Die Stadt und ihre Namen. Festkolloquium 20 Jahre Gesellschaft für Namenkunde e.V. 1. Teilband, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer (= Onomastica Lipsiensia 8), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012, 336 S. – ISBN: 978-3-86583-697-7, Preis: EUR 49,00.

Rezensiert von Friedhelm Debus, Schierensee

In der Dialektologie hat die Stadtsprache zunächst keine oder nur eine sehr marginale Rolle gespielt. Städte und ihr unmittelbares Umfeld wurden auf sprachgeographischen Karten wegen ihres schriftsprachlichen Charakters als Störenfriede empfunden und bei der auf „echte“ Mundarten ausgerichteten Forschung einfach ausgeklammert.

Das hat sich erst in der Neuzeit im Rahmen insbesondere von soziolinguistischen Fragestellungen geändert und man hat die Stadt als interessantes variantengeprägtes und die Umgangs- bzw. Regionalsprache wesentlich mitbestimmendes Medium entdeckt und in die Forschung einbezogen. (Anm. 1) Dies stellt sich in der Onomastik etwas anders dar. In ihrem zunächst vornehmlich auf die Etymologie ausgerichteten Interesse spielten die Namen für Personen und insbesondere für Orte und damit für größere städtische Siedlungen eine dominierende Rolle. Seit dem Aufblühen der Städte im 11./12. Jahrhundert und den aus Beinamen sich entwickelnden Familiennamen rückte die Stadt allmählich ins Blickfeld der Forschung. Doch die Vielfalt an Formen und Arten städtischer Namengebung und -verwendung ist erst in der Neuzeit so recht gesehen und synchronisch wie diachronisch zu untersuchen begonnen worden. Das zeigt der hier vorzustellende schön ausgestattete Band in gelungener Weise. Er vereint die Beiträge des von den Herausgebern organisierten Kolloquiums.

Dem forschungsgeschichtlich betonten „Vorwort“ von Karlheinz Hengst und dem insbesondere die Bedeutung der Namenforschung in Leipzig würdigenden „Grußwort“ des Dekans der Leipziger Philologischen Fakultät Wolfgang Löscher folgt der grundlegend-einführende Aufsatz zum Thema des zweitägigen Kolloquiums von Dietlind Kremer (S. 17–40). Sie behandelt es ergebnis- und aufgabenorientiert unter verschiedenen Gesichtspunkten, bezogen auf: Ortsnamen (mit ihren historischen Entwicklungen und mit Ausblick auf Exonyme und alternative Benennungen, z. B. nach die Stadt prägenden großen Namen – Bachstadt), auf Personennamen (Vor- und Nachnamen) oder auf mögliche weitere Namenarten. Im Mittelpunkt steht bei ihr sinnvollerweise die eigene Stadt Leipzig. In ihren „Schlussbemerkungen“ weist sie auf lohnende stadtbezogene Themen hin: „Die Stadt als Lebensraum im Spiegel ihrer Namen“ mit der „Fülle der Themen zwingt geradezu zu einer Fortsetzung“ (S. 36), womit sie auf die Folgetagung mit dem gleichen Thema im Mai 2013 hinweist.

Der sehr informative Beitrag von Beate Berger „Menschen und Orte. Die städtische Überlieferung als Quelle für namenkundliche Forschungen“ (S. 41–60) fußt auf der trotz Kriegsschäden erhaltenen schriftlichen Überlieferung „aus nahezu acht Jahrhunderten Stadtgeschichte“ (S. 43). Die Autorin gibt nach kurzer Ausführung zum Begriff „Stadt“ eine außerordentlich nützliche Zusammenstellung von namenkundlich ergiebigen Archivalien, womit sie bescheidenerweise „nur erste Anregungen für Recherchen vermitteln“ will (S. 58). Solche Hilfestellung von Stadtarchivseite würde sich der Namenforscher gern auch für andere Städte wünschen!

Matthias Hardt zeigt in seinem Beitrag „Hodonyme als Quellen städtischer Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte“ (S. 61–74) an aufschlussreichen Beispielen, wie „Hodonyme Informationen insbesondere über die Ethnien, Verkehrswege und Märkte, aber auch die Entwicklungsphasen früher Städte weiter transportiert haben.“ (S. 63) Berücksichtigt sind die Städte Leipzig, Köln, Mainz, Regensburg, Erfurt, Quedlinburg und Rathenow an der Havel.

Karlheinz Hengst äußert in seinem Beitrag „Onomasiologische und sozioonomastische Bemerkungen zu Namen in der Stadt Chemnitz. Dargestellt am Beispiel der Stadtteilnamen“ (S. 75–87) zunächst sein „Bedauern“ über die mangelnde Kenntnisnahme oder gar willentliche Nichtbeachtung namenkundlicher Forschungen bei Vertretern bestimmter Disziplinen, um dann am Beispiel seiner Heimatstadt weitergehende onomasiologische und sozioonomastische Betrachtungen anzustellen: dass z. B. bei gleichbleibendem Formativ über Jahrhunderte hin, sich der Inhalt im Laufe der Zeit vollkommen änderte (Beispiel Gablenz) oder dass -dorf-Namen nichts mehr mit einem Dorf zu tun haben (man könnte hier vergleichend z. B. auf Düsseldorf hinweisen). Die Feststellung, dass bei der Benennung von Stadtteilen traditionelle Aspekte gegenüber modern-innovativen deutlich überwiegen, wäre mit Blick auf andere Städte (z. B. Hamburg oder Köln) zu vergleichen. Das betrifft auch die von ihm erwähnten sozial bedingten Unterschiede in Namengebung und -verwendung hinsichtlich jüngerer städtischer Orientierungsnamen (Beispiel neben LIDL).

Christin Koppius berichtet als Mitglied der im Titel ihres Beitrages genannten Projektgruppe „Familiennamen der Stadt Oranienburg. Ein namenkundliches Projekt von Leipziger Namenforschern in Kooperation mit der Landesgartenschau Oranienburg 2009 GmbH“ (S. 89–106). Es wird eine Reihe besonderer Familiennamen vorgestellt, auch mit Verbreitungskarten (aber wie ist der Bezug zur Legende?). Die analysierten insgesamt über 900 Familiennamen der Stadt werden als Quelle zur Besiedlungsgeschichte gesehen, wozu die auf reduzierter Zahl basierende Abb. 9 „Die historische Herkunft der Oranienburger“ Zeugnis ablegt. Das Projekt hat wiederum gezeigt, wie groß das Interesse der Bevölkerung an Familiennamen ist.

Besonders erhellend ist der Beitrag von Volker Kohlheim: „Walter Benjamin, die Namen und die Semiotik der Stadt“ (S. 107–117). Er stellt darin Benjamin „als Theoretiker des Eigennamens“ vor (S. 107) und belegt das mit weithin unbekannten Zitaten aus dessen Werk. Dieser erscheint als „Pionier der Straßennamenforschung“ (S. 110), der bisher als solcher praktisch nicht wahrgenommen wurde, doch mit Gewinn in den onomastischen Diskurs einbezogen werden sollte.

Gundhild Winkler behandelt „Die Familiennamen der Juden in Leipzig“ (S. 119–132) und die wechselvolle Geschichte der Juden (1933 mit ca. 11.500 in der Messestadt Leipzig), ihre ökonomisch-kulturelle Bedeutung und bietet einen willkommenen Überblick über die Typologie der Namen mit charakteristischen Beispielen.

Den „Vornamen einer Stadt – Leipzig“ ist der Beitrag von Gabriele Rodriguez (S. 133–144) gewidmet. Es zeigt sich das auch sonst übliche Bild einer bunten Mischung von traditionellen und zunehmend modernen (teilweise exotischen) Namen, belegt mit Listen der häufigsten Namen und einem Überblick seit dem 13. Jahrhundert (nach städtischen Quellen), gestaffelt nach Jahrhunderten und mit der Nennung bekannter Namenträger. Außerdem vergleicht sie die Leipziger Namen mit den häufigsten Vornamen des Jahres 2009 in Sachsen.

Judith Schwanke behandelt „Die Familiennamen der Stadt Soest. Ihr Übergang vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen“ (S. 145–162). Der Schriftsprachenwechsel seit dem 16./17. Jahrhundert wird an den Familiennamen im Vergleich mit der Stadtsprache verfolgt. Dabei werden die bedingenden Faktoren berücksichtigt und mit genauen Tabellen, Diagrammen und Karten verdeutlicht. Es zeigt sich, auch vergleichend über Soest hinaus, dass der Sprachwechsel bei den Namen verzögert erfolgte.

Gerhard Graf behandelt das Thema „Patrozinien als Spiegel der Stadtentwicklung. Das Beispiel Leipzig (S. 163–169) auf der Basis mittelalterlicher Stadtgrundrisse bis um 1300 in Erweiterung eines Aufsatzes von 1999.

Ernst Eichler und Hans Walther stellen das die vielfältigen interdisziplinären Forschungsergebnisse berücksichtigende „historisch-geographische Ortsnamenbuch des Leipziger Landes“ vor (S. 171–175) mit zahlreichen detaillierten Aspekten.

Jürgen Udolph schließt sich mit seinem Beitrag „Die Gewässernamen einer Stadt – am Beispiel Hamburg“ (S. 177–194) an, wofür gerade die wasserreiche Stadt Hamburg besonders geeignet ist. Er stellt kenntnisreich die verschiedenen Namen im Stadtgebiet vor und erörtert kritisch-weiterführend auch die alteuropäischen Namen (z. B. Elbe).

In Ines Köpps Beitrag „Apothekennamen in Leipzig. Ein Beitrag aus studentischer Sicht“ (S. 175–216) werden die zahlreichen Namen analysiert (mit ausgewählten Bildern) und ein kulturgeschichtlicher Teil mit Hinweis auf die vorbildhaften Hausnamen vorangestellt.

Diesem Thema widmet sich Erika Weber: „Hausnamen in Sachsen“ (S. 217–225). Sie bringt Beispiele aus Leipzig (mit den für diese Stadt typischen Handelshöfen), Dresden und Pirna. Zu beachten wäre, dass diese städtischen Hausnamen von den ländlich-dörflichen grundsätzlich zu unterscheiden sind.

Grenzüberschreitend behandelt Jaroslav David das Thema „Czech Street Names: The Tendencies of Development in Modern Times“ (S. 227–238) und geht zunächst auf die Situation der Straßennamenforschung in seiner Heimat ein, um dann an Hand von Beispielen die Haupttendenzen der Namengebung und die Motive der (Um-)Benennungen zu erörtern.

Rosa Kohlheim vergleicht detailliert die „Straßennamen in Bamberg und Bayreuth. Kontrastierung zweier Städte“ (S. 239–249). In beiden Städten gibt es etwa gleich viele Straßennamen, bei denen z. B. Unterschiede zur eigenen katholischen oder protestantischen Geschichte bzw. auch gegenüber der allgemeinen Kulturgeschichte mit der Berücksichtigung lokal-bekannter Persönlichkeiten greifbar werden. Demgegenüber zeigen sich Gemeinsamkeiten in der eher neutralen Straßennamengebung nach 1945.

Die vier letzten Beiträge betreffen wiederum andere Länder. In ihrem Aufsatz „Straßennamen aus semiotischer Sicht. Am Beispiel Grazer Straßennamen“ (S. 251–270) entwickelt Erika Windberger-Heidenkummer ihr theoretisch fundiertes prozessorientiertes onymisches Modell mit klar strukturierter Feldgliederung. Sie exemplifiziert das einsichtig an gut gewählten Beispielen. Ihren kritischen Darlegungen etwa zum Begriff „Straßennamen“ folgt man gerne.

Natalia Vasil’eva wählt in ihrem Beitrag „Porträt einer russischen Stadt im Spiegel von Institutionymen“ (S. 271–284) eine besondere Namenart aus, die durch die Flugzeugforschung und -industrie geprägt ist (Schukovskij). Sie behandelt ihr Thema anregend unter sozio- und linguokulturellem Gesichtspunkt und bietet damit einen willkommenen Vergleich zu onymisch-urbaner Identität in Deutschland.

Das leistet auch Maria Giovanna Arcamone mit ihrem Beitrag „Die Stadt Florenz und ihre Namen“ (S. 285–295). Sie gibt dazu einen aufschlussreichen Einblick in die Vielschichtigkeit und Vielfalt der städtischen Namenwelt, die offensichtlich in früheste Zeit zurückreicht und z. B. auch langobardisch geprägt ist.

Schließlich gibt Dieter Kremer einen gedrängten Überblick über außerordentlich reichhaltige „Mittelalterliche Bürgerlisten der Romania“ (S. 297–332). Er exemplifiziert das an italienischen, spanischen, portugiesischen und französischen recht unterschiedlichen Bürgerlisten mit Abbildungen, die dem Betrachter die Möglichkeit bieten, selbst direkten Einblick zu nehmen (bei gelegentlich erforderlicher Leseanstrengung). Besonders interessant sind zweifellos die Beispiele aus den portugiesischen Pfarreiregistern aus dem 16. Jahrhundert, die sprachlich-namenkundlich beeindruckende Dokumente darstellen. Mit seinem „Geschwindmarsch durch eine sehr bedeutende, aber natürlich nicht alleinige Quellengattung der historischen Namenforschung“ (S. 328) hat der Verfasser überzeugend deutlich gemacht, dass es wichtig ist, den Blick über die nationalen Grenzen hinweg zu richten.

Das gilt generell für das im vorliegenden Band behandelte Thema, dem sich das Nachfolgekolloquium widmen wird – mit sicherlich ähnlich bereichernden Ergebnissen.

Anmerkung

(1) Vgl. Löffler, Heinrich / Hofer, Lorenz (Hg.) (2010): Stadtsprachenforschung. Teilband A und B (Germanistische Linguistik 202–205). Hildesheim-Zürich-New York.

Empfohlene Zitierweise

Friedhelm Debus: [Rezension zu] Die Stadt und ihre Namen 1, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer, Leipzig 2012, in: Onomastikblog [20.05.2013], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-die-stadt-und-ihre-namen-i/

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