Gabriele Rodriguez, Namen machen Leute: Wie Vornamen unser Leben beeinflussen. München-Grünwald: Verlag Komplett-Media GmbH 2017, 248 S. – ISBN: 978-3-8312-0444-1, Preis: EUR 19,99 (DE).

Rezensiert von Rosemarie Gläser, Dresden

Mit der Anspielung auf ein deutsches Sprichwort und seiner Abwandlung im Titel setzt sich dieses Buch ein lebenspraktisches Ziel: Es will einer breiten Öffentlichkeit die Verantwortung der Eltern für die Wahl des Vornamens ihres Kindes bewusst machen und die Gesichtspunkte der Standesbeamten bei der Entscheidung über die Beurkundung oder Ablehnung eines Vornamens vor Augen führen. Die Namenkundlerin Gabriele Rodriguez hat sich in mehr als 20 Jahren Vornamenberatung umfangreiche Arbeitserfahrungen erworben. Ihre philologische Ausbildung erhielt sie an der Universität Kasan (Russland) mit dem Hauptfach Russisch und an der Universität Leipzig mit der Fachrichtung Romanistik. Sie hat sich in die Problematik der Vornamengebung in diesen Sprachen und in neuerliche Entlehnungen aus außereuropäischen Sprachen, die auch durch Migranten in die deutsche Gegenwartssprache gelangt sind, kontinuierlich eingearbeitet. Durch zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge und Medienauftritte hat sie ihre Thematik unterschiedlichen Zielgruppen vermittelt, sodass der Verlag Komplett-Media ihr das Angebot einer Gemeinschaftsproduktion über Vornamenwahl und deren soziale und kulturelle Reichweite unterbreitete.

In dieses Projekt konnte Gabriele Rodriguez ihr namenkundliches Wissen, ihre Arbeitserfahrungen in der Korrespondenz mit Eltern und Standesämtern und den Fundus ihrer Namengutachten in konkreten Fällen einbringen. Das Ergebnis dieses interaktiven Vorgehens der Verfasserin und des Verlages, der auch Verkaufsstrategien im Blick hatte, ist ein allgemeinverständliches, aufklärendes, anregendes und auch unterhaltsames Buch. Es verbindet Fachinformation mit interessanten Einblicken in die Praxis der Namenberatung, ohne fachwissenschaftliche (onomastische) Terminologie und ohne akademische Fremdwörter. Es hat die Vorzüge popularisierender Schreibweise im Satzbau und in der Textgestaltung, bietet dem Leser Rezeptionsanreize in Kapitelüberschriften und durch drucktechnische Auflockerungen, ohne dass der Inhalt verflacht würde. Die Verfasserin entwickelt unterschiedliche Betrachtungsweisen der Vornamenwahl und liefert ratsuchenden Eltern eine nützliche Handreichung und Standesbeamten eine Orientierung für die Beurkundung eines Vornamens.

In der Einleitung erörtert Gabriele Rodriguez den Alltag einer „Namenberaterin“ anhand von Anfragen der Eltern zu einem gewünschten (mitunter auch willkürlichen) Namen sowie die „Entscheidungskriterien zur Namenwahl“ seitens der öffentlichen Einrichtungen. Zu beachten sind hier der „Vornamencharakter“ (d.h. der Name muss tatsächlich existieren oder als solcher zu erkennen sein), ferner die „Geschlechtseindeutigkeit“ (ein nicht eindeutiger Vorname wie Chris, Kay/Kai oder Pat braucht einen Zweitnamen zur Verdeutlichung) und schließlich „das Wohl des Kindes“ (der Vorname darf das Kind nicht lächerlich machen oder stigmatisierend wirken, denn das Kind muss diesen Namen sein Leben lang tragen). Daher werden von den amtlichen Stellen solche Namen wie Crazy Horse, Porsche, Rumpelstilzchen, Kirsche, Pfefferminze, Joghurt, Superman, Borussia, Kaiserschmarrn u.a.m. (vgl. S. 18 und 21) abgelehnt.

In den folgenden Kapiteln behandelt die Verfasserin Entwicklungstendenzen bei der gesellschaftlichen Wertung eines bestimmten Vornamens (z.B. die wechselnden Konnotationen des Vornamens Kevin) sowie Namenmoden; den etymologischen Gehalt germanischer Namen; religiöse Namen (in verschiedenen europäischen Ländern als Folge der Christianisierung); ferner: den Vornamengebrauch im Dritten Reich und nach dem Zweiten Weltkrieg; Namentabus; den Einfluss der Werbung, der Produktnamen und Namen aus der Filmbranche; aus den Sportmannschaften und Sportvereinen und schließlich aus der Unterhaltungsmusik und dem Tourismus auf die Vornamengebung. Anekdoten, Episoden, Medienberichte und kurze historische Exkurse dienen der Auflockerung und geben Denkanstöße.

Die alte Volksweisheit „Nomen est omen“ durchzieht fast leitmotivisch mehrere Einzelkapitel. Durch Beispiele aus verschiedenen Kulturkontexten wird sie bestätigt. Die Verfasserin berichtet über die neuesten Entwicklungstendenzen in der Vornamenwahl als „Highlights aus aller Welt“ (S. 153 f.), u.a. aus Chile, Frankreich, Großbritannien, Indien, Italien, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Neuseeland, den Niederlanden, der Schweiz, Singapur und den USA. Gesonderte Kapitel gelten Blumennamen als Vornamen in Indonesien und Japan, russischen Vornamen und Indianernamen.

Interessant ist das Kapitel über die Wiedergabe der Schreibung entlehnter Vornamen im Deutschen mit der Überschrift „Klangliches – warum es okay ist, Namen einzudeutschen“ (S. 185–189). Es betrifft Schreibungen wie Nadin (statt Nadine), als Einzelfall Schaklin (für Jacqueline), eine zugelassene „phonetische Angleichung“ des Standesamtes Eschweiler unweit von Aachen im Jahre 2014 (zit. S. 186).

Ein wichtiger Zusatz des Buches sind die von Thomas Liebecke erarbeiteten „Onogramme: Vornamenlexikon“ (S. 228–246) als „Das Image von Namen – zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit“ (S. 228). Es sind tabellarische Schemata ausgewählter Mädchen- und Jungennamen, die aufgrund von Informantenbefragungen durch positive oder negative Konnotationen gekennzeichnet sind. Diese nur allgemein ermittelten und nicht quantifiziert ausgewiesenen Werte sind in einem Balkendiagramm dargestellt.

Als ein unmittelbarer Nutzen für die Eltern wie die Standesbeamten dürfte sich der Anhang des Buches erweisen mit den Verzeichnissen der „zugelassenen »besonderen« männlichen und weiblichen Vornamen“; den „abgelehnten Vornamen“, den „Namenmoden im Wandel der Zeit“ und den „Beliebten Vornamen in anderen Ländern“ der Jahre 2014/2015 (vgl. S. 206–227). Hinsichtlich der zugelassenen „besonderen Vornamen“ ist aber kritisch zu hinterfragen, weshalb „Nazi“ als weiblicher Vorname hier aufgelistet ist (S. 207).

Insgesamt ist das Buch nutzerfreundlich gestaltet durch die Hervorhebung von Textpassagen, die eine Zusatzinformation bieten, sowie in drucktechnischer Hinsicht. Journalistische Zutaten der Popularisierung mithilfe eines Rezeptionsanreizes sind mehrere Kapitelüberschriften wie „Heiliger Bimbam – wie die Christianisierung die Namengebung veränderte“ (S. 53); „No-Gos im deutschen Sprachraum“ (S. 75) oder „Das Mädchen Pepsi-Carola – Wenn man heißt wie in der Werbung“ (S. 90); „Von der kleinen Borussia Müller, McDonald Schulze und der süßen Rumpelstilzchen Schmidt“ (S. 103). Hierbei handelt es sich um Irrwege der Eltern auf der Suche nach einem ausgefallenen Vornamen für ihr Neugeborenes. Es sind aber reale Vornamen, Belege aus der Korrespondenz der Leipziger Namenberatungsstelle. Das Buch endet mit einem knappen Literaturverzeichnis.

Als Ganzes ist diese Neuerscheinung dem Anliegen der Verfasserin und des Verlages, eine popularisierte und aufklärende Darstellung der Vornamenproblematik einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, in überzeugender Weise gerecht geworden. Auch der Namenforscher auf der akademischen Ebene kann aus dem reichhaltigen empirisch gewonnenen Vornamenmaterial einigen Nutzen ziehen für onomastische, theoretische Verallgemeinerungen aus diesem Querschnitt des Vornamengebrauchs in der unmittelbaren Gegenwart über das deutsche Sprachgebiet hinaus.

Empfohlene Zitierweise
Rosemarie Gläser: [Rezension zu] Gabriele Rodriguez, Namen machen Leute, München-Grünwald 2017, in: Onomastikblog [13.12.2017], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-namen-machen-leute

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