Der wiederholt behandelte und nicht restlos geklärte Ortsname Meineweh, nw. Zeitz, ö. Osterfeld, ist wie folgt überliefert: 1171 de Mineme, 1276 de Mineme, 1453 Mynime, 1531 Meyneme, 1540 Meynwe, 18. Jh. Meinewe. Man rekonstruierte aso. *Miniḿ mit dem PersN *Minim, eventuell aus einem Part. Präs. Pass. von *mьněti ʻmeinen, glaubenʼ oder von *minuti ʻvergehenʼ (Eichler 1985-2009: II 174 f.). Eine solche Bildungsweise wäre ganz ungewöhnlich, bei *minuti schon deshalb nicht möglich, weil es sich hier um ein intransitives Verb handelt. Noch ungewöhnlicher und schon von der Motivation her schwer nachvollziehbar ist die kürzlich erschlossene Form aso. *Zmij(i)ně jamě ʻZwei Schlangengrubenʼ, ein Nom. Dual (Koenitz 2019: onomastik blog).

Eine neue Deutung kann von der schon oben angeführten aso. Form *Miniḿ < *Minim+jь ʻSiedlung des Minimʼ ausgehen. Der PersN erklärt sich als ein im Hinterglied gekürzter VollN Minimir mit dem Vorderglied aus urslaw. *minǫti ʻvergehen, vorbeigehen, verstreichenʼ (Schuster-Šewc 1978-1989: II 911). Dieser Kürzungsvorgang ist relativ selten, aber sicher nachweisbar, u. a. bei dem nso. OrtsN Raden / Radom, 1689 von Radom, aso. *Radoḿ ʻSiedlung des Radomʼ mit dem PersN aus Radomir oder Radomysł (Svoboda 1964: 108 f.; Malec 1982: 132 f.; Wenzel 2006: 93, 135). Der VollN *Minimir ist zwar nicht historisch belegt, dafür aber poln. Minigniew, polabo-pomor. Minislav, serbo-kroat. Minislava (Rymut 2003: 62; Schlimpert 1978: 87). Von dem Vorderglied Min- sind zahlreiche Kurzformen abgeleitet: poln. 1438 Min, 1469 Minek, 1425 Miniec, 1437 Minko und andere (Rymut 1999-2001: 101 f.). Unklar bleiben russ. Minakovъ und weitere, Minin und Minaev werden aus dem Griech. erklärt (Tupikov 1989: 645; Unbegaun 1972; 63). Serb. Minuta sei ebenfalls unklar (Grković 1986: 127).

Auf die Personennamenbasis *Min- gehen mehrere OrtsN zurück, im aso. Sprachraum Mehna und Minkwitz, dazu Vergleichsnamen in anderen Ländern (Eichler 1985-2009: III 174, 185). Dem zweimaligen Minice in Böhmen läge der PersN Mína unklarer Herkunft zu Grunde, den beiden sehr spät überlieferten Minkovice der PersN Minek aus Minhart, Menhart, so auch dem OrtsN Minkovice in Mähren, wo es noch den OrtsN Miňůvky mit dem PersN Miň gleichen Ursprungs gibt (Profous 1947-1960: III 88 f.; Hosák-Šrámek 1970-1980: II 75).

Die gleiche Bildungsweise wie Meineweh / *Miniḿ zeigt der OrtsN †Pinten, ö. Merseburg, 1269 de bonis Punteme, in Puntyme, 1270 Puntyme, urslaw. *Pǫtimjь, aso. *Putiḿ ʻSiedlung des Pǫtimъ bzw. Putimʼ mit dem PersN aus *Pǫtimirъ bzw. *Putimir (Wenzel 2015: 110). Sowohl bei Meineweh als auch bei Pinten könnten nach Aussage der Belegreihen ursprünglich Formen auf -je vorgelegen haben: aso. *Miniḿe (*sedło) < *Minimъ+je (*sedlo) ʻSitz, Siedlung des Minimʼ und urslaw. *Pǫtimje (*sedlo) ʻSitz, Siedlung des Pǫtimъʼ.

 Meineweh, aso. *Miniḿ oder *Miniḿe, lag am Südwestrand des Slawengaues Tucharin, aso. *Tuchoŕene oder *Tuchori ʻDie Leute des Tuchor, die Tuchorsʼ. Nach dem Süden hin erstrekte sich eine breite Grenzzone, im Westen befand sich der Gau Weta, der wahrscheinlich zum Siedlungsgebiet der Surbi, der Sorben im Raum um Naumburg, gehörte. Im Osten grenzte Tucharin an Puonzova, an das Land der *Buzovici, der Leute des Buz (Wenzel 2019: Kap.6, K. 1-3).

Literatur:
Eichler, Ernst (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, Bde. I-IV, Bautzen.
Grković, Milica 1986: Rečnik imena bańskog, dečanskog i prizrenskog vlastelinstva u XIV veku, Beograd.
Hosák, Ladislav / Šrámek, Rudolf (1970-1980): Místní jména na Moravě a ve Slezsku, Bde. I-II, Praha.
Koenitz, Bernd (2019): Ein ungewöhnlicher Ortsname (Meineweh) und ein bisher unentdeckter Strukturtyp slawischer Geonyme, in: www. onomastik blog: Namenspiegel: 19.09.2019.
Malec, Maria (1982): Staropolskie skrócone nazwy osobowe od imion dwuczłonowych, Wrocław Warszawa Kraków Gdańsk Łódź.
Profous, Antonín (1947-1960): Místní jména v Čechách, Bde. I-V, Bd. IV zus. mit Jan Svoboda, Bd. V von Jan Svoboda und Vladimír Šmilauer, Praha.
Rymut, Kazimierz (1999-2001): Nazwiska Polaków, Bde. I-II, Kraków.
Rymut, Kazimierz (2003): Szkice onomastyczne i historyczno-językowe, Kraków.
Schlimpert, Gerhard (1978): Slawische Personennamen in mittelalterlichen Quellen zur deutschen Geschichte, Berlin.
Schuster-Šewc, Heinz (1978-1989): Historisch-etymologisches Wörterbuch der ober- und niedersorbischen Sprache, Bde. I-IV, Bautzen.
Svoboda, Jan (1964): Staročeská osobní jména a naše příjmení, Praha.
Tupikov, Nikolaj Michajlovič (1989): Slovar´ drevnerusskich ličnych sobstvennych imen (1903). Mit einem Vorwort von Ernst Eichler, Leipzig.
Unbegaun, Boris Ottokar (1972): Russian Surnames, Oxford.
Wenzel, Walter (2006): Niederlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen.
Wenzel, Walter (2015): Slawen in Deutschland. Ihre Namen als Zeugen der Geschichte, hrsg. von Andrea Brendler und Silvio Brendler, Hamburg.
Wenzel, Walter (2019): Die slawische Besiedlung des Landes zwischen Elbe und Saale, hrsg. von Andrea Brendler und Silvio Brendler, Hamburg [im Druck].