Mit Erinnerungen an den Beginn der Forschungen in den 50er Jahren

Der am 30.1.1921 in Oberfrohna als Sohn eines Lehrers geborene, am 9.7.2015 in Leipzig nach einem überaus erfolgreichen Berufsleben als hoch geschätzter Namenforscher, Siedlungshistoriker und Wissenschaftsorganisator verstorbene Professor Dr. Hans Walther hat ein Leben lang mit Akribie, Fleiß und Konsequenz die Vielseitigkeit des Namenschatzes ins Zentrum seines Bemühens gestellt.

Auftakt zum wissenschaftlichen Werdegang von Hans Walther war Anfang der 50er Jahre der Beginn der namenkundlichen Forschungen in Obersachsen (und Thüringen) durch den Germanisten Ludwig Erich Schmitt und den Slavisten Reinhold Olesch in Übereinkunft mit dem damaligen Chef der Landesgeschichte, Heinrich Sproemberg. Jeder der Initiatoren suchte unter seinen Studenten geeignete, an der Mitarbeit interessierte Leute, die parallel zu den mundartlichen Untersuchungen besonders die von Landeshistorikern wie  Hans Beschorner und  Johannes Leipoldt bereits seit längerer Zeit stärker beachteten Flurnamen in den Mittelpunkt der Untersuchungen stellen sollten. Als günstig erwies sich, dass die ersten „Kandidaten“ schnell entschlossen waren, ein zusammenhängendes Gebiet aufzubereiten. Hans Walther übernahm den Kreis Rochlitz, Horst Naumann den Kreis Grimma (mit Wurzen), Herbert Wolf den Kreis Oschatz. Leipzigs Flurnamen wurden durch einen Mitarbeiter der Landesgeschichte erfasst. Am 10.11.1951 erhielten Herbert Wolf und Horst Naumann die offizielle Bestätigung, dass sie Hilfsassistenten am neuen Forschungsauftrag bei Ludwig Erich Schmitt geworden waren. Hans Walther begann seine Tätigkeit in der Landesgeschichte. Sein wissenschaftliches Interesse galt dem Altsiedelraum um Rochlitz.

Nach ausführlichen Vorermittlungen und mit ständigem Erfahrungsaustausch wurden im Juli/August 1952 die Mundartaufnahmen in den drei Kreisen durchgeführt, wobei Hans Walther bei dieser Arbeit Horst Naumann uneigennützig unterstützte, indem er die Mundartaufnahmen für die sehr bergige, dicht besiedelte Südostregion des Kreises Grimma aufbereitete und ihm die Ergebnisse übergab. Als Ältester unter uns sorgte er dafür, dass die Arbeit zügig voranging.

Am 22.2.1953 verließ zwei Monate nach Reinhold Olesch auch Ludwig Erich die DDR. Die für Horst Naumann und Herbert Wolf in Aussicht genommenen Assistentenstellen wurden gestrichen. Horst Naumann suchte sich eine Arbeitsstelle an einer Grimmaer Schule, Herbert Wolf verließ im Herbst die DDR. In dieser Situation bemühte sich Hans Walther in der Folgezeit zusammen mit Rudolf Große und Walter Flämig erfolgreich darum, Horst Naumann an den inzwischen eingerichteten Forschungsauftrag Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte zurückzuholen, wo ab 1954 mit Rudolf Fischer und Theodor Frings ein neues Leitungsgremium tätig war. Beispielgebend für die vorausdenkende Arbeitsweise von Hans Walther war auch, dass er bereits 1957 mit der Veröffentlichung seiner 1955 verteidigten Dissertation über die Orts- und Flurnamen des Kreises Rochlitz das Muster für derartige Abhandlungen geschaffen und als Band 3 der Reihe Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte öffentlich dargelegt hat, wie in Leipzig Namenforschung betrieben wird. Die im Vorwort hervorgehobene Einbeziehung des gesamten Namenbestandes einer Landschaft in seiner Vielschichtigkeit, die Beachtung der wechselvollen historischen Gestaltung des deutsch-slawischen Verhältnisses waren für ihn immer wichtige Anliegen bei der Untersuchung von Namen dieses Gebietes. Die von Anfang an vorbildliche Erschließung und Wertung der historischen Quellen durch Hans Walther ist hier bereits verwirklicht.

In den Jahren ab 1954 kamen dann als weitere Mitarbeiter in der Forschung und dauerhafte Mitstreiter Ernst Eichler, Joachim Göschel, Wolfgang Sperber, Wolfgang Fleischer, Walter Wenzel, Karlheinz Hengst und Volkmar Hellfritzsch hinzu.

Hans Walther hatte schon recht früh erkannt, dass mit Hilfe des durch Kreisarbeiten aufbereiteten kleinflächigen Areals in absehbarer Zeit kein verwertbares Ergebnis für große Räume erreicht werden konnte. Es boten sich zwei Möglichkeiten an: die Aufbereitung des Materials größerer (Altsiedel)Landschaften – die Aufbereitung der Siedlungsnamen nach der sprachlichen Herkunft slawisch/deutsch/„Mischnamen“. Beide Formen wurden gut auf den Weg gebracht und waren zumindest teilweise erfolgreich. Die erste große Altlandschaft, das Gebiet Zeitz/Weißenfels, wurde zunächst ab 1960 von Horst Naumann bearbeitet und galt nach dessen Ausscheiden aus dem Forschungsauftrag als Versuchsprojekt. 1984 erschien die Arbeit in einer von Hans Walther gemeinsam mit Ernst Eichler deutlich erweiterten neuen Bearbeitung als Band 35 der DS-Reihe als Untersuchungen zur Ortsnamenkunde und Sprach- und Siedlungsgeschichte des Gebietes zwischen mittlerer Saale und Weißer Elster.

Diese profunde, auf sicherer Quellenkenntnis beruhende Materialaufbereitung weckte die besondere Aufmerksamkeit durch Henning Kaufmann, der ihn als Preisträger der nach ihm benannten Stiftung vorschlug. Der Stiftungsvorstand folgte einstimmig diesem Vorschlag. Der Vorstandsvorsitzende Friedhelm Debus konnte ihm und Ernst Eichler am 9. September 1987 in einer Feierstunde in Kiel den Preis überreichen. Im Festvortrag behandelte Hans Walther das Thema „Historisch-gesellschaftliche Determinanten in Benennungsakten“. Seit diesem Jahr der persönlichen Begegnung blieben Hans Walther und Friedhelm Debus in freundschaftlich-wissenschaftlichem Kontakt.

Gekrönt wurde die Erfassung des sächsischen Namenschatzes durch das Historische Ortsnamenbuch von Sachsen, an dessen Aufbereitung und Vollendung Hans Walther ganz maßgeblich beteiligt war. Mit diesem dreibändigen Werk wird der Namenbestand eines ethnisch, siedlungsgeschichtlich, kulturell, sprachlich bedeutsamen Gebietes so aufbereitet, dass er in die vielfältigen, in Namen eingebetteten oder sie offenbarenden Gegebenheiten des Lebens Einblicke ermöglicht.

Als sehr günstig erwies sich, dass den Deutsch-Slawischen Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte gleich zu Beginn als Arbeitsraum der große Ecksaal im ersten Stock des Petersteinweges zugewiesen wurde. Von dort bestand direkter Zugang in die umfangreiche, gut geordnete Bibliothek der Landesgeschichte, so dass dort sowohl die Quellenwerke und die historische Fachliteratur als auch sonst schwer erreichbare Kartenwerke genutzt werden konnten. Auch hier war Hans Walther als Dienstältester und Geschäftsführer vorausschauend fördernd tätig.

Hervorzuheben ist auch, dass Hans Walther immer der Ansprechpartner war, wenn es in Leipzig um namenkundliche Belange ging. Sehr intensiv und unablässig hat er sich um die Verbesserung des methodischen Vorgehens bei der Aufbereitung des namenkundlichen Materials bemüht. 

Wir haben Hans Walther als jederzeit aufgeschlossenen Kollegen, als in seiner beruflichen Tätigkeit durch Fleiß, umfassendes Wissen und Kontinuität hoch anerkannten und geschätzten Fachmann und Freund kennen und schätzen gelernt. Wir haben ihn in seiner mit Durchsetzungsvermögen gepaarten, großen Bescheidenheit viele Jahre lang begleiten können und werden ihn in guter Erinnerung behalten.

Danke sagen Dir, lieber Hans,

Friedhelm Debus        Rudolf Große             Horst Naumann          Herbert Wolf