Heute vor 110 Jahren wurde der Romanist, Lusitanist und Namenforscher Joseph M. Piel geboren. In einer so rasch vergänglichen Zeit wie die heutige ist es vielleicht nützlich, auf vergangene Forschergenerationen aufmerksam zu machen. Nicht selten wurde hier gründlicher und mit weiterem Blick gearbeitet. Zahlreiche Standardwerke sind bis heute aktuell und unübertroffen.

Als Romanist und Lusitanist hat Piel – als Mitarbeiter von Wilhelm Meyer-Lübke wirkte er als Nachfolger von D. Carolina Michaelis zuerst als Ordinarius in Coimbra (1939–1954), zusammen mit Harri Meier und Fritz Schalk bildete er dann das Köln-Bonner romanistische Dreigestirn, nach der Emeritierung (1968) arbeitete er in Lissabon – ein umfangreiches, bedeutendes Werk hinterlassen, das in seiner ganzen Bandbreite, da meist in kleineren Miszellen erschienen, in Deutschland kaum gebührend Beachtung gefunden hat. Zentrale, aber keineswegs ausschließliche, Themen sind die historische Wortforschung und die Namenforschung.

Neben allgemein romanistischen Aspekten hat sich Piel insbesondere mit dem Portugiesischen und dem Galicischen beschäftigt, hier gilt er als der große Gelehrte für die Sprachgeschichte. Zwei Festschriften (1), die Ehrendoktorwürde der Universitäten Lissabon und Santiago de Compostela, die Mitgliedschaft in der Academia das Ciências de Lisboa und der Real Academia Galega und die Honorarprofessur an der Universität Trier unterstreichen seine Bedeutung.

In unserem Kontext sind die namenkundlichen Arbeiten von Piel von besonderer Bedeutung. Sein Interesse galt der portugiesischen (und galicischen) Onomastik allgemein, sein Ziel war die systematische Aufarbeitung aller (historischen) Aspekte, insbesondere der Ortsnamengebung. Sehr zahlreiche kleinere Beiträge zu Einzelfragen sollten in einer Gesamtdarstellung münden, zu der es nicht gekommen ist. Umso wichtiger wäre eine Sammelausgabe mit Indizes für die verstreuten, oft nicht leicht zugänglichen Beiträge.

Mit dem Namen Piel wird insbesondere die, wie man heute sagt, germanisch-romanische Kontaktforschung verbunden. In der Tat hat er als Romanist und Germanist im portugiesischen Kontext und als legitimer Nachfolger von Meyer-Lübke (2) in diesem Bereich Bleibendes geschaffen. International bekannt wurde er mit seiner ersten großen Artikelserie Os nomes germânicos na toponímia portuguesa, 1933/1944 (3). Diese Thematik hat ihn sein Leben lang beschäftigt. Als Emeritus und mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat er 1976 als Summa seiner entsprechenden Studien das anerkannte Standardwerk Hispano-gotisches Namenbuch (4) vorgelegt.

Doch wenn Piel aufgrund dieses Schwerpunkts internationale Anerkennung fand, so sind doch zwei weitere Serien, die auch als Sonderdruck erschienen, von ebenso großer Bedeutung. Für die portugiesische (und galicische) Toponymie sind sog. Besitzerortsnamen charakteristisch, was natürlich mit der äußeren Geschichte in direktem Zusammenhang steht (Reconquista = Neubesiedlung). Die zeitgenössischen Personennamen spiegeln sich daher in den Ortsnamen. Dem sehr bedeutenden Anteil von Namen germanischer Etymologie (nicht „germanische“ Namen) stehen natürlich die „romanischen“ Namen überwiegend lateinischer oder über das Lateinisch-Romanische vermittelter Tradition gegenüber. Mit seinen sehr wichtigen, 1947 erschienenen Nomes de "possessores" latino-cristãos na toponímia asturo-galego-portuguesa hat Piel den Grundstein für entsprechende Studien und Inventare gelegt (5).

Diese Untersuchung verdiente unbedingt eine Neuveröffentlichung ebenso wie seine Aufarbeitung eines weiteren zentralen Themas der Ortsnamenforschung: die in den Ortsnamen der Iberischen Halbinsel enthaltenen Heiligennamen (Os nomes dos santos tradicionais hispânicos na toponímia peninsular, 1949) (6). Diese Arbeiten sind bis heute Referenzwerke der iberoromanischen Namenforschung, sie haben nichts von ihrem Wert und ihrer Aktualität verloren.

Anmerkungen:

(1) Philologische Studien für Joseph M. Piel, hg. von Wolf-Dieter Lange und Heinz Jürgen Wolf, Heidelberg: Winter 1969, 239 S., Homengem a Joseph M. Piel por ocasião do seu 85.º aniversário, editado, com o apoio do Instituto de Cultura e Língua Portuguesa e do Consello da Cultura Galega, por Dieter Kremer, Tübingen: Niemeyer 1988, 798 S. Vgl. auch “Joseph M. Piel (1903–1992), in: Revista Portuguesa de Filologia 20 (1995) 267–280.

(2) Wilhelm Meyer-Lübke, Romanische Namenstudien, I. Die altportugiesischen Personennamen germanischen Ursprungs, in: Kais. Akademie der Wissenschaften, SB149/2, Wien 1904,  II. Weitere Beiträge zur Kenntnis der altportugiesischen Namen, ib. SB 184/4, Wien 1917.

(3) Joseph M. Piel, 8. Os nomes germânicos na toponímia portuguesa, in: Boletim de Filologia 2 (1933–1934) 105–140, 224–240, 289–314; 3 (1934–1935) 37–53, 218–242, 367–394; 4 (1936–1937) 24–56, 307–322; 5 (1938) 35–57, 277–288;  (1939–1940) 65–86, 329–350; 7 (1944) 357–385 [Auch als Separatum: vol. I (Adães‑Novegilde), Lisboa 1936, II (Oldrões‑Zendo), Lisboa 1945, 303 S.]

(4) Joseph M. Piel / Dieter Kremer, Hispano-gotisches Namenbuch. Der Niederschlag des Westgotischen in den alten und heutigen Personen- und Ortsnamen der Iberischen Halbinsel, Heidelberg: Winter 1976. In diesem Zusammenhang auch Dieter Kremer, Die germanischen Personennamen in Katalonien. Namensammlung und Etymologi­sches, in: Estudis Romànics 14 (1969) 1–245 und 15 (1970) 1–121 [als  Separatum Barcelo­na: Institut d'Estudis Catalans 1967–72, 367 S.]

(5) Joseph M. Piel, Nomes de "possessores" latino-cristãos na toponímia asturo-galego-portuguesa», in: Biblos 23 (1947) 143–202, 283–407 [Auch als Separatum: Coimbra 1948, 185 S.]. In diesem weiteren Zusammenhang auch Lidia Becker, Hispano-romanisches Namenbuch. Untersuchung der Personennamen vorrömischer, griechischer und lateinisch-romanischer Etymologie auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter (6.–12. Jahrhundert), Tübingen: Niemeyer 2009 (= Patronymica Romanica, 23).

(6) Joseph M. Piel, Os nomes dos santos tradicionais hispânicos na toponímia peninsular, in: Biblos  25 (1949) 287–353, 26 (1950) 281–314 [Auch als Separatum: Coimbra 1950, 110 S.]