Der Ortsnamentyp Kosobody/Žornosěky auch im Vogtland vertreten: Zobes

Daß entgegen der Meinung, es handele sich im Vogtland um einen slawischen „Junggau“, auch dort slawische Ortsnamen der ältesten Schicht vorhanden sind, hat Ernst Eichler (in Eichler/Hellfritzsch/Richter 1983-1985: II, 62) mit dem Hinweis auf die mehrfach vorkommenden Possessiva auf *-j- sowie den *-(j)ane-Namen Losa, aus altsorbisch *Łažane, gezeigt. Besagt schon der Unikatscharakter von Losa/*Łažane (welches allerdings an zwei verschiedenen Standorten vorkommt), daß die älteste Schicht als eher dünn einzuschätzen ist, so wird das noch durch die Aussage (Eichler ebd.)  unterstrichen, daß der zweigliedrige Bewohnernamentyp  Kosobody/Žornosěky hier völlig fehle. Diese behauptete Lücke wird vom Kenner insbesondere der westslawischen Toponymie nicht nur deshalb als recht gravierend gewertet, weil etwa die große Zahl tschechischer, aber auch altober- und niedersorbischer und altwestsorbischer episkoptischer Namen dieses Typs wegen ihrer teils etwas rätselhaften bzw. belustigenden Motivsemantik so interessant sind, sondern auch weil dieser Typ recht einhellig für sehr alt erachtet wird, älter wohl auch als der Typ der -j-Possessiva. In letzter Zeit ist im altsorbischen Bereich die Zugehörigkeit mehrerer Ortsnamen zu dem Typ entdeckt (genannt seien nur die folgenden zehn in den Lausitzen: Eiserode/Njeznarowy, Koßwig/Kósojce [Koenitz 2011: 98f., 99], Wurbis/Wurps, Oppitz/Psowje, Drehna/Tranje, Kirschau/Korzym, Putzkau/Póckowy [Koenitz 2016: 39f., 45-49], Praskow/Praskow [Koenitz 2019], Zoblitz/Sobołsk [Koenitz 2022, www.onomastikblog.de/artikel/namen-spiegel/zoeblitz-1/], Krappe/Chrapow [Wenzel 2008: 95.]; siehe auch – beispielhaft für außerhalb der Lausitz – w.u. die Anmerkung zu Gohlis) bzw. sind die Etymologie und Struktur einzelner Namen des Typs neu diskutiert bzw. vorgestellt worden (vgl. auch jüngst u.a. Wenzel 2021: 45-48).

Und so mag sich nun auch die genannte vermeintliche Lücke füllen, und zwar bei kritischer Betrachtung der bisherigen Deutung des Namens Zobes:

Zobes Dorf ö. Plauen: 1328 Zcobozen; 1418 zum Zobes, zu Czobels; 1421 czu Czobes; 1438 Zcabaß; 1482 zum Czabiß, Czabis; 1506 Czobis, Czobys; 1508 Czobiß; 1527 Zobes; 1578 Zobisch; – dial. [ʦo:wəs] (nach HONSa 2001: II, 647; phonetische Transkription adaptiert nach API). – Es handelt sich wohl um den altsorbischen pluralischen zweigliedrigen episkoptischen Bewohnernamen *Žabousti (Akkusativ, später wahrscheinlich neuer Nominativ: Žabousty; Genitiv, wohl Grundlage des Integrats: Žaboust) ›Froschmünder, Froschmäuler‹, d.h. 'Siedlung von Leuten, die einen Mund ähnlich dem eines Froschmaules haben', zu *žabaFroschund *usta (Pluraletantum) ›Mund‹. Mit dem kollektiven Spitznamen verspotteten die Nachbarn die Bewohner dieser Siedlung wegen ihres tatsächlichen mehrheitlichen, wohl aber eher zugedachten Aussehens. Das Etymon des Vordergliedes, *žaba, ist Bestandteil einiger tschechischer  Ortsnamen desselben (Grund-)Typs, deren Hinterglied zum Teil deverbativ ist – Žabovřesky, Žabokliky ›Froschquaker‹  – , von denen daher die passendsten Vergleichsnamen mit evtl. gleicher Struktur wie obiges Rekonstrukt Žabokrky (viermal in Böhmen) ›Froschhälse‹ und Žabonosy ›Froschnasen‹ sind. (Dies sind Profousens bevorzugte Deutungen – Profous: IV, 798f. Allerdings ist die Deutung beider Namen strittig, weil für das Hinterglied von Žabokrky von V. Šmilauer eher die Bedeutung ›quaken‹ und bei Žabonosy von Ant. Vašek ›tragen, [mit dem Zweck des Verkaufs] holen/bringen‹ vermutet wird – vgl. Profous ebd.).

(Ein weiterer Name mit substantivischer Basis des Hintergliedes wäre Žabokrty, zu alttschechisch *krt ›Maulwurf‹, siehe Profous a.a.O.: 798, verwirrend, weil nicht als eigenes Lemma eingeordnet!, ohne nähere Interpretation; dies offenbar ein Dvandvakompositum: ›Frösche und Maulwürfe‹.)

Ernst Eichler (1985-2009: IV, 123) hat Zobes als Possessivum vom Personennamen *Soběš oder *Soběch gedeutet, wobei es sich im Hinblick auf den Beleg 1328 um eine Bildung auf *Soběšin, sonst um eine -j-Bildung handeln könnte. Für den Personennamen werden alttschechische, altpolnische und altpolabische Belege beigebracht, operiert wird ausführlich mit dem Personennamen Zöbisch, der im Vogtland seit dem 16. Jahrhundert als Familienname bezeugt sei. Unbeachtet bleibt der Umstand, daß im Ortsnamen – so wie er im angeführten Familiennamen zu sehen ist – Umlaut zu erwarten wäre. Gewiß wegen seines Fehlens hatte Eichler früher (als Bearbeiter der slawischen Namen in Eichler/Hellfritzsch/Richter 1983-1985: I, 91), so noch in HONSa a.a.O., den Ortsnamen auf den Personennamen *Soboš zurückführen wollen – was natürlich dem Vokalismus der zweiten Silbe im ältesten Beleg gerecht wurde und auch das Ausbleiben des Umlautes in der ersten Silbe erklärte. Was nun aber offenbar ganz in Vergessenheit geraten war, ist die Bemerkung in HONSa a.a.O.: „Die Schreibungen mit a (1438, 1482) sind durch mda. Einflüsse kaum erklärbar.“ Diese Bemerkung, aus der kein Schluß gezogen wurde, ist aber m.E. der Schlüssel für die richtige Deutung des Namens. In der Tat war ein Wandel [o(:]) → [a(:)] im vogtländischen Dialekt wohl nicht denkbar, gewiß aber der umgekehrte [a(:)] → [o(:)] (vgl. (Eichler/Hellfritzsch/Richter a.a.O.: II, 51f.). Also hat man anzunehmen, daß */tso(:)bo(t)s/- (= <Zcoboz>- ) nicht die ursprüngliche Lautung des Integrats, sondern aus */tsa(:)bo(t)s/- o.ä. hervorgegangen war. Berücksichtigt man die Möglichkeit, daß das in der neuzeitlichen Dialektform bezeugte -/w/- statt -/b/- auch ursprünglich sein könnte und -<z>- (1328) natürlich wie -/s/- und -<ß>- in den weiteren Belegen für -/s/- stehen konnte, kann man sich an die recht zahlreichen tschechischen und auch einige altsorbische zweigliedrige Bewohnernamen auf *-usy -›(Lippen-)Bart‹ und *-usty -›Mund‹ (zu *usy ›[Schnurr-]Bart‹ bzw. *usta ›Mund‹) erinnern: tschechisch Černousy ›Schwarzbärte‹, Mokrovousy ›Naßbärte‹, Křivousy ›Krummbärte‹, Křivoústy ›Krummmäuler‹; Krappe/obersorbisch Chrapow, altobersorbisch *Chrapousty ›Krächzmäuler‹ usw. usf. – und denkt bei <Zcab>- mit der Anlautgraphie <Zc>- an *Čaw- zu  dem in der altsorbischen Toponymie reichlich vertretenen Basiswort *čawa ›Dohle‹. Ein Rekonstrukt *Čawousi ›Dohlenbärte‹ oder *Čawousti ›Dohlenmünder, Dohlenmäuler‹ wird man aber selbst für einen Spottnamen doch für wenig wahrscheinlich halten. Semantisch war daher unbedingt vorzuziehen das Rekonstrukt *ŽaboustiFroschmünder, Froschmäuler‹. Bedenken mußte da die Deutung der Anlautschreibung als Wiedergabe des slawischen *Ž- wecken, da für dieses am ehesten althochdeutsch/mittelhochdeutsch [ʐ]- bzw. die Graphie <S> in Betracht käme. Wie in den seltenen Fällen, wo die affrikatische Anlautgraphie <Z>- in einem Namen verwendet wurde, der mit Sicherheit mit slawischem (nicht-affrikatischen, stimmhaften) */z/- beginnt, wie etwa Zabeltitz aus altsorbisch *Zabłotic- (vgl. HONSa 2001: II, 626), besteht die Erklärung am ehesten in der Annahme der Verschmelzung mit der deutschen Präposition zu(o), zi, z, (*/ts/-), hier nun altsorbisch *Žaboust ä deutsch */sa:bou(t)st/ || */ts/ + */sa(:)bou(t)st/ → */ts:a(:)bou(t)st/. Hier sind dann leicht einzusehen weitere Entwicklungen wie (a) eben der Vokalwandel [a] → [o] in der ersten Silbe, (b) Kontraktion *-/ou/- zum Diphthong *-/oṷ/- und weiter Monophthongierung zu *-/o:/- in der zweiten Silbe, (c) Vereinfachung des Auslauts durch Dissimilation *ts __ ts    ts __ s und Abstoßung des *-/t/. Es ergibt sich als phonologische Ausdeutung von <Zcoboz>- */ts:o(:)bo(:)(t)s/-.

Weitere Überlegungen zur Entwicklung des Namens wären zur Belegreihe des 15. Jahrhunderts anzustellen. Regraphie wurde nun also für die erste Silbe angenommen. Der Beleg 1438 Zcabaß könnte für die zweite Silbe ebenfalls an einen regulären Wandel des vogtländischen Dialekts denken lassen:  ou, oüaa (vgl. Eichler/Hellfritzsch/Richter a.a.O.: II, 49f.), d.h. wohl schließlich [ou̯] → [æ:]. Der Beleg  1482 zum Czabiß, Czabis zeigt dann jedoch mit -<i>- eine der typischen Varianten der  Vokalabschwächung in nachtoniger Silbe, die  außer in dieser Form mit -<y>- und -<e>- in allen sonstigen Belegen ab 1418 bis zu literalen und oralen Formen der Gegenwart vorliegen. Da öfter  in der Geschichte von Ortsnamen auch -<a>- als Abschwächungsresultat zu finden ist, ist dies auch für <Zcabaß> wohl eher zu vermuten, zumal der erwähnte Wandel in der Region toponymisch wohl nur für die Tonsilbe belegt ist.

Die einmalig auftretende Endung -<en> in 1328 <Zcobozen> kann – wie etwa in 1303 bonorum in Culmen zur Wüstung Kulm (Eichler/Hellfritzsch/Richter a.a.O.: I, 50) –  als Deklinationsendung Dativ Singular gedeutet werden.

Die Belege ab 1418 zeigen reguläre Abschwächung der zweiten Silbe, eine nicht weiter zu berücksichtigende Abweichung auf -<els> in der zweiten Nennung zu 1418, im Beleg 1578 wahrscheinlich eine Anlehnung an den Familiennamen Zöbisch. Mit diesem, der sehr wohl auf slawisch *Soběš zurückgehen wird, hat der Ortsname Zobes jedoch nichts zu tun.

Anmerkung: Bis auf den Beleg 1578 ist die Konstanz der Wiedergabe des Auslautes als -/s/ bemerkenswert. Der in Sachsen fünfmal vorkommende Ortsname Gohlis, auf den Eichler (1985-2009: IV, 123) als ein Beispiel für die Wiedergabe von auslautendem -š als -s hinweist, ist als Vergleichsname jedoch im Gegenteil nur für meine obige Zobes-Deutung mit Stammauslaut -/s/ zutreffend, denn es handelt sich bei Gohlis gewiß (wohl bis auf einen der Standorte) entgegen aller zuletzt fast einhelligen Meinung nicht um altsorbisch *Gołuš, sondern ebenfalls um einen altsorbischen pluralischen zweigliedrigen episkoptischen Bewohnernamen: *Golousi/*Golousy, Genitiv *Golous ›Kahlbärte‹ – mit bisher wohl übersehen gewesenen überzeugenden tschechischen Vergleichsnamen Holousy (1345 Holuss) und Holovousy (vgl. Profous: I, 670f.).

Literatur:

Eichler (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, 4 Bde, Domowina-Verlag, Bautzen.

Eichler, Ernst; Hellfritzsch, Volkmar; Richter, Johannes (1983-1985): Die Ortsnamen des sächsischen Vogtlandes, I, II (Museumsreihe Plauen, Hefte 50, 53), Plauen.

HONSa (2001) = Eichler, Ernst; Walther, Hans (Hg.)(2001): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, 3 Bde, bearb. Von Ernst Eichler, Volkmar Hellfrtzsch, Hans Walther und Erika Weber, Berlin.

Koenitz, Bernd (2011): Unwürde, Lubij, Dažin, Stwěšin und andere Namen altsorbischer Herkunft: Miszellanea und manches Systemhafte. [Teil II], in: Lětopis 58, 91-115.

Koenitz, Bernd (2016): Unverstandene Lausitzer Ortsnamen, in: Lětopis 63, 38-62.

Koenitz, Bernd (2019): „Weitere Klärungen des Umlauts sind erforderlich“. Von Rötha bis Preske, Namenspiegel, https//www.onomastikblog.de vom 07.06.2019. 

Profous =  Profous, Antonín (1954-1960): Místní jména v Čechách: Jejich vznik, původní význam a změny. Díl I-V. Praha. [Teil IV fertiggestellt von Jan Svoboda, Teil V bearb. von Jan Svoboda und Vladimír Šmilauer].

Wenzel, Walter (2008): Oberlausitzer Ortsnamenbuch, Domowina-Verlag, Bautzen.

Wenzel, Walter (2021): Die Frühgeschichte der Sorben im Lichte der Namen (Kleine Reihe des Sorbischen Instituts Bautzen Nr. 33), Bautzen.