Rudolf Šrámek, Retrográdní slovník místních jmen Moravy a Slezska [Rückläufiges Wörterbuch der Ortsnamen von Mähren und Schlesien]. Brno: Masaryková univerzita 2013, 222 S. - ISBN: 9788021062986 und 9788021062983.

Rezensiert von Walter Wenzel, Leipzig

Die Arbeit an einem rückläufigen, vom Ende der Namen her, also a tergo, alphabetisch geordneten Wörterbuch der mährischen und mährisch-schlesischen Ortsnamen (ON) begann bereits bei Abschluss des bekannten zweibändigen Werkes von Ladislav Hosák und Rudolf Šrámek Místní jména na Moravě a ve Slezsku (1980), konnte aber aus den verschiedensten Gründen erst 33 Jahre nach Beginn im Druck erscheinen.

Der Verf. beschreibt einleitend das Wesen eines solchen Wörterbuches und die Erkenntnismöglichkeiten, die es dem Forscher eröffnet, sowie die Entstehungsetappen des Buches, wobei er wichtige Informationen aus der Geschichte der „onomastischen retrograden Lexikographie“ mitteilt sowie die Aufgaben eines derartigen Wörterverzeichnisses, nicht zuletzt im Hinblick auf einen zukünftigen „Slawischen Onomastischen Atlas“, formuliert. (Anm. 1) Zur Sprache kommen nicht nur rückläufige Wörterbücher von Ortsnamen, sondern auch von Flur- und Personennamen und deren Spezifika. Ein eigenes Kapitel legt Ziel, Umfang und Gestaltung des vorliegenden Wörterbuches dar. Im Unterschied zum rückläufigen Verzeichnis der böhmischen ON von Karel Oliva werden auch die dt. Namen mit aufgenommen. (Anm. 2) Sie wären besser in einem eigenen Teil zu behandeln gewesen, steht doch bei ihnen die Komposition im Vordergrund, nicht die Derivation, außerdem hätte sich die Übersichtlichkeit und Handhabbarkeit des vorliegenden Werkes erhöht. Verf. unterscheidet drei Arten von Lemmata: 1. Das Hauptstichwort (hlavní heslo) ist mit dem betreffenden Lemma im Wörterbuch von L. Hosák und R. Šrámek identisch. 2. Das Nebenstichwort (vedlejší informační heslo) steht vor oder hinter dem stets fettgedruckten Hauptstichwort und dient zur weiteren Information. So erscheinen z. B. neben dem Hauptstichwort Poruba als weitere Formen Porubka und Porembka, neben Svoboda die dt. Entsprechungen Freiheit und Freiheits. 3. Sogenannte „Zwischenstichworte“ (mezihesla) sollen das Auffinden des Hauptstichwortes erleichtern. Sie sind ebenfalls fett gedruckt und bestehen aus einem oder mehreren auslautenden Buchstaben wie z. B. -j, -p, -ba, -ca, Endelementen und Suffixen wie -bice, -isko sowie aus Hintergliedern von Vollnamen, die im betreffenden ON umgeformt wurden wie z.B. -boř in Boleboř < *Bolebor+jь. Bei den dt. ON sind es u.a. -se (Wiese) und -dorf mit seinen vielen Vertretern (von Tajadorf bis Kreutzdorf). Ob diese Zwischenstichworte tatsächlich die Orientierung wesentlich erleichtern, sei dahingestellt.

Einen anderen Weg beschritten wir in unseren Lausitzer populärwissenschaftlichen Ortsnamenbüchern, die jeweils ein rückläufiges Verzeichnis der rekonstruierten altnso. bzw. altoso. Ortsnamenformen mit morphematischer Segmentierung, also mit Ausgliederung der Ortsnamensuffixe, enthalten, z. B. altnso. Lub/ici, Luban/owici, Bren/ica, Jawor/ka, Koš/in/ka, Chołḿ/c usw. (Anm. 3) Diese rückläufigen Namenlisten bildeten die Voraussetzung für die Kartierung der Namen. Die beiden tschechischen rückläufigen Wörterbücher liefern für einen zukünftigen Ortsnamenatlas nur in begrenztem Umfange die nötigen Informationen, so z. B. bei der Anfertigung von Karten mit solchen grundverschiedenen Ortsnamentypen wie den Namen auf -ici und -ica: sie stehen zusammen unter -ice, so dass der Bearbeiter bei Sušice und vielen weiteren erst im etymologischen Wörterbuch nachschauen muss, ob er es mit Sušici, wie in Mähren, oder mit Sušica, wie in Böhmen, zu tun hat. Gleiches gilt für Rakovice und viele andere. Weit komplizierter ist es bei den ON mit dem urslaw. Suffix *-jь, die sich in einem retrograden Wörterbuch nur sehr selten zu erkennen geben. Wir lösten das Problem dadurch, dass wir hinter diese Bildungen (jь) setzten, also Skorbošč (jь) (aus *Skorbost+jь), Gostiraź (jь) (aus *Gostirad+jь). Bei den nso. Namen, übersichtlich untergebracht auf vier Seiten mit je vier Druckspalten, lassen sich die betreffenden Namen schnell ausfindig machen, ähnlich verhält es sich im Oberlausitzer Ortsnamenbuch. (Anm. 4)

Der einleitende Teil des Wörterbuches (7–33), in dem noch viele weitere Fragen erörtert und Erkenntnisse dargelegt werden, schließt mit einem Verzeichnis der Symbole und Abkürzungen, einem ausführlichen englischen Resümee sowie einer Liste der benutzen Literatur. Den Hauptteil bildet das Wörterbuch a tergo (37–222).

Das grundlegende Werk von Rudolf Šrámek stellt durch die eingehende Behandlung wichtiger Probleme und Aufgaben der Namenlexikographie sowie die konkrete Darbietung des gesamten rückläufig geordneten mährisch-schlesischen Ortsnamenschatzes nicht nur einen wichtigen Beitrag zur tschechischen, sondern zur gesamtslawischen Namenforschung dar und verdient hohe Anerkennung.

Anmerkungen

(1) Kritisch zu den von Rudolf Šrámek sowie anderen verwendeten Begriffen und Termini „Slawischer Onomastischer Atlas“ und „kleine“ bzw. „große“ Typen äußert sich Walter Wenzel, Prinzipien der Erarbeitung eines slawischen Ortsnamenatlasses, in: Studiï z onomastyky ta etymologiï 2011–2012, 34–50, Neudruck in: Walter Wenzel, Namen und Geschichte, Hamburg 2014 [im Druck].

(2) Karel Oliva, Retrográdní slovník k dílu Dr. Antonína Profouse “Místní jména v Čechách“ I–V, in: Zvláštní příloha Zpravodaje místopisné komise ČSAV XVII (1976), 225 S.

(3) Walter Wenzel, Niederlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen 2006, 162–166; Ders., Oberlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen 2008, 212–217.

(4) Dass damit bei Weitem noch nicht alle Voraussetzungen für die differenzierte Kartierung der ON nach Typen, Basistypen und Basissubtypen geschaffen sind, liegt auf der Hand. Dazu müssten weitere Unterscheidungsmerkmale berücksichtigt werden, wie z.B. als wichtigstes Kriterium die Trennung von deappelativischen ON wie Gub/in (Guben) von deanthroponymischen ON wie Lub/in (Lübben). Ein rückläufiges Wörterbuch kann also für einen Namenatlas nur einen ersten Überblick über die Ortsnamentypen und ihre Häufigkeit geben.

Empfohlene Zitierweise

Walter Wenzel: [Rezension zu] Rudolf Šrámek, Retrográdní slovník místních jmen Moravy a Slezska [Rückläufiges Wörterbuch der Ortsnamen von Mähren und Schlesien], Brno 2013, in: Onomastik-Blog [16.02.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/ruecklaeufiges-woerterbuch/

 

Druckversion des Artikels als PDF

Dieser Blogartikel und das zugehörige PDF-Dokument sind lizenziert unter CC BY 3.0 DE.
Die Titeldaten für das rezensierte Werk finden Sie im WorldCat.