Pierre Fütterer, Wege und Herrschaft. Untersuchungen zu Raumerschließung und Raumerfassung in Ostsachsen und Thüringen im 10. und 11. Jahrhundert (Palatium. Studien zur Pfalzenforschung in Sachsen-Anhalt 2). Regensburg: Verlag Schnell & Steiner GmbH 2016, 591 S. (Teil 1), 520 S. (Teil 2), 1 DVD. – ISBN: 978-3-7954-3064-1, Preis: ca. EUR 155,00 (DE), ca. EUR 159,40 (AT), ca. SFR 178,25 (CH).

Rezensiert von Karlheinz Hengst, Leipzig/Chemnitz

Das ausgesprochen umfangreiche und zugleich materialreiche Werk ist die Druckfassung einer Dissertation aus dem Bereich mittelalterlicher Geschichtsforschung an der Universität Magdeburg. Die zweibändige Ausgabe in bester Druckqualität verdient nachdrücklich auch die Beachtung der historischen Sprachforschung, insbesondere der Onomastik. Der Verfasser ist als Historiker an der Universität in Jena tätig und inzwischen zugleich auch Sekretär der Historischen Kommission von Thüringen. Ihm ist es gelungen, Anregungen seitens der Altstraßen- und Wegeforschung aufzugreifen und ein subtiles Bild der Verkehrswege vor einem Jahrtausend in bestimmten Grenzen bis ins Detail zu liefern. Die Gesamtleistung des Autors für die mittelalterliche Geschichte einer ganzen Region kann hier nicht gewürdigt werden. Das Werk verdient es jedoch unbedingt, ins Blickfeld der Nachbarwissenschaften gerückt zu werden. Daher soll hier dem besonderen Wert und Nutzen für die historische Namenforschung im Bereich der Siedlungsnamen Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Um Missverständnissen vorzubeugen, ist der Titel mit der geographischen Angabe „Ostsachsen und Thüringen“ als Ganzes mit dem Blick aufs Mittelalter zu verstehen, somit also keine Assoziation etwa zur Lausitz herzustellen.

Im ersten Band des sich für Nachschlagezwecke bestens eignenden Werkes werden unter „Quellen und Methode der Arbeit“ u.a. auch die Nutzungsmöglichkeiten von „Orts-, Flur- und Wegenamen“ kurz erfasst. Es wird darauf verwiesen, dass bisher noch keine „verkehrsbezogene Auswertung der Flurnamen“ vorliegt (59, Anm. 349), womit eine übergreifende Forschungsaufgabe für die Zukunft benannt wird. Noch etwas pauschal werden allerdings die ON „auf -idi, -are/-ere, -mar, -stedt, -hausen, -heim, -leben, -ingen“ als in ihrer Datierung problematisch (59) bezeichnet und im Unterschied etwa zu den Flurnamen nicht weiter direkt in die Bearbeitung des Themas einbezogen. Das ist deswegen bedauerlich, weil ja die meisten dieser genannten Typen durchaus in die betrachtete Zeitspanne fallen, zum Teil im untersuchten Gebiet sogar Bildungen aus noch älterer, also germanischer Zeit sind und somit auf frühe Kommunikationswege in noch vordeutscher Zeit hinweisen.1 Allerdings finden die Vertreter dieser Typen dann doch indirekt durchaus Beachtung, aber eben jeweils im Einzelfall als früh historisch kodifizierte Siedlungsnamen. Hier wäre in Kooperation mit der Sprachforschung noch eine Ansatzmöglichkeit, um noch frühere lokale Wegenetze aufzuspüren.

Ein folgender Katalog der Herrschaftsmittelpunkte (106–400) erfasst von Allstedt bis Zeitz insgesamt 44 Orte aus dem Untersuchungsgebiet. Hier findet der Sprachforscher ein beispielhaft ausgebreitetes, leicht überschaubares und direkt zur Nutzung sich anbietendes Sprachmaterial. Gewissenhaft aufbereitet werden zu jedem ermittelten Herrschaftszentrum u.a. die ältesten tradierten sprachlichen Formen bis zu Anfang des 11. Jahrhunderts in ausführlicher Zitatform mit Kollokationspartnern wie castellum, civitas, curtis, ecclesia, urbs, villa usw. mit exakten Quellenangaben übersichtlich angeführt. Bei Allstedt (108–120) sind das von 935 bis 1024 immerhin unerwartete 34 Quellenbelege.2 Bei Zeitz (392–397) sind es dagegen nur 5 zwischen 976 und 1018.3 Damit wird Sprachgut aus früher Zeit in Form von sowohl Personen- als auch geographischen Namen in ahd. oder asä. Lautung und Graphie für die Sprachforschung leicht nutzbar dargeboten. Dieser zu jedem Ort in sich gut gegliederte Abschnitt enthält abschließend sogar eine beachtlich umfangreiche Auflistung von Literatur zur jeweiligen Ortsgeschichte mit genauen Seitenangaben zu jedem Autor. Der zur ahd.-asä. Sprachperiode forschende Linguist darf sich über die durch die auf den 300 S. gebotene jeweils konzentrierte Auflistung der Quellenbelege schon wegen der auf diese Weise gewonnenen Vergleichsmöglichkeiten, der Zeitersparnis, besonders aber auch wegen der Zuverlässigkeit aller Angaben dankbar freuen.

Die restlichen rund 200 Seiten im ersten Band bringen die Arbeitsergebnisse unter der Überschrift Wege: Nutzung – Funktion – Infrastruktur. Abgehandelt werden die Nutzung der Wege durch weltliche Herrschaft, kirchliche Institutionen sowie die Bedeutung der Wege für Handel, Nachrichtentransfer, militärische Zwecke, Grenzverläufe sowie Landesausbau. Auch in diesem Part wird auf zahlreiche Orte verwiesen, einige wie Rotheburg, Sömmerda, Kirchremda, Gernrode sowie Grimschleben, Halberstadt, Husen, Tilleda werden sogar nochmals ausführlicher behandelt.

Und um den möglicherweise übergroßen Respekt vor der Nutzung von mehr als tausend Seiten in eine Zugriffslust oder zumindest Zugriffsbereitschaft zu lenken, lassen sich noch weitere Argumente insbesondere mit Blick auf den zweiten Band anführen. Dieser ist nämlich für die Nachbarwissenschaft gleichermaßen sehr hilfreich. Er enthält vier ausdrücklich für Nachschlagezwecke angelegte Teile. Das sind als schnelle Orientierungshilfen

  • Herrschaftsmittelpunkte, Siedlungen (31–255),
  • Quellen- und Literaturverzeichnis (256–356),
  • Kartenteil (362–483 mit insgesamt 128 Karten) und
  • Register aller im Text erfassten Personen und geographischen Objekte (zweispaltig, 486–520).

Bei den Herrschaftsmittelpunkten wird in diesem Teil zunächst eine Zusammenstellung unter Einbeziehung auch der kleineren Zentren im Untersuchungsgebiet angeführt. Wichtig ist – neben anderen Angaben – die jeweils früheste Erwähnung, hier allerdings (leider) ohne sprachliche Form, aber mit genauer Quellenangabe. So ist z.B. zu Balgstädt zu finden: „815; UB He[rsfeld] 38“. Insgesamt werden 161 Orte angeführt, zu denen somit eine rasche Orientierung möglich ist (30–63).

Daran anschließend folgt eine ebenso aufschlussreiche Liste mit beachteten Herrschaftsmittelpunkten außerhalb des Untersuchungsgebietes von Aachen bis Zürich, Zützen, Zwenkau, Zwethau, Zwochau (64–108), wobei hier allerdings vor allem sichtbar wird, wo – wie zu Zwochau – eben keine frühe urkundliche Nennung vorliegt.

Den umfangreichsten Part im zweiten Band bietet die Auflistung von über tausend ON schriftlich bzw. archäologisch nachgewiesener Siedlungen im und z.T. auch außerhalb vom Untersuchungsgebiet, wiederum mit Angabe der ältesten Quellenstelle sowie weiterführender Literatur einschließlich der Ausführungen im ersten Band (110–255). Es dürfte nicht als störend empfunden werden, dass sich mancher Ort aus einem vorangehenden Verzeichnis wiederholt, da doch jeweils zusätzlich noch unterschiedliche ermittelte Fakten angeführt werden. Insbesondere die Daten zum archäologischen Befund sind bekanntlich für den Namen- sowie auch für den Siedlungsforscher besonders wichtig.

Neben dem schon genannten Register aller erfassten PN und ON empfiehlt sich das recht umfassende Quellenverzeichnis mit den genauen Titel zu Annales, Codices, Regestenwerken und Urkundenbüchern auf wenigen Seiten zur Nutzung (256–261). Auf den folgenden rund 100 Seiten findet sich sonst für den Sprachforscher eher schwer zu ermittelnde Literatur von namhaften Forschern zur Archäologie, Frühgeschichte und Besiedlungsgeschichte. Da gibt es zuweilen listenartige Zusammenstellungen von Titeln, z.B. unter den Namen von Gerd Althoff, Bernd Bahn (Wegeforschung), Gerhard Billig, Hans-Jürgen Brachmann, Dietrich Denecke, Peter Donat, Hans Eberhardt, Caspar Ehlers, Paul Grimm, Matthias Hardt bis zu Wolfgang Timpel oder Matthias Werner usw. Immer wieder gewährt der Autor Pierre Fütterer damit zeitsparende Hilfe und schnelle Orientierung.

Das gilt letztlich auch für den abschließenden großen Abschnitt im zweiten Band mit 128 Karten (362–483). Hier ist das Untersuchungsgebiet zu überblicken von Helmstedt im Norden über den Harz, das Eichsfeld, das Thüringer Becken bis zum Thüringer Wald und Thüringer Schiefergebirge bis Saalfeld im Süden sowie bis zu einer Nord-Süd-Linie im Osten, die Leipzig noch mit erfasst (Karte 1). Weitere Karten zur Siedlungsdichte, zu Herrschaftsmittelpunkten mit Angabe der ON, zu alten Trassen und ihren Verläufen, zu Wegenetzen im Umfeld einzelner Zentren usw. können als eine den historisch interessierten Forscher unterstützende Handreichung gewertet und empfohlen werden.

Das inhaltlich gewichtige und bereichernde Werk ist zwar vom Titel her zunächst scheinbar für sprachwissenschaftliche Fragestellungen irrelevant. Das ändert sich aber bei Beachtung des Inhalts. Die Betrachtung und differenzierte Analyse einer Vielzahl mittelalterlicher Kommunikationswege sowohl im heutigen Sachsen-Anhalt und im östlichen Thüringen als auch darüber hinaus liefert zugleich auch für die Sprachforschung wichtiges und unentbehrliches Grundlagenmaterial. Dies reicht von den Nachweisen der ältesten sprachlichen Formen zu geographischen Objekten und lokalen Herrschaftszentren bis zu den eigentlich vordergründig angezielten Ergebnissen zu den mittelalterlichen Wegeverläufen.

Es ist dem Werk eine lange und breite Nutzung mit Gewinn für jeden Nachschlagenden sicher voraussagbar. Das gilt ganz besonders eben auch für Nutzer aus den Nachbarwissenschaften und unterstreicht nachdrücklich den engen Zusammenhang zwischen Forschungen zu außersprachlichen Verläufen und sprachlichen Verankerungen in Dokumentationen. Bei interdisziplinär geprägtem Blick muss jedoch auch anerkannt werden, dass es für den Linguisten sicher leichter ist, die, wie in dem hier angezeigten Werk, vorgelegten Ergebnisse zu verstehen und hoffentlich auch zu nutzen, als umgekehrt die in meist verkürzten Darstellungen zu den sprachlichen Verläufen über Jahrhunderte von der Sprachforschung gebotenen Erkenntnisse, bei denen mit sicher erheblichen Rezeptionsschwierigkeiten durch die Nachbarwissenschaftler nach wie vor gerechnet werden muss. Danken wir dem Verfasser und nutzen wir unseren Vorteil! Dazu bleibt zu wünschen, dass möglichst viele Bibliotheken im ostmitteldeutschen Sprachraum dieses gewichtige Werk anschaffen und für einen breiten Gebrauch verfügbar machen.

Anmerkungen

(1) Vgl. dazu K. Hengst, Sprache als Konserve von Zeichen für Verkehrswege im Mittelalter in Thüringen, in: Altstraßen in Südthüringen. Stand und Perspektiven der Altstraßenforschung (= Beiträge zur Altwegeforschung 1), Langenweißbach 2015, 45–52.

(2) Es fehlt zu dem ursprünglich altthüringischen Dorf aus dem 5./6. Jahrhundert leider nur ein Hinweis, warum 777 Altstedi nicht aufgenommen wurde, vgl. Ernst Eichler / Hans Walther, Städtenamenbuch der DDR, Leipzig 1986, 37, und Deutsches Ortsnamenbuch, hg. von Manfred Niemeyer. Berlin/Boston 2012, 25.

(3) Unklar bleibt, warum der im 2. Band, 62, erwähnte Beleg von 967 (UB Magdeburg 52) nicht mit angegeben ist. Die Papsturkunde mit der ON-Form Cici für Zeitz liegt allerdings nur in Abschrift aus dem 11. Jahrhundert vor, vgl. UB Naumburg I, Nr. 1; ebenso Ernst Eichler / Hans Walther, Untersuchungen zur Ortsnamenkunde und Sprach- und Siedlungsgeschichte des Gebietes zwischen mittlerer Saale und Weißer Elster (= Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte 35). Berlin 1984, 340.

Empfohlene Zitierweise

Karlheinz Hengst: [Rezension zu] Pierre Fütterer, Wege und Herrschaft, Regensburg 2016, in: Onomastikblog [19.12.2016], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-wege-und-herrschaft/

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