Rosa Kohlheim, Volker Kohlheim: Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2014, 177 S. – ISBN 978-3-8253-6350-5, Preis: EUR 35,00 (DE).

Rezensiert von Volkmar Hellfritzsch, Stollberg

Die Personennamen der Stadt Regensburg haben das Forscherehepaar Rosa und Volker Kohlheim seit Anbeginn ihrer onomastischen Forschungen immer wieder beschäftigt. (Anm. 1) Mit vorliegender Arbeit zu den spätmittelalterlichen Übernamen setzen sie nicht nur ihre Untersuchungen zur Onymie der alten, wirtschafts- und kulturgeschichtlich bedeutenden Hauptstadt der Oberpfalz fort, sondern sie legen zugleich eine Studie zu ebendieser Namenkategorie vor, wie sie in dieser Form und Tiefgründigkeit unseres Erachtens bisher noch nicht geliefert wurde.

Die Monographie besteht aus drei Teilen: der Einleitung (S. 9–11), dem Namenbuch als umfangreichstem Komplex (S. 13–107) und der ob ihrer weiterführenden, theoretischen Erkenntnisse bedeutsamen Auswertung (S. 109–164). Eine Liste der Abkürzungen und Symbole (S. 165–168) sowie das Literaturverzeichnis (S. 169–177) folgen abschließend als Apparat. Untersucht wird das in beiden Bänden des Regensburger Urkundenbuchs (893–1378) enthaltene Material, womit – überlieferungsbedingt – die besonders große Zahl von Belegen des 14. Jahrhunderts ins Blickfeld gerät. Es geht im Wesentlichen also um jene sprachgeschichtliche Epoche, die durch den Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen gekennzeichnet ist, und damit um den Zusammenhang zwischen allgemeiner Lexik und den der mittleren, zwischen Mundart und Literatursprache gelagerten Varietät zugehörigen frühen Beinamen.

Die Namenartikel bestehen aus dem Lemma, dem Belegteil (mit in Klammern nachgestellter Jahreszahl und Urkundennummer) sowie einem etymologischen, einem erklärenden und, bei Bedarf, aus einem kommentierenden Teil. Wenn vorhanden, fungiert als Lemma ein neuhochdeutsches Wort, in anderen Fällen der Erstbeleg oder eine aus den Belegen gewonnene, dem heutigen orthographischen Usus angepasste Form. Die behandelten Namen werden auf mittelhochdeutsche, gegebenenfalls auf frühneuhochdeutsche bzw. bairische Etyma zurückgeführt und morphologisch analysiert. Gelegentlich gelingt es, mit Hilfe des Kontextes eine wirkliche Deutung zu liefern. Ansonsten wird versucht, „in den Namenartikeln jeweils auf die ganz allgemeinen Anlässe, die den Namenschöpfungsakt veranlasst haben könnten, hinzuweisen“ (S. 17).

Von genereller Bedeutung, neuartig und für die spätere Auswertung von Belang ist die Einteilung der Übernamen in vier Kategorien:

  • Persönlichkeitsbezogene Übernamen. Diese beziehen sich „ausschließlich auf ein Merkmal / eine Eigenschaft der benannten Person selbst […], nicht auf etwas, was sie mit ihrer Umwelt in Beziehung setzt“ (S. 18), z. B. Beschoren, Reich.
  • Berufsübernamen: charakterisieren den Benannten durch ein Merkmal seines Berufs, z. B. Semel für den Bäckergesellen.
  • Relationale Übernamen: drücken soziale oder familiäre Beziehungen aus, z. B. Dreischilling nach einer Abgabe.
  • Akzidentelle Übernamen: Charakteristik durch ein einmaliges, zufälliges Merkmal oder ein einmaliges Ereignis, z. B. Hupf auf gans.

Das alphabetisch angeordnete Namenbuch besteht aus 576 Einträgen. Die Namenerklärungen sind mit größter Umsicht erarbeitet, jegliche etymologischen Möglichkeiten werden sorgsam bedacht und gegeneinander abgewogen, (Anm. 2) wobei den Autoren die gründliche Kenntnis der für ihren Zweck relevanten Quellen zur Geschichte Regensburgs zugute kommt. Alle Aussagen sind exakt nachweisbar. Es werden keine „Kurzdeutungen“ geboten, und wo angebracht, erhält der Leser wertvolle kulturhistorische Informationen, Hinweise auf Vergleichsnamen und Erläuterungen mannigfaltiger Art, so dass sich die übersichtlich strukturierten Texte des Namenbuchs insgesamt auch gut lesen lassen, vgl. z. B. Alraune, Biber, Dreischilling, Feierabend, Funk, Glas/Gläsel, Grünsklee, Hammer, Heuschmeck, Kagermäusel, Notscherf, Pfeffer, Reich, Staudigel usw.

Der umfangreichste Teil der Auswertung gilt der formbezogenen Analyse der im Namenbuch behandelten Übernamen, und zwar der Chronologie und Wortbildung der 160 Erst- und Frühbelege (ca. 28 %), den 37 Satznamen (6,4 %), der Deklination der Regensburger Übernamen mit -l-Suffix und der Onymisierung von Appellativen zu Beinamen. Dabei gelangen die Autoren zu Erkenntnissen, die bisherige Resultate der sprachhistorisch-onomastischen Forschung in zahlreichen Details ergänzen, bestätigen oder auch modifizieren.

Es ist hier nicht möglich, all diese Ergebnisse zu referieren (auf S. 161–164 findet sich eine eindrucksvolle Zusammenfassung). Deshalb sollen nur einige wenige der bedeutsamen Sachverhalte hervorgehoben werden. So bestätigt die Untersuchung der Neologismen aus onymischer Sicht den Eindruck des Deutschen als einer „wortbildungstypischen Sprache“ (Christine Ganslmayer) und dass der Wortschatz in der Übergangszeit zwischen dem Mittelhochdeutschen und dem Frühneuhochdeutschen „weniger durch die Neuschöpfung von Simplizia als durch die Komposition vorhandener Lexeme oder Ableitungen von ihnen bereichert“ wird (S. 127). Wichtig und in dieser Klarheit bisher nicht erkannt ist die am Regensburger Material deutlich werdende komplementäre Distribution der beiden hypokoristischen Suffixe -(e)l und -lein in dem Sinne, dass das einfache -l- und seine graphematischen Varianten vorwiegend bei Belegen im Nominativ, -līn (auch -lein, -lin usw.) dagegen vorwiegend in den obliquen Kasus begegnet, wobei der Genitiv normalerweise durch -s als zusätzliches Kasusmorphem gekennzeichnet wird (Leubleins des Gayssleins Hausfrau u. ä.). Bemerkenswert ist, dass die Autoren ihre am Regensburger Material gewonnenen Erkenntnisse durch die Analyse betreffender Bildungen in anderen Arbeiten zur Anthroponymie zusätzlich absichern. Hervorzuheben ist zugleich die Herausarbeitung eines bislang unbeachtet gebliebenen grammatischen Phänomens, das im Bereich der Übernamen die Onymisierung von Appellativen zu Beinamen klar erkennen lässt: Kongruenz nach dem natürlichen Geschlecht des Namensträgers (constructio ad sensum) gegenüber als Ausnahmen fungierenden Kongruenzformen nach dem grammatischen Geschlecht des Basisworts (constructio ad formam): Umb Ulr. den Swert etc. (vgl. S. 141ff.).

Das im semantisch-mentalitätsgeschichtlichen Teil der Auswertung vorgestellte Klassifikationsmodell, mit dem diejenigen Merkmale und Eigenschaften der zu benennenden Person erfasst werden, „welche dem Namengeber offensichtlich als Anlass zur Namengebung dienten und die Namenvergabe motivierten“ (S. 149), hatte sich mit den vier Übernamenkategorien (siehe oben) bereits bei der Namendeutung bewährt. Es dient nun gleichsam auch als „Raster“, um am Beispiel weit verbreiteter Übernamengruppen bestimmte Aspekte der mittelalterlichen Alltags- und Mentalitätsgeschichte klarer als in der bisherigen Forschung zu beleuchten, wobei sich besonders jene (gegensätzlichen) Namengruppen (z. B. in Bezug auf die gewandelte Einstellung zur Arbeit: Vaulschinckh vs. Resch usw.) als aufschlussreich erweisen, „die den Konflikt zwischen der durch die longue durée gekennzeichneten Mentalität [des „barbarischen“ Menschen, so S. 160., V. H.] und dem neuen, christlich inspirierten spätmittelalterlichen Wertesystem sichtbar werden lassen“ (S. 159).

Das nach Quellen, Wörterbüchern, Lexika und Atlanten sowie weiteren Werken sortierte Literaturverzeichnis lässt keinerlei Wünsche offen und zeugt von der souveränen Kenntnis und Nutzung aller relevanter Publikationen – älterer wie modernster – durch die Autoren. Auch typographisch ist der anspruchsvolle wissenschaftliche Stoff vorbildlich aufbereitet worden. (Anm. 3)

Rosa und Volker Kohlheims im Vergleich zu manch anderer onomastischer Publikation ganz und gar nicht voluminöse Untersuchung „hat es in sich“. Wir beglückwünschen die Autoren zu einer grundsoliden und modernen Monographie, die nicht nur die Namenwelt Regensburgs (ein onomastischer Glücksfall!) weiter aufarbeitet, sondern zugleich einen beachtlichen theoretischen, weiterführenden Beitrag zur Erforschung der deutschen Personennamen darstellt.

Anmerkungen

(1) Wir nennen hier nur beider Dissertationen, die diesbezüglichen Hauptwerke: Volker Kohlheim: Regensburger Rufnamen des 13. und 14. Jahrhunderts. Linguistische und sozio-onomastische Untersuchungen zu Struktur und Motivik spätmittelalterlicher Anthroponymie, in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik – Beihefte 19, Wiesbaden 1977; Rosa Kohlheim: Regensburger Beinamen des 12. bis 14. Jahrhunderts. Beinamen aus Berufs-, Amts- und Standesbezeichnungen (Bayreuther Beiträge zur Dialektologie 6), Hamburg 1990. Weitere entsprechende Arbeiten nennt das Literaturverzeichnis des hier besprochenen Titels, S. 174.

(2) Es gibt keinerlei Anlass, korrigierend einzugreifen. Zu fragen wäre lediglich, ob bei Kranzagel (S. 52) auch ein Flurname, vgl. den Ortsnamen Cranzahl b. Annaberg (1413 Krantzagel [Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, hg. von Ernst Eichler und Hans Walther, Bd. 1. Berlin 2001, S. 157f.]), und bei Krempel (S. 53) evtl. Krämpel ‘altes unbrauchbares Hausgerät, Gerümpel’, auch ‘hökerischer Handel’ (DWB 11, Sp. 2007) in Frage kämen, Letzteres häufig allerdings mit G-.

(3) Warum Grapheme, anders als sonst üblich, durch in umgekehrte Richtung weisende Spitzwinkel gekennzeichnet werden, bleibt unklar.

Empfohlene Zitierweise

Volkmar Hellfritzsch: [Rezension zu] Rosa Kohlheim, Volker Kohlheim, Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen, Heidelberg 2014, in: Onomastikblog [07.07.2015], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-regensburger-uebernamen/

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