Iryna Mychajlivna Željeznjak: Slov’jans’ka antroponimika [Slawische Anthroponomastik], Kyïv: Vydavnyctvo „Kyj“ 2011, 286 S. – ISBN 978-966-8825-81-1, Preis: EUR 18,00 (DE).

Rezensiert von Walter Wenzel, Leipzig

Das Buch enthält 17 Aufsätze aus dem umfangreichen Schaffen der bekannten ukrainischen Namenforscherin, davon drei in russischer, die übrigen in ukrainischer Sprache. Viele von ihnen sind serbokroatischen PN gewidmet, daneben kommen auch gesamtslawische anthroponomastische Themen zur Sprache. Im Vordergrund stehen die Namenetymologie, die Semantik der Namenglieder von VollN sowie die Wortbildung. Die einzelnen Beiträge sind chronologisch geordnet und spiegeln auf diese Weise den Interessenkreis und den wissenschaftlichen Werdegang der Forscherin wider.

Der Sammelband beginnt mit einem Aufsatz zur semantischen Charakteristik serbokroatischer PN des 12. bis 15. Jahrhunderts, es folgen Untersuchungen zu Typen serbokroatischer Komposita sowie zur Geschichte serbokroatischer Patronymika des 12. bis 15. Jahrhunderts. Dieser zuletzt genannte, in russischer Sprache verfasste Aufsatz ist deshalb besonders wichtig, weil sich die Bildung patronymischer Formen als außerordentlich produktiv erwies und das heutige Familiennameninventar des Serbokroatischen entscheidend mitgestaltete. Die Verfasserin analysiert anhand einer Vielzahl von historischen Beispielen die Verwendung der einzelnen Suffixe, wobei die Formantien -ović und -ević im Mittelpunkt stehen. Ein Schema auf S. 57 veranschaulicht, an welche Stämme wie häufig diese Bildungselemente antreten. In ähnlicher Weise verfährt sie mit den Suffixen -in, -inić und -ić. Am Schluss ihrer Untersuchung stellt sie fest, dass die alten patronymischen Bildungen auf -ov und -ev in der Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert durch die Formen auf -ović und -ević verdrängt werden. Die Namen auf -ić erweisen sich in diesem Zeitraum mit fast zwei Dritteln aller untersuchten Namen als der produktivste Typ. Die folgende Detailstudie hat das häufige Vollnamenglied -slav- im Serbokroatischen zum Gegenstand, das bekanntlich auch in anderen slawischen Anthroponymen eine außerordentliche Produktivität entfaltete. In keiner von ihnen fehlen deethnonymische PN, welche die Verfasserin in einem Beitrag auf der Grundlage serbokroatischen Materials aus Quellen des 12. bis 15. Jahrhunderts untersucht.

Der Kontakt der Serben mit ihren Nachbarn spiegeln PN wie Blьgarinь, Vlacho, Ugrinь, Grьčinь, Rusinь und mehreren anderen wider. Zu der seit langem diskutierten und umstrittenen Etymologie von *Chъrvatъ, auf dem die Ethnonyme Chrьvatinь und Chrьvatinićь beruhen, ist jetzt die gründliche Studie von Heinz Schuster-Šewc heranzuziehen. (Anm. 1) In weiteren Aufsätzen behandelt I. M. Željeznjak die Motiviertheit des Bindevokals -i- in slawischen VollN, wie z. B. in Radivoj, Bělimir und dergleichen, urslawisch *goj- in der serbokroatischen Anthroponymie, VollN mit gekürztem Hinterglied wie z. B. Budim < Budimir, Radom < Radomir, wobei sie diese Namen in dem darauf folgenden Beitrag noch unter arealem Aspekt untersucht und die Ergebnisse mit zwei Karten illustriert.

Eine detaillierte semantische Analyse gilt den VollN mit dem Hinterglied -mysl im Serbokroatischen, die wesentlich zum Verständnis des Wesens dieser alten slawischen Namen beizutragen vermag. Aus der großen Gruppe der Übernamen, ukrainisch prizvyšča, werden die Bildungen mit dem Suffix *-istъ, ukrain. -yst, -ysta, -ystyj wie in Perepadystyj, Peristyj, Uzorystyj, Rebrystyj und anderen genauer gemustert. Unter ihnen gibt es auch vereinzelt Erweiterungen mit -enko, so Rebrystenko. Ein weiterer Aufsatz hat solche ÜberN wie Dobrosynecь und Pustovit zum Gegenstand, die auf historischem Hintergrund analysiert und mit ähnlichen Bildungen verglichen werden.

Eine Einzelstudie aus der ukrainischen Anthroponomastik widmet die Verfasserin dem ÜberN Karmaljuk, bevor sie sich wieder gesamtslawischen Themen zuwendet: Den anthroponymischen Komposita mit -staj-/-stoj- wie z. B. ukrainisch Legostaj < urslaw. *lьgostajь, ukrainisch Vodostaj, tschech. Doběstoj, polnisch Domastoj, aruss. Neustoj u. a., ferner den „semantischen Parametern“ der slawischen anthroponymischen Etyma, dem weltanschaulichen „Kode“ der slawischen Personennamenlexik sowie slawischen PN mit einer Gewässernamenbasis. Den Sammelband beschließen ein Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur sowie ein Register aller behandelten PN.

Die gesammelten Aufsätze von I. M. Željeznjak sind als ein wertvoller Beitrag nicht nur zur serbokroatischen, sondern auch zur gesamtslawischen historischen Anthroponomastik zu werten. Das Buch ist einem jeden slawistisch orientierten Personennamenforscher wärmstens zu empfehlen.

Anmerkung

(1) Schuster-Šewc, Heinz (2000): Überlegungen zur Etymologie des südslawischen Völkernamens Hrvat ‘Kroate’, in: Schuster-Šewc, Heinz: Das Sorbische im slawischen Kontext, Ausgewählte Studien, Bautzen: Domowina, 308–314.

Empfohlene Zitierweise

Walter Wenzel: [Rezension zu] Iryna Mychajlivna Željeznjak, Slov’jans’ka antroponimika [Slawische Anthroponomastik], Kyїv 2011, in: Onomastikblog [17.05.2013], URL:
http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-slawische-anthroponomastik/

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