Der Familienname Zojdz und die Problematik der Übernahme von slawischen Namen mit diakritischen Zeichen

In der Nähe der Bergstadt Freiberg in Sachsen liegt in der Ortschaft Berthelsdorf an der Hauptstraße der Gasthof Zojdz. In dem sprachlich rein deutschen Umfeld wirkt der Name völlig fremd. Und selbst im Landkreis Freiberg ist der Familienname Zojdz bis heute eine Rarität. Geogen 4.0 registrierte dort nur zwei Telefonanschlüsse. Der Gasthof  wirkt einladend, was die Fotografie auf der Homepage der Gaststätte auch erkennen lässt:

 

Die weiteren Angaben weisen klar aus, dass es sich um einen Gasthofnamen nach dem Namen des Besitzers handelt:

 

Nach Auskunft des heutigen Inhabers Zojdz wurde das Haus mit der Gaststätte erst Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. 1956 übernahmen seine Großeltern die Gastwirtschaft. Es handelt sich bei Zojdz  um den auf den Gasthof übertragenen Familiennamen der  Großeltern. Sie kamen aus dem Osten Polens und brachten den Namen so nach Sachsen. Die als Folge des Krieges vollzogene Aussiedlung erklärt auch, warum in Bayern im Landkreis Roth, südlich von Nürnberg gelegen, der Familienname ganz vereinzelt  nochmals vorkommt (vgl. Geogen 4.0).

Tatsächlich sind in Polen Familiennamen mit den Formen Zojdz und Zojdź bekannt und belegt (vgl. Kazimierz Rymut, Nazwiska polaków, Bd. 2, Kraków 2001, S. 720).  Schwierigkeiten bereitet die Etymologie. Die polnische Forschung ordnet die Namen dem Lemma von 1435 Zajda sowie weiteren Zajd-Familiennamen zu. Als Basis wird von poln. zajd- ausgegangen und verwiesen auf poln. zajdę ‚ich fahre vor‘ und zugleich auch noch als mögliche Herkunft altpoln. zajda ‚Sense‘ oder auch ‚Tuch zum Einbringen von Heu‘ angegeben. Eine rechte Klärung mit überzeugender etymologischer Herleitung steht damit eigentlich noch aus. Ein Versuch zur Präzisierung soll dazu nachfolgend unterbreitet werden.

Da ist zunächst die auffällige Differenz zwischen einerseits Zaj- und andererseits Zoj- in den Familiennamen. In dieser Situation ist auch noch eine beiläufige Bemerkung von Herrn Zojdz in Berthelsdorf beachtenswert. Er gab an, dass da bei dem Namen der Großeltern noch „solche Zeichen“ mit dabei gewesen seien, womit also zweifelsfrei diakritische Zeichen gemeint waren. Und diese Aussage erweist sich als ebenfalls beachtenswert beim Bemühen um die weitere Geschichte des Namens. Es gibt nämlich neben poln. Zojdz und Zojdź  auch die poln. Familiennamen Żojdź und Żojdz mit Derivat Żojdzik  (Kazimierz Rymut, aaO., S. 762). Allerdings bleibt da die Etymologie unklar. Von poln. Seite wird Entlehnung aus dem Litauischen vermutet und dazu auf den lit. Familiennamen Žoidzis bzw. Žoidžius verwiesen.

Die litauische Forschung allerdings bezeichnet die vereinzelte Familiennamenform als ihrer Herkunft nach unklar (vgl. Aleksandras Vanagas, Wörterbuch der litauischen Familiennamen [lit.], Bd. 2, Vilnius 1985, S. 1344). Eine von Frau PD Dr. Christiane Schiller (Berlin) vorgenommene Prüfung hat recht eindeutig ergeben, dass es sich bei dem vereinzelten lit. Vorkommen am ehesten „um lituanisierte Formen des polnischen FamN Żojdź“ handelt (dankenswerte briefliche Mitt. v. 17.12.2018). Die baltische Fährte scheidet damit jedenfalls aus.

Nun gibt es im Poln. dom zajezdny ‚Gasthaus‘. Es ist also daher vielleicht doch am ehesten davon auszugehen, dass auch bei dem Familiennamen Zojdz/Zojdź usw. auf einen auf eine  Einkehrstätte verweisenden Namen zu schließen ist. Eine solche Station zur Einkehr kann mit *Zajdź benannt worden sein und die Örtlichkeit bezeichnet haben. Nach dem Objekt ist dann auch der Betreiber/Inhaber benannt worden.[1] Der Übergang von  /aj/  >  /oj/  kann durchaus im Poln. erfolgt sein, vgl. 1435 Zajda und später Zojda (Rymut, aaO.,  S. 720).    

Nach Auskunft aus dem Institut für Sprachwissenschaft bei der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau  gibt es auch im Russischen den Namen in der Form Žojč. Und auch das Poln. kennt Żojdz, aber auch die Varianten Żojdź und Żojc sowie Żojć mit z- T. weiteren Derivaten (Rymut, aaO., S. 762). Offenbar ist also doch mit einer gewissen lautlichen Variation im An- sowie im Auslaut bereits im Poln. zu rechnen. Dabei kann beim Anlaut regressive Fernassimilation im Spiel gewesen sein. Für solche lautliche Veränderung spricht auch die ins Russische übernommene Form mit graphischer Veränderung der konsonantischen Auslautgruppe von <dz> bzw. <dź>  zu  <č>. Damit folgt die Schriftform der Aussprache im Russischen mit Aufgabe der ursprünglichen Stimmhaftigkeit der Konsonantengruppe. Der russ. Namensträger Kristian Leslavovič Žojč  weist mit seinem Vatersnamen eigentlich zusätzlich auf Herkunft aus Polen hin: Dafür spricht der Rufname Lesław (vgl. Józef Bubak, Księga naszych imion. Wrocław 1993, S. 195), der schon als altpoln. belegt angenommen wird (Słownik staropolskich nazw osobowych, Bd. VI, S. 439). Hinzu kommt, dass er Lehrer für Polnisch in der Stadt Krivoj Rog ist (dankenswerte Auskunft von Frau Prof. Dr. Natalija Vasil’eva in Moskau).    

Bei der Klärung von Familiennamen mit lateinischen Schriftformen ist bei Herkunft oder auch Vermittlung aus slawischen Sprachen also besondere Vorsicht geboten. Im hier besprochenen Fall ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer primär poln. Namensform auszugehen. Sie ist über Entlehnung einerseits ins Deutsche und andererseits auch ins Russische gelangt. Dabei sind die im Polnischen entsprechend der Aussprache wichtigen diakritischen Zeichen bei Übernahme ins Deutsche eliminiert worden. Entscheidend für die Integration ins Deutsche war allein das partiell mit dem Deutschen verträgliche Schriftbild, also die äußerliche Übereinstimmung der lateinischen Schriftzeichen bei gleichzeitiger Vernachlässigung der diakritischen Zeichen. Infolgedessen wird der Name nun deutsch [tsojts] gesprochen. Im Russischen hingegen erfolgte in Kyrillica eine graphische Verankerung des Namens gemäß Aussprache, und diese lautet [žojč]. Im Deutschen und im Russischen haben sich die Lautformen von ursprünglich offenbar vorhandener zweimaliger Stimmhaftigkeit (im An- und Auslaut) deutlich entfernt. Eine ursprünglich gemeinsame Ausgangsform ist eigentlich nicht mehr erkennbar.    


[1] Unter ganz außersprachlichem Aspekt lässt sich zusätzlich und quasi stützend  noch vermuten, dass die deutschsprachigen Großeltern Zojdz selbst auch noch Nachkommen aus einer recht alten und traditionsbewussten Herbergsfamilie waren. Dafür spricht, dass sie nach ihrer Übersiedlung nach Sachsen in Berthelsdorf einen Gasthof übernahmen und dieser dort nun bereits in dritter Generation fortgeführt wird.