Karlheinz Hengst: Sprachkontakte, Sprachstudien und Entlehnungen im östlichen Mitteldeutschland seit einem Jahrtausend. Ausgewählte Studien zur Sprach- und Namenforschung (= Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft, hg. v. Peter Ernst, Band 21). Wien: Praesens Verlag 2014, XXVI + 872 S. – ISBN: 978-3-7069-0789-7, Preis: EUR 76,70 (DE).

Rezensiert von Georg Holzer, Wien

Wie der Herausgeber Peter Ernst in seinem Vorwort zu dieser schier monumental anmutenden Festgabe an Karlheinz Hengst zu seinem 80. Geburtstag ausführt, sind in ihr mitunter heute schwer zugängliche ältere und thematisch anschließende neuere Schriften in Auswahl gesammelt. Der Band enthält auch zwei Grußworte, eines von Volkmar Hellfritzsch, in dem viele persönliche Erinnerungen anklingen, und ein weiteres von Dieter Kremer, sowie eine viele Details aus dem wissenschaftlichen Leben des Jubilars enthaltende Laudatio von Dietlind Kremer; in ihr wird der Beginn des onomastischen Wirkens Karlheinz Hengsts mit 1958 datiert. Nach beeindruckenden 849 Seiten mit Aufsätzen des Jubilars, die in sechs nach ihrer Thematik zusammengestellten Kapiteln untergebracht sind, folgt ein die Jahre 2010–2014 umfassendes Verzeichnis der Schriften des Jubilars (mit Hinweisen auf ältere Bibliographien) und abschließend ein „Register der behandelten Wörter“.

Ein derart umfangreiches, gehaltvolles und thematisch vielfältiges Werk kann von einer einzelnen Person kaum einer „gleichmäßigen“ Rezension unterzogen werden. Schon gar nicht, wenn wie hier der Rezensent bei seiner Lektüre hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich einfach als Leser das für ihn Neue und besonders Wichtige möglichst nachhaltig anzueignen. Diese Rezension besteht daher vornehmlich aus vereinzelten Lesenotizen, die der Rezensent für sich und für ähnlich Interessierte „abspeichern“ möchte, freilich nicht ohne an manchen Stellen eigene Ergänzungen, sozusagen als Randbemerkungen, anzubringen.

Begonnen sei hier mit den Inhalten, die man der äußeren Sprachgeschichte zurechnen könnte, und zwar insbesondere der frühmittelalterlichen. Öfter kommt das Hersfelder Zehntverzeichnis (830/50, Abschrift 12. Jh.) zur Sprache (5, 35, 119, 688). Das viele slavische Ortsnamen enthaltende Hersfelder Zehntverzeichnis ist 300 Jahre vor der vergleichbaren Gnesener Bulle und ungefähr zur selben Zeit entstanden, in der der „bairische Geograph“ sein Verzeichnis slavischer (und anderer) Ethnonyme angelegt hat. Dieser karolingerzeitlichen Überlieferungsschicht gehören auch Auflistungen von slavischen Personennamen wie der Namen der Zeugen im Placitum von Puchenau bei Linz von 827 an, aber auch das wohl älteste wörtliche Zitat einer slavischen Äußerung in Originalsprache, nämlich das im Placitum von Puchenau wiedergegebene Syntagma Tagazino = taga synъ (wäre später togo synъ) ‘dessen Sohn’. Auch explizite Hinweise, wie Slaven etwas nennen, gibt es bereits aus dieser Zeit, so die Nennung des Bergs, qui apud Uuinades Colomezza vocatur (832, bei Pöchlarn in Niederösterreich). Vgl. Holzer 1996: 90; 2001b: 37, 51–53; 2008: 39, 89, 100, 199, 205, 210. In all diesen Belegen manifestiert sich ein Slavisch, das Generationen früher schriftlich fixiert worden ist als die altkirchenslavischen Texte und im Gegensatz zu diesen nicht von den Griechen Konstantin und Method und deren slavischen Schülern, sondern von „Deutschen“ (und gegebenenfalls deren slavischen Schülern).

Zur Erklärung der Routine und Sicherheit, mit der damals „Deutsche“ Slavisches niederschrieben, weist Hengst gut fundiert darauf hin, dass damals „bereits fleißig slavische Sprachstudien betrieben wurden. Die Träger der christlichen Mis[s]ionstätigkeit bei den Slaven haben bereits in althochdeutscher Zeit parallel zur Aufzeichnung erster deutschsprachiger Texte auch slavische Texte in Latinica fixiert. Die Niederschriften religiöser Texte in lingua Slavica missionarica sind nur nicht erhalten geblieben“ (18, vgl. 21–38, 157, 257–260, 687). (Zu vorauszusetzenden Texten dieser Art im polnischen, karantanischen und kroatischen Bereich siehe Holzer 2018.) „Die Spitzen der Gesellschaft […] besaßen [sogar schon ab dem 7. Jahrhundert] slawische Sprachkenntnisse“ (23 und 677). Und: „Ohne Sprachverständnis und Sprachkenntnis hätte Samo als fränkischer Kaufmann seine politische Rolle nie wahrnehmen können.“ (101.) Karls des Großen Admonitio generalis von 789 ordnete die Verkündung des Evangeliums vivo sermone an. „Dabei wurde auch präzis ausgewiesen, was in der Volkssprache zu erfolgen hatte: Taufbelehrung, Beichtbe[l]ehrung, Vaterunser […] und Glaubensbekenntnis. Das Paternoster und Credo mußten die Bekehrten auch zur Taufe selbst sprechen können, mußten sie also in ihrer e[i]genen Sprache kennen. Das Mainzer Konzil von 803 erneuerte daher nochmals die Forderung und Bestimmung, daß die Geistlichen ihre Täuflinge ,in ipsa lingua, in qua nati sunt‘ zu unterweisen hatten […].“ (24–25, vgl. 678). Siehe besonders auch 103ff. und 675–689. Zum Jahr 1001 wird vermerkt: „Auf Veranlassung von Kaiser Otto III. erklärten sich die Mönche Johannes und Benediktus zur Missionsreise bereit und begannen, die slawische Sprache zu erlernen.“ (157.) Zu den slavischen Sprachkenntnissen der Missionare unter den Slaven des Hannoverschen Wendlands, also auf niedersächsischem Territorium, im (linkselbischen) pagus Drevani, wo die (friedliche) Mission Anfang des 9. Jahrhunderts eingesetzt hatte, siehe 197–200. (Altpolabische Ortsnamen im Wendland, in dem bis um 1700 das „Dravänopolabische“ gesprochen wurde, sind in der von Otto I. im Jahr 956 in Quedlinburg ausgestellten Schenkungsurkunde belegt, 201.) Zu von Deutschen betriebenen slavischen Sprachstudien in der Neuzeit siehe 691ff.

Bedeutsam ist Hengsts aus der Tatsache, dass „mit slawischen Sprachkenntnissen ausgerüstete Bischöfe bei Elb- und Ostseeslawen, bei den (Alt)Sorben, bei den Slawen in Mähren und Pannonien, in Polen, in Karantanien, ja sogar in der Rus’ tätig wurden“, gezogene Schlussfolgerung, dass „im Zeitraum von 800 bis 12. Jh. noch eine Verständigung mit den Slawen in einer als Gemeinslawisch bezeichenbaren Sprache möglich bzw. gesichert war. Die im 9. Jh. vorhanden gewesenen Unterschiede zwischen den einzelnen slawischen Dialekten bzw. Mundarten sind wohl ganz unwesentlich gewesen.“ (687; vgl. 33–34.)

Was in merowingischer und karolingischer Zeit begonnen wurde, wurde in ottonischer Zeit und später fortgesetzt: Thietmar von Merseburg, Chronik II, 36–37, vermerkt zu Boso, dem ersten Bischof von Merseburg (968–970), dass er zur bequemeren Unterweisung der Slawen in seinem Wirkungsbereich entsprechende Aufzeichnungen in deren Sprache machte: Hic ut sibi commissos eo facilius instrueret, Sclavonica scripserat verba. Bei Helmold hatte im 12. Jh. der sacerdos Dei Bruno … sermones conscriptos Slavicis verbis, quos pronuntiaret oportune (27, 114 Fußnote 70, 680). „Damit sind also eindeutig slawischsprachige Predigttexte bezeugt. S[i]cherlich gab es bereits vom 9. Jh. an Aufzeichnungen slawischsprachiger Texte für Missionszwecke. Zumindest für die Ausbildung der Missionsgeistlichen sind diese notwendig gewesen.“ (680.) So müssen auch die altslovenischen Freisinger Denkmäler entstanden sein! Hengst erwähnt sie auf S. 107.

Die Schreibweise, in der Slavisches damals notiert wurde, war keineswegs willkürlich und zufällig. „Schreibnormen bei lateinischen sowie althochdeutschen bzw. altsächsischen Texten waren längst Normalität. Und ganz analog bildeten sich auch Regelhaf[t]igkeiten für die Graphie slawischer Missionstexte heraus“ (35, 688; vgl. auch 201, 208–209, 260–262). Phonem-Graphem-Zusammenstellungen in von Deutschen geschriebenem Altsorbisch findet man u. a. auf den Seiten 120–127.

In einer Urkunde von 1143 kommt die mit dieser Situation einhergehende Dreisprachigkeit Latein – Deutsch (lingua rustica) – Slavisch (lingua patria) sowohl onomastisch als auch mit interessanten Sprachbezeichnungen explizit zum Ausdruck: in terminis antiquę ęcclesię, quę lingua rustica Aldenkirkin, lingua vero patria Ztarecoztol vocatur (324).

Auch das nötige historische Wissen über Jurisdiktionsverhältnisse wird vermittelt. Die Gebiete Thüringens, Sachsen-Anhalts und Sachsens fielen zunächst in die Zuständigkeit des Erzbistums Mainz und in dessen Bereich insbesondere Magdeburgs, das seit 968 Erzbistum war und dem dann die Suffragane in Meißen, Merseburg und Zeitz unterstanden. Der erste Magdeburger Erzbischof Adalbert multos Slavorum predicando convertit. Brun von Querfurt wurde 1004 in Magdeburg zum Missionsbischof geweiht und missionierte in Polen und Russland. Eid, Bischof von Meißen (992–1[0?]15), starb, nachdem er „mit großen Geschenken aus Polen zurückgekehrt war“ (681–684).

Diese Art von Forschung, die Hengst hier so hervorragend betreibt, sollte eigentlich zur slavistischen Grundausbildung gehören; sie beleuchtet ja die allerersten Anfänge slavischer Schriftlichkeit. Karlheinz Hengst hat es meisterhaft verstanden, aus den verstreuten Hinweisen in den Quellen die richtigen Schlüsse, insbesondere auf eine neben dem südöstlichen Altkirchenslavischen bestehende zweite, nordwestliche lingua Slavica missionarica zu ziehen und diese Hinweise zu einer anschaulichen Erzählung zusammenzufügen.

Wesentliche in dieses Buch aufgenommene Beiträge behandeln die Übernahme slavischer Namen, insbesondere solcher von Landschaftselementen (Toponyme, Hydronyme u. dgl.), ins Deutsche und dabei natürlich auch die Lautgesetze von Geber- und Nehmersprache sowie der lautlichen, morphologischen und (volksetymologisch motivierten) lexikalischen Substitutionsmechanismen (u. a. auf den Seiten 6–7, 163–165, 168ff., 190ff., 204–209). Hier möchte der Rezensent einiges herausgreifen, um mit eigenen Überlegungen daran anzuknüpfen.

Die Eindeutschung von altsorbisch *Choroviź als 1301 Quarwisen, heute Korbussen bei Ronneburg (92), von *Chotimici als Chotmiz, heute Kötheniz, von *Gorěmiŕ oder *Goromiŕ als Gormir, heute Gorma, und anderer solcher Namen (171, 193–194) erfolgte mit Synkope der zweiten Silbe, was wohl ihre Betontheit ausschließt, die angesichts der sowohl sorbischen als auch deutschen Fixierung des Akzents auf die erste Wortsilbe ja auch gar nicht zu erwarten ist. In *Chotiradici > um 1200 Cotirdiz, heute Kotteritz bei Altenburg (91, 171), ist die dritte Silbe synkopiert. Nicht synkopiert, sondern nur abgeschwächt ist die unbetonte zweite Silbe in 1140 Nebedim für altsorbisch *Neb(u)diḿ und in 1143 Ztarecoztol für altsorbisch *Starokosteł oder *Stary kostol, dt. Altkirchen (169, vgl. 258, 323–324). In Österreich scheinen sich nicht initialbetonte slavische Namen belegen zu lassen (s. Holzer 2001b: 77; 2010: 60; 2017), was damit erklärt werden kann, dass es im dort gesprochenen Slavischen so wie im südlich angrenzenden Slovenischen und anders als im nördlich angrenzenden Tschechischen nicht zur Fixierung des Akzents auf die erste Wortsilbe gekommen ist. So eingeschränkt hier die Möglichkeiten auch sind, so wahr ist es auch, dass es prinzipiell möglich ist, auch deutsch überliefertes slavisches Sprachgut akzentologisch zu untersuchen.

Ohne es zu sagen, liefert Hengst (93, 270) einen äußerst wertvollen Beleg für die Datierung der gesamtslavischen Monophthongierung von ursl. *aw in nachexpansionszeitliche und nachurslavische Zeit. Ich erlaube mir, die betreffende lautgeschichtliche Herleitung hier auf meine Art und mit meinen Zutaten vorzunehmen: Alteurop. *Aumā (*au- ‘Quelle, Flusslauf’ mit m-Suffix) > germ. *Auma (mit spätestens germanischer Initialbetonung) > ursl. *Awmā˙ oder *Aw˙mā˙ > nachursl. (monophthongiert) *Ūmā˙ oder *Ū˙mā˙ > mhd. Ūma (1237 Albertus de Uma, 1359 in Uma, 1456 Uhma, worin sogar die Länge des ū graphisch zum Ausdruck kommt) > nhd. (diphthongiert) Auma (linker Zufluss zur Weida und an ihm liegende Ortschaft). Als vergleichbaren Beleg kannte ich bisher nur sloven. Batúje mit u aus dem urslavischen Langdiphthong āw (vgl. Holzer 2001a: 39f. § 16 Fußnote 16; 2014: 202, 208). Da nun „[s]üdlich des Erzgebirges […] im 6. Jh. n. Chr. […] die slawische Einwanderung erfolgt [ist] und von da aus anschließend nach 600 entlang der Elbe auch die slawische Besiedlung des Gebietes von der Elbe nach Westen bis zur Saale und z. T. darüber hinaus“ (227; vgl. auch die Datierung mit 600 n.Chr. auf den Seiten 629 und 676), ist klar, dass die gemeinslavische Monophthongierung nach 600 n. Chr. erfolgte und somit als nachurslavischer Lautwandel zu betrachten ist.

Zu 937 Pretalize, heute Prettlitz südöstlich von Magdeburg < altsorb. *Predolic- ‘Quertal’, in das möglicherweise „deutsch Tal eingeflossen“ ist (158), gibt es Parallelen in Österreich, und zwar „den Namen des Berges Pretal Stuhl (1494 Pretal), des Gehöfts Pretaller (ca. 1300 Predol) und der Rotten Ober- und Unterprethal, des Dorfes Pretul (1289 in dem Predůl und ca. 1400 das Pretuel) sowie vielleicht auch den Namen des Ortes Prietal (ca. 1300 Priedel, Priedol) in der Steiermark; beachte ferner den heute abgekommenen Namen Predultal (1262-1306 ad uallem Predv̊l) […] in der Steiermark“ (Fahrngruber 2017: 33 mit Literaturhinweisen).

Morphologische Substitutionen in slavischen Namen wurden nicht nur im Deutschen vollzogen, sondern auch im Lateinischen, vgl. die lateinischen Akkusative in 1081 inter Groznam, 1122 in Kamenizam, usque Lomnizam, ad Snesnizam (169) – vergleichbar sind österreichische Belege wie 893 ad Persiniccham für das Hydronym Perschling (s. Holzer 2008: 202, 210). Das Syntagma 995 ad Caminamgoram (169) mit zwei lateinischen Akkusativen beweist, dass dem Schreiber die syntaktische Struktur dieses zweiteiligen slavischen Namens transparent war, und exemplifiziert somit zusätzlich die von Hengst andernorts mehrfach betonte slavische Sprachkompetenz im Osten wirkender Deutscher (siehe oben).

Zu Sprewitz : Spree und Oderitz : Oder (153) sei angemerkt, dass es eingedeutschte slavische Deminutive zu vorslavischen Gewässernamen auch in Österreich gibt, nämlich Mürz zu Mur und Ybbsitz zu Ybbs (heute heißt nur noch eine an diesem Flüsschen gelegene Ortschaft Ybbsitz, das Flüsschen selbst heißt heute Kleine Ybbs).

Was die Lexik betrifft, so entlarvt Hengst auf den Seiten 213–225 souverän Joseph Schütz’ Rekonstruktion eines mainwendischen bzw. urslavischen Wortes *velьpoto ‘gebietender Herr’ als reine Fiktion. Zur Vermeidung der Etablierung eines ghost words in der altslavistischen Lexikographie muss jede sich bietende Gelegenheit ergriffen werden, auf diesen Irrtum hinzuweisen.

Auf den Seiten 231–236 wird der urkundlich schon 805 als Fergunna belegte Name des Erzgebirges und wahrscheinlich auch des Fichtelgebirges beleuchtet. Dazu gehört das auf uridg. *perkwus ‘Eiche’ zurückgeführte gotische Appellativum fairguni ‘Gebirge’. Auf griechische Quellen zurückgreifend bringt Caesar Hercynia silva (mit keltischem Entfall des anlautenden P- und mit H- aus dem griechischen spiritus asper) als Namen wohl für den gesamten im Westen mit dem Schwarzwald beginnenden Zug der deutschen Mittelgebirge. Zugrunde gelegt wird voreinzelsprachlich indogermanisches *Perkuniā; p > f ist durch die germanische Lautverschiebung und k > g durch das Vernersche Gesetz zu erklären, dessen Wirkung hier zeigt, dass vor der Fixierung des germanischen Akzents auf der ersten Silbe der Akzent noch nicht auf der ersten Silbe lag. Aus dem Germanischen entlehnt sind das polnische Toponym Przeginia und das in Miklosich 1977: 721–722 s.v. prěgynja verzeichnete Appellativ mit „sensus dubius“ (ich rekonstruiere ursl. *pergūnjā˙ oder *per˙gūnjā˙). Vgl. auch Katičić 2008: 112–113. Miklosich und Katičić weisen auf das im Codex Suprasliensis belegte Syntagma vъ prěgyńěxъ i vь neproxodъnyixъ goraxъ und auf weitere Belege hin. Die Bedeutung dieses Wortes ist zwar nicht mitüberliefert, es scheint aber hier durch neproxodьna gora geradezu übersetzt zu sein. Als weitere Literaturhinweise füge ich NmP IX 297–298, Babik 2001: 510–511 und Pronk-Tiethoff 2013: 158–159 hinzu.

Die von Katičić loc. cit. aufgegriffene Anknüpfung von prěgynja an lit. Perkúnas ‘Donnergott’, ved. Parjánya- ‘dass.’, nord. Fjǫrgyn ‘Mutter des Donnergottes’ und letztlich an slav. Perunъ verläuft sich allerdings im Ungewissen. Tatsächlich mythologisch motiviert könnten aber laut Hengst folgende Toponyme sein: altsorb. *Mokošici > dt. 1091 Mococize, heute Mobschatz bei Dresden (92); Modelwitz, 1181-1214 Modlowiz, das zu altpoln. obersorb. modła, alttschech. modla ‘Götzenbild’ gehören könnte (249–250); und das mit dem Theonym Stribog in Zusammenhang gebrachte 1140 Ztribeglowe (251), ebenso 1122 Striboz (276).

Hengsts Interesse für slavisch-deutschen Sprachkontakt beschränkt sich nicht nur auf das Mittelalter. Im Aufsatz „Entlehnungen aus Sprachen Rußlands in Paul Flemings deutscher Dichtung“ (643ff.) ist von einer poetischen „Reisechronik“ aus dem 17. Jahrhundert und darin vorkommenden russischen Wörtern wie Knes ‘Fürst’, Arpuse ‘Wassermelone’, antiken Namen wie Tyras ‘Dnestr’, Tanais ‘Don’ und anderen die Rede. Auch Russ­lands bunte Völkerlandschaft wird ausgebreitet; genannt sind z. B. der greuliche Nagai ‘Nogaier’ (mit russischem Akan’e), die wilden Zeremissen ‘Tscheremissen’, ein Morduine, die Rauberischen Tartarn u. a. (643ff.). Aus dem Umstand, dass im Mitteldeutschen lg als lx ausgesprochen wird, erklärt sich die Schreibung die (!, 660) Volgov für das Hydronym Volxov (650). Der (!) Obi ist die Ob’ (fem.), die (!) Neeper ist der Dnepr, die Ocke ist die Oka, die Wolge die Volga, die (!) Tone ist der Don (651f., 659, 661). Es wäre eine lohnende Aufgabe, über Hengst 658 hinausgehend herauszufinden, bei welchen solchen Namen es sich um mitunter recht „kreativ“ eindeutschende ad-hoc-Übernahmen aus dem Russischen handelt und in welchen anderen Fällen eine damals schon vorhandene deutsche Benennungstradition im Hintergrund steht. Hingewiesen sei noch auf Groß-Neugart, Groß-Naugarod, Groß Naugardt für Novgorod; Nau- ist mitteldeutsch für Neu- (653); dass hinter -gar(d)t ausgerechnet die „polabisch-pomoranische“ Form -gard stehen soll (653), überrascht. Nižnyj Novgorod heißt bei Fleming Niesen; dass „Fleming den russ. ON [selbst!] voll an das Deutsche angepaßt“ hätte (654; vgl. 661), und zwar sogar in volksetymologischer Anlehnung an das Verbum niesen (662), darf angezweifelt werden; zu seiner Zeit stand s nicht mehr für [ž], eher hat er daher eine bereits bestehende (wenn auch, wie es scheint, nicht früher belegte) mittelalterliche Eindeutschung weiterverwendet. Hengst erklärt die verschiedenen „Grade der Integration“ mit der verschiedenen „Gebrauchsquote“, also mit der verschiedenen Häufigkeit, in der Fleming die betreffenden Namen verwendet (661f.); vielleicht aber sollte man bei höherem Integrationsgrad von einer zu Flemings Zeit schon längst vorhandenen und nicht erst von ihm selbst vorgenommenen Eindeutschung ausgehen.

Der Aufsatz „Ein Reisebericht zu Eurasien im 15. Jahrhundert – Linguistisch betrachtet“ untersucht den 1430 vom bayrischen Edelmann Johannes Schiltperger niedergeschriebenen ersten deutschen Bericht über Russland und Sibirien (665ff.).

Auf den Seiten 743–761 erfährt man von der seit 1372 nachweisbaren Lateinschule von Zwickau, die über die Grammatiken des Donatus, des Priscianus und des Alexander verfügte. Der Aufsatz „Georgius Agricolas Latein-Grammatik [Leipzig 1520] im Kontext von Raum und Zeit“ (763–772) ergänzt Hengsts latinistische Studien.

Die Seiten 773ff. sind dem frühneuzeitlichen Interesse an lebenden Fremdsprachen gewidmet. Auf den Seiten 791ff. und 815ff. wird auf den Lexikographen Hieronymus Megiser (ca. 1553–1618) eingegangen, dessen Thesaurus Polyglottus 1603 in Frankfurt am Main erschienen ist, sowie auf Peter Lodereckers Dictionarium septem diversarum linguarum (Prag 1605). (Als bibliographische Ergänzung zu Loderecker kann Katičić 2005 angeführt werden.) In seinem Lexikon symphonon (Basel 1544) macht Sigismundus Gelenius lautliche Ähnlichkeiten zwischen dem Griechischen, Lateinischen, Deutschen und Tschechischen zur Grundlage eines gewissermaßen indogermanistischen Sprachenvergleichs (810ff. mit Hinweis auf Walter Schamschula).

Hier konnte bei weitem nicht auf alle Themen eingegangen werden, die in Hengsts Buch behandelt werden. Insbesondere sind hier die ausgesprochen gegenwartsbezogenen Aufsätze, die zum Beispiel Soziolinguistisches, Fachsprachliches oder Didaktisches erörtern (z. B. 15–20, 47–62), ganz ausgeklammert. Aber unabhängig von der Perspektive, von der aus man dieses Buch, an dem man allenfalls die sehr zahlreichen Druck- bzw. Scanfehler beanstanden könnte, liest, bietet es überwältigend viel Stoff für eine äußerst ertragreiche und bereichernde Lektüre.

Literatur

– Babik 2001: Zbigniew Babik (2001): Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich w granicach wczesnośredniowiecznej słowiańszczyzny, Kraków.
– Fahrngruber 2017: Barbara Fahrngruber (2017): Die Slaven im Pielachtal, Masterarbeit Wien.
– Holzer 1996: Georg Holzer (1996): Zu Lautgeschichte und Dialekten des mittelalterlichen Slavischen in Österreich, in: Wiener Slavistisches Jahrbuch 42, 81–110.
– Holzer 2001a: Georg Holzer (2001): Zur Lautgeschichte des baltisch-slavischen Areals, in: Wiener Slavistisches Jahrbuch 47, 33–50.
– Holzer 2001b: Georg Holzer, (2001): Die Slaven im Erlaftal. Eine Namenlandschaft in Niederösterreich (= Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde 29 = NÖ Schriften 136 Wissenschaft), Wien.
– Holzer 2008: Georg Holzer (2008): Namenkundliche Aufsätze (= Innsbrucker Beiträge zur Onomastik 4), Wien.
– Holzer 2010: Georg Holzer (2010): Urslavische Morphophonologie. Ein Entwurf mit Beispielen aus der Slavia submersa Niederösterreichs, in: Stadnik-Holzer Elena / Holzer, Georg (Hg.): Sprache und Leben der frühmittelalterlichen Slaven. Festschrift für Radoslav Katičić zum 80. Geburtstag. Mit den Beiträgen zu den Scheibbser Internationalen Sprachhistorischen Tagen II und weiteren Aufsätzen (= Schriften über Sprachen und Texte 10), Frankfurt a.M. u.a., 43–77.
– Holzer 2014: Georg Holzer (2014): Rekurrente Unregelmäßigkeiten in alten südslavischen Romanismen, in: Rampl, Gerhard / Zipser, Katharina / Kienpointner, Manfred (Hg.): In Fontibus Veritas. Festschrift für Peter Anreiter zum 60. Geburtstag, Innsbruck, 199–211.
– Holzer 2017: Georg Holzer (2017): Zur Akzentuierung urslavischer Nominalkomposita mit besonderer Berücksichtigung der Personennamen (I), Ricerche slavistiche 15 (61) 2017, im Druck.
– Holzer 2018: Georg Holzer (2018): Sprache und Politik unter den frühen Piasten. In: Jahrbuch des Wissen­schaft­lichen Zentrums der Pol­nischen Akademie der Wissenschaften in Wien 8 (2017), 27–33.
– Katičić 2005: Katičić, Radoslav (2005): Lodereckerov rječnik – leksikografsko djelo i kulturni spomenik, in: Petar Loderecker, Sedmojezični rječnik. Prvotisak, Prag 1605. Pretisak i dodatak, Zagreb, Dodatak, 17–49.
– Katičić 2008: Radoslav Katičić, Božanski boj. Tragovima svetih pjesama naše pretkršćanske starine, Zagreb – Mošćenička Draga 2008.
– Miklosich 1977: Franz von Miklosich (1977): Lexicon palaeoslovenico-graeco-latinum. Emendatum auctum, 2. Neudruck der Ausgabe Wien 1862/1865, Aalen.
– Pronk-Tiethoff 2013: Saskia Pronk-Tiethoff (2013): The Germanic loanwords in Proto-Slavic (= Leiden Studies in Indo-European 20), Amsterdam/New York.
– NmP IX: Nazwy miejscowe Polski. Historia – pochodzenie – zmiany, hg. von Kazimierz Rymut und Barbara Czopek-Kopciuch, IX, Kraków 2013.

Empfohlene Zitierweise
Georg Holzer: [Rezension zu] Karlheinz Hengst: Sprachkontakte, Sprachstudien und Entlehnungen, Wien 2014, in: Onomastikblog [24.01.2018], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-sprachkontakte-sprachstudien-und-entlehnungen/

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