Aehnlich, Barbara und Meineke, Eckhard (Hg.): Namen und Kulturlandschaften (= Onomastica Lipsiensia. Leipziger Untersuchungen zur Namenforschung 10), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015, 402 S. ‒ ISBN 978-3-86583-972-5, 49,00 €.
Rezensiert von Jürgen Udolph, Göttingen/Leipzig

Der Band enthält fast alle Vorträge einer Tagung, die am 1. und 2. Oktober 2014 in Jena in Zusammenarbeit zwischen dem Heimatbund Thüringen, der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung und dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Jena, in dem auch das Thüringische Flurnamenarchiv untergebracht ist, stattgefunden hat. Zwei Aufsätze von Barbara Aehnlich und Karlheinz Hengst wurden zusätzlich aufgenommen.

Zentrales Thema sind Namen, die in einem Zusammenhang mit der Kulturlandschaft, d.h. der vom Menschen veränderten und gestalteten Naturlandschaft, stehen. Naturgemäß standen deshalb die Flurnamen, und insbesondere die thüringischen Flurnamen im Focus. So vielfältig und bunt wie die Welt der Flurnamen ist auch der Strauß der 20 Beiträge des Sammelbandes. Meine folgenden Bemerkungen können dieses nur auszugsweise wiedergeben.

Ein kurzes Vorwort von Barbara Aehnlich und Eckhard Meineke leitet den Band ein (S. 3). In ihm geht es vor allem um die Abgrenzung des Begriffs Kulturlandschaft von der Naturlandschaft. Barbara Aehnlich eröffnet den Band mit dem Beitrag Flachsanbau und ‑verarbeitung im Spiegel thüringischer Flurnamen. Untersuchungen im Rahmen eines Projektseminars (5-28). Da der Flachsanbau in Deutschland fast bedeutungslos geworden ist, sind es gerade die Flurnamen, die an ihn erinnern. Der Beitrag entstand auf der Grundlage eines Proseminars an der Universität Jena, das unter dem Thema stand: Bleiche, Flachsröste, Werg ‒ Namen als Spiegel der Kulturgeschichte. Eine Fülle von Flurnamen zeigt die Spuren des ursprünglichen Flachsbestandes und der Flachsbearbeitung, angefangen von Flachslöcher, An den Rotten, Röste u.ä. über Dörrgrube, Dörrherd, Dörrplatz und Rocken, Kunkel, Dieße (für den gebündelten Flachs) sowie Haspel, Bleiche bis hin zu mundartlichen Varianten wie Bossen, Warg, Zulpen u.a.m. Letztere, die für die Flur-und Ortsnamenkunde von besonderem Wert sind (24-26), beschließen den wichtigen, durch Farbkarten (sie fanden auch Aufnahme in dem Kulturlandschaftsportal Thüringen) anregend ergänzten Beitrag. - Der Flurname Kuhtanz in der Flur Rodameuschel östlich der Saale ist Thema des Beitrags von Barbara Aehnlich und Karlheinz Hengst (29-37). Er findet sich mehr als ein Dutzend Mal in Thüringen und dem südlichen Sachsen-Anhalt. Aufgrund der Konzentration des Namens im ehemals slavischen Siedlungsgebiet entscheiden sich die Autoren gegen vielfältige Versuche, den Namen mit deutsch Kuh + Tanz zu verbinden und ziehen einen Zusammenhang mit slavisch *kutat- ʻverhüllen, verbergenʼ, etwa im Sinn von ʻschwer erreichbare/zugängliche Flurstückeʼvor. Das überzeugt mich allerdings nicht. Wenn man Flurnamenmaterial heranzieht, das H. Popowska-Taborska, Dawne pogranicze je̜zykowe polsko-dolnołużyckie, Wrocław u.a. 1965, S. 61, aus dem sorbisch-polnischen Grenzbereich angeführt hat, wird man zu einer anderen Deutung kommen: zu poln. kąt, nso. kut, kuśìk ʻEcke, Winkel' stellt sie u.a. Flurnamen wie Kute, die Kuten, Kutken, In den Kuten, Die Kuthen. Ferner weist sie hin auf nso. kutany ʻWinkel, Eckenʼ. Dazu muss auch H. Schuster-Šewc, Historisch-etymologisches Wörterbuch der ober- und niedersorbischen Sprache, Bd. 3, Bautzen 1988, S. 740, herangezogen werden, der u.a. auflistet: oso. kut 'Winkel, Ecke', kut ton ʻWinkel oder Ort', kutk ton ʻÖrtlein, Winkelchen'. Ähnliches Flurnamenmaterial bietet auch A. Habovšťiak, Oravské chotárne názvy. Banská Bystrica 1970, S. 60, mit Kúťanka, Kúti, Kuťina, Kuťini.

In dem Beitrag von Angelika Bergien geht um Regionale und kulturelle Bezüge in den Namen von Wirtschaftsunternehmen Namen von Wirtschaftsunternehmen (39-50), wobei Mitteldeutschland (zur Erläuterung und Beschreibung dieser Region S. 43f.) im Zentrum steht. Dabei wurde u.a. die Top-100 Liste der Unternehmen Mitteldeutschlands herangezogen. Regionale Bezüge finden sich vor allem bei kleineren und ortsgebundenen Unternehmen, während größere und weltweit operierende zumeist andere Aspekte berücksichtigen müssen. Entgegen Familiennamen wie Ford, Henkel oder Porsche werden heute Familiennamen weniger oft gewählt (allerdings liegt die Wahl von Namen wie Rossmann oder Fielmann noch nicht allzu lange zurück). Hilfreich bei der Suche nach Beispielen für Lebensmittel mit geschützten geographischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen ist der Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Im Fazit heißt es u.a.: "Gemeinschaft, Regionalität und Individualität sind Eigenschaften, die traditionell bei kleineren Unternehmen, zunehmend aber auch bei größeren, strukturbildenden Unternehmen hoch im Kurs stehen" (48). - Auf der Grundlage ihrer umfangreichen Arbeit Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes (= Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte 38), Berlin 1996, behandelt Inge Bily die Kulturnamen einer Region ‒ untersucht an slawischen Ortsnamen des Mittelelbegebietes (51-62). Bei ihrer Sammlung geht sie von einer Definition T. Witkowskis aus, es sind demnach "Ortsnamen, die auf die kultivierende und zivilisatorische Tätigkeit des Menschen hinweisen". Sie unterteilt die hier einzuordnenden Namen in drei Sachgruppen: 1. Siedlungstätigkeit, z.B. *grod´c, grodišče ʻBurg, Burgstätte', *plot ʻBurg, Burgstätte', 2. Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Handwerk, z.B. *kerm ʻFutter', *žern- ʻMühlstein'; 3. Geistiges Leben, z.B. *cerkva ʻKirche', *pop ʻPfarrer'. - Thomas Büttner behandelt Kulturlandschaftserfassungen in der Rhön. Ansprache und Dokumentation auf Basis der historischen Flurkarten und Grundsteuerkataster des 19. Jahrhunderts (63-77), umreißt die Geschichte der Vorhaben und widmet sich auch der Definition von ʻKulturlandschaft′ bzw. ʻhistorischer Kulturlandschaft′. Diese versteht er, einem Zitat folgend, wie folgt: "Kulturlandschaft ist ... durch und durch Menschenwerk. Was Kulturlandschaft ist, gibt es nie ohne den Menschen. Kulturlandschaft ist immer von Menschensinn und von Menschenhand" (67). Aber "sie ist stehts im Wandel begriffen" (67). Farbige Karten (72f.) verdeutlichen dieses nachhaltig. Weitere Einzelheiten kann man den im Literaturverzeichnis genannten Publikationen aus der Kulturlandschaftsreihe des Biosphärenreservats Rhön entnehmen.

Flurnamen in Nordthüringen stehen im Zentrum des Beitrags von Peter Cott über Mikrotoponyme als Spiegel historischer Kulturlandschaftselemente ‒ Wege und Grenzen im nordthüringischen Keula (79-96). In ihnen "offenbart sich die Vergangenheit einer Landschaft" (79), darunter "offenbaren Kulturnamen Rückschlüsse auf die anthropogenen Einflüsse auf eine Landschaft" (79). Aus der Fülle des Materials hat er Namen für Verkehrswege, Übergänge und Grenzen ausgewählt. Genauer widmet er sich, auch gestützt auf Fotos, den Flurnamen Torweg, Adler (Erinnerung an den Adler als Hoheitszeichen des Königreichs Preußen), Eselstieg (mehrere Deutungsmöglichkeiten), Vor dem Horn (Feld-, Bergvorsprung? Oder Gemarkungsende?) und Diebessteig und Dippenstieg. Er zweifelt an der einfachen Erklärung aus ʻDiebsweg′ und erwägt einen Hinweis auf Schleichwege. Vermisst habe ich einen Hinweis auf den Beitrag von H. Deubler, Diebessteige, Esels- und Räuberwege, in: Jahrbuch Landkreis Saalfeld-Rudolstadt 6, 1997, 188-189. Hinzufügen möchte ich, dass entsprechende Namen auch anderswo ausführlich diskutiert worden sind, so in meinem eigenen Beitrag: Diebesweg und Diebeskammer ‑ Anmerkungen zu der Diskussion um die Herkunft dieser Flurnamen, in: Südniedersachen 33/3 (2005), 85-87. Dort habe u.a. ausgeführt: "Eine gute Erklärung findet sich etwa bei M. Wiswe (Die Flurnamen des Salzgittergebietes, Rinteln 1970, 90), die auf weitere Literatur verweist, so auf R. Andree (Braunschweiger Volkskunde, 2. Aufl., Braunschweig 1901, 91), A. Bach (Deutsche Namenkunde. Die deutschen Ortsnamen, 2/2, Heidelberg 1954, §390) und M. R. Buck (Oberdeutsches Flurnamenbuch, 2. Aufl., Bayreuth 1931, 45). Ich schloss diesen Artikel mit den Sätzen: "Es besteht überhaupt kein Grund, an der Deutung aus niederdeutsch thiof, def "Dieb" + -straße bzw. -weg zu zweifeln. Es handelt sich um alte Schleichwege, die oft dem Schmuggel dienten." Einen schwierigen Namen hat Peter Cott mit dem Flurnamen Deu angesprochen. An diesem Namen bin ich selbst einmal, wie ich auch dem Autor mitgeteilt hatte, verzweifelt. Er erwägt nun eine Verbindung mit Deuchel ʻRöhre, Rinne, Tubusʼ, vor allem deshalb, weil es einen Graben, der in der Nähe des Deu verlief, gab, so dass eine Be- oder Entwässerungsanlage das Benennungsmotiv abgegeben haben könnte. Er folgert weiter: "Altstraßen und mittelalterliche Wege zählen noch immer zu den Forschungsdesiderata" (95). Hier muss auf eine neuere Publikation verwiesen werden, die diesem Komplex intensiv nachgeht: P. Fütterer, Wege und Herrschaft ‒ Untersuchungen zu Raumerschließung und Raumerfassung in Ostsachsen und Thüringen im 10. und 11. Jahrhundert (= Palatium 2), Regensburg 2016.

Achim Fuchs behandelt Flurnamen als Indizien für eine Aegidius-Kapelle (97-104). Anhand von Flurnamen wie Kleines Kirchlein, Kirchhak, Mönchsbrunnen, Mönchshecke Am Kapellentor, Klausberg und vor allem Jilgen-Bronn (1418 genannt), im Jilgenbaum (1872) rekonstruiert der Autor überzeugend die ehemalige Lage einer Aegidius-Kapelle am Nordwestrand von Dreißigacker. - In einem längeren Beitrag mit dem Titel Flurnamen in Oberösterreich ‒ Historische Quellen, Erfahrungen und neue Forschungsperspektiven berichtet Karl Hohensinner, was sich aus dem Projekt "Die Etymologien der Familiennamen auf -inger in Oberösterreich" über Flurnamen gewinnen ließ (105-157). Der Autor ist vor allem durch seine Mitarbeit am Ortsnamenbuch des Landes Oberösterreich (ein Projekt, in dem auch Flurnamensammlungen durchgesehen und berücksichtigt wurden) und seinen Familiennamen-Atlas von Oberösterreich - Namen und Berufe (2011) bekannt geworden. In seinem Beitrag geht es u.a. um die Frage, "inwieweit es wahrscheinlich ist, dass Familiennamen von heutigen Flurnamen abgeleitet sind" (105). Die Bearbeitung ist auch deshalb schwierig, weil ständig neue Materialien, vor allem im Internet, bereitgestellt werden. Das gewaltige Anwachsen der Datensätze wird durch den Hinweis auf eine Webseite Österreichs verdeutlicht, die in einer Mitteilung auf einen Schlag den Zugang zu ca. 300.000 zusätzlichen Datensätzen angekündigt hat. Hohensinner diskutiert weiter Fragen und Komplexe wie Was ist ein Name? (Abgrenzung vom Appellativum) und Diachrone Betrachtung verschiedener Namenarten, beschreibt die Materialbasen wie Altösterreichische Kartenwerke (Franziszeischer Kataster, Urmappe), erläutert die oberösterreichische Flurnamensammlung im Bestand des OÖ. Landesarchivs und bietet Material zu Namen, die Alm, Hussen- (zumeist sind Hussiten gemeint), Franzos-, Zigein- (Zigeuner), Tabor und -schanz- u.a. enthalten. Auf Kulturland weisen Flurnamen mit -garten-, -point- ʻeingehegtes, dem Anbau vorbehaltenes Grundstück′ und -lüs- (zu mhd. luz ʻdurch ein Los zugefallenes Landstück′). Hohensinner schließt seinen Artikel mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit, "dass in den nächsten Jahren die größten Forschungslücken im Bereich der Namenkunde geschlossen werden und die Publikationen allgemein gut zugänglich sind" (155). Das aber ‒ und daran ist kein Zweifel ‒ wird lange dauern. - Rosa und Volker Kohlheim behandeln unter dem Titel Der gegenwärtige Reflex der höfischen Epoche in der Onymik der Kulturlandschaft "Bayreuth und Bayreuther Land" (159-170) in erster Linie Namen, die an die sogenannte "Markgrafenzeit" (ab 1661) erinnern. Darunter sind zahlreiche französische Namen wie Eremitage, Monplaisir, Fantaisie, Sanspareil u.a. Die Autoren weisen auch auf Namen hin, die ohne nähere Prüfung leicht falsch interpretiert werden könnten. Ein Musterbeispiel sind der inzwischen trockengelegte Brandenburger Weiher und der Brandenburger See. Zugrunde liegt ein Brandberger Weiher, das Land Brandenburg bleibt fern (164).

Der Kohleabbau als Einflussfaktor auf den Flurnamenschatz einzelner Orte im Burgenlandkreis ist Thema des Beitrags von Anne Löbel (171-177). Basis der Untersuchung sind vor allem Separationskarten aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, also aus einer Zeit, als die Landschaft durch den industriellen Eingriff noch nicht verändert worden war. Das führte natürlich auch zum Verlust von zahlreichen Flurnamen. - Das immer wieder spannende Thema Flurnamen und Rechtsgeschichte hatte Evelyn Lorenz in ihrer Bachelorarbeit am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft behandelt und präsentiert daraus die wichtigsten Punkte (179-191). In erster Linie geht es dabei um historische Richtstätten, die in Flurnamen ihren Niederschlag gefunden haben, wobei es in erster Linie um Jena und dessen Umgebung geht. Sichere Hinweise auf deren Existenz sind Galgenberg und Galgenhölzchen, weniger sicher Am Kreuzstein, Am Kreuz, Über dem Kreuz, Steinkreuz, Frongasse oder Am toten Mann. Bedenken habe ich, einen Flurnamen Am Heiligenberg mit einer Kultstätte in Verbindung zu bringen (184f.). Meistens handelt es sich dabei um einen Hinweis auf Kirchenbesitz. Im Literaturverzeichnis habe ich das Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte vermisst. -

Was versteht man unter einer Kulturlandschaft? Um diese Frage geht es Ilke Marschall in ihrem Beitrag Kulturlandschaftsanalyse in Forschung, Praxis und im Studium der Landschaftsplanung (193-202), wobei Ausführungen im Bundesnaturschutzgesetz eine wichtige Rolle spielen. Kurz gefasst kann man wohl mit H. Wöbse sagen: "Eine historische Kulturlandschaft ist eine von Menschen vergangener Zeiten geprägte Landschaft" (194). Die Bemühungen um Bestimmung und Erhaltung von Kulturlandschaften haben in den letzten Jahren zugenommen. Ein sichtbares Zeichen dafür sind Kulturlandschaftsprojekte, die in das Studium der Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule Erfurt (197ff.) eingebettet worden sind. - Den umfangreichsten Beitrag zu dem Sammelband hat Birigt Meineke beigesteuert. Unter dem Titel Zwischen Denkerwiesen, Schlaförtchen und Großen Gemeinheiten hat sich die Autorin, die im Rahmen des Göttinger Akademieprojektes Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe - Onomastik im europäischen Raum schon die Ortsnamen des Kreises Lippe umfassend bearbeitet hat (2010), den Flurnamen der Gemeinde Schlangen, Kr. Lippe zugewandt (203-258). Aus der Fülle des Materials kann ich hier nur einige wenige Aspekte ansprechen. Zunächst ist darauf zu verweisen, dass der Beitrag inzwischen von der Autorin zu einer auch von der äußerlichen Gestaltung her sehr ansprechenden Monographie ausgeweitet worden ist (Birgit Meineke, Flurnamen der Gemeinde Schlangen. Mit Fotografien von Annette Fischer, hrsg. von Heinz Wiemann, Bielefeld 2015, 288 S.). Unterteilt in Abschnitte wie Wege, Rodung und Holzwirtschaft, Flächenbezeichnungen für Acker- und Gartenland, Kulturpflanzen, Grasland, Einfriedungen und Grenzen u.a.m. Zu Namen, die mit der Jagd in Verbindung gebracht werden können (239) vgl. J. Udolph, Hunting in continental place and field names, in: Hunting in northern Europe until 1500 AD. Old traditions and regional developments, continental sources and continental influences, Neumünster 2013, 543-549. Die auch durch die illustrierenden Fotografien sehr lesenswerte Abhandlung überzeugt durch die Fülle des Materials und die fundierten Deutungen.

Auf die wichtige und schon lange erkannte Tatsache, dass historische Karten für die Flurnamenforschung von erheblichem Gewinn sein können, weist Hans-Heinrich Meyer hin: Historische topographische Karten als Hilfsmittel der Kulturlandschafts- und Flurnamenforschung (259-286; inzwischen auch im Internet: www.kulturlandschaft.fh-erfurt.de/fileadmin/img/nachrichten/Aufsatz_Hist_Karten_2015.pdf). Seine Ausführungen basieren wohl im Wesentlichen auf seiner Monographie über Historische topographische Karten in Thüringen. Dokumente der Kulturlandschaftsentwicklung, Erfurt 2007. Der Beitrag enthält eine wertvolle Auflistung von historischen Karten samt ‒ soweit vorhanden ‒ ihrer Verfügbarkeit im Internet, eine wichtige Hilfe auch für Ortsnamenforscher, der sich mit thüringischen Ortsnamen beschäftigt. Natürlich weist er auf die Problematik hin, die mit dem Eintrag von Flurnamen auf Karten verbunden sind, so etwa auf den "Ausbildungsstand und Zuverlässigkeit des vermessenden und kartierenden Personals" (261). Bei der Auflistung weiterer Punkte habe ich allerdings einen wichtigen Aspekt vermisst (oder übersehen), der vielleicht für Thüringen keine so große Rolle spielt, aber entscheidend für die Regionen nördlich dieses Landes ist: die Namen entstammen ja oft nicht dem Hochdeutschen, sondern dem Niederdeutschen. Dessen waren aber die Landvermesser und Kartographischen nicht mächtig, weshalb etwa Namen aus der Kurhannoverschen Landesaufnahme des 18. Jahrhunderts nur mit Vorsicht verwertet werden können. - Den Straßennamen in Bayern ist der längere Beitrag von Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein mit dem Titel Altensteig und Zwerchstras. Hodonyme als bayerische Ortsnamen (287-323) gewidmet. Es geht dabei im Wesentlichen um Komposita mit Straß(e), Weg (dazu auch Quick < gewicke ʻZusammentreffen zweier Wege, Wegscheideʼ), Steig und Specke ʻKnüppelbrückeʼ. Es schließt sich ein Abschnitt über "Benennungsmotive" an (291-298), gefolgt von einer Auflistung der 112 Ortsnamen, die als ursprüngliche Hodonyme bezeichnet werden können. Bei diesen werden die wichtigsten historischen Belege geboten, durch die die vorgeschlagenen Bedeutungen bis auf wenige strittige Fälle bestätigt werden. - Sebastian Specht, Heinz Peter Brogiato und Haik Thomas Porada berichten über die Angewandte geographische Namenkunde am Leibniz-Institut fur Landerkunde ‒ von der namenkundlichen Beratung bis zum Kleinen Atlas der Siedlungsnamen in Deutschland (325-335). Das Institut "ist das einzige außeruniversitäre Forschungsinstitut für Geographie im deutschsprachigen Raum" (325). Auf die Arbeit an diesem Institut geht der Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland zurück, der in mehreren Bänden bis 2006/2007 erschienen ist. Ferner wirkt das Institut im Ständigen Ausschuss für geographische Namen mit, dessen Ziel die Standardisierung geographischer Namen im deutschsprachigen Raum bzw. in den europäischen Mitgliedsländern ist. Dabei geht es auch um die Ortsnamenveränderungen, die Gebietsreformen u.ä. mit sich bringen. Von weiteren Publikationen des Institutes ist mir vor allem die Reihe Werte der deutschen Heimat, seit 1971: Werte unserer Heimat, bekannt, an der ja auch Namenforscher mitwirken (Kartierung der erschienenen und in Arbeit befindlichen Bände: 329). Die Reihe wird fortgesetzt. Als neues Projekt hat das Institut einen Kleinen Atlas der Siedlungsnamen ins Netz gestellt (http://deutschlandkarten.nationalatlas.de), in dem auf der Basis von ca. 60.000 Siedlungsnamen Verbreitungskarten generiert werden können, die z.B. Endungen (-itz, -leben usw.) zeigen. Allerdings hatte ich (Zugriff 1.3.2017) Probleme mit der Öffnung. Zum einen warnt mein Antiviren-Programm vor einer Öffnung, zum andern lässt sich ‒ wenn man die Warnung ignoriert ‒ der Atlas nicht öffnen. Vielleicht liegt das aber an meinem Gerät.

Die rührige Thüringer Flurnamenforschung steht im Zentrum des Beitrages von Barbara Umann, Das Projekt "Flurnamen und Regionalgeschichte". Ehrenamtliches Engagement bei der Sammlung und Dokumentation der thüringischen Flurnamen (337-347). Projektträger des Unternehmens, dass sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche Flurnamen Thüringens zu sammeln, ist der Heimatbund Thüringen e.V. Unterstützt durch das Land und andere Geldgeber sowie in enger Zusammenarbeit mit der Universität Jena, hier vor allem mit der Arbeitsstelle Thüringische Dialektforschung (wo auch das alte Flurnamenarchiv untergebracht ist) und dem Instituts für Germanistische Sprachwissenschaft werden Regionaltagungen abgehalten und das Kontaktmagazin "Flurnamen-Report" herausgegeben. "Seit 2004 wird das Projekt "Flurnamen und Regionalgeschichte" fachlich betreut von Mitarbeitern des Fachgebietes Geschichte der deutschen Sprache am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena unter Leitung von Eckhard Meineke, ein für andere Bundesländer durchaus vorbildliches Unternehmen. - Den Bergbaunamen im südlichen Kyffhäusergebiet wendet sich Elisabeth Witzenhausen zu (349-360). Abgebaut wurden vor allem Kalisalze, Braunkohle und Kupferschiefer. Allerdings hat der Bergbau nicht allzu viele Spuren in der Namenlandschaft hinterlassen; die weitaus meisten Grubennamen gehen auf Flurnamen zurück, so dass kein spezieller Bezug erkennbar ist. Die Autorin vermutet diesen aber in den Namen Am Spatensberge (zu mhd. spât ʻblätterig brechendes Gestein′) und vielleicht auch in Schmelzerhölzchen. Grubennamen sind leichter zu erkennen: Concordia, Aurora, Treue I-VI u.ä. - Der Beitrag von Bertold Wöss ist noch einmal Österreich gewidmet: er behandelt "Müllernamen" und "Mühlennamen" in Oberösterreich (361-373). Der Artikel basiert auf einem Dissertationsprojekt zu Mühlen in Oberösterreich und davon abgeleiteten Familiennamen. Da Müller ein sehr häufiger Familienname ist, ist schon früh ein Zusatz erforderlich geworden, um die gemeinte Person auch einwandfrei zu identifizieren. Also erscheinen schon früh Zusammensetzungen wie Neumüller, Obermüller, Stegmüller, Schwarzmüller usw. Ihnen liegen u.a. zugrunde: die absolute Lage der Mühle, die relative Lage (Hinter-, Mitte-, Ober-), das Alter der Mühle, äußere Merkmale, die Funktionsweise u.a. Natürlich finden sich auch Zusammensetzungen mit Personennamen. - Den Sammelband beschließt ein Beitrag von Christian Zschieschang, Zur Rolle von Flurnamen in der Kulturlandschaft und der Kulturlandschaftsförderung (375-397). Er basiert vor allem auf der Mitarbeit des Autors am Arbeitskreis "Kulturlandschaft" beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt. Ausführlich wird die Problematik beschrieben, die mit dem Sammeln und Interpretieren von Flurnamen verbunden ist. Mit Recht wird auf die führende Rolle verwiesen, die die thüringische Forschung in diesem Bereich einnimmt. Das Ziel des Arbeitskreises wird wie folgt beschrieben: in Sachsen-Anhalt soll ‒ vor allem nach dem Vorbild von Thüringen ‒ ein "Zusammentragen und Homogenisierung der bisher erschlossenen Datenbestände" angestrebt werden "und auf dieser Basis eine Arbeit mit bürgerschaftlich in Sachen Flurnamen Engagierten" durchgeführt werden. Ch. Zschieschang folgert mit Recht: "Ein leichter und rasch zu beschreitender Weg wird das nicht ..." (394). Der Band enthält interessante Beiträge, wichtige Informationen zur Flurnamenforschung und zeigt, dass die langjährige Arbeit der Thüringer Heimatforschung Früchte trägt. Ich habe die Studien sehr aufmerksam gelesen und einiges gelernt. Ich bin sicher, dass dies auch anderen Lesern so gehen wird.

Empfohlene Zitierweise

Jürgen Udolph: [Rezension zu] Barbara Aehnlich und Eckhard Meineke (Hg.): Namen und Kulturlandschaften, Leipzig 2015, in: Onomastikblog [###2017], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-namen-und-kulturlandschaften-onomastica-lipsiensia-leipziger-untersuchungen-zur-namenforsc/

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