Leopold Schütte: Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 52), Duisburg: Landesarchiv Nordrhein-Westfalen 2014, 813 S. – ISBN 978-3-932892-32-5, Preis: EUR 19,80 (DE).

Rezensiert von Kirstin Casemir, Münster/Göttingen

Sieben Jahre nach der ersten Auflage legt der Verfasser eine neue Auflage vor, die um ungefähr 1.000 Einträge erweitert wurde (vgl. S. 7). Das hat seinen Grund darin, dass die erste Auflage bereits rasch vergriffen war und der Autor weiterhin an seiner Sammlung arbeitete. Das ist außerordentlich zu begrüßen. Vergleicht man die dem Lexikon vorangestellte Liste der Nachschlagewerke, Quelleneditionen und Literatur beider Auflagen, wird rasch deutlich, dass der Verfasser seitdem Erschienenes breit berücksichtigt hat; man vergleiche so z. B. die Beiträge von Gerhard Brökel, Kirstin Casemir oder Markus Denkler. Wie sehr Schütte die Sammlung der Wörter und Sachen aus Westfalen am Herzen liegen, wird daran erkennbar, dass auch vorher erschienene und in der ersten Auflage nicht berücksichtigte Werke wie die Süderländischen Geschichtsquellen von Emil Dösseler in fünf Bänden, erschienen zwischen 1954 und 1972, exzerpiert wurden. Daraus resultiert beispielsweise ein neues Lemma brandschat(ting) mit vier Belegen, das das auch in der ersten Auflage schon vorhandene brandschat ergänzt und nicht die „Geldzahlung [...] zur Abwendung der Einäscherung der Wohnhäuser“ (S. 158) sondern den Vorgang des Erpressens selber durch Androhung einer Brandstiftung meint. Es bleibt nicht aus, dass durch die Ergänzung der Geschichtsquellen von Dösseler im Literaturverzeichnis Toversichtsbriefe für Soest nun zweimal erscheinen, einmal als „alter“ Eintrag aus der ersten Auflage, und dann noch einmal im Anschluss an die bibliographischen Daten der Geschichtsquellen. Die Bände des Westfälischen Ortsnamenbuches fanden gerade bei Wörtern, die als Grundwörter wie -horst (S. 395) in Ortsnamen erscheinen, Eingang in die Sammlung. Dabei werden gelegentlich variierende Titelangaben verwendet, so WOB 3 (S. 401), aber WOB Warendorf (S. 395), ähnlich „UB Is“ und „UB Iserlohn“ z. B. auf S. 314. Offenbar ist mit beiden Angaben das Iserlohner Urkundenbuch von Wilhelm Schulte gemeint. Derartiges könnte einen Nutzer verwirren. Etwas umständlich ist auch die Verwendung einiger anderer Kurztitel wie die Angabe „Statuten Do“ z. B. auf S. 266. Schlägt man den Titel im Literaturverzeichnis nach, findet man auf S. 80 den Verweis „s. Frensdorf“. Erst dort, auf S. 37, stößt man auf die vollständige bibliographische Angabe. Auch die Vermengung von Kurztiteln für Quellen und Literatur mit Abkürzungen für Sprachstufen u. a. ist nicht ganz glücklich. Für eine dritte Auflage würde sich die Rezensentin eine benutzerfreundlichere Lösung wünschen. In dieser könnten auch Uneinheitlichkeiten, die der Redaktion entgangen sind, wie unterschiedliche (Artikel verledigen S. 268) oder fehlende (Artikel kamer S. 427) einfache Anführungszeichen, falsche Schriftgröße wie auf S. 415, falsche Kursive (Artikel hôfslag m. S. 387), falsche Interpunktion (Artikel tol S. 740 oder Maß S. 508), Verwendung von s. offenbar anstelle des Verweisdreiecks (Artikel spetteler S. 688), fehlende Spatien (Artikel kertze S. 436, bei dem auch die verwendeten Anführungszeichen eine Frage hinterlässt) oder ein anscheinend stehengebliebenes „hûs ‘Haus’. Hier.“ (S. 399) korrigiert werden. In diesem Zusammenhang wäre zu erwägen, ob die Genusangaben bei den Substantiven nicht durchweg gesetzt werden sollten anstelle der bisherigen Praxis, wo sie bei einigen Substantiven zu finden sind, bei anderen jedoch nicht. Schließlich würden Kopfzeilen die Orientierung erleichtern.

Die Artikel zu den einzelnen Lemmata sind von sehr unterschiedlicher Länge. Neben umfänglichen Artikeln wie den zu mâte ‘Maß’, der über 20 Seiten reicht (S. 508–528) und unter anderem eine Vielzahl von Ortspunkten und deren Maßeinheiten bzw. -größen nennt, finden sich Einträge wie „lîk w. ‘Leiche’“ (S. 480) oder „hôvedpol ‘Kopfkissen’“ (S. 372) ohne weitere Erläuterung oder Belege. Hier fragt sich die Rezensentin, ob keine historischen Belege vorhanden waren – was nicht recht vorstellbar erscheint – oder der Autor davon ausging, dass die Bedeutungsangabe ausreichend ist. Weiterhin ist zu fragen, ob ein Lemmaansatz hûre angesichts der beiden gebotenen Belege, die jeweils ein Kompositum hoerensonne bzw. hůrrensůne bieten, oder hürman (S. 399), zu dem von hürling verwiesen wurde, obwohl sich unter hürman nur hürling-Belege finden, gerechtfertigt ist. Nicht recht einordnen kann die Rezensentin die Regeln zur Interpunktion am Ende der Lemmazeile. So finden sich Verweise als letztes Informationssegment teils von einem Punkt abgeschlossen, teils aber nicht (vgl. z. B. S. 393). Ähnliches gilt für Lemmazeilen, die mit einer Bedeutungsangabe schließen (vgl. z. B. S. 784f.).

Diese Einzelkritik soll keineswegs den Eindruck erwecken, „Wörter und Sachen“ sei ein problematisches Werk. Ganz im Gegenteil versammelt es ein enormes Wissen, das sich der Verfasser über Jahrzehnte durch seine Archivarstätigkeit und sein Interesse gerade auch an Namen – von ihm stammt die grundlegende Arbeit über die -wik-Namen – angeeignet hat und das er mit diesem Band dankenswerterweise mit den Nutzern teilt. „Meta“-Artikel wie den zu Sprache bringen in komprimierter und übersichtlicher Form dem Nichtlinguisten Relevantes wie den Unterschied zwischen Name und Appellativ, Sprachentwicklungen und regelhafte Lautveränderungen (vom Indogermanischen über das Germanische, Altsächsische bis hin zum Mittelniederdeutschen), typisch niederdeutsche Wandel wie -ft- zu -cht- usw. nahe. Der Artikel Stadt bietet einen historischen Abriss, der den Leser über das komplexe Thema exzellent informiert.

Alles in allem ist das Werk von Leopold Schütte ein sehr wichtiges Hilfsmittel auch für Onomasten, da es z. B. Verständnishilfen für lateinische oder mittelniederdeutsche Urkunden hinsichtlich zahlreicher „Wörter“ (so erläutert der Eintrag echtdorp, dass damit das Dorf selbst im Unterschied zum Kirchspiel gemeint ist) oder „Sachen“ (wie hor(w)eschepel, den Horhuser Scheffel S. 395) bietet. Gleichzeitig wird Onomastisches breit berücksichtigt, so z. B. die Besonderheiten der Westfälischen Familiennamengebung (S. 257) oder in Namen vorkommende Suffixe und Grundwörter, die im Falle von -ahi und -awja zu ausdrucksseitig identischem -ei führten (S. 239).

Es bleibt zu wünschen, dass Leopold Schütte seine Sammlung auch in Zukunft erweitert und diese Ergänzungen dem Nutzer präsentiert werden können, da das Werk im besten Sinne des Wortes ein „Schatzkästchen“ oder angesichts der Umfanges eher eine „Schatztruhe“ für jeden zur westfälischen Geschichte Forschenden ist.

Empfohlene Zitierweise

Kirstin Casemir: [Rezension zu] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Duisburg 2014, in: Onomastikblog [06.07.2015], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-woerter-und-sachen/

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