Zwei frühbezeugte späturslawische (altsorbische) episkoptische Bewohnernamen

Von Bernd Koenitz

Der soeben veröffentlichten Entdeckung des altsorbischen pluralischen episkoptischen zweigliedrigen Bewohnernamens *Žabousti (heute Zobes) (Koenitz 2022) schloß sich gleich nach Absendung an die Redaktion des Onomastikblogs eine weitere interessante Entdeckung an: Oikonym vom gleichen Grundtyp, mit demselben Basiswort im Vorderglied, relativ früh bezeugt, von Ernst Eichler (1985-2009: IV, 95) angeführt unter dem Lemma Zabitz (I), Ortsteil von Freist, nordwestlich Wettin, deklariert als wohl hierzu gehörig, bezeugt zum Jahr 992 Siabudisci. Sein Deutungsversuch als Patronymikum zu einem Personennamen mit -bud war offenbar eine Sackgasse, denn die darauf basierende tentative Annahme einer Grundform *Sebudici erschien ihm nicht gesichert, da „die Schreibung -<ia>- schwer auf einen altsorbischen Vokal zu beziehen“ sei. Übersehen wurde die Möglichkeit, daß diese Graphemverbindung nicht für einen Vokal stehen müßte, sondern das -<i>- als ein Palatalisierungszeichen zum Konsonanten zu betrachten sein könnte. Ein anderer Fall, wo in frühmittelalterlichem Text das -<i>- dazu benutzt wurde, einen palatalen slawischen Zischlaut wiederzugeben, findet sich bei Thietmar von Merseburg mit 1012/18 Sciciani, zu lesen offenbar als [ʐ(i)ʧiʧani] für altsorbisch *Žiťčane, wo an anderer Stelle mit <Cziczani>  -[ʧa]- statt durch -<cia>- durch -<cza> wiedergegeben wird (Thietmar Chronik VI 69, VIII 1; zu Seitschen, vgl. HONSa 2001: II, 410). Auch 992 (!) Osutiscie  (s.u.) ist mit -<cie>- für *-če- dafür ein Beispiel. Da in Dokumenten dieser Zeit -<u>- außer für -/u/- öfters für slawisch -/o/-, -/uo/-, -/ou/- steht (vgl. Koenitz 2020: 253f.), kann ohne weiteres die Grundform späturslawisch *Žaboudьci ›die Froschgliedrigen‹, zu *žaba ›Frosch‹ und *ud- ›Glied‹ angenommen werden, ein kollektiver Spitzname, mit welchem die Nachbarn die Bewohner der Siedlung als angeblich mit Gliedmaßen wie Frösche ausgestattet („Froschbeine“, vgl. den deutschen Familiennamen Krummbein) verspotteten.

Die Graphie -<isc>- für *-/its/- bzw. *-ьc- oder *-ic- ist auffällig. Sie findet sich ebenso im Beleg 992 Frezisci (Eichler a.a.O.: I, 119) für Freist sowie im Beleg 992 Osutiscie für Oeste (Eichler a.a.O.: III, 45), wobei Oeste wie Zabitz I Ortsteile der zu Gerbstedt, Landkreis Mansfeld-Südharz, gehörenden Ortschaft Freist sind. Die Graphie -<isc>- beruht bei Zabitz klar auf fälschlicher Übernahme aus 992 Osutiscie  für *Osъtišče zu Oeste, ›Distelgelände‹, gebildet mit dem Suffix *-išče zu *osъtъ ›Distel‹. Daß der Beleg <Zabudisci> nicht etwa für ein Patronymikum – auf *-ici stehen muß, zeigt die Wiedergabe des reduzierten Vokals *-ъ- in schwacher Stellung durch -<u>- in Osutiscie, erweist dies doch, daß zu jener Zeit in dieser Gegend der dann (wohl im 11. Jahrhundert) im Altsorbischen anstehende Ausfall des Vokals noch nicht eingetreten ist und somit in <Zabudisci> -<i>- auch für den reduzierten Vokal *-ь- in Frage kommt. (Im Falle von <Frezisci>, von Eichler a.a.O. ebenfalls mit *-ьc- oder *-ic- zu *wersъ/*wresъ ›Heidekraut‹ gedeutet, kommt aus semantischen Gründen und angesichts des nahen <Osutiscie> wohl eher *Wresišče ›Heidekrautgelände> in Betracht.)

Der Name *Žaboudьci ist ganz ähnlich dem Namen *Žabousti ›die Froschmäuligen‹, der Grundform von Zobes (Koenitz 2022). Die Stämme beider Namen sind primär Adjektivstämme, worauf Profous (1954-1960: IV, 799) zu Žabokrky mit Nennung der Beispiele (tschechisch) psohlavý und (altbulgarisch) vologlavъ hinweist. Im Toponym geschieht in beiden Fällen Substantivierung des Adjektivs, jedoch in *Žabousti durch  Konversion, in *Žaboudьci hingegen durch Suffigierung mit *-c-. Die entsprechende Bildung von pluralischen episkoptischen Ortsnamen mit einem Kompositum als Basis ist zu vergleichen mit der allerdings jüngeren Bezeichnung Psohlavci ›die Hundsköpfe‹ für die Angehörigen der tschechischen Volksgruppe, die ab 14. Jahrhundert in Westböhmen Grenzschutzfunktionen zu versehen hatten. Dieser Typ „Psohlavci“ kommt in der reich mit zweigliedrigen episkoptischen Bewohnernamen ausgestatteten älteren, urtschechischen Oikonymie anscheinend kaum vor. Morphosyntaktisch die gleiche wäre jedoch die Struktur von (1415) *Šťáhlavce, jetzt Šťáhlavice, jedoch in eindeutig deminutiver Funktion, relativ spät (1379) *Šťáhlavy       Minor [= Klein-Šť.] ersetzend, das in der Nähe von Šťáhlavy liegt (wohl aus *Tъštę glawy ›Leere Köpfe‹ Profous 1954-1960: IV, 293). Für deminutive Funktion gibt es bei <Siabudisci> jedenfalls keinen Anhaltspunkt.

Nun scheint es, daß auf altwestsorbischem Gebiet mindestens noch ein weiterer zweigliedriger episkoptischer pluralischer Bewohnername mit -c-Suffix zu entdecken ist, und zwar belegt zum selben Jahr 992, ebenfalls im linkselbischen Mittelelbegebiet: Kleudritz(sch), Wüstung, Landkreis Nordsachsen?, Ortswüstung links der Elbe, genaue Lage unbekannt: 992 Cliudirici (nach hov.isgv.de). Auch bei diesem Ortsnamen gehen die Deutungsversuche in bisheriger Forschung wahrscheinlich fehl. Recht eindeutig vorliegend und als solche einhellig angesetzt wird, H. Wieber (1968: 23) folgend, für die Anfangssequenz die späturslawische Wurzel *kljud-. Wie bei Zabitz I erweist sich  letztlich die Voraussetzung, es liege ein Patronymikum vor, vielleicht  als allzu unzweifelhaft und bereitete jedenfalls Schwierigkeiten. Eine Personenbezeichnung oder ein daraus abgeleiteter Personenname *kľud-ŕ (so mit berechtigter Strukturlücke Bily 1996: 422) wurde von Wieber a.a.O. und Ernst Eichler (1985-2009: II, 34, vgl. auch HONSa 2001: I, 492) als eventuell *kľudaŕ/*Kľudaŕ ausbuchstabiert, hin zu altsorbisch *Kľudarici:  „... falls der Schreiber für a nach d versehentlich i eingesetzt hat, zu einer Personenbezeichnung *kľudaŕ, vgl. oso. kludźić ‘räumen, reinigen, zähmen’, kludźeŕ ‘Zähmer’ (mit fraglichem Alter) zu *kľud- ‘Ruhe’, Suffix -ici … ‘Siedlung der Leute eines Zähmers o. ä.’“ (HONSa a.a.O.). Ein obersorbisches *kľuďaŕ hätte, damit kludźeŕ entstehen konnte, vor Einsetzen des ae-Umlautes (18. Jahrhundert – Schaarschmidt 1997: 139) existiert haben sollen, aber die Existenz einer solchen Form als spätuslawische im 10. Jahrhundert erschien und erscheint als zweifelhaft. Das angenommene *kľudaŕ aber müßte wohl vom Substantiv *kľudъ gebildet sein; ein Reflex dieses existiert in den heutigen sorbischen Sprachen nicht, aber vor allem ist es andernorts, insbes. im (Alt-)Tschechischen, offenbar nicht mit der Bedeutung ›Zähmung, Bändigung‹ bezeugt. Der (auch der genannten Autoren eigener) Zweifel an der Deutung in der bisherigen Forschung scheint auch dadurch berechtigt, daß es offenbar nirgends ein solches noch eine entsprechende abgeleitete Personenbezeichnung gibt – im Alttschechischen nicht, obwohl laut Machek (1968: 256) da zum entsprechenden Grundverb kliditi auch die Wendung nakliditi koně pokliditi jej a zaopatřit vším potřebným [= das Pferd verpflegen und mit allem Notwendigen versorgen]belegt ist, die jedenfalls ein – bisher erklärtermaßen unsicheres –  hohes Alter des altsorbischen – genauer zunächst: altnieder- und -obersorbischen – Verbs *kľuditi in der Bedeutung ›[Pferde] zähmen‹ bzw. eine entsprechende Personenbezeichnung nahelegen könnte.

Zu einer alternativen Deutung von <Cliudirici> gelangt man, indem man davon ausgeht, daß das -<i>- der zweiten Silbe keinen Schreiberfehler darstellt, sondern für slawisch *-/i/- steht, und daß es sich nicht um ein Patronymikum, sondern um eine zweigliedrige pluralische Bildung */cliudi/ + /rici/ handelt. Auf diese Weise ergibt sich  die Rekonstruktion der Grundform als späturslawisch *Kljudiritьci, altsorbisch entstünde daraus *Kľudiriťci. Das Vorderglied enthält den Infinitivstamm oder den Imperativ von *kljuditi, das Hinterglied aber späturslawisch *ritь (Femininum) *After; Arsch‹ (altsorbisch *riť, obersorbisch rić, niedersorbisch riś, tschechisch řiť, slowakisch riť , polnisch rzyć usw.). Voraussetzung dieser Deutung ist in formaler Hinsicht die Annahme, daß in der Kanzlei eine irrtümliche Kürzung eines korrekten */kliudirititsi> geschehen ist, die fernhaplologisch */di/ … /ti(ts)/- zu */di(t)s/- vereinfachte. Die Bestimmung der Motivsemantik des Kompositums *kľudirit- ist schwierig in Anbetracht des mäandernden Bedeutungsflusses der slawischen Wurzel, insbes. des Verbs. Dieser ist eindrücklich von Machek (1968: 256) unter dem Lemma (tschechisch) kliditi dargeboten worden: Die Grundbedeutung sei im alttschechischen kľuditi roli (zemi, zahradu) ›[den Acker, die Erde, den Garten] säubern, jäten, in Ordnung halten (zur Vermeidung von viel Unkraut)‹ zu erkennen. Die weitere Entwicklung (mit Änderung des Objekts“) gehe über  kľuditi sěno (obilí atd.) ›[Heu, Getreide usw.] von der Wiese, dem Feld beseitigen, wegschaffen‹ hin zu neutschechisch kliditi, sklízeti in dieser Bedeutung (›ernten‹). Hinzu kämen auch  kliditi dům, cestu, dobytek ›[das Haus, den Weg, das Vieh] vom Schmutz befreien, säubern‹, bis hin zu neutschechisch uklízeti byt (= die Wohnung aufräumen, putzen), pokliditi dobytek (= vom Mist säubern, den Mist unterm Vieh wegschaufeln), alttschechisch nakliditi koně (= das Pferd verpflegen … – s.o.). Von der Vorstellung des Säuberns, Reinigens (hingeweisen wurde auch auf das neutschechische Postverbale úklid [ = das Reinemachen, Putzen]) gehe es weiter zum Leermachen, Aus-/Abräumen: vykliditi byt (= die Wohnung ausräumen), skliditi nádobí se stolu (= das Geschirr vom Tisch räumen), odkliditi něco (= etwas wegräumen, wegschaffen), bis hin gar zu kliditi se ([reflexiv] = weggehen [„sich fortmachen“]). Es folgen weitere Entwicklungen in tschechischen Dialekten zum Ein-, Um-, Ausziehen/-quartieren in Präfigierungen von kliditi, vielleicht gehöre zu kľuditi auch lachisch škľudiť ›stehlen. Als weitere Bedeutungsverzweigungen werden angeführt: Alttschechisch kľuditi auch über ein körperliches Bedürfnis (zu vergleichen sei počišťovati [ = reinigen], počišťující účinek [ = reinigende Wirkung]), und so könne man auch begreifen das ostmährische kľudiť na někoho ›hanu kydati =  auf  jemanden Schimpf und Schande ausschütten, jemanden beschimpfen, von daher dann lachisch und slowakisch k. quatschen, dumm reden‹. Die allgemeine Bedeutung machen, handelnschließlich enthalte die alttschechische Redensart (zle) se klidí ›(übel) geschieht mir, wird an mir gehandelt, über mich gedacht, geredet‹. Als Bedeutung des urslawischen Postverbales *kľudъ wird ›čistota, pořádek, řád [= Reinheit, Sauberkeit, Ordnung, Regelmäßigkeit]‹ angesetzt. Die Bedeutung des alt- bzw. neutschechischen kľud/klid ›Ruhe‹ wird als aus der letztgenannten Bedeutung entstanden erklärt. Während im Südslawischen die Wurzel ganz fehlt, seien – fast nur nominale – Spuren im Russischen zu finden und wird ansonsten nur das polnisch-dialektale Verb kludzić ›ordnen‹ und reflexiv k. się ›weggehen‹ genannt. Das obersorbische Verb kludźić und das niedersorbische kluźiś fehlen bei Machek. Wieber hat da für das obersorbische ›räumen, reinigen, schlichten, zähmen‹ (nach Pfuhl 1866: 259 – dort genauer: „räumen, reinigen, fechsen, schlichten …. gew[öhnlich]. zähmen, zahm machen ...“), für das niedersorbische nur ›zähmen‹. In Schuster-Šewc (1978-1989: 560f.) findet sich für die beiden heutigen sorbischen Sprachen zur Wurzel bzw. zum Verb keine Spur der für das Tschechische historisch an erster Stelle stehenden Bedeutung ›reinigen, säubern‹.

Schuster-Šewc a.a.O. nennt für die Vergleichssprache Tschechisch die meisten der oben referierten bei Machek aufgeführten Bedeutungen, es fehlt der Hinweis auf die für das Alttschechische genannte „Bedeutungsverzweigung“ auf „ein körperliches Bedürfnis“ (die offenbar in Ober- und Niedersorbisch nicht bezeugt ist). Für das Alttschechische lautet bei Hořejší (2009-) die verdeutlichende Bedeutungsangabe (dort siebente Bedeutung) für kľuditi do čeho kálet, vykonávat potřebu [= den Stuhl in etwas hinein ausscheiden]. Diese Bedeutung scheint für die Basis des Vordergliedes unseres *Kljudiritьci am ehesten relevant zu sein. Belegt ist das Verb in dieser Bedeutung wohl nur intransitiv (mit „do čeho – in etwas hinein“ finde ich gar keinen Beleg), und ihre Spezifizierung im Ausgangsmotiv sowie die Bestimmung des syntaktisch-semantischen Verhältnisses zum Hinterglied bleiben offen.

Zu der Rekonstruktion von <Cliudirici> als *Kľudiritьci drängt sich der Vergleich zu der tschechischen Schmähbezeichnung pasořitník, pasořit, auch (seltener) pasořitec ›Schmarotzer, Parasit‹ (SSJČ: II, 529)  auf – mit dem zum Stamm des Verbs pásti ›weiden, hüten‹ gebildeten Vorderglied (Machek 1968: 436) und dem Hinterglied zu řiť , im Alttschechischen als unsuffigiertes Stammkompositum pasořit, vereinzelt auch pasiřit (mit dem Vorderglied nach dem Imperativ) belegt (https://vokabular.ujc.cas.cz >hledání), in der heutigen Standardvariante mit Suffix -ník, in der zuletzt genannten mit -c-Suffix, womit die gleiche Struktur vorliegt wie in der Deutung von *Kľudiritьc-: späturslawisch/urtschechisch *Pasoritьc-. Zu pasořit gesellen sich pasobřich, auch břichopas (!) Feinschmecker, Vielfraß, Schmarotzerzu břich(o) ›Bauch‹. und alttschechisch auch die -c-suffigierte Form pasobřušec/pasobřišec (https://vokabular.ujc.cas.cz >hledání). Diese Personenbezeichnungen mit *-pas- sind sicher sehr alt, wird man doch für das Verständnis der Entstehung ihrer Bedeutung von der Vermutung auszugehen haben, daß die ursprüngliche Bedeutung von urslawisch *pasti allgemein ›chrániti, pečovati [= schützen, pflegen)‹ gewesen ist (Machek a.a.O.) und daß hier ursprünglich die Bedeutung ›gut pflegen, sich sehr kümmern‹ o.ä. (›der sich um seinen Bauch kümmert‹) zugrunde lag. (Machek a.a.O. zitiert dazu den Reformator Jan Hus mit der Wendung aby břich a řit pásl (etwa: auf daß er Bauch und After pflege [?], oder: … füttere – vgl. auch X.Y. [=Redaktion] 1924: 3, 96). Da pasobřich offenbar sowohl als Feinschmeckerals auch als ›Schmarotzer [bzgl. Essen und Trinken] verstanden werden konnte, wurde nach meiner Vermutung nur zur dieser Bedeutung entsprechenden Pejorisierung břich durch řiť ersetzt und dadurch dann der Form pasořit die Schmähbedeutung schließlich dauerhaft und als einzige angeheftet.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß bei der Namensgebung *Kľudiritьci das im Gebrauch wohl bereits fest etablierte *pasoritьcь (evtl. auch  – mit der Imperativform im Vorderglied – *pasiritьcь), gar persiflierend (Name vielleicht ursprünglich *Pasiriti oder *Pasiritьci gewesen?), aufgegriffen wurde. Auch wenn die Bedeutung des Verbs im Vorderglied wohl nicht mehr eindeutig spezifiziert werden kann, dürfte es sich bei dem Oikonym *Kľudiritьci jedenfalls um einen derben kollektiven Spitznamen handeln.

Ausgangsform für die spätere Übernahme des Namens war gewiß die Genitivform*Kľudiriťc, genauer */klʲudiritʲtʲsʲ/. Die Namensformen Kleudritz und Kleudritzsch, deren Quelle im Historischen Ortsverzeichnis (hov.isgv.de a.a.O.) und auch in HONSa (a.a.O.) nicht genannt ist, könnten bzgl. des Auslautes durchaus die Unsicherheit bei der Wiedergabe der palatalisierten Konsonantenhäufung im Sorbischen nachvollziehbar reflektieren (bei Kleudritzsch also der Auslaut durch die altsorbische Form begründet, nicht bloß deutsch-dialektale “Verzischung“).

Vorgeschlagen wird hier die Deutung zweier Namen zweifellos ur- und altsorbischer Herkunft alternativ zu problematischen Erklärungsversuchen der bisherigen Forschung

(a) als zweigliedrige pluralische episkoptische Bewohnernamen (kollektive Spitz- bzw. Schmähnamen),

(b) als vom Bildungstyp Kosobody/Žornosěky durch -c-Suffigierung der zweigliedrigen Basis abweichende Bildungen, die aber einem im Tschechischen fest etablierten Typ von Personenbezeichnungen entsprechen, der da sogar in vergleichbarer Opposition zu suffixlosen Varianten steht,

(c) als weitere Beispiele dafür, daß man bei der Deutung altsorbischer Ortsnamen bei mancher Überlieferungssituation irrtümliche Beurteilung der morphosyntaktischen Struktur des Namenskörpers, insbes. auch mögliche Fehldeutung von Teilen der Basis als suffixale Teile, auszuschließen bestrebt sein muß.

Literatur:

Bily, Inge (1996): Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Akademie Verlag, Berlin.

Eichler, Ernst (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, 4 Bde, Domowina-Verlag Bautzen.                   

Hořejší, Michal  (2009-): kľuditi, in: Elektronický slovník staré češtiny [= Elektronisches Wörterbuch des Alttschechischen] (2006-), Praha, oddělení vývoje jazyka Ústavu pro jazyk český AV ČR, v. v. i. 2006-, vokabular.ujc.cas.cz (verze dat 1.1.21, citován stav ze dne 16. 12. 2022) [abgerufen am 16.12.2022].

Koenitz,Bernd (2020): Thietmars Medeburu(n) und 'mel prohibe': Neues zum Oikonym Magdeborn in direktem linguistischen Zugriff und über eine Meta-Deutung, in: NI 112, 249-292.

Koenitz, Bernd (2022): Der Typ Kosobody/Žornosěky auch im Vogtland vertreten: Zobes,  https://www.onomastikblog.de/artikel/namenspiegel/kosobodyzornoseky.zobes/.

Pfuhl, Christian Traugott (1866): Lausitzisch Wendisches Wörterbuch, Budissin.

Profous, Antonín (1954-1960): Místní jména v Čechách: Jejich vznik, původní význam a změny. Díl I-V. Praha. [Teil IV fertiggestellt von Jan Svoboda, Teil V bearb. von Jan Svoboda und Vladimír Šmilauer].

Schaarschmidt, Gunther (1997): A historical phonology of Upper and Lower Sorbian languages, Winter, Heidelberg.

SSJČ = Slovník spisovného jazyka českého, 4 Bde, 1960-1971, Československá akademie věd, Ústav pro jazyk český, o.O. [Praha].

Wieber, Bodo (1967): Die Ortsnamen des Kreises Torgau, Diss. (Masch.), Karl-Marx-Universität Leipzig, Leipzig.

X.Y. (1924): Zadek pásti, in: Naše řeč, 8. Jg.