Interferenz-Onomastik. Namen in Grenz- und Begegnungsräumen in Geschichte und Gegenwart, hg. von Wolfgang Haubrichs und Heinrich Tiefenbach, Saarbrücker Kolloquium des Arbeitskreises für Namenforschung vom 5.–7. Oktober 2006 (= Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung 43), Saarbrücken: Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung e.V. 2011, geb., X, 616 S. – ISBN: 978-3-939150-04-6, ISSN: 0454-2533, Preis: EUR 29,00 (DE).

Rezensiert von Harald Bichlmeier, Jena

Der im Weiteren vorzustellende Sammelband stellt als Ganzes einen gewichtigen Beitrag zur Interferenzonomastik dar. Den Herausgebern ist für die Arbeit zu danken, der sie sich bei der Herausgabe dieses Bandes unterzogen haben.

Leider ist auch dieser Tagungsband wieder ein Beispiel dafür, wie schwierig es geworden ist, derartige Sammelbände zeitnah zu den jeweiligen Tagungen herauszubringen (oder die Rezensionen dazu zeitnah zum Erscheinen der jeweiligen Tagungsbände zu verfassen...), was doch für den Fortgang der wissenschaftlichen Diskussion wichtig wäre: Sowohl Beiträger wie Herausgeber (und Rezensenten) haben aber eben meist zahlreiche weitere Aufgaben zu bewältigen, die in der einen oder anderen Weise das Werden solcher Gemeinschaftsprodukte verzögern können.

Der Rezensent selbst war ebenfalls Teilnehmer jener Tagung, deren Beiträge hier zusammengestellt wurden. Nach mittlerweile über sechs Jahren ist die Erinnerung daran zwangsläufig verblasst, bei manchen Beiträgen hatte der Rezensent ganz anderes im Sinn, als hier dann abgedruckt wurde, aber das kann durchaus auch am Rezensenten liegen.

Der Band enthält nach der Einleitung der Herausgeber (S. 1–6) 26 Beiträge, die sowohl in Länge wie auch wissenschaftlichem Gehalt von recht unterschiedlicher Art sind. Die Beiträge sind nach einem zunächst nicht recht zu durchschauenden System geordnet, es scheinen zuerst solche zu germanisch-romanischen Interferenzerscheinungen entlang der West- und Südgrenze des germanischen/deutschen Sprachgebiets zu kommen, danach solche zum germanisch/deutsch-slavischen Interferenzraum, während dann das letzte Drittel des Bandes von Beiträgen zu einzelnen lautlichen oder lexikalischen Detailfragen bzw. zu einzelnen Etymologien eingenommen wird.

Auf ein Register wurde leider verzichtet. Ein solches wäre zwar angesichts der Fülle des gebotenen Materials für den Nutzer von unschätzbarem Wert gewesen, aber dessen Erstellung hätte doch einen gewaltigen Aufwand bedeutet und das Erscheinen des Bandes wohl nur noch mehr verzögert, von der Erweiterung des Umfangs um weitere ca. 50 Seiten ganz zu schweigen.

Ebenfalls erstaunlich ist an diesem Sammelband, dass den Beiträgern offensichtlich auch die Gestaltung der Beiträge weitgehend freigestellt war: So finden sich neben Beiträgen mit einem hinten angehängten Literaturverzeichnis auch solche eher benutzerfeindlichen Charakters, die die gesamte zitierte Literatur samt bibliographischen Angaben in die Fußnoten verlagern, was regelmäßig dann zur Suche nach dem Erstzitat des Werks in vorangegangenen Fußnoten führt. Hier hätte eine einheitlichere Linie dem Sammelband gutgetan.

Aufgrund der Notwendigkeit zur Kürze können hier nicht alle 26 Beiträge einzeln vorgestellt werden, einige werden folglich nur summarisch angeführt. Der Schwerpunkt soll in erster Linie auf Beiträgen liegen, die entweder von allgemeinem Interesse sind oder für den (traditionellen) Leserkreis dieser Zeitschrift eher von Bedeutung sein dürften (also den slavisch-deutschen Kontaktraum betreffen). Mit Ausnahme eines englisch verfassten Beitrags sind alle anderen auf Deutsch geschrieben. Alle Beiträge wurden im Inhaltsverzeichnis (S. VII–X) mit einer englischen (in dem gerade genannten Fall einer deutschen) Übersetzung des Titels versehen, den jeweiligen Texten folgt immer auch noch eine englische (respektive eben einmal eine deutsche) Zusammenfassung.

Sowohl was die Länge als auch das Ergebnis angeht, ragt eindeutig der Beitrag Peter Wiesingers, Die Zweite Lautverschiebung im Bairischen anhand der Ortsnamenintegrate. Eine lautchronologische Studie zur Sprach- und Siedlungsgeschichte in Bayern, Österreich und Südtirol (S. 163–246), heraus: Es gelingt ihm hier in methodisch einwandfreier Art und Weise nichts weniger, als anhand der Ortsnamenbelege des genannten Raums (primär aber für Österreich ohne Vorarlberg aber einschließlich Südtirol) die einzelnen Verschiebungsprozesse der Zweiten Lautverschiebung in den verschiedenen Gebieten auf wenige Jahrzehnte genau zeitlich zu bestimmen. Diese Arbeit wird in allen künftigen Beschreibungen der Geschichte des Deutschen oder zur historischen Grammatik des (Althoch-)Deutschen berücksichtigt werden müssen. Auf dem Gebiet der historischen Lautlehre ist aus den letzten Jahrzehnten nur die Arbeit von Wolfgang Haubrichs zur Lautverschiebung in Lothringen (Haubrichs 1987) hinsichtlich ihrer Relevanz zu vergleichen. Ein Manko aus indogermanistischer Sicht, das aber die Bedeutung dieses Beitrags für die (Alt-)Germanistik nicht schmälert, ist die leider auch hier wieder anzutreffende völlig veraltete Darstellung der Etymologien der zahlreichen vorgestellten Gewässernamen und Ortsnamen, für die oft nur auf Wiesinger (1985, 1990) und das die Ergebnisse jener Arbeiten meist unverändert übernehmende ANB oder noch ältere Literatur verwiesen wird. Hier wirkt sich zum Teil sicher auch die verzögerte Edition des Bandes etwas verzerrend aus, insofern als durchaus relevante und neues bietende Literatur, die zwischen 2006 und 2010 erschienen ist (so etwa diverse Arbeiten von G. Holzer oder dem Rezensenten), eben nicht mehr berücksichtigt wurden. Ähnliches gilt letztlich auch für Bergermeyer 2005, das zwar im Literaturverzeichnis, letztlich aber nicht im Text selbst auftaucht.

Auch an dem Aufsatz von Jürgen Udolph, ‚Baltisches‘ und ‚Slavisches‘ in norddeutschen Ortsnamen (S. 313–331) zeigt sich, welcher indogermanistische Nachholbedarf in der Namenkunde besteht. Der vorliegende Text ist weitgehend aus Teilen älterer Arbeiten zusammengesetzt, die absatzweise wörtlich übernommen wurden, mithin müsste der größte Teil des Beitrags in Anführungszeichen gesetzt werden, so etwa S. 324f. (= Udolph 1999: 500), S. 331 (= Ders. 1999: 505) etc. Folglich bringt auch die Auswertung des Materials wenig Neues: Denn dass man zur etymologischen Erklärung sowohl von Appellativen wie von Onymen eben zunächst in die benachbarten indogermanischen Sprach(famili)en blickt und deren Sprachmaterial heranzieht, ist ohnehin bei der (indogermanistischen) etymologischen Arbeit selbstverständlich. Und dass die Beziehungen zwischen dem Germanischen, Baltischen und Slavischen sehr eng sind, ist auch allgemein bekannt. Auf die (v. a. wegen der fortgesetzten Vernachlässigung der Entwicklungen der indogermanistischen Forschungen) teils problematischen Etymologien einzugehen, ist hier nicht der Platz, dafür bräuchte es einen eigenen Aufsatz.

Aus methodologischer Sicht wichtig ist in dem Sammelband besonders der Beitrag von Rolf Bergmann, Das methodische Dilemma der Interferenz-Onomastik oder: Ist Altmühl ein deutscher Name? (S. 29–44). In diesem Beitrag wird auf das Problem eingegangen, vor dem die Forschung grundsätzlich steht, wenn die Belegreihe von Ortsnamen oder Gewässernamen erst mit der Einwanderung neuer Siedler in ein Gebiet beginnt. Im Falle der Altmühl ist ein älterer keltischer Beleg Alkimoennis etc. vorhanden, Altmühl ist dazu eine ‚volksetymologisch‘ anverwandelte Form ohne jegliche semantische Verbindung zur Motivation des älteren Namens. Ist ein solcher älterer Name indes nicht belegt, kann darüber keine Entscheidung getroffen werden, inwiefern vielleicht ein lautlicher oder semantischer Bezug zu einer etwaigen Vorform bestanden haben könnte, ob also eine Übersetzung, Teilübersetzung oder bloße Umdeutung stattgefunden hat. Die verschiedenen Fälle werden von Bergmann systematisch vorgestellt. So stehen bisweilen deutsche und vordeutsche Etymologien nebeneinander, ohne dass man sich eindeutig für eine entscheiden könnte.

Ein weiterer auch methodologisch bedeutender Beitrag ist der von Wolfgang Janka, Zur lautlichen und strukturellen Integration von slavischen Orts- und Personennamen in Nordbayern (S. 333–346), der systematisch eine Reihe von Integrationsprozessen darstellt und zeitlich einordnet. Zu Recht weist er darauf hin, welcher Erkenntniswert einer genauen Analyse des Materials innewohnt, wie groß aber auch noch die Lücken sind, die hinsichtlich der Materialerschließung in der slavisch-deutschen Kontaktzone noch geschlossen werden müssen.

Karlheinz Hengst, Sprachliche Zeugnisse aus dem mittelalterlichen deutsch-slavischen Kontaktraum zwischen Saale und Mulde ab dem zehnten Jahrhundert und ihre Interpretation (S. 347–366), geht es um drei sich berührende Punkte bei der Integration slavischer Namen ins Deutsche: die Frage der schriftlichen Wiedergabe der slavischen Phoneme in Urkunden v. a. des 10. bis 14. Jahrhunderts, eine Darstellung der Vorteile einer genauen Betrachtung von Sprachkontaktphänomenen am Beispiel der Etymologie u. a. des Namens der Stadt Leipzig und die systematische Darstellung des Tradierungsprozesses von Namenintegraten. Er stützt sich dabei auf ältere eigene Arbeiten. Der Name Leipzigs hat nun aufbauend auf den hier geäußerten und weiteren Ideen Hengsts eine ausführliche Darstellung durch den Rezensenten erfahren (Bichlmeier 2013).

Mit den Augen eines Historikers blickt Matthias Springer, Germanisch-Slawisch-Romanische Interferenzen in Magdeburger Urkunden des 10. Jahrhunderts und anderswo (S. 367–390) auf diese mehrfache Kontaktzone, in der es zu Interferenzen zwischen Deutsch und Slavisch, Niederdeutsch und Hochdeutsch und durch die Schreiber der Urkunden letztlich auch zwischen Romanisch und Deutsch kam. Der Beitrag besticht durch die Quellenkenntnis des Autors.

Ernst Eichler, Die Germania Slavica und Germania Romana im toponymischen Vergleich (S. 391–397), plädiert für eine systematische Erforschung der in den beiden Kontaktzonen entstandenen, lautlich gleichen Formen von Integraten. Unklar bleibt dabei indes, welchen Erkenntnisgewinn das bringen soll.

Dem frühen germanisch-keltischen Kultur- und Sprachkontakt ist der Beitrag von Martin Hannes Graf, Sprachkontakt, Kulturkontakt und die niedergermanischen Matronengottheiten (S. 399–423), gewidmet. Er bietet eine gelungene Darstellung des Forschungsstands und des Materials.

Zuletzt sei noch kurz auf den Beitrag von Christian Zschieschang, Sprachkontakte an der unteren Neiße im Spiegel der Ortsnamen (S. 589–606), hingewiesen, der einen kurzen und anschaulichen Abriss dieser sorbisch-polnisch-deutschen Kontakt- und Interferenzzone und der Entwicklung des dortigen Ortsnamenschatzes im letzten Jahrtausend gibt.

Die weiteren von den Beiträgern bearbeiteten Gebiete sollen abschließend nur kurz unter Nennung der Autoren aufgezählt werden.
Zum Langobardischen und Gotischen in Italien: Nicoletta Francovich Onesti (S. 45–63), Maria Giovanna Arcamone (S. 65–77), Maria Vòllono (S. 425–445).
Zum keltisch-romanischen bzw. germanisch/deutsch-romanischen Sprachkontakt in Frankreich und der frankophonen Schweiz: Jürgen Zeidler (S. 7–28), Martina Pitz (S. 113–130), Rolf Max Kully (S. 131–150), Wulf Müller (S. 151–162).
Zu Bayern: Albrecht Greule (S. 247–257).
Zu Österreich: Irmtraut Heitmeier (S. 479–505).
Zur Schweiz: Erika Waser (S. 563–588).
Zur Iberischen Halbinsel: Dieter Kremer (S. 79–112).
Zu England: Klaus Dietz (S. 259–300), John Insley (S. 301–311).
Zum Saar-Mosel-Raum: Andreas Schorr (S. 507–534), Ruth Kunz (S. 535–561).
Zu germanischen und christlichen Personennamen: Christa Jochum-Godglück (S. 447–477), Volker Kohlheim (S. 607–616).

Wie immer bei derartigen Sammelbänden paart sich zu Kritisierendes mit zu Lobendem. Hervorzuheben ist an diesem Band aber, dass er etliche Beiträge enthält, die entweder durch den Widerspruch, den sie hervorrufen, oder aber durch die (gedanklichen) Grundlagen, die sie gelegt haben, zu weiterer Beschäftigung mit dem einen oder anderen Thema anregen werden bzw. schon angeregt haben. Da es im Bereich der Geisteswissenschaften selten endgültige Lösungen gibt bzw. geben kann, ist die Anstachelung zu weiteren Forschungen doch das Beste, was man einem Buch attestieren kann. Und dies attestiert der Rezensent hiermit.

Abgekürzt zitierte Literatur
 

ANB: Altdeutsches Namenbuch. Die Überlieferung der Ortsnamen in Österreich und Südtirol von den Anfängen bis 1200, bearb. von Isolde Hausner und Elisabeth Schuster, Wien 1989ff.

Bergermeyer, Angela (2005): Glossar der Etyma der eingedeutschten Namen slavischer Herkunft in Niederösterreich (= Österreichische Akad. der Wiss., Phil.-hist. Klasse, Schriften der Balkan-Kommission 44), Wien.

Bichlmeier, Harald (2013): Einige indogermanistische Anmerkungen zur mutmaßlichen Ableitungsgrundlage des Ortsnamens Leipzig: dem Flussnamen urgerm. *Līƀō‑ bzw. dem Gebietsnamen urgerm. *Līƀi̯a- (mit einem Exkurs zum Namen der Rhön und einem Anhang mit weiteren Überlegungen zum Namen der Elbe). In: Namenkundliche Informationen 101/102, 2012/2013 (im Druck).

Haubrichs, Wolfgang (1987): Lautverschiebung in Lothringen. Zur althochdeutschen Integration vorgermanischer Toponyme der historischen Sprachlandschaft zwischen Saar und Mosel. Mit einem Anhang von Frauke Stein: Zur archäologischen Datierung einiger kontinentaler Runendenkmäler, in: Althochdeutsch, Bd. 2: Wörter und Namen; Forschungsgeschichte, hg. von Rolf Bergmann et al., Heidelberg, 825–875.

Udolph, Jürgen (1999): Baltisches in Niedersachsen? In: Eggers, Eckhard et al. (1999), Florilegium Linguisticum. Festschrift für Wolfgang P. Schmid zum 70. Geburtstag, Berlin / New York, 493–508.

Wiesinger, Peter (1985): Probleme der bairischen Frühzeit in Niederösterreich aus namenkundlicher Sicht, in: Wolfram, Herwig / Schwarcz, Andreas (Hg.), Die Bayern und ihre Nachbarn, Teil 1: Berichte des Symposions der Kommission für Frühmittelalterforschung 25. bis 28. Oktober 1982, Stift Zwettl, Niederösterreich (= Veröff. der Komm. für Frühmittelalterforschung der Österreichischen Akad. der Wiss. 8; Denkschriften der Österreichischen Akad. der Wiss., Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 179), Wien, 321–367 sowie 7 Karten unpag. im Anhang.

– (1990): Antik-romanische Kontinuitäten im Donauraum von Ober- und Niederösterreich am Beispiel der Gewässer-, Berg- und Siedlungsnamen, in: Wolfram, Herwig / Pohl, Walter (Hg), Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Baiern. Teil 1: Berichte des Symposions der Kommission für Frühmittelalterforschung, 27. bis 30. Oktober 1986, Stift Zwettl, Niederösterreich (= Veröff. der Komm. für Frühmittelalterforschung 12; Österreichische Akad. der Wiss., Phil.-Hist. Klasse, Denkschriften 201), Wien, 261–326 sowie 2 Karten unpag. im Anhang.

Empfohlene Zitierweise

Harald Bichlmeier: [Rezension zu] Interferenz-Onomastik, hg. v. Wolfgang Haubrichs und Heinrich Tiefenbach Saarbrücken 2011, in: Onomastikblog [22.07.2013], URL: http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rez_interferenz_onomastik/

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