Axel Linsberger: Wiener Personennamen. Ruf-, Bei- und Familiennamen des 15. Jahrhunderts aus Wiener Quellen (= Schriften zur deutschen Sprache in Österreich 41), Frankfurt a.M.: Peter Lang 2012, 783 S. – ISBN 978-3-631-61788-5, Preis: EUR 99.80 (DE), EUR 102,60 (AT).

Rezensiert von Volkmar Hellfritzsch, Stollberg

Bei der Präsentation des Namenmaterials und der aus dessen Analyse gewonnenen For­schungsergebnisse (Anm. 1) beschreitet Axel Linsberger, verglichen mit vorliegenden älteren Arbei­ten dieser Art, insofern eigene Wege, als er in dem weit ausgreifenden Teil A (Einfüh­rung und Grundlagen) neben den historisch und überlieferungsbedingt gegebenen Sach­verhalten (Forschungsstand, Ziele, Quellen, Untersuchungszeitraum, regionale Eingrenzung) und Terminologischem bereits die wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchung zur Heraus­bildung des anthroponymischen Systems mitteilt (15–51). Teil B (Beinamen, 52–686) bietet neben dem in alphabetischer Folge geordneten Namenbuch der Beinamen (52–627) Beobachtungen zu schreibsprachlichen Besonderheiten im Namenmaterial auf phonologischer Ebene (628–638), charakteristische Erscheinungen der Morphologie und Namenbildung (639–655) sowie die kulturhistorische Analyse der einzelnen Motivationsgruppen (656–686). Teil C, beginnend mit dem Namenbuch (687–735), behandelt die Rufnamen nach ihrer Häufigkeit, Motivation und Bildung (736–757).

Angesichts der „noch weitgehend in den Kinderschuhen“ steckenden Personennamen­forschung seines Landes (17) will Linsberger auf Grund der für die Landeshauptstadt und ihr spätmittelalterliches Herrschaftsgebiet günstigen Quellenlage einen Beitrag zur bislang unbe­friedigenden flächendeckenden Bearbeitung des anthroponymischen Materials Österreichs leisten. Das Korpus seiner Untersuchung wurde aus der vom Alterthumsverein der Stadt Wien 1895 bis 1937 herausgegebenen Regestensammlung Quellen zur Geschichte der Stadt Wien gewonnen. Mit diesem die Namen all jener Personen umfassenden Material, „die als Wiener Bürger oder auch nur als in Wien wohnhaft belegt sind“ (20), soll – eines der wesentlichen Ziele – der für das 15. Jahrhundert zu erwartende Prozess der Festwerdung bzw. massenhafte Vererbung von Beinamen und deren kulturhistorische Implikationen dargestellt werden. Unter Personenname bzw. Anthroponym versteht der Autor jeweils den Gesamtnamen einer Person.

Abgesehen von gelegentlich nur mit bloßem Rufnamen erscheinenden Angehörigen niederer Stände, hatte sich die Entwicklung von der Einnamigkeit zur Zweinamigkeit in Wien bereits im 14. Jahrhundert vollzogen. Die Belegsituation gestattet die Schlussfolgerung, „dass Wiener Beinamen in vielen Fällen schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts vererbt sind“, die Führung eines vererbten Beinamens sich allerdings erst „mit Beginn der zweiten Hälfte des 15. Jahr­hunderts“ gänzlich durchgesetzt hat (39). Diesen Ergebnissen onomastischer Analyse wird – zugleich im Hinblick auf die später behandelten Sachverhalte – ein ausführliches Kapitel zu den historischen Grundlagen (Geschichtlicher Hintergrund, 40–51) mit Darlegungen zur Sozialstruktur der spätmittelalterlichen Bevölkerung, der Herrschaftsverhältnisse, der Bedeu­tung Wiens im europäischen Kontext usw. nachgeschoben.

Der umfangreiche lexikalische Teil, das Namenbuch, enthält 1814 Artikel: von Abel bis Zwifoler, nicht zuletzt durch die Nutzung differenzierter Formatierung allesamt übersichtlich gegliedert und entsprechend gut lesbar. Dem „an den heutigen Schreibusus angepasst[en]“ Lemma (52) einschließlich der beigegebenen rezenten Namenvarianten (dazu die absolute Zahl der 2010 vorhandenen Telefonanschlüsse und die Verbreitung) folgt die Etymologie, bei konkurrierenden Ansätzen „mit absteigendem Plausibilitätsgrad gereiht“ (52) und, wenn not­wendig, durch weitere, das Verständnis fördernde Angaben ergänzt. Der etymologische Passus wird durch knapp gehaltene Literaturangaben (Anm. 2) zu dem jeweils behandelten Namen beschlossen. Erst am Ende eines Namenartikels, nach detaillierten Angaben zum entspre­chenden Regest der Quelle, erscheinen, in der Reihenfolge durchaus ungewöhnlich, die Namenbelege, zudem im Kleindruck. Bemerkenswert und dem etymologischen Anliegen aus­gesprochen förderlich ist die Art und Weise, wie Linsberger die zur Erklärung der Herkunfts­namen herangezogenen Ortsnamen graduiert und mit den notwendigen sachlichen Angaben versieht (vgl. 54f.).

Den sorgfältig erarbeiteten, differenziert wertenden und – wo möglich – sprach- und kultur­historisch-landeskundlich ausführlich kommentierten Etymologien ist generell zuzustimmen, vgl. dazu Artikel wie Bandschneider, Bauer, Binder, Eigner, Eisengraber, Fleischhacker, Galander, Kastner, Maier, Schreutel, Ungelter, Wambeiser usw. (Anm. 3)

Die Analyse des Materials hinsichtlich ihrer phonologisch-graphematischen Beziehungen ergibt, „dass die Schreiber der Wiener Stadtkanzlei auch in der Namenschreibung stark an der bairisch-neutralen Schreibform orientiert sind und dialektale Einflüsse nur in geringem Maße in die Verschriftlichung einfließen. Trotzdem können gerade bei Namenschreibungen gelegentlich dialektale Elemente verschriftlicht werden und sich dann als gewohnheitsmäßige Schreibungen festsetzen, was damit zu erklären ist, dass die untersuchten Namen bereits im 15. Jahrhundert in vielen Fällen nicht mehr Teil der produktiven Sprachsphäre waren.“ (638)

In Bezug auf die hinsichtlich der einzelnen Motivationsgruppen differenziert untersuchte Wortbildung der Beinamen kann Linsberger insbesondere unterschiedliche Verteilungen in den Bildungsweisen der Derivation sowie solchen Formen ausmachen, die sich als reine Übernahmen von Appellativen darstellen.

Die folgende, methodisch analog angelegte Betrachtung der Beinamen verdeutlicht die loka­len Besonderheiten von Erscheinungen, die insgesamt im Zentrum der kulturhistorisch ausge­richteten anthroponomastischen Forschung stehen: die Verarmung des altgermanischen Ruf­namenschatzes und das Aufkommen von Namen der christlichen Sphäre, die aus Berufs-, Amts- und Standesnamen zu gewinnenden Erkenntnisse zur sozioökonomischen Struktur der (spät)mittelalterlichen Stadt, die unterschiedlich stark in Erscheinung tretenden „Themen­bereiche“ (669) innerhalb der Übernamen (hier mit Dominanz der metaphorischen und pars-pro-toto-Bildungen gegenüber den direkten Benennungen von äußerlichen und charakter­lichen Merkmalen [671]), (Anm. 4) Wohnstättennamen und die in ihnen enthaltenen Flurnamen hinsicht­lich ihrer Aussagefähigkeit zur wirtschaftlich-kulturellen Entwicklung und Sied­lungstätigkeit der Stadt, Rückschlüsse auf den Zuzug in die Stadt und den Mobilitätsradius der mittelalterlichen Bevölkerung auf Grund der mit rund 35% des Korpus dominierenden Herkunftsnamen (656, Abb. 3) und die Wandlungen des derzeit noch mit ca. 55% erhaltenen Namenbestandes vom Untersuchungszeitraum bis heute.

Die, wie bereits erwähnt, insgesamt gute Lesbarkeit des Linsbergerschen Textes wird unseres Erachtens allerdings dadurch beeinträchtigt, dass die in Tabellenform präsentierten Aus­wer­tungsergebnisse die Namen lediglich mit ihrer im Namenbuch vergebenen Lemma-Nummer aufführen, so dass man sich vor teilweise recht umfangreiche Zahlenkolonnen gestellt sieht und, will man Genaueres erfahren, dazu gezwungen ist, mühsam zurückzu­blättern. (Anm. 5)

Der abschließende, den Rufnamen gewidmete Teil der Arbeit „liefert sämtliche Rufnamen in ihren Voll- und Kurzformen in Originalschreibung mit allen Variantenschreibungen und dazugehörigen Angaben zur Beleghäufigkeit“ (687), gefolgt von der Etymologie und Lite­raturangaben. Es dominieren im 15. Jahrhundert die Namen der kirchlichen Sphäre (rund 62% der Gesamtverteilung (751, Abb. 15), bei den männlichen steht Johannes an der Spitze; die Positionen 2 bis 5 nehmen Nikolaus, Georg, Stephan und Konrat ein (737, Abb. 11). Die weiblichen Rufnamen werden von der Fünfergruppe Margarethe, Anna, Katharina, Barbara und Elisabeth angeführt (743, Abb. 12).

Eine Auflistung der benutzten Abkürzungen (758–760) und das Literaturverzeichnis (761–783) beschließen Axel Linsbergers umfangreiche, ganz auf sein Untersuchungsgebiet kon­zentrierte Monographie. (Anm. 6) Der Autor liefert auf jeden Fall eine grundsolide, in jeder Hinsicht zuverlässige Arbeit, deren auf ihrer betont historischen Ausrichtung beruhender Wert gerade angesichts der immer stärker auf die computative Bearbeitung digitalisierter Quellen orien­tierte Forschung nicht zu bestreiten ist. (Anm. 7)

Anmerkungen

(1) Vgl. des Autors Wiener Dissertation „Bürgerliche Anthroponyme des 15. Jahrhunderts in Wien“ (2010).

(2) Gottschald erscheint hier abweichend von Gott im Literaturverzeichnis und im Gegensatz zur sonst geübten Praxis als Versalkürzel GOTT.

(3) Dies schließt nicht aus, dass einige wenige Fälle vorkommen, die man gern weiter hinterfragen würde, z.B. Prantesser, das ohne Literaturangaben zu einem nicht nachgewiesenen Flurnamen Brandes (Grundwort: mhd. etze ‘Weideplatz’) gestellt wird (122).

(4) Problematisch – auch wenn in ähnlichen Untersuchungen durchaus Praxis – scheint uns die auf Grund ihrer strukturellen Merkmale gesondert aufgeführten Satznamen innerhalb der nach inhaltlichen bzw. semantischen Kriterien gebildeten Motivationsgruppe der Übernamen zu sein (657, Abb. 5).

(5) Dieses Verfahren bietet sich zwar aus Gründen der Platzersparnis an, doch wäre z.B. die Nennung von jeweils einigen Beispielen (den Rest dann in Zahlenform) ein tragbarer Kompromiss gewesen, zumal im Namenbuch (vgl. Angerer, Angerler; Bock, Böckel; Bierbaum, Bierbaumer etc.) ganze Textpassagen wiederholt werden, wo Verweise, wie bei Tischer, Tischler; Maier, Maierl usw. geschehen) durchaus Raum geschaffen hätten.

(6) Bereits am Literaturverzeichnis ist zu erkennen, dass ein Vergleich mit anderen Orten und Gebieten des deutschen Sprachraums kaum und eine Einordnung in die großen Entwicklungslinien der deutschen Anthroponymie nicht vorgenommen wird.

(7) Vgl. z.B. die ergänzungsfähige Datenbasis der „Historische Sondierung“ genannten Abschnitte in dem von Konrad Kunze und Damaris Nübling herausgegebenen Großprojekt „Deutscher Familiennamenatlas“, bisher 4 Bde., Berlin/New York 2009/2013. – Zur Notwendigkeit der weiterhin erforderlichen Aufarbeitung bislang ungenutzter Quellen und unbehandelt gebliebener Regionen und Orte vgl. Volkmar Hellfritzsch, Überlegungen zur weiteren Erforschung der deutschen Zunamen, in: Silvio & Andrea Brendler, Namenforschung Morgen. Ideen, Perspektiven, Visionen. Hamburg: baar 2005, 61–79; Ders., Fränkische und obersächsische Zunamen im Spannungsfeld frühneuhochdeutscher Schreibvarianten, in: Zunamen/Surnames – Zeitschrift für Namenforschung / Journal of Name Studies Jg. 6 (2011) Heft 1, 8–57.

Empfohlene Zitierweise

Volkmar Hellfritzsch: [Rezension zu] Axel Linsberger, Wiener Personennamen, Frankfurt a.M. 2012, in: Onomastikblog [08.12.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-wiener-personennamen/.

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