Ein ungewöhnlicher Ortsname (Meineweh) und ein bisher unentdeckter Strukturtyp slawischer Geonyme

1. Ein auffälliger Ortsname im Südwestosterländischen ist der eines Dorfes östlich Osterfeld: Meineweh. Der Name erweist sich als slawistisch-namenkundlich außerordentlich interessant. Läßt er zunächst von Klang und Struktur her am ehesten deutsche Herkunft vermuten, wurde angesichts der Orte mit Namen slawischer Herkunft in der Nachbarschaft zu Recht auch für ihn eine solche angenommen (Eichler/Walther 1984: 217).  Die historischen Belege lauten (ebd.): 1171, 1173, 1174 Tuto, Dudo de Mineme; (1276) um 1300 Fridericus de Mineme; 1430 Roman von Mynime; 1453 Mynime; 1531 Meyneme; 1540 Meynwe; um 1740 Meinwe; 1796 Meinewe, Meinawe; 1819 Meineweh; dial. [mae̯nəwe:]. Die Erklärung bereitet gewiß Schwierigkeiten. Zunächst wird aber ein Teil der Erklärungsnot gemildert durch das Wissen um die Besonderheit einer ganzen Gruppe von Geonymen (überwiegend Oikonymen) im südwestosterländischen Bereich, die sich durch die „eigenartige Endung“ -<weh> (bzw. -<we> oder auch -<wa>) auszeichnen (Eichler/Walther a.a.O., 51; Sass 1990). In einer Entfernung von höchstens 10 Kilometern Luftlinie findet sich denn gar ein derartiger Name eines Baches, Leineweh(-bach), der wie ein „Echoname“ zu unserem Ortsnamen aussieht (südlich bis westlich von Osterfeld rechts zur Wetha, diese rechts zur Saale). Da es sich bei all diesen Namen um solche handelt, die auf  eine historische Endsequenz *-ouwe, ggf. slawisch *-ow-, zurückgehen, dies aber bei Meineweh, erkennbar an der Beleggeschichte, nicht zutrifft, ist klar, daß hier die Formen auf -<we>/-<ewe>/-<awe>-<eweh> analog zu jenen entstanden sind und sich die Frage nach der Grundform zunächst auf die nach der Basissequenz eingrenzen läßt. Die bisherige Deutung als altsorbisches -j-Possessivum zu einem PN *Minim (dieser wohl ein Part. Präs. Pass. zu *miniti ›meinen‹) (im wesentlichen so in EICHLER/WALTHER a.a.O.) überzeugt nicht, da erstens das vermeintlich basisspendende Verb nicht den Stamm *min-, sondern *měn- aufweist (ntsch. míniti, aber atsch. mieniti, oso. měnić, nso. měniś) und  zweitens die Belege des 12. und 14. Jahrhunderts und dann auch wieder einer des 16. Jahrhunderts in der zweiten Silbe -<e>- zeigen, das -<i>- dort erst im 15. Jahrhundert auftritt. Die Diphthongierung zu <Mein>- schließt die Möglichkeit aus, daß das -<i>- der ersten Silbe auf slawisch -/ě/- zurückgehen könnte. Es fehlt bei dem referierten Vorschlag schließlich auch eine Erklärung der Endung. Schon angesichts dessen. daß sich durch alle Belege bis zu dem von 1531 – bei noch gleichbleibendem Stammauslaut – die Endung -<e> hält und nicht etwa eine endungslose Form oder Form mit anderer Endung auftritt, scheint diese Frage nicht völlig belanglos zu sein. Darüber hinaus stellt sich die Veränderung der Endsequenz in erwähnter Anlehnung an andere Ortsnamen der Gegend phonologisch im wesentlichen als bloße Dissimilation /m/ → /w/ dar, bei der die sonstigen ursprünglichen Strukturmerkmale der Rezeptionsnamensform sich als bestätigt und verstetigt zeigen. Als nur bedingt hilfreich erweisen sich die herangezogenen Vergleichsnamen zu einem westslawischen PN-Stamm *Min- (vgl. auch Hengst 1968: 125f. zu Minessowe und Mynowe). Der gar dreimal auftretende tschechische Ortsname Mínice bleibt letztlich bzgl. des zugrunde liegenden (und gesondert bezeugten) Personennamens Mína unerklärt („der Personenname ist nicht eindeutig“ – Profous: III, 88). Ganz unwahrscheinlich bleibt jedenfalls das Vorliegen des Partizipsuffixes -im-, auch ein Part.Präs. Pass. auf -em- läßt sich schwerlich passend rekonstruieren.


Der Name läßt mit der Anfangssequenz <Min>- seiner ältesten Belege an den obersorbischen Ortsnamen Minakał/deutsch Milkel denken (Dorf nw. Bautzen: 1353 Millekal; 1464 Milnekal; 1512 Milnackel; 1542 Milckel; obersorbisch: 1519 Minnekau; 1800 Minakaw). Nach unsicheren und letztlich verfehlten Deutungsversuchen (HONSa: II, 39 mit Literatur; Wenzel 2008: 113f.) gelang die Rekonstruktion der Namensgeschichte aus der altobersorbischen (aoso.) Grundform *Zmijen kał zu dem Beziehungsadjektiv von *zmij oder *zmija ›Schlange; Kreuzotter; Drache‹ und *kal ›Sumpf‹, mithin ›Schlangensumpf‹, aus deren Genitiv Singular *Zmijna kała, univerbiert zu *Zmijnakała, falsch dekomponiert zu *z Mijnakała mit vermeintlicher Präposition z ›aus‹, über  falsche Rückbildung des neuen Nominativs Singular die heutige neuobersorbische Form entstand (Koenitz 2010: 113). Sehr ähnlich läßt sich die Namensgeschichte von Meinweh/*Mineme rekonstruieren. Auch hier lag das Beziehungsadjektiv *zmijen, *zmijn-, evtl. *zmijin- von *zmij(a) zugrunde. Für die Erklärung des -m- bietet sich unter  formalem und semantischem Gesichtspunkt nur eine Basis an: *jama ›Grube‹. Die Grundform lautete hier wohl *Zmij(i)ně jamě, Nominativ Dual: ›zwei Schlangengruben‹ (N.Sg. *Zmij[i]na jama). Die Zweiwortbenennung Zmij(i)ně jamě wurde durch Wortgrenzentilgung und Akzentverlagerung univerbiert und durch Vokalkontraktionen [ii̯(i)] → [i] und [ɛja] → [ɛ] zu *Zminěmě (wohl *[zmʲinʲɛmʲɛ]) reduziert. (Als Beispiel der zweiten [regulären] Vokalkontraktion vgl. spätursl./ursorbisch *[smɛjati] ... → aoso. *[sʲmʲɛtʲi] ... → neuoso. smjeć {so}.)  Der Name wurde danach nicht mehr verstanden und fälschlich dekomponiert zu Präposition *[z] ›aus‹ + *[mʲinʲɛmʲɛ]. Die aus der Dekomposition hervorgegangene Form mit etymologischem *-ě müßte wohl uminterpretiert worden sein als eine Form mit Endung *-e (← *-) zu einem Nominativ *[mʲinʲɛmʲa] (*Mińeḿa) oder *[mʲinʲɛmʲ] (*Mińeḿ) (Femininum). Der Genitiv *Mińeḿe war, wie – gerade auch bei Herkunftsnamen –  nicht selten, die Grundlage der Übernahme ins Deutsche.
Auf die Geonyme auf -<weh> soll hier nicht ausführlich eingegangen werden. Es sei im gegebenen Zusammenhang nur zweierlei erwähnt:
(1)    Einige dieser Namen sind dem bekannten dialektalen Vorgang „meißnische Palatalisierung“ zuzuordnen. In der Beleggeschichte von Meineweh spiegelt sich dies im Beleg zu 1796 in der Weise wieder, daß mit <Meinaweh> die vermeintlich „bäurische“ (meißnisch palatalisierte) Form <Meineweh> hyperkorrekt „verschriftsprachlicht“ wurde.
(2)    Der GewN Leineweh(-bach) (keine historischen Belege bekannt; von Elfriede Ulbricht 1957: 134 nicht erklärt – das Ergebnis der Bearbeitung der betreffenden Oikonyme durch Eichler/Walther 1984 lag erst zwei Jahrzehnte später vor) lautete im Altsorbischen *Linowa oder *Linawa ›Schleienbach‹ zu *lin ›Schleie‹ (vgl. Eichler/Walther 1984: 86). Die Entwicklung des Namens verlief wahrscheinlich etwa folgendermaßen:
*Linawa → *Li:naüwa: → *Li:näüwä: → *Li:näwä: → *Li:newe: → *Lei̯newe: → *Lai̯newe:.

2. Meines Wissens wurde bislang in der gesamten slawischen Toponymie kein dualisches Oikonym und wohl auch kein dualisches Geonym anderer Art (etwa FlurN) entdeckt. In dieser Annahme bestärkt mich die wohl immer noch aktuelle Zusammenstellung von Strukturtypen der slawischen Ortsnamen von Ernst Eichler und Rudolf Šrámek (1988), vgl. a.a.O.: 66f. Der Name Meineweh steht jedoch mit diesem strukturellen Merkmal nicht allein. Dieses wurde jetzt auch bei zwei tschechischen Ortsnamen entdeckt: Ledce und Stadice. Orte mit diesen Namen sind erstmalig erwähnt beim sogenannten Bayrischen Geographen, allerdings nicht als böhmische Dörfer, sondern als nichts Geringeres denn „regiones“, auch als „Völker“ aufgefaßt, zu denen jeweils eine mehr oder minder große Zahl „civitates“ gehört. Wie bereits in Koenitz (2019) erwähnt, sind die Nennungen von Regionen oder Völkerschaften in der oft auch als „Völkerliste“ bezeichneten Schrift (im weiteren: „[die] Liste“) in manchen ihrer Teile nicht ernstzunehmen, wie sich m.E. endgültig durch die kodikologischen und paläographischen Untersuchungen von Rossignol  (bes. 2010) bestätigt hat. Wenngleich auch einige „Völkernamen“ wohl nicht einmal überhaupt als Propria existieren (was ich hier im weiteren außer Acht lasse), so sind eine ganze Reihe sehr sicher als Namen von Orten in Böhmen zu identifizieren. (Diesen sind in der „Liste“ meist unsinnig große Zahlen von civitates zugeordnet.)  Hier sei nur auf Henryk Łowmiański (1958: 21) hingewiesen, der bereits die Vermutung äußerte, es seien böhmische Informanten am Werk gewesen (und nicht ausschließen wollte, daß diese mit der Realität widersprechenden Angaben die fränkischen Feudalen in die Irre führen wollten, die sich auf eine neue Offensive gegen die Slawen vorbereiteten). Manche Namen fanden wohl ihre entsprechende Erklärung einfach deshalb nicht, weil man eben nicht nach Dörfern, sondern nach „Völkern“ gesucht hat – so z.B. <Unlizi> in der „Liste“ (angeblich ein zahlreiches Volk mit 418 Burgen), für das offenbar der Name des Dorfes Únehle/dt. Unola nö. Stříbro (Profous: IV, 446f.) herhalten mußte: alttschechisch im 12. Jh. *Unyli (1115 Marcuardi de Unil), im 9. Jh. (nach der „Liste“) *Unylьci – zu *unyti ›faul, träge sein‹, ein Spottname ›die Trägen‹, ähnlich wie *Liḃci (1015 für Leipzig – vgl. Koenitz 2016). In Łuczyński (2017: 74), der letzten mir bekannten kritischen Bearbeitung aller Namen der „Liste”, wird auf  die Deutungen als altrussisch *Uliče verwiesen, die Lehr-Spławiński, Rospond, Witczak und Trubačov vorgeschlagen haben, wobei laut Ł. für das „Ethnonym“ mangels einer allgemein anerkannten Etymologie am ehesten auf türkische (!) Herkunft zu plädieren sei.  
Der tschechische ON Ledce ist historisch elfmal in Böhmen und einmal in Mähren vertreten. Es besteht kein Zweifel, daß dieser Ortsname in allen Vorkommensfällen auf das Etymon spätursl. *lẽdo ›unbearbeitetes Feld, Brache, Lehde‹ (tsch. lado, meist als Pluraletantum lada) zurückgeht, und zwar auf das entsprechende Deminutivum *lẽdьce. Die Namensform Ledce ist pluralisch und wurde hier und da durch falsche Rückbildung des Nominativs vom Genitiv Ledec in Singular Maskulinum gewandelt (vgl.  Profous: II, 496). Demnach lautete die späturslawische/urtschechische Grundform *Lẽdьca, alt-/neutschechisch schließlich regulär *Ledce. In der „Liste“ erscheint der Name <Lendizi>. (Die „Lendizi“ sollen 48 Burgen haben.) Die graphische Form entspricht bzgl. der Endung und nach mancher Forscher Meinung anscheinend auch bzgl. der zweiten Silbe nicht dieser für die tschechischen Namen anzunehmenden Grundform. Man liest sie daher als *Lẽdici – vgl. Łuczyński (2017: 77). Man müßte dann eine Angleichung an die Patronymika auf *-ici evtl. unter dem Einfluß entsprechender Nachbarorte annehmen. Diese Erklärung kann nicht überzeugen, da bei all den tschechischen Ledce in der Beleggeschichte ein dementsprechendes *<Ledici> (älter) oder *<Ledice> (neuer) nicht ein einziges Mal vorkommt. Was aber begegnet, sind die Schreibungen <Ledcy>, <Lédci> und <Ledci>, und zwar bei zwei der unter den 12 Orten frühestbezeugten Erwähnungen, vgl.:
Ledce, ehemaliges Dorf in der Gegend um Litomyšl: 1185 licenciam vendendi villam Ledcy; 1186 villam, que vocatur Lédci; 1198/99 villam, que vocatur Ledci (Profous: II, 495 [mit ausführlicheren Quellenauszügen]);
Ledčice Dorf s. Roudnice nad Labem: 1226 Vladislaus rex domui Doczanensi dedit Scalice et Ledci; 1260 decimas de Ledchicz, Krabchicz ...; der ursprüngliche Name *Ledci wurde offenbar wegen relativer Kleinheit des Ortes im Vergleich zu Siedlungen der Umgebung abgelöst von einem Deminutivum „mit dem seltenen Suffix –ice“ (Profous: II, 496f.).
Die Belege mit -<i> zu diesen beiden Orten zeigen eine Endung, die bei dem Stamm *Ledc- (-jo-Stamm Neutrum) nur die des Nominativs/Akkusativs Dual sein kann. Das gleiche gilt auch für die Nennung <Lendizi> in der „Liste“, die nun außerdem eindeutig mit vorderem reduzierten Vokal in der zweiten Silbe zu verstehen ist: *Lẽdьci. Der Beleg von 1226 zu Ledčice macht durch das Nebeneinander von <Scalice> und <Ledci> sehr deutlich, daß das -<i> von <Ledci> jedenfalls nicht auf Angleichung an Patronymika beruhen wird. Es handelt sich nun also bei den beiden Orten um den ursprünglichen Namen der Bedeutung ›zwei kleinere Brachen‹.
Die Frage bleibt, von welchem der beiden böhmischen Orte der „Informant“ der „Liste“ ausgegangen sein mag. Eine Entscheidung kann gegenwärtig nicht getroffen werden.
Mit Fragezeichen versehen ist die Namensgeschichte zum Ort Stadice/deutsch Staditz, Dorf am Fluß Bílina sw. Ústí nad Labem, der im tschechischen Legendenschatz über die Ursprünge des tschechischen Staatswesens eine Rolle spielt als derjenige, bei dem der Begründer der Dynastie der Přemysliden, der „Pflüger“ Přemysl, die Aufforderung der Fürstin Libuše zur Herrschaftsübernahme empfing und in der Kosmaschronik (12. Jh.) wie auch der des sogenannten  Dalimil (wohl 1314) erwähnt ist. In der „Liste“ ist eine „regio“ <Stadici> genannt (in qua civitates DXVI populusque infinitus). In den Namensartikel bei Profous: IV, 156) ist eine Notiz von Boh[uslav]. Horák eingefügt, die Eintragung Stadici beim „Bayrischen Geographen“ werde wohl kaum zu Recht mit diesem Dorf in Verbindung gebracht. Bei Profous (a.a.O.) finden sich die Belege ... villa nomine Stadici (var. Ztadice, Ztadici, Ztadiczi, Stadice) aus Kosmas; Stadici,  z Stadic [Genitiv] aus Dalimil; 1359 ville Stadic [G.]; 1445 u Stadic [G.]; 1551 Janek z Stadic [G.] und wird der Name als vom Appellativum stádo ›Herde, Haufe, Rudel, Schar, Schwarm‹ erklärt  und dies eine „verwunderliche Ausnahme“ [podivnou výjimkou) genannt. Demnach würde es sich um einen pluralischen Bewohnernamen der Bedeutung ›Bewohner der Gegend bei der Herde‹ handeln. Semantisch wäre der Name wohl zu vergleichen mit den tschechischen Ortsnamen Stadlce, Stádlec zu stádlo ›Standort der Herde‹ (Profous: IV, 156f.). Bezüglich der Bildungsweise liegt aber in diesen beiden Fällen ein suffixloses singularisches Deappellativum vor. Indem hinsichtlich der Identität des in der „Liste“ genannten Objekts mit dem böhmischen Dorf, ebenso an der Basis stádo m.E. kein Zweifel besteht und bis auf den Unterschied -<c>- / -<z>- die Struktur der von <Lendizi> gleicht, darf vermutet werden, daß auch hier eine Dualform vorliegt: spätursl. *Stadьci ›zwei kleine Herden‹. Halbwegs gestützt wird diese Deutung auch durch die Endung -<i> bei Kosmas und Dalimil. Daß bzgl. der zweiten Silbe *Stadici (statt *Staďci bzw. *Stadci) vorliegen kann, ist nicht zweifelhaft (im Falle der Namen Ledci/Ledce [s.o.] wurde ein solcher Vorgang wohl durch die Produktivität/Häufigkeit des Namens verhindert). Gegen die Vermutung „Dual“ könnte ins Feld geführt werden, daß Kosmas wie auch der sogenannte Dalimil, die noch den lebendigen kategoriellen Dual kannten bzw. (Dalimil) im Text gebrauchten, eine dualische Erklärung des Namens Stadice nicht versucht haben (Dalimil etymologisierte bzgl. der Basis, freilich abwegig).
3. Für den Gaunamen Selpoli/Selpuli (961 in terra Lusici, Selpoli, Chozimi decimam; 1012/1018 ad a. 963 Gero Orientalium marchio Lusizi et Selpuli [...] imperiali subdidit dicio; 968 in altera parte Luzice et Selpoli  ...; 990 ad pagum Selpuli dictu; 1012/1018 ad a. 1007 Bolizlavus autem Luzici, Zara et Selpuli denuo occupat – Belege nach Eichler/Zschieschang 2011: 84f.), hat gegen andere Deutungen Walter Wenzel (2011: 406) die Annahme einer altniedersorbischen Grundform *Zele pole ›grünes flaches Land‹ vorgeschlagen. Daß eine sehr alte Gestalt des slawischen Farbadjektivs ›grün‹ *zel- existiert hat, ist überaus wahrscheinlich, und so ist der Grundansatz m.E. voll zu unterstützen – zunächst mit der Bemerkung, daß eher die nominale Form des Adjektivs und damit für den Nominativ Singular *Zeło poľe gelten sollte. Die Endung -<i> kann vom Schreiber  als lateinische Pluralendung an den Stamm angefügt worden sein. Doch wird dies anzunehmen selbst bei <Lusici> nicht für unabdingbar gehalten (vgl. Wenzel 2018: 109: *Lužici ← *lug- + *ici ›Bewohner des feuchten Wiesenlandes‹). Allerdings paßt als slawische Endung -i bei <Selpoli> nur die des N./A. Dual. Der Name des Gaues hätte also *Zeli poľi gelautet: ›zwei grüne Gefilde‹. Eine Univerbierung durch Tilgung der Wortgrenze und Schwund des Vokals der zweiten Silbe brachte die Form hervor, die in den schriftlichen Zeugnissen tradiert ist: *Zeľpoľi. Herauszufinden wäre, ob dies irgendwie irgendwo (wohl um den Unterlauf der Neiße und den Unterlauf der Lubcza/Lubst) eine Entsprechung in der Realität zur Zeit vor 1100 und mehr Jahren gehabt haben kann.  
4. Gegen die obigen Beispiele für dualische Geonyme könnte eingewandt werden, daß keine Formen  mit Casus obliqui belegt sind (*Ledcú, *Zeľemapoľema o.dgl.). Bei den tschechischen Namen ist freilich zu berücksichtigen, daß der Dual als Glied der Kategorie Numerus offenbar relativ früh zu schwinden begann, bis er Ende des 15. Jahrhunderts fast gänzlich verschwand (vgl. Hist.Mluv. 1986 [mit Literatur], 132f.). Sodann ist für die jüngere Zeit, in der der Dual (im appellativischen Bereich) noch lebendig war, die Menge an Aufzeichnungen von Ortsnamen in Texten so schwach, daß bei der sicher ohnehin geringfügigen Anzahl dualischer Namen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens entsprechender syntagmatischer Verbindungen und damit des Vorkommens von Casus-obliquus-Formen gegen Null gehen dürfte. Für das altsorbische Territorium kommt hinzu, daß anders als in Böhmen bei den Verfassern und Schreibern von Texten (einschließlich Thietmar von Merseburg) Kenntnisse der slawischen Morphologie gering gewesen sein dürften, sodaß dualische Namensformen möglicherweise als solche verkannt bzw. ignoriert wurden, wo sie ihnen entgegengetreten sein sollten.  
Die hier behandelten Namen würden ansonsten nahelegen, die Strukturtypen der slawischen Ortsnamen nach Eichler/Šrámek um einen Typ 450b „Appellativ (Sg.) → Oikonym (Du.)“ unter der Kategorie A. III. (Grammatisch gebildete Oikonyme)/2. (Veränderungen des Numerus [beim Nominationsakt]) zu ergänzen. Semantisch sind sie darüber hinaus in Bezug auf die Typen 512-515 (Sedm Dvorů ›Sieben Höfe‹ u.dgl.) (B. IV. Mehrwortoikonyme mit Numeralia) zu sehen. Daß die Typen von Gaunamen diesen Oikonymtypen folgen, sei bzgl. Selpoli auch vermerkt.

Literatur:
DS = Deutsch-slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte.
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Eichler, Ernst / Zschieschang, Christian (2011): Die Ortsnamen der Niederlausitz östlich der Neiße, Leipzig. (Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, Bd. 81 H. 6).
HONSa = Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg.) : Historisches Ortsnamenverzeichnis von Sachsen, 3 Bde. (= Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 21), Berlin 2001.
Koenitz, Bernd (2016): Leipzig – die Herkunft des Namens ist rein slawisch!, in: NI 107/108, 441-461.
Koenitz, Bernd (2019): Ein unbeachteter Strukturtyp altslawischer Bewohnernamen; in www.onomastikblog.de vom 15.3.2019.
Łuczyński, Michał (2017): „Geograf bawarski” – nowe odczytania, Kraków.
Łowmiański, Henryk (1958): O identifikacji nazw Geografa bawarskiego, in: Studia źródłoznawcze, Commentationes, III, Poznań, 1-22.
Profous = Profous, Antonín: Místní jména v Čechách: Jejich vznik, původní význam a změny. Díl I-V. Praha 1954-1960. [Teil IV fertiggestellt von Jan SVOBODA, Teil V bearb. von Jan SVOBODA und Vladimír ŠMILAUER].
Rossignol 2010 = Rossignol, Sébastien: À propos du manuscrit de l’opuscule du „Géographe de Bavière“, in: Ad libros! Mélange d’études médiévales ... Montréal, 49 – 65.
Sass, Elke (1990): Schriftsprachliche und mundartliche Ortsnamenformen auf  -wē (-weh)  im Raum um Zeitz/Weißenfels, in: OSG XIX, 209-212.
Hist.Mluv. (1986) = Historická mluvnice češtiny, bearb. von Lamprecht, Arnošt; Šlosar, Dušan; Bauer, Jaroslav, Praha.
Ulbricht, Elfriede (1957): Das Flussgebiet der Thüringischen Saale (DS 2), Halle/Saale.
Wenzel, Walter (2008): Oberlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen.
Wenzel, Walter (2011): Rezension zu Eichler / Zschieschang (2011), in: NI 99/100, 402-411.
Wenzel, Walter  (2018) = Der Stammesname Besunzane in neuer Sicht, Mit einer Karte,  in: Lětopis  65 (2018) 2, 107 – 111.