Noch Anfang September 2015 hat Horst Naumann an dieser Stelle gemeinsam mit seinen „Mitstreitern“ (sein Lieblingswort für ihm langjährig eng verbundene wissenschaftliche Wegbegleiter) Friedhelm Debus, Rudolf Große und Herbert Wolf des im Juli verstorbenen Freundes und Kollegen Prof. Dr. Hans Walther gedacht. Nur wenige Monate später, am 28. November, kurz nach seinem 90. Geburtstag, hat der Tod seinem eigenen schaffensreichen Leben ein Ende gesetzt.

Horst Naumann nach dem Erhalt des Henning-Kaufmann-Preises, 2011 (Foto: Dieter Kremer).

Mit seinen Forschungen hat Horst Naumann, am 20. November 1925 in Grimma geboren, die Onomastik seit seinem Studium der Germanistik in Leipzig auf bemerkenswerte Weise mitgeprägt. Bereits 1956 als wissenschaftlicher Assistent bzw. Mitarbeiter an der Universität Leipzig und als Mitglied des interdisziplinär ausgerichteten Vorhabens und dessen Publikationsreihe „Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte“ (DS) galt sein besonderes Interesse den Flurnamen, wovon eine Vielzahl auf akribischen Quellenstudien beruhender Aufsätze zeugen. (Anm. 1) All diese Detailstudien flankieren seine beiden großen, der obersächsischen Toponymie gewidmeten Publikationen: die Dissertationsschrift (Promotion 1958) Die Orts- und Flurnamen der Kreise Grimma und Wurzen (DS 13), Berlin 1962, und die (gekürzte) Habilitationsschrift Die bäuerliche deutsche Mikrotoponymie der meißnischen Sprachlandschaft (DS 30), Berlin 1972, in der auf der Grundlage von 42.000 Mikrotoponymen (über 150.000 urkundliche Belege) erstmalig die Beziehungen zwischen den quantitativen und qualitativen Flurnamenverhältnissen dargestellt werden.

Nach seiner Ernennung zum Ordentlichen Professor für Deutsche Sprache an der Pädagogischen Hochschule Zwickau im Jahre 1974 lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Studenten u. a. auf das Frühneuhochdeutsche – ebenfalls einer seiner Forschungsschwerpunkte – und führte sie, verbunden mit konkreten Aufträgen, an die im Zwickauer Stadtarchiv und in der bedeutenden Ratsschulbibliothek lagernden wertvollen Bestände dieser Sprachperiode heran. Allerdings galt Horst Naumanns wissenschaftliches Interesse nach wie vor auch den Flurnamen. Als konkrete Vorbereitung auf ihren künftigen Einsatz als Lehrer im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) erfassten unter seiner Regie bis zum behördlich verordneten Abbruch dieses Vorhabens 69 Studenten (Anm. 2) in 472 Gemarkungen mehr als 18.000 schriftlich und mündlich überlieferte Mikrotoponyme. „Damit wurde eine für die DDR einmalige und einzigartige Dokumentation über den Namengebrauch der 60er Jahre geschaffen, deren Auswertung bislang nur erst partiell erfolgt ist.“ (Anm. 3)

Aus der Leipziger Germanistik Fringsscher Prägung hervorgegangen, verfügte Horst Naumann über beste Voraussetzungen, seine Forschungsgegenstände primär in ihrer historischen Verankerung zu erfassen und darzustellen. Dennoch war er stets bestrebt, auch moderne bzw. gegenwartssprachliche Tendenzen und Entwicklungen im Blick zu behalten. So waren seine Studenten angewiesen, in ihren Flurnamenarbeiten den infolge der sozialistischen Großraumwirtschaft eingetretenen Veränderungen in der regionalen Mikrotoponymie besondere Beachtung zu schenken. In diesem Zusammenhang – ebenfalls unter Einbeziehung der Studentenschaft – ist auf den bedeutenden Beitrag zu verweisen, den Horst Naumann seit 1964 zur Erforschung der Vergabe von Vornamen von 1924 bis 1968 Geborener geleistet hat. (Anm. 4) Ganz im Sinne des Naumannschen Verständnisses von Wissenschaft, deren Ergebnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, ist nach einigen „Vorläufern“ (Anm. 5) das gemeinsam mit Gerhard Schlimpert und Johannes Schultheis publizierte Vornamenbuch, 1. Aufl. Leipzig 1988, entstanden.

An aktuellen Fragestellungen orientierte Aufsätze aus der Feder Horst Naumanns gelten sozio-onomastischen, strukturellen, funktional-kommunikativen, textlinguistischen, wissenschaftshistorischen und vielen anderen Problemen der Namenforschung, auf die hier nur generell verwiesen werden kann. (Anm. 6) Allen diesen Aspekten widmete Naumann auch in seinen betont historisch angelegten Arbeiten zu Familiennamen, denen er sich seit den siebziger Jahren zuwandte, große Aufmerksamkeit. In diesem Sinne sind Untersuchungen verfasst, von denen wir lediglich einen Aufsatz zur Zwickauer Namenwelt (Anm. 7), die Monographie Die Personennamen der Stadt Grimma, Sachsen (DS 40), Berlin 2003, und seinen grundlegenden Artikel „Familiennamen und Sprachgeschichte" (Anm. 8) hervorheben wollen. Den soeben bei baar erschienen dritten Sammelband, der Horst Naumanns wichtigste Arbeiten zur Klasse der Familiennamen zusammenfasst (Anm. 9), konnte der Verstorbene leider nicht mehr in den Händen halten. Mit Recht heißt es in der Verlagsankündigung. „Es wird einmal mehr deutlich, dass Sprachwissenschaftler, die nicht um die Besonderheiten von Eigennamen wissen, leicht an ihnen scheitern. Das Buch ist daher unverzichtbar für all jene Sprachwissenschaftler, die sich Fragen der Nomination, Referenz und Prädikation widmen. Ein Muss auch für alle, die Sprachwissenschaftler werden wollen." (Anm. 10)

Nicht vergessen werden soll die bereits in seiner Funktion als Hochschullehrer beeindruckend zutage getretene Fähigkeit Horst Naumanns, wissenschaftliche Projekte zu organisieren und mehrere Mitarbeiter zu klar ausgerichteter und straff geleiteter kollektiver Tätigkeit zusammenzuführen. Insofern bleibt dem Verfasser dieser Zeilen, der mit Horst Naumann wieder einen guten Freund, ein Vorbild zumal, verloren hat, die Mitarbeit an dem von ihm herausgegebenen, überaus erfolgreichen Lexikon der Familiennamen (Anm. 11) in bester Erinnerung.

Zu Straßennamen hat sich Horst Naumann, das Grimmaer „Urgestein“, besonders im Zusammenhang mit Forschungen zu seiner Vaterstadt geäußert (Anm. 12), die ihn 2010 zu ihrem Ehrenbürger ernannte. Neben der prächtigen und überaus informativen Trilogie Mein Grimma lob ich mir (Anm. 13), einer editorischen Leistung von Rang, wären des Weiteren eine Vielzahl von Aufsätzen zu Sprache und Geschichte des Muldentals und seiner weiteren Umgebung zu nennen, mit der er in seiner Heimat zur „Instanz“ wurde.

1992 berief ihn die in Wiesbaden ansässige Gesellschaft für deutsche Sprache als ersten Vertreter der neuen Bundesländer in ihren Vorstand, seit 2002 war er deren Ehrenmitglied. 2011 wurde ihm der Preis der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Förderung der Namenforschung auf sprachgeschichtlicher Grundlage verliehen.

Mit Horst Naumann verliert die deutsche Namenforschung einen ihrer vielseitigsten und wichtigsten Vertreter, einen, wie es sein Freund und Kollege, der Kieler Professor Friedhelm Debus, ausdrückte, bis ins hohe Alter unermüdlich wirkenden „Wissenschaftler mit Bodenhaftung und Volksverbundenheit“.

Volkmar Hellfritzsch

Anmerkungen

(1) Wir verweisen auf die nachgedruckten Texte in den Sammelband Flurnamen. Struktur – Funktion – Entwicklung, hg. von Andrea und Silvio Brendler, Hamburg 2011, und nennen hier nur, da in ihrer Gründlichkeit und Methodik u. E. besonders hervorzuheben, die Arbeiten zu den Grenzbezeichnungen im Flurnamenschatz Sachsens (1962, 89–105), zu dem Mikrotoponym Lehde und seinen agrarökonomischen Implikationen (1970, 137–181) sowie den für die Kleine Enzyklopädie: Die deutsche Sprache, Bd. 2, Leipzig 1970) entstandenen Übersichtsartikel „Flurnamen“ (120–135).

(2) Diese wurden in speziellen Lehrveranstaltungen in Grundfragen der Phonetik, der Namen-, Sprach- und Heimatgeschichte, der Paläographie usw. eingeführt und so auf ihre zu lösenden Aufgaben vorbereitet.

(3) Horst Naumann, Namenkunde und Schule in der DDR, in: Germanistische Linguistik 121–123 (1994), 359–375, hier 364. – Vgl. auch Horst Naumann: 1951–2011. Ein germanistischer Rückblick, in: NI 99/100 (2011), 71–82, hier 75; Horst Naumann, Die Namenforschung in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Acta Academiae Paedagogicae NyÍregyháziensis, Tom. 7, NyÍregyháza 1977, 119–130.

(4) Vgl. Entwicklungstendenzen in der modernen Rufnamengebung der Deutschen Demokratischen Republik, in: Der Name in Sprache und Gesellschaft. Beiträge zur Theorie der Onomastik (DS 27), Berlin 1973, 147–191; Vorname – Rufname – Übername, in: NI 29 (1976), 1–25; 30 (1977), 1–18.

(5) Ebenfalls mit G. Schlimpert und J. Schultheis: Vornamen heute, Leipzig 1977 (3. Aufl. 1988) und Das kleine Vornamenbuch, Leipzig 1978 (6. Aufl. 1986).

(6) Vgl. den Nachdruck ausgewählter entsprechender Texte in: Horst Naumann: Namen in Sprache und Gesellschaft. Theoretische und methodische Probleme der Onomastik, Hamburg 2011.

(7) Zwickauer Personennamen im Zeitraum des Frühkapitalismus, in: Studia Onomastica I (NI, Beiheft 2), Leipzig 1980, 68–77.

(8) In: Karlheinz Hengst /Dietlind Krüger (Hg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. 1. Halbband: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1) Leipzig 2009, 245–270.

(9) Horst Naumann: Familiennamenforschung. Grundlagen – Probleme – Anwendungen, Hamburg 2015.

(10) http://www.baar-verlag.com/Buecher/Familiennamenforschung.html (29.12.15).

(11) Horst Naumann: Das große Buch der Familiennamen. Alter – Herkunft – Bedeutung, Augsburg 2009 [beteiligt waren Volkmar Hellfritzsch, Johannes Schultheis, Gerhard Schlimpert und Walter Wenzel].

(12) Horst Naumann: Die Straßennamen der Stadt Grimma. Ein Lexikon zur Stadtgeschichte mit Stadtplänen von 1850 und 1925, Beucha 1997.

(13) Zuletzt: Mein Grimma lob ich mir. Von Grimma und dem Muldenland. Erarbeitet und herausgegeben von Horst Naumann. Grimma 2014.

Den Text des Nachrufes zum Download als PDF.