Das erste Mal gesehen und zugehört habe ich Wilhelm F.H. Nicolaisen am 13. August 1984. Es war der Eröffnungstag des XV. Internationalen Kongresses für Namenforschung in Leipzig mit dem Generalthema "Der Name in Sprache und Gesellschaft". Als Präsident des vorangegangenen Internationalen Kongresses für Namenforschung 1981 in Ann Arbor (Michigan, USA) grüßte er die Teilnehmer in Leipzig. Ich saß mit im Präsidium und hatte die Veranstaltung zu protokollieren. Sehr beeindruckt war ich damals davon, was er alles über Leipzig sagte: "We are here not only because of the kind invitation of our Leipzig colleagues and their university, although that played an important part; we are here mainly because Leipzig is a place where important and exciting things are happening in the field of onomastics. There can be few academic locations today in which there is such a fine team of name scholars at work, backed by many similarly outstanding colleagues at universities, colleges and academies elsewhere in the country" (Nicolaisen 1985: 1).

Die zweite intensive Erinnerung geht zurück in das Jahr 1995, in dem wir beide an der VI. Akademie Friesach zum Thema "Personennamen und Identität" in Friesach, der ältesten Stadt Kärntens teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit, genauer beim Nachmittagsprogramm, das die Akademieteilnehmer in das Benediktinerstift St. Lambrecht führte, wo u.a. auch über die Benennung von Ordensangehörigen in Benediktinerklöstern der Alpenländer berichtet wurde, nahm er mich beiseite und erklärte mir, dass auf Tagungen die Pausengespräche und Exkursionen das Wichtigste wären. Daran habe ich in den letzten zwanzig Jahren noch oft gedacht. Aus Halle stammend fragte er mich immer, wie es denn in Ostdeutschland jetzt so sei. Ich freute mich dann über sein Interesse an uns.

Die nächste Begegnung ließ nicht lange auf sich warten, denn im Sommer 1996 fand der XIX. Internationale Kongress für Namenforschung in Aberdeen statt, organisiert von ihm. Bereits die Begrüßung und das Angebot, ihn "Bill" nennen und ihn duzen zu dürfen, das war irgendwie besonders. Diese freundliche und zugewandte Art des Gastgebers prägte die Kongresstage mit dem anregenden und vielseitigen Tagungsprogramm und den verschiedenen Exkursionen (Pikten, Burgen, Küste und Whiskydestillerien wurden angeboten). Dies war zugleich der erste Kongress des neuen, umstrukturierten ICOS, wodurch die Mitgliedschaft nicht weiter auf dem Prinzip der Kooptation beruhte, sondern geöffnet wurde. Mit seinem Generalthema "Dimensionen, Perspektiven und Methoden der Namenforschung" bot Aberdeen ca. 170 Vortragenden die Möglichkeit, ihre Themen, Probleme und neuen Ansätze vorzutragen. Gerhard Koss fasste seinen Bericht über Aberdeen damals wie folgt zusammen: "Aberdeen war auch ein Kongress seines Präsidenten Wilhem dictus Bill NICOLAISEN, in der Neuen Welt als Mister Onomastica bekannt. Als letzter Generalsekretär des alten ICOS und ersten Präsidenten des neuen ICOS hat er die Stabilität der Vereinigung erhalten, so daß er jetzt getrost den Stab weiterreichen konnte. Den Dank an den Kongresspräsidenten, seinen Stab und seine Familienangehörigen für die gelungene Ausrichtung des XIX Kongresses kleideten die Anwesenden bei der Closing Session in minutenlange standing ovations, was mehr als Worten besagt" (1996, 84). In meiner Erinnerung organisierten Bill und seine Tochter den Kongress ohne Computer!

Im November 1997 weilte Bill eine Woche als Gast bei uns in Leipzig. Vor Studenten der Onomastik und der Anglistik berichtete er in einer Gastvorlesung über "Ergebnisse der Namenforschung in England". Am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V. in Leipzig hielt er einen vielbeachteten Vortrag über " Ortsnamen und Siedlungsgeschichte in Schottland". Auf der Namenkundlichen Jahrestagung sprach er schließlich über die "Welt der Namen". Er spannte den Bogen damals über die (literarisch-namenkundliche) Analyse der Kurzgeschichte "Unter dem Garten" von Graham Greene über Themen wie Namen in Märchen, Name und Selbstverständnis, Namen als verbale Ikone, Namen als Verortungen in der Vergangenheit, Namen und Wort, Namen von ungewöhnlichen Objekten bis hin zu Namen von Haustieren u.v.a. Immer wieder betonte er die kaleidoskopische Variabilität der Welt der Namen. In meinem Verständnis regte er damit auch in Leipzig Untersuchungen zu Namen an, die bis dahin nicht zum traditionellen Untersuchungsgegenstand gehörten. Bei seinem erneuten Aufenthalt an der Universität im Jahr 2003 ging es Bill darum, die neuen Untersuchungen zur Literarischen Onomastik in Deutschland zu studieren, um sie in seinem Beitrag "Methoden der literarischen Onomastik" für das Lehrbuch "Namenarten und ihre Erforschung" (Nicolaisen 2004) berücksichtigen zu können.

Das letzte Mal sahen wir uns in Pisa zum XXII. Kongress für Namenforschung im Sommer 2006, und es ging ihm, nach eigenen Worten, nicht nur gut, aber er war überall dabei beim wissenschaftlichen Programm, bei den Exkursionen und in den Pausen! Zehn Jahre gab es dann keine Wiedersehen mehr, aber wir lasen voneinander, auch dank E-Mail. Die obligatorische Weihnachtspost fehlte 2015. Die Nachricht von seinen Tod kam also nicht unerwartet, aber sie hat uns traurig gemacht, weil wir mit Bill über Jahrzehnte eine enge Verbindung hatten und er uns fehlen wird.

In den "Namenkundlichen Informationen" erscheint sein Name erstmals 1974. Rosemarie Gläser rezensierte sein Buch "The Names of Towns and Cities in Britain" (Gläser 1974). Später rezensiert er auch für unsere Zeitschrift, so zum Beispiel ausführlich die Studie von Ines Sobanski: "Die Eigennamen in den Detektivgeschichten Gilbert Keith Chestertons. Ein Beitrag zur Theorie und Praxis der literarischen Onomastik" (Nicolaisen 2000). Vier Aufsätze hat Wilhelm F.H. Nicolaisen in unserer Zeitschrift veröffentlicht: "Über Namen in der Literatur" (Nicolaisen 1980a), "Zur Namenforschung in den USA" (Nicolaisen 1980b), "Die Welt der Namen" (Nicolaisen 1998) und "Ortsnamen als Zeugnisse der Siedlungsgeschichte Nord-Ost-Schottlands" (Nicolaisen 2002).

Wilhelm F.H. Nicolaisen war einer der allerersten, der Mitglied der 1991 gegründeten Gesellschaft für Namenforschung wurde und sich immer für sie interessiert und engagiert hat. Der Arbeitsstelle an der Universität Leipzig schenkte er alle seine Veröffentlichungen. Wir haben viele Gründe, Bill Nicolaisen in dankbarer Erinnerung zu behalten!

[Bill Nicolaisen ist sehr eng mit der Geschichte des ICOS (International Committee of Onomastica Sciences, seit 1993 International Council of Onomastic Sciences) verbunden; eine entsprechende Würdigung wird wohl von dort erfolgen. Unter seiner Präsidentschaft (1990-1996) fand der schwierige Umbruch von "einer nicht mehr zeitgemäßen und wissenschaftlich fragwürdigen nationalen Delegation" (ich selbst war als Vertreter für Portugal Mitglied) in eine internationale wissenschaftliche Gesellschaft. Ausgangspunkt war der Kongress in Ann Arbor (1981), dessen Akten nie erschienen sind (vgl. Kremer 2002) und wo ich erstmals Kontakt mit Leipziger (oder "ostdeutschen") Namenforschern hatte. Die vor allem von André Lapierre (Ottawa) und mir ausgehende Initiative und von heftigen Diskussionen begleitete Umwandlung erfolgte auf dem 18. ICOS-Kongress 1993 in Trier. Bill Nicolaisen spielte hier die zentrale Rolle, wir haben uns schließlich im besten Verständnis zusammengerauft. Wir sahen uns regelmäßig auf den Folgekongressen. Noch einmal besonders intensiv wurde unser Kontakt bei der gemeinsamen Vorbereitung des ICOS-Kongresses in Pisa (2005), zu der uns Maria Giovanna Arcamone und auch Albrecht Greule eingeladen hatte. Es sollte unser letztes Treffen sein. Dieter Kremer]

─ Gläser, Rosemarie (1974): Rez. zu Nicolaisen, W.F.H.(Hg), The Names of Towns and Cities in Britain. London, B.T. Batsford 1970. 215 S., in: NI 25, 34-35.

─ Koss, Gerhard (1996): XIX. Internationaler Kongreß für Namenforschung (Aberdeen/Schottland, 4.-11. August 1996), in: NI 70, 81-85.

─ Kremer, Dieter (Hg.) (2002): Onomastik. Akten des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung Trier, 12.-17. April 1993, Band I (= Patronymica Romanica 14), Tübingen: Niemeyer, XXXIIf.; Ausgewählte Beiträge (Ann Arbor, 1981), in: ib., Band VI (= Patronymica Romancica 19), 433-544.

Nicolaisen, W.F.H. (1980a): Über Namen in der Literatur, in: NI 38, 13-25.

─ (1980b): Zur Namenforschung in den USA, in: NI 39, 37-45.

─ (1998): Die Welt der Namen, in: NI 74, 9-28.

─ (2000): Rez. zu Ines Sobanski: Die Eigennamen in den Detektivgeschichten Gilbert Keith Chestertons: Ein Beitrag zur Theorie und Praxis der literarischen Onomastik (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 21, Linguistik, 218), Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 1999, 322 S., in: NI 77/78, 203-205.

─ (2002): Ortsnamen als Zeugnisse der Siedlungsgeschichte Nord-Ost-Schottlands, in: NI 81/82, 179-190.

(Alle Fotos: privat)