Hans-Peter Eckart: Augsburg. Alte Kreisfreie Stadt und Altlandkreis (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Hrsg. von der Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Schwaben, Band 14). München: Kommission für Bayerische Landesgeschichte 2019, 397 S., 1 Karte – ISBN 978-3-7696-6592-5, Preis EUR 49,00 (DE).

Rezensiert von Albrecht Greule, Regensburg

Dem historischen Ortsnamenbuch für die Stadt und den Altlandkreis Augsburg kommt wegen der einzigartigen Stellung von Augsburg in der bayerischen Geschichte besondere Bedeutung zu. Augsburg ist eine römische Gründung und war als Augusta Vindelicum Hauptort der Provinz Raetia Secunda. Der Name ist seit dem 2. Jh. n. Chr. (zuerst als Aelia Augusta) derart oft belegt, dass sich der Autor des Historischen Ortsnamenbuchs (HONB) zurecht entschied, die Entwicklung des Namens auf der Grundlage einer Belegauswahl (S. 25f.) zu erklären. Der wichtigste Einschnitt in der Namenüberlieferung ist ab dem 9. Jh. die ahd. Bildung eines Kompositums Augusburc mit dem Grundwort burg als Hinweis auf die ehemals große römische Siedlung (vgl. Regensburg, Salzburg, Straßburg). Entsprechend zum Weiterleben des römischen Namens Augusta, wenn auch als romanisch-germanischer „Mischname“, würde der Siedlungshistoriker erwarten, dass auch im Umkreis der römischen Stadt noch romanische und vorrömische Namen nachweisbar sind. Auch der Autor vermutet dies (S. 36*), kann aber mit Sicherheit nur die Flussnamen Lech, Wertach und Zusam als vorgermanische Relikte anführen und die Ortsnamen Pfersee und Kriegshaber als „vordeutsches“ Namengut in Erwägung ziehen (siehe unten). Nimmt man die Hydronymie des Untersuchungsgebiets in Augenschein – zu Lech, Wertach und Zusam sind die Namen Laugna, Singold/Senkel, die im HONB Augsburg keinen eigenen Namenartikel bekommen, Schmutter (S. 244–246), Biber(ach) (S. 42) und Roth (S. 44) zu ergänzen – dann kristallisiert sich ein bekanntes Bild heraus: Vorromanische Flussnamen sind Lech (< roman./vorahd. *Licus), Laugna (< roman./vorahd. *Lougona), Zusam (< roman./vorahd. *Tusma) und Wertach (< roman./vorahd. *Werda mit sekundärem Grundwort ahd. aha ‘Fluss’); alemannische Namen sind Schmutter (ahd. Smuttura), Singold/Senkel (ahd. Sinkalta ‘die immer Kalte’) und Roth (ahd. *Rōta ‘die Rote’). Namen, die nachweislich von den Römern im Untersuchungsgebiet (UG) vergeben und sich in die Sprache der Alemannen hätten „hinüberretten“ können, sind außer Augusta nicht bekannt. Die vorromanischen Namen wurden von den Römern übernommen und an die Alemannen weitergegeben. Eine keltische Etymologie kann nur für Laugna und Zusam erwogen werden, nicht für Lech und Wertach; für beide Namen wird eine indogermanisch-voreinzelsprachliche Herkunft diskutiert.

Dem Verhältnis von Siedlungsgeschichte und Ortsnamen widmet Hans-Peter Eckart ein ausführliches Kapitel (S. 35*–56*), das anhand der namenbildenden Elemente (-ingen, -heim, -dorf, -stetten, -hofen, -hausen, -weiler, -kirch, -mühle, -ach, -bach, -au, -brunn, -ried, -(ge)reut) und ihrer Semantik eine lesenswerte Auswertung der 239 alphabetisch geordneten Ortsartikel bietet. Besonders wertvoll sind in diesem Kapitel die acht Übersichtskarten. Die Auswertung der großen in den Ortsartikeln erfassten Informationen erstreckt sich auch auf eine ebenso lesenswerte grammatische Darstellung der morphologischen, lautlichen und graphischen Entwicklung der Ortsnamen des Untersuchungsgebietes (S. 57*–76*). Dankbar nimmt man auch zur Kenntnis, dass die in den Ortsnamen verbauten Personennamen im Anhang III (S. 316–319) aufgelistet werden.

Die Ortsartikel sind in der „klassischen“ Weise gegliedert: (1) Namen-Lemma mit Angabe des Planquadrats, in dem auf der beiliegenden Karte der Ort zu finden ist und statistische Angaben, (2) Hinweise zur Siedlungsgeschichte im Petit-Druck, (3) chronologisch angeordnete Belege (erschlossene Zeitangaben in eckigen Klammern!), die Namenbelege sind teils in regest-ähnlichem Kontext eingebettet, z. B. 832 (Ann. 9. Jh., Kop. 11. Jh.) Ludwig II. unterwirft sich seinem Vater Ludwig dem Frommen in Augustburg super Lech (S. 25), Verweise auf die Beleg-Quellen per Fußnoten-Index, (4) Mundartform(en), (5) Erklärung und sprachwissenschaftliche Analyse, wobei den Leser besonders beeindrucken dürfte, mit welcher Genauigkeit ältere Deutungen referiert werden und aus ihnen ein neuer eigener Ansatz herausgearbeitet wird, z. B. im Ortsartikel Dinkelscherben mit der vorgeschlagenen Namendeutung: *Denchiles-erben ‘bei den Erben des Denchil’ (S. 66–69). Mit einem Ortsartikel werden die Namen aller bestehenden und abgegangenen Siedlungen des Altlandkreises und der Kreisfreien Stadt Augsburg auf der Grundlage des Amtlichen Ortsverzeichnisses für Bayern sowie die Namen der das UG prägenden Flüsse bedacht. Zur Quellenlage äußert sich der Autor wie folgt: „[…] die vorhandenen Quellen erweisen sich […] als sehr überschaubar, insbesondere für die Zeit vor 1100“, was zur Folge habe, dass nicht immer eine eindeutige Interpretation der Ortsnamen möglich sei (S. 17*). Andererseits wird auf die Sichtung der Quellen in Gemeindearchiven verzichtet, weil von ihnen keine alten Namensformen zu erwarten seien. (S. 18*).

Einige auffällige Namen im UG sind außer Dinkelscherben: Nr. 30 Bieselbach < *Puozilnbach ‘Siedlung des Puozilo am Bach’, Nr. 48 Ehgatten < 1322 Egerd-ach ‘Siedlung im Brachland’, Nr. 84 Häder < *Haerderiu ‘bei dem am Weidewald Wohnenden’, Nr. 87 Hammel < mhd. hamel ‘schroff abgebrochene Anhöhe, Klippe, Berg’, Nr. 125 Kruichen < 1290 Crivchen, mhd. krieche ‘Krieche, Pflaumenschlehe’, Nr. 147 Mutterhofen < *Muotheres-hofen ‘zu den Höfen des Muotheri’, Nr. 165 Radau, an der Singold gelegen, 1230 Radowe, hat eine genaue Parallele im Flussnamen Radau (im Harz, Niedersachen) und – bis auf das Grundwort – in Rodach, Fluss zum Main (9. Jh. Radaha), und Rodach (Kreis Coburg), das Bestimmungswort ist identisch mit -rade (ahd. rado ‘schnell’) in nhd. gerade und benennt Siedlungen an einem gerade verlaufenden Fließgewässer. Im Fall von Nr. 29 Biburg, an der Biber(ach), Fluss zur Schmutter, gelegen, konstruiert H.-P. Eckart einen lautgeschichtlichen Zusammenhang zwischen dem ältesten Beleg 1178 villa Biberin und der 1345 in einer Originalurkunde Ludwigs des Bayern auftauchenden Bezeichnung Vogtei zu Piburg. Die nicht recht überzeugende Darstellung der lautgeschichtlichen Entwicklung Biberin > Biburg (S. 42) erübrigt sich, wenn man von zwei Namen ausgeht: 1. Biberin war – wie von Joseph Schnetz vermutet – ursprünglich der alte Name des Biberbachs (vgl. den Flussnamen Bibere im Kanton Luzern, 1596 die Biberen), an dem eine *biburg ‘umwallte Anlage’ (vgl. gotisch bibaúrgeins ‘Lager’) errichtet wurde.

Zu den Namen Nr. 124 Kriegshaber und Nr. 163 Pfersee, die beide im Umkreis von Augsburg liegen, erklärt der Autor, dass infolge der nicht sicher zu klärenden Etymologie man überlegen könne, „ob es sich um Ortsnamen mit vordeutschem Namengut handelt, zumal sehr wahrscheinlich in der unmittelbaren Umgebung der alten Römerstadt Augsburg die galloromanische Bevölkerung siedelte“ (S. 36*). Bei genauer Betrachtung des Materials, das im HONB zu den Namen bereit gestellt wird, liegt für Kriegshaber die Deutung aus dem Althochdeutschen näher als die Spekulation über romanische Namenreste. Die ältesten Belege legen eine ahd. Grundform *zi Kriaches-afaron ‘bei den Nachfahren des Kriach’ (< lat. *Grēcus) nahe (vgl. die analoge Erklärung von Dinkelscherben). Im Unterschied dazu führen die Versuche, Pfersee aus dem Deutschen zu erklären, in eine Aporie, so dass es methodisch erlaubt ist, für die als gesichert geltende Ausgangsform ahd. *Pfërres (S. 208) Anschluss an romanisches Namengut zu suchen. Analog zu lat. (ad) Fines, jetzt ON. Pfyn (Kanton Thurgau) schlage ich vor, für Pfersee von einem Namen ad Ferra, dem lateinischen Plural von ferrum ‘Eisen’ (Bedeutung: ‘Ort, an dem Eisenwerkzeuge hergestellt werden, Schmiede’) auszugehen; ad Ferra dürfte sich zu ahd. zi/in *Ferras, mit Sprosskonsonant *in Pferras, und zu mhd. (ze, in) Pferres-e, Pferse entwickelt haben. Ob auf diese Weise ein romanischer Name für einen Ort vor den Toren von Augsburg nachgewiesen werden kann, müsste durch archäologische Funde bestätigt werden.

Empfohlene Zitierweise
Albrecht Greule: [Rezension zu] Augsburg, in: Onomastikblog [1.09.2020], URL: https://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-augsburg

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