Stadtsprache(n) – Variation und Wandel. Beiträge der 30. Tagung des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung, Regensburg, 03.-05. Oktober 2012, hg. von Christopher Kolbeck, Reinhard Krapp und Paul Rössler (= Germanistische Bibliothek 47), Heidelberg: Winter 2013, 160 S. – ISBN: 978-3-8253-6120-4, Preis: EUR 50.00 (DE), EUR 51.40 (AT).

Rezensiert von Sabine Hackl-Rößler, Regensburg

Die Publikation umfasst zehn Beiträge der 30. Tagung des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung in Regensburg vom 03.–05. Oktober 2012. Mit den Beiträgen erfolgt sowohl eine zeitliche (vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart) als auch eine räumliche Streuung (niederdeutscher, süddeutscher und mitteldeutscher Sprachraum sowie Sprachinselsituationen).

Inhaltlich befassen sich die Beiträge unter Anderem mit phonologischen, graphematischen, syntaktischen, lexikalischen, textstrukturellen und semantischen Aspekten der Stadtsprachen. Dabei gibt es unterschiedliche Fragestellungen, z. B. die nach dem Einfluss von Sprechergruppen oder Schreibern oder die nach sprachlichem Wandel durch Veränderungen des Umfelds einer Sprache in Sprachinselsituationen. Außerdem erfolgen unterschiedliche kontextuelle Einbettungen, beispielsweise die Aufzeichnungen eines Nürnberger Henkers mit dem thematischen Schwerpunkt Hinrichtungen, Stadtsprache im Bildungswesen, der Zusammenhang zwischen Sprache und Konfession, etc. Sowohl die abwechslungsreiche inhaltliche Schwerpunktsetzung der Beiträge als auch die ansprechende Buchgestaltung (übersichtliche Anordnung der Beiträge, klare Strukturierung und gute Lesbarkeit der Beiträge, sehr schönes Design des Einbandes) tragen zu einem sehr kurzweiligen Lesevergnügen bei. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Anregungen und Informationen, die für namenkundliche Untersuchungen von Bedeutung sind.

Jürgen Macha thematisiert in seinem Beitrag „Sprachliche Konfessionalismen“ der Frühen Neuzeit (11–25), d.h. „Klassen von Erscheinungen sprachlicher Art (…), bei denen der Erklärungsgröße ‚Konfession‘ ein besonderer Stellenwert zukommt“ (14). Macha unterscheidet vier Arten sprachlicher Konfessionalismen: graphematische, lexikalische, onomastische und pragmatische Konfessionalismen. Aus Sicht der Namenkunde relevant sind vor allem die Ausführungen zu den onomastischen Konfessionalismen, die Macha für den Bereich der Personennamengebung feststellt. Auch die Ausführungen zum ‚lutherischen e‘ und zu einem eventuellen ‚lutherischen t‘ im Bereich graphematische Konfessionalismen können für die Namenkunde durchaus von Bedeutung sein.

In Yasmin Böhmes und Hans Ulrich Schmids äußerst interessantem und thematisch ungewöhnlichem Beitrag „Aus Gnaden mit dem Schwert gericht … Zum Sprachgebrauch eines Nürnberger Henkers um 1600“ (27–39) ist es ebenfalls der Blick auf die Personennamengebung, der von onomastischer Relevanz ist. Im Abschnitt „Onymische Lexik, Benennungsmotive“ fassen Böhme und Schmid Zusatznamen ins Auge, für die die Textquelle – der Text eines Nürnberger Henkers um 1600 über alle Strafen, die er von 1573–1617 vollstreckt hat – offenbar einiges zu bieten hat. Als Motive für die dem Tauf- und Familiennamen zugegebenen Namen nennen die Verfasser Decknamen von Kriminellen sowie Spitz- und Spottnamen aus dem „‘Milieu‘ von Nürnberg und Umgebung um 1600“ (36). Obwohl aufgrund der enormen Fülle der Zusatznamen im Text nur einige Beispiele angeführt werden, zeichnen sich bereits Namentypen ab: Zusatznamen mit Bezug zum Aussehen der Person (z. B. Größe), Zusatznamen mit Beschäftigungen oder Tätigkeiten der Personen (z. B. Musizieren), Bezeichnungen mit auffälligen Verhaltensweisen (z. B. Stottern), Tiernamen sowie einige bislang nicht erklärbare Wortbildungen.

Eine auch für namenkundliche Untersuchungen relevante Bibliografie des niederdeutschen Sprachraums stellen Norbert Nagel und Robert Peters vor (71–80): „Die fortlaufende digitale Bibliografie zu den niederdeutschen, ostniederländischen und kleverländischen Regional- und Ortssprachen vom Spätmittelalter bis 1800“. Die Bibliografie wurde 2012 im Internet als PDF-Datei veröffentlicht und steht seitdem der Öffentlichkeit zur Verfügung. Erfasst wird Literatur zu den Regional- und Ortssprachen im niederdeutschen Sprachraum, den östlichen Niederlanden sowie dem Kleverländischen über einen Zeitraum vom Spätmittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf städtischen Schreibsprachen, gegebenenfalls wird aber auch Literatur zu kleineren Siedlungseinheiten mit erfasst. Linguistische Untersuchungen mit dialektologischer Ausrichtung werden ausdrücklich nicht berücksichtigt, sondern ausschließlich Literatur, die für die Schreibsprachenforschung relevant ist.

Julia Krasselt konzentriert sich auf linguistische Merkmale einer ostmitteldeutschen kanzleisprachlichen Quelle, nämlich den Dresdner Stadtbüchern des 15. Jahrhunderts. Im Beitrag „Die Schreibsprachentwicklung in den Dresdner Stadtbüchern des 15. Jahrhunderts“ (81–93) untersucht Krasselt die Merkmale frühneuhochdeutschen Diphthongierung, qualitativer Diphthongwandel, Relativsatzeinleitung und die Formen des Verbs sollen in allen Einträgen der Dresdner Stadtbücher zwischen 1410 und 1500 im Abstand von 10 Jahren, also 1410, 1420, 1430, … In ihrer Magisterarbeit werden weitere Merkmale aus den Bereichen Graphematik, Flexionsmorphologie und Syntax berücksichtigt. Krasselts äußerst interessante Untersuchungsergebnisse ermöglichen – unter Einbeziehung des Kriteriums Schreiberwechsel – exakte Datierungen des schreibsprachlichen Sprachwandelprozesses mit zum Teil sprunghaften Sprachveränderungen zwischen 1410 und 1500. Onomastisch relevant sind in diesem Zusammenhang vor allem die Datierungen zur frühneuhochdeutschen Diphthongierung und zum qualitativen Diphthongwandel im untersuchten Schreibraum Dresden.

Dem Deutschen bzw. einer deutschen städtischen Varietät in Sprachinselsituationen widmen sich sowohl Stefania Ptashnyk im Beitrag „Stadtsprachen historisch betrachtet: Zur Beschreibung der Mehrsprachigkeit in Lemberg 1848–1900“ (95–110) als auch Alfred  Wildfeuer mit „Die deutsche Stadtsprache von Мукачеве/Munkatsch (Ukraine) – Eine Varietät zwischen Spracherhalt und Sprachverlust“ (111–125).

Ptashnyk konzentriert sich auf die deutsche Sprache in Lemberg zwischen 1848–1900 im Bildungswesen bzw. vor allem im Bereich der gymnasialen Bildung. Zudem geht sie auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Lembergs mit geschichtlichem Hintergrund (ab 1772) ein. Aus Sicht der Namenkunde von Bedeutung ist dies insofern, als die Sprachenvielfalt in Lemberg verdeutlicht wird und der abnehmende Einfluss des Deutschen als Unterrichts- oder zu erwerbende Sprache an Gymnasien den abnehmenden Einfluss des Deutschen in Lemberg in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein widerspiegelt. Diese Umstände wirken sich auch auf die Namengebung (z. B. Personennamen oder Straßennamen) aus.

Gegenstand der Betrachtungen von Alfred Wildfeuer ist die rezente (gesprochene) deutsche Stadtsprache der Stadt Мукачеве/Munkatsch (Ukraine, Region Transkarpatien), in der es bis heute eine deutschsprachige Minderheit gibt. Wildfeuer beschreibt anschaulich die historischen Hintergründe sowie die gegenwärtige Situation der Sprecher dieser rezenten Stadtsprache. Dabei bezieht er auch immer Sprecher der deutschen Varietät im ländlichen Umland ein. Im Punkt „Basisdialektale Grundlagen“ führt er einzelne lautliche und lexikalische Merkmale der rezenten Stadtsprache von Мукачеве/Munkatsch an. Außerdem äußert sich Wildfeuer zu Aspekten des Sprachenkontakts, des Sprachverfalls und des Sprachverlusts sowie zur Terminologie von „Sprachinsel“. Diese Informationen sind – unabhängig von der angesprochenen Region – auch aus namenkundlicher Sicht äußerst interessant, weil sie ein Nachvollziehen der Prozesse ermöglichen bzw. einen Einblick in derartige Sprachsituationen an sich geben.

Der Beitrag von Christina Butz und Christopher Kolbeck „Zum Schreibusus des Jahres 1550 in Regensburg: Ein Rechnungsbuch des St. Katharinenspitals als sprachhistorische Quelle“ (127–141) ist aufgrund des vorgestellten Textkorpus vor allem für weitere Forschungen von großer Bedeutung für die Namenkunde. Grundlage für den vorliegenden Beitrag ist ein Rechnungsbuch des St. Katharinenspitals aus dem Jahr 1550. Dieses Rechnungsbuch ist Teil eines Gesamtbestandes an Rechnungsbüchern des St. Katharinenspitals Regensburg, der von 1354 bis 1930 durchgehend, z. T. in mehreren Versionen, überliefert ist (Link zum Gesamtbestand des Regensburger St. Katharinenspitals: http://www.spital.de/archiv/bestaende.php). Bislang wurde diese riesige Textquelle trotz ihres enormen (sprach)historischen Werts sprachwissenschaftlich kaum berücksichtigt. Auch die große Anzahl an Orts-, Personen- und Flussnamen, die in den im Original vorliegenden Rechnungsbüchern enthalten sind, wurde bisher nicht untersucht und bietet sehr gute Möglichkeiten für zukünftige namenkundliche Forschungen. Butz und Kolbeck konzentrieren sich in ihren Untersuchungen des Rechnungsbuches von 1550 – genau genommen der Rubrik „Aintzig einnehmen des Spitals“ – auf die Verschriftung und Umsetzung der Merkmale frühneuhochdeutsche Monophthongierung, frühneuhochdeutsche Diphthongierung, Nukleussenkung, Rundung und Entrundung, Hebung und Senkung, Realisierung von /k/, Kürzung und Dehnung, Apokope und Synkope, Konsonantenzusatz und Konsonantenschwund, Palatalisierung und Auslautverhärtung.

Weiter sind im Tagungsband folgende ebenfalls sehr interessante Beiträge enthalten, die allerdings keine namenkundlich relevanten Informationen enthalten: Gisela Brandt: Nürnberger Bürgertöchter der frühen Neuzeit im historiografischen und privatbrieflichen Diskurs (41–55); Rainer Hünecke: Geschäftsbücher um 1500 – Syntax zwischen Normtrend und Formelhaftigkeit (57–70) und Libuše Spačilová: Farbbezeichnungen in ausgewählten Quellen der Olmützer Stadtkanzlei (143–160).

Empfohlene Zitierweise

Sabine Hackl-Rößler: [Rezension zu] Stadtsprache(n) – Variation und Wandel, hg. von Christopher Kolbeck, Reinhard Krapp und Paul Rössler, Heidelberg 2013, in: Onomastik-Blog [24.04.2014],
URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-stadtsprachen-variation-und-wandel/

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