch-gelehrte Namen beigelegt. Das folgende Unterkapitel 3.3 spielt eine zentrale argumentative Rolle: Kroiß untersucht hier die Familiennamen in Matrikeln eines halben Dutzend Universitäten von Löwen über Heidelberg bis Rostock zwischen 1450 und 1700. Überzeugend kann Kroiß zeigen, dass es deutliche langfristige Trends gab, ob Namen latinisiert wurden und wenn ja, in welcher Weise. Das kurze Unterkapitel 3.4 schließlich widmet sich laut Überschrift „Latinisierte[n] Familiennamen in historischen Grammatiken“, tatsächlich aber geht es fast nur um zwei Grammatiken des 19. Jahrhunderts (nicht, wie man hätte erwarten können, um die entsprechenden Werke des 15.–17. Jahrhunderts).

Kapitel vier geht von rezenten Humanistennamen aus. Zu Recht ausführlich wird dabei die Selektion der entsprechenden Namen behandelt, denn es ist alles andere als einfach, systematisch alle plausiblerweise auf Latinisierungen oder Gräcisierungen zurückgehenden Familiennamen zu erfassen. (Hebraisierungen hat Kroiß ebenfalls untersucht – mit dem bemerkenswerten Befund, dass nur in einem Fall von einer gesicherten Hebraisierung gesprochen werden kann.) Kroiß berücksichtigt eine sehr große Vielfalt von unterschiedlichen Namen und schafft bei seinen Leser.innen das Vertrauen, dass sein Corpus weder wichtige Gruppen latinisierter Familiennamen übersieht noch allzu pauschal als Latinisierung erfasst, was einer solchen nur zufällig ähnelt (wie z. B. auf -hus endende Namen im Unterschied zu Latinisierungen mit dem Suffix -us).

Damit ist auch die Grundlage für das fünfte Kapitel gelegt, welches sich der räumlichen Verbreitung der rezenten Humanistennamen widmet. Kroiß diskutiert die (spärlichen) Hypothesen der älteren Forschung und überprüft vor allem die Befunde von Bochenek, der 2012 eine Häufung von bestimmten latinisierten Familiennamen in den Rheinlanden und westlich davon sowie in Ostfriesland beobachtet hatte. Kroiß nutzt wie Bochenek die Datenbank des Deutschen Familiennamenatlas’, variiert sein Forschungsdesign aber sinnvoll, um verschiedene Erklärungen zu testen. Für einzelne Namen bzw. Namentypen ergeben sich dabei teilweise deutliche regionale Cluster (aus griechischen Rufnamen abgeleitete Familiennamen auf -ides scheinen um 1890 stark auf Schlesien konzentriert gewesen zu sein), aber bei allen häufigeren der auf Latinisierungen zurückgehenden Familiennamen bestätigt sich die Konzentration vor allem im äußersten Westen Deutschlands doch deutlich. Die meisten dieser Namen sind wohl keine „Humanistennamen“ in dem Sinne, dass sie historisch auf humanistische Gelehrte der Frühen Neuzeit zurückgehen. Hingegen kann Kroiß für bestimmte ostfriesische Familiennamen sehr wohl plausibel machen, dass diese nicht einfach latinisierte Herkunftsnamen seien, sondern auf frühneuzeitliche Universitätsbesucher zurückgehen: Während in Ostfriesland in dieser Zeit allgemein patronymische Benennungen üblich waren und gerade keine stabilen Familiennamen, erhielten auch ostfriesische Studenten bei der Immatrikulation eine latinisierte Herkunftsbezeichnung, die sich dann unter ihren Nachkommen als Familienname, der zusätzlich zu den patronymischen Bezeichnungen geführt wurde, etablieren konnte (226–228). Diese Befunde dürften sich, wie Kroiß andeutet, auf relativ große Gebiete mit patronymischen Namensystemen übertragen lassen.

Das Fazit stellt die reichhaltigen Ergebnisse der Arbeit, die im Rahmen dieser Rezension nur teilweise vorgestellt werden können, knapp und deutlich zusammen; zugleich gibt Kroiß einige Hinweise auf verbleibende Forschungsdesiderate, die er vor allem im außerdeutschen Sprachraum sieht.

Auch eine Rezension soll mit einem Fazit schließen. Kroiß hat eine überzeugende Studie zu einem sowohl historisch als auch linguistisch interessanten Gegenstand vorgelegt. Nach dem Lesen kann man sich nur wundern, warum in den letzten Jahrzehnten keine monographische Arbeit zu Humanistennamen erschienen ist, und Kroiß zur Wahl des Themas ebenso wie zur gelungenen Durchführung gratulieren. Der Schwerpunkt der Arbeit ist eindeutig und legitimerweise ein linguistischer; wenn der Rezensent nach der Lektüre noch Desiderate empfindet, dann im historischen Bereich:

Zunächst fällt eine gewisse argumentative Lücke zwischen dem historischen und dem auf die Gegenwart bezogenen Teil auf. Da Kroiß auch in den historischen Teilen (insbesondere Kap. 3.3) stark auf Familiennamen fokussiert, die in der Gegenwart besonders frequent sind, lassen sich historische Bildungen der Humanistennamen in der Frühen Neuzeit und ihre Tradierung bis zur Gegenwart nicht immer kontrastieren. Für manche Argumente ist dies unschädlich, aber das Forschungsdesign erlaubt schlicht keine Aussagen, wie sich Humanistennamen des 15.–17. Jahrhunderts von denen des 20. Jahrhunderts unterschieden. Waren zum Beispiel Bildungen auf -ius immer schon häufiger als solche auf -us, oder ist dies erst das Ergebnis einer selektiven Weitergabe der entsprechenden Familiennamen in den späteren Jahrhunderten? Ein skeptischer Leser könnte auch anmerken, dass erst die Untersuchung anderer „Kandidaten“ (insbesondere des lateinischen Verwaltungsschriftguts außerhalb der Universitäten) es erlauben würde, den spezifisch humanistischen bzw. universitären Einfluss auf rezente Familiennamen zu etablieren; Kroiß liefert zahlreiche Argumente (und auch einzelne Fallbeispiele), die für diesen Einfluss sprechen, geht aber zu wenig auf andere Traditionen ein, um hier ebenso große Sicherheit zu erreichen, wie er dies in anderen Teilen seiner Arbeit eindeutig tut. Schließlich werden auch Widerstände gegen Latinisierungen und Antikisierungen von Namen überraschend wenig behandelt. Kroiß erwähnt zwar die negative Konnotation von Humanistennamen in der nationalistischen bis völkischen Forschungstradition des 20. Jahrhunderts (kanonisiert in Adolf Bachs Namenkunde), geht aber kaum auf Diskussionen des 15. und 16. Jahrhunderts ein: Das fälschlich Luther zugeschriebene Namenbüchlein, Georg Witzels Onomasticon oder der lange Katalog von Namen in Aventins Baierischer Chronik bieten reiches Material dafür, wie unterschiedliche Gruppen mit im weitesten Sinne „fremden“ Namen umgingen.

Aber dass beim Rezensenten nach Lektüre des Buches solche Wünsche aufkommen, ist keine Schwäche der anzuzeigenden Monographie. Im Gegenteil: Sie präsentiert wichtige, gut gesicherte Ergebnisse zu einem relevanten Forschungsgebiet und regt gerade durch ihre Stärken dazu an, weitere Forschungsfragen zu entwickeln. Dem Buch sind viele Leser.innen zu wünschen, und es ist dem Autor ebenso wie der Onomastik zu wünschen, dass dies auch noch zu weiteren Forschungen zu Humanistennamen führt, die hoffentlich ebenso bereichernd sein werden, wie dieses Buch es ist.

Empfohlene Zitierweise
Christof Rolker: [Rezension zu] Humanistennamen, in: Onomastikblog [13.06.2022], URL: https://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-humanistennamen

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