Onomàstica romànica: Antroponímia dels expòsits i etimologia toponímica, especialment de València. Hg. von Emili Casanova. Paiporta (València): Editorial denes, 2017. 906 S. – ISBN: 978-8-41-647323-6, Preis: EUR 30,00.

Rezensiert von Sandra Herling, Siegen

Der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse einer Tagung, die im Jahre 2016 an der Universitat València stattgefunden hat. Wie bereits die Kooperation mit der Università di Torino anzeigt, handelte es sich hierbei um eine international ausgerichtete Tagung. Dementsprechend vereint der Band auch eine internationale Autorenschaft aus Frankreich, Belgien, Italien, Spanien etc. Die insgesamt 51 Beiträge sind folglich auch sprachlich heterogen, das heißt die Leser finden sowohl italienisch-, spanisch-, französisch-, aragonesisch- als auch katalanisch- und valencianischsprachige Aufsätze vor. 

Auf formaler Ebene fällt zunächst auf, dass die Reihenfolge der Beiträge nicht thematischen, sondern alphabetischen Gesichtspunkten folgt. In der Einleitung begründet der Herausgeber Emili Casanova diese Vorgehensweise mit forschungsrelevanten Aspekten: „M’agradaria destacar alguns dels treballs que són innovadors i punters, però no ho faré perquè tots els publicats tenen noves perspectives i. Eixe ha estat el motiu d’haver organitza pel llibre alfabèticament i no temàticament, […].“ (S. 16). 

Aufgrund des Umfangs des hier zur Besprechung vorliegenden Sammelbandes kann eine ausführliche Würdigung jedes einzelnen Beitrags nicht erfolgen. Jedoch kann in der Gesamtbetrachtung festgehalten werden, dass die von Emili Casanova angesprochenen innovativen Forschungsansätze durchaus ein hervorzuhebendes Charakteristikum des Bandes darstellen. Wie der Titel des Sammelbandes bereits zeigt, liegen die thematischen Schwerpunkte sowohl auf der Anthroponomastik als auch auf der Toponomastik (unter besonderer Berücksichtigung der Region Valencia). Ohne Zweifel zählt die Erforschung von Anthroponymen und Toponymen zu den klassisch-traditionellen Bereichen der Onomastik – insbesondere die etymologischen Methoden bzw. Fragestellungen. Allerdings gelingt es dem vorliegenden Sammelband durchaus, neue Impulse zu geben: Einerseits werden innovative Einblicke in bestehende Diskussionen (z. B. zur Etymologie) geboten, andererseits werden neue, d. h. digitale Tools für die Toponomastik besprochen. Hervorzuheben ist, dass sich mehrere Beiträge einem bisher in der Onomastik kaum berücksichtigten Untersuchungsgegenstand widmen. Es handelt sich hierbei um die Benennung von Findelkindern. Interessant und wertvoll für weitere Forschungen ist, dass sowohl Resultate zu verschiedenen Regionen (z. B. Wallonie, Valencia, Calgliari) als auch zu unterschiedlichen Zeiträumen (vom 15. bis zum 20. Jahrhundert) präsentiert werden: Maria-Reina Bastardas i Rufat beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Les noms des enfants trouvés en Catalogne au XVe siècle“ (S. 43–56) mit Namen von Findelkindern in Katalonien des 15. Jahrhunderts. Der Beitrag „Onomàstica dels expòsits a Catalunya. Una mostra del segle XV“ (S. 209–221) von Ventura Castellvell fokussiert den gleichen zeitlichen wie auch geographischen Raum. Der Unterschied besteht jedoch in der Datengrundlage: Es werden Akten von verschiedenen Krankenhäusern berücksichtigt. Findelkinder-Namen in Valencia des 19. Jahrhunderts stehen in der Analyse von Antoni Garcia i Osuma („Aproximació a l’antroponímia dels expòsits valencians del segle XIX“, S. 367–410) im Mittelpunkt des Interesses. In dem Aufsatz „Nàixer sense ascendència: expòsits en una ciutat industrial (Alcoi, segles XVIII–XX)“ (S. 815–834) von Josep Lluís Santonja werden ebenfalls valencianische Namen in der Gemeinde Alcoi im Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert besprochen. J. Enric Mut Ruiz analysiert in seinem Beitrag „Expòsits en una comunitat agrícola de la Ribera: Guadassuar (s. XVI–XX)“ (S. 693–712) die Namen von ausgesetzten Kindern zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert in dem Dorf Guadassuar in Valencia. Rafael Reig Bodí bezieht sich in seinem Aufsatz „Els noms dels expòsits d’Agres (amb referències a les poblacions pròximes)“ (S. 777–787) auf die Namengebung von Findelkindern in der valencianischen Stadt Agres. Die hierzu herangezogenen Daten stammen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. In Bezug auf Spanien werden jedoch nicht nur katalanischsprachige Gebiete berücksichtigt: Consuelo García Gallarín widmet sich in ihrem Beitrag „Antroponimia madrileña del siglo XVII: nombres de pila de los niños abandonados“ (S. 411–425) den Namen von Findelkindern in Madrid des 17. Jahrhunderts.

Die Benennung von Findelkindern im Süden Frankreichs wird in dem Beitrag von Pierre-Hénry Billy („Nommer les enfants abandonnés dans le Midi de la France sous l’Ancien Régime“, S. 119–135) zur Zeit des Ancien Régime näher betrachtet. Katalanischsprachige Gebiete in Südfrankreich bearbeitet Joan Peytaví Deixona in seinem Aufsatz zu Findelkinder-Namen zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert („Anomenar els anònims. Els patrònims dels fills naturals a la Catalunya del Nord (s. XVI–XX)“, S. 729–748). Jean Germain widmet sich in seinen Betrachtungen („Les noms donnés aux enfants trouvés en Wallonie à la charnière des 18e et 19e siècles“, S. 441–461) mit Findelkinder-Namen in der Wallonie des 18. und 19. Jahrhunderts.

Gleich neun Beiträge greifen diese anthroponomastische Thematik mit italienischen Beispielen auf: Antonietta Dettori beschreibt in ihrem Aufsatz „I nomi dei bambini esposti a Cagliari nei secoli XVI e XVII“ (S. 259–269) die Namen von Findelkindern in der Stadt Cagliari des 16. und 17. Jahrhunderts. Patrizia Bertini Malgarini und Marzia Caria („Cognomi di trovatelli algheresi tra XIX e XX secolo“, S. 83–118) untersuchen Namen von Findelkindern in der sardischen Stadt Alguer des 19. und 20. Jahrhunderts. Daniela Cacia beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Zeitraum, jedoch steht hier die Region Emilia Romagna des 18. und 19. Jahrhunderts im Vordergrund („I nomi dell’infanzia abbandonata in Emilia Romagna tra XVIII e XIX secolo“, S. 149–160). Das 18. Jahrhundert wird auch von Frederico Vicario in seinem Aufsatz zu Namen von Findelkindern in Udine besprochen („Esposti a Udine nel primo Ottocento“, S. 895–906). Enzo Caffarelli widmet sich in seiner Studie „Stratgie onomaturgiche nell’imposizione di cognomi agli esposti italiani (XIX secolo)“ (S. 161–176) italienischen Familiennamen, die auf Namen von Findelkindern des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Der Beitrag „Fasti e vestigia delle glorie imperiali nell’onomastica degli esposti del Dipartimento della Stura“ (S. 185–207) von Ivanna Casasola untersucht Namen von ausgesetzten Kindern in dem Dipartamento della Stura des 19. Jahrhunderts. Dieser Zeitraum wird auch von Elena Papa in ihrer Studie „Beffa, Imbroglio, Zavorra: le identità segnate die fanciulli esposti“ (S. 713–728) thematisiert. Schwerpunkt der Betrachtungen ist hier auch die Frage, inwiefern die Beinamen von Findelkindern ein Stigma für die Namenträger darstellten. Schließlich geht Alda Rossebastiano in ihrem Aufsatz „Flora e fauna nell’onomastica die venturini tra Rivoluzione, Restaurazione e Risorgimento“ (S. 789–803) der Frage nach, inwieweit sich Benennungsmotive aus dem Bereich der Fauna und Flora bei Namen im 19. Jahrhundert wiederfinden lassen. Die Namengebung während der französischen Zeit im 19. Jahrhundert betrachtet schließlich Silvia Corino Rovano in ihrem Aufsatz „Regolari e irregolari a Lanzo all’inizio del XIX secolo“ (S. 227–257) am Beispiel der piemontesischen Gemeinde Lanzo.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass mit diesen anthroponomastischen Beiträgen nicht nur verschiedene Zeiträume vom 15. bis zum 20. Jahrhundert aufgearbeitet werden, sondern auch Tendenzen in der Namengebung von Findelkindern in unterschiedlichen geographischen Räumen wie beispielsweise Katalonien, Valencia, Madrid, Wallonie, Südfrankreich, Sardinien (Alguer), Cagliari etc. präsentiert werden. Allen Beiträgen gemeinsam ist die empirisch basierte Auswertung von onymischem Datenmaterial, das größtenteils auf den Aufzeichnungen von Krankenhäusern oder auch Kirchenämtern basiert. Auf Grundlage dieses erstellten Korpus wird vor allem der Frage nachgegangen, welche Benennungsmotive zugrunde liegen. Beispielsweise konnte der Umstand der Aussetzung, darunter zählen der Ort, an dem das Kind gefunden wurde, bestimmte Gegenstände, die bei dem Kind lagen oder auch der Tag der Aussetzung ausschlaggebend sein. Bei Letzterem bekam das jeweilige Findelkind häufig den Namen des Tagesheiligen. Darüber hinaus stellen auch psychische oder physische Merkmale des Kindes Motive zur Benennung dar.

Ferner wird das Spektrum der anthroponomastischen Forschung durch weitere Beiträge mit unterschiedlichen thematischen Zielsetzungen abgedeckt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen sowohl Ruf- als auch Familiennamen. In der Gesamtbetrachtung kann jedoch festgehalten werden, dass die Region Valencia einen geographischen Schwerpunkt darstellt: Xaverio Ballester beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Apellidos Valencianos“ (S. 17–29) mit ursprünglich valencianischen Familiennamen, die u. a. als Folge des Sprachkontakts, aufgrund von Hyperkorrekturen und falscher Interpretation der Akzentsetzung, verschiedene orthographische Varianten aufweisen (wie z. B. Casani, Casany, Casañ, Casán). Ballester zeichnet diese „turbulencias ortográficas“ (S. 20) anhand von acht ausgewählten Familiennamen detailliert nach. Ein ähnliches Thema greift der Beitrag „L’origen del cognom Llucían: les trampes de la grafia“ (S. 223–226) von Joan Català i Cebrià auf. Der Autor widmet sich dem gegenwärtig in Valencia selten vorkommenden Familiennamen Llucían und untersucht im Kontext des Sprachkontakts Valencianisch-Spanisch die diachron auftauchenden orthographischen Varianten des Namens. 

Die Epoche der Reconquesta in der valencianischen Region greift Enric Guinot Rodríguez in seinem Beitrag „Entre dues grans migracions antroponímiques. Canvis i continuïtats entre l’antroponímia valenciana medieval i la del segle XVII en el context de l’expulsió dels moriscos“ (S. 481–510) auf. Es handelt sich hierbei um eine ausführliche Studie zu dem Phänomen des Namenwechsels, das bedingt durch Migrationen im 13. und 17. Jahrhundert beobachtet werden kann. Alfons Llorenç beschäftigt sich in seinem Beitrag „Fonts, noms, cognoms i llocs dels moriscos de la Vall de Planes“ (S. 553–566) mit Personennamen von Morisken in der valencianischen Gemeinde Vall de Planes zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Eine bisher in der Onomastik nicht berücksichtigte Thematik greift Vicent Terol i Reig in seiner Pionierarbeit mit dem Titel „Els Batejats o conversos de sarraí i els renegats o conversos a l’Islam a la Corona d’Aragó durant el regnat de Jaume II (1291–1327). Una aproximació onomàstica“ (S. 865–883) auf. Es geht hier einerseits um Muslime, die im Gebiet der Corona d’Aragó (13./14. Jahrhundert) zum Christentum konvertierten und andererseits um die Namen von Christen, die den islamischen Glauben annahmen. 

Eine sehr detaillierte diachrone Entwicklung von Personennamen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in der valencianischen Gemeinde La Jana bietet der Beitrag von Joan Ferreres i Nos mit dem Titel „Onomàstica medieval i moderna de La Jana“ (S. 285–366).

Auch italienische Anthroponyme werden von einigen Beiträgen betrachtet. So widmet sich Giovanni Laera in seiner Studie „La componente toponimica nei secondi nomi medievali pugliesi“ (S. 537–535) Toponymen und deren Einfluss auf die anthroponymische Struktur – wie es bei dem Personennamen Nicolaus de Anglono (S. 537) der Fall ist. Anhand von ausgewählten Personennamen des mittelalterlichen Apuliens wird etymologisch das zugrundeliegende Toponym analysiert. Schließlich untersucht Josep Carles Membrado in seinem Beitrag „Onomàstica i llengües hispàniques a Italià (arribada, evolució o conservació dels cognoms)“ (S. 595–637) hispanische Anthroponyme in Italien des 13. Jahrhunderts (worunter sowohl kastilische, katalanische, galicische als auch Namen baskischer Provenienz gefasst werden), die einerseits untergegangen sind und sich andererseits bis in die Gegenwart nachweisen lassen. Etymologisch ausgerichtet ist die Studie von Ottavio Lurati („Europa e arte della pietra: Antélami e magistri comàcini“, S. 567–576) zu Namen im Kontext der Bildhauer/Bauhandwerkerkunst (Magistri Comacini). 

In zwei Beiträgen stehen sowohl Toponyme als auch Anthroponyme im Mittelpunkt des Interesses: Joan Barberà geht in seinem Aufsatz „El valor dels processos criminals per a l’estudi de l’Onomàstica: el cas de Sueca-Alzira al segle XVI“ (S. 31–41) der Frage nach, inwiefern Prozessakten (des 16. Jahrhunderts) für onomastische Studien genutzt werden können. Am Beispiel valencianischer Namen zeigt der Autor die Relevanz dieser historischen Dokumente in Hinblick auf etymologische Fragestellungen. Das interdisziplinäre Potenzial der Onomastik (in diesem Fall in Verbindung mit der Varietätenlinguistik) hebt José Antonio Saura Rami in seinem Beitrag „L’autonomía de la lluenga ribagorsana seguntes l’analisis de la onomastitca y el lexico documentals (ss. IX–XI)“ (S. 835–849) hervor. Der Autor versucht anhand von Toponymen und Anthroponymen in Dokumenten des 9. und 10. Jahrhunderts die Eigenständigkeit der „llengua ribagorsana“ nachzuweisen und sie von der aragonesischen Sprache abzugrenzen. 

Mit neuen bzw. digitalen Medien, die für die Toponomastik nutzbar gemacht werden können, beschäftigt sich der Aufsatz „Reflexions al voltant de la toponímia digital. El Nomenclàtor Toponímic Valencià“ (S. 661–672) von Maite Mollà Villaplana sowie der Beitrag „El material toponímico incluido en el Nomenclátor Geográfico de Andalucía. Valoración crítica y propuestas de mejora“ (S. 463–480) von María Dolores Gordón Peral. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die jeweiligen interdisziplinär entstandenen Datenbanken zur geografischen Nomenklatur Valencias und Andalusiens. Beide Beiträge zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine detaillierte kritische Auseinandersetzung bieten, die für eine Nachbereitung herangezogen werden kann. Darüber hinaus widmen sich Vicent Cabanes und Joaquim Amorós in ihrem Aufsatz mit dem Titel „Toponímia i etimologia: el terme d‘Alcoi“ (S. 137–148) eher methodischen Fragestellungen. Anhand des valencianischen Toponyms San Benet wird veranschaulicht, welche Parameter ein Eintrag in einer Datenbank aufweisen kann. 

Die weiteren Beiträge zur Toponomastik befassen sich in erster Linie mit etymologischen Aspekten. Wie es bereits der Titel des Sammelbandes andeutet, setzt sich die überwiegende Mehrheit der Texte mit den Toponymen der Region Valencia auseinander. Mal wird der Fokus auf nur ein einziges Toponym gelegt: Jesús Bernat betrachtet in seinem Beitrag „Penyagolosa, un orònim aigualós“ (S. 71–81) den valencianischen Bergnamen Penyagolosa, dessen Etymologie in der Hydrographie zu suchen ist. Die diachrone Entwicklung eines Namens vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeit greift Francesc Sala Ivorra in seinem Beitrag über den valencianischen Ortsnamen Mutxamel auf („Mutxamel: etimologia, ideologia i poètica“, S. 805–813). Mal stehen Toponyme in einem klein- oder auch großräumigen Gebiet Valencias im Vordergrund: Joan Bell-lloc stellt in seinem Aufsatz („Toponímia medieval de la Vallbona“, S. 57–70) anhand von Dokumenten des 13. bis 15. Jahrhunderts die Toponymie des valencianischen Bezirks Vallbona dar. Der Beitrag zeichnet sich dadurch aus, dass er einen detaillierten Einblick in die mittelalterliche Toponymie des zu untersuchenden Gebietes liefert. Neben etymologischen Aspekten werden z. B. auch Betrachtungen zur morphologischen Charakteristik (wie z. B. die Schwankungen bei der Artikelverwendung) geboten. Darüber hinaus bieten die Ergebnisse einen Überblick darüber, welche Toponyme untergegangen sind. So konnte beobachtet werden, dass 45 % der Toponyme auch gegenwärtig noch existieren. Der Beitrag von José Enrique Gargallo Gil („Toponimia de la Puebla de Arenoso“, S. 427–440) beleuchtet ebenfalls die Etymologie eines kleinräumigen Gebietes bzw. des valencianischen Dorfes Puebla de Arenoso. Im Mittelpunkt hierbei steht die Kategorisierung nach semantischen Aspekten (so gehen beispielsweise mehrere Toponyme auf das Appellativ viña ‘Weinberg, -stock’ zurück). Francesc Xavier Martí i Juan beschäftigt sich in seinem Beitrag „Unes notes sobre la toponímia de Castelló (Ribera Alta)“ (S. 577–593) mit der Etymologie ausgewählter Toponyme des Dorfes Castelló. Neben sprachexternen Fakten zeigt der Autor die Erwähnung der Toponyme in Texten zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert auf. Gleich zwei Aufsätze liefern eine etymologische Diskussion zur Comarca (Bezirk) Horta de València: Francesc Hernández Flor verfolgt in seinem Beitrag „Topònims d’origen dubtós de l’Horta de València“ (S. 511–524) das Ziel, bestehende (teilweise kontrovers diskutierte) Ergebnisse zur Etymologie neu zu interpretieren. Beispielsweise zeigt der Autor auf Grundlage historischer Dokumente aus dem 14. Jahrhundert, dass das Toponym El Realon vermutlich auf Reasislarcon basiert und stellt somit eine Alternative zu der von Joan Coromines vorgeschlagenen Etymologie zur Diskussion (S. 515). Joan Carles Membrado legt in seinem Aufsatz „Estudi toponímic de l’Horta de València“ (S. 639–647) hingegen den Schwerpunkt auf die urbane Toponymie und konnte herausfinden, dass die Mehrheit der Namen im städtischen Gebiet auf Appellative aus dem semantischen Bereich der Agrarwirtschaft zurückgeht. Dieses Ergebnis ist wiederum kulturwissenschaftlich interessant, denn es zeigt die Relevanz dieses Wirtschaftssektors in Horta de Valencia auf (S. 645). 

Den Einfluss der natürlichen Umwelt auf die Toponymie untersucht Joan Ivars in seinem Beitrag „Zootopònims de la Marina Alta: una mostra en el temps i en l‘espai“ (S. 525–535). Aufgrund der geographischen Küstenlage des valencianischen Bezirks Marina Alta basiert etymologisch betrachtet die Mehrheit der Toponyme auf Appellative der einheimischen maritimen Fauna. Als Resultat konnte auch festgehalten werden, dass eine Reihe von Toponymen Zeugnisse von bereits ausgestorbenen Tieren wie z. B. dem Wolf sind. Die Beschäftigung mit dieser Thematik zeigt einmal mehr, dass Namen durchaus von interdisziplinärem Forschungsinteresse (in diesem Fall der Biologie) sein können. Mit der Beziehung zwischen Umwelt und Namen beschäftigt sich ebenfalls der Aufsatz „Els noms de lloc vinculats amb el medi físic i l’aprofitament dels recursos naturals: la Vall de Laguar“ (S. 649–660) von Marcos Moll Barber, Pablo Giménez Font, Juan Antonio Marco Molina und Daniel Riera Moll. Die Autoren zeigen am Beispiel der valencianischen Gemeinde Vall de Laguar auf, dass Toponyme Zeugnisse geo-kultureller Veränderungen sind und die Relation zwischen Umwelt und Gesellschaft widerspiegeln. 

Neben dem Schwerpunkt Valencia gibt es insgesamt sieben Aufsätze, die sich mit der Toponymie anderer Regionen Spaniens, mit Rumänien und Italien auseinandersetzen: Die Etymologie von italienischen Toponymen werden von Pasquale Caratù („Ancòra toponomastica del Gargano“, S. 177–184) und Miriam di Carlo („La toponomastica al confine con la Toscana e l’Umbria: il caso della Tuscia viterbese“, S. 271–283) besprochen. Im Mittelpunkt der Analyse von Maria Semeraro („Masserie brindisine tra passato e presente: considerazioni onomastiche“, S. 851–863) stehen Mikrotoponyme in der apulischen Gemeinde Brindisi. Sowohl diachron als auch synchron untersucht die Autorin Namen von ruralen Höfen/Bauernhöfen (so genannten Masserien). Die Frage nach der Romanität rumänischer Toponyme wird von Domnița Tomescu („La romanité de la toponymie roumaine“ S. 885–893) behandelt. Martí Crespo geht in seinem Beitrag „«Gibraltar» és espanyol“ (S. 249–257) der phonetisch orientierten Frage nach, warum im Spanischen das Toponym Gibraltar einen alveolaren Vibranten in medialer Position aufweist – während andere romanische Sprachen/Varietäten die Form Gibaltar fortgesetzt haben. Eine mögliche Erklärung hierfür wird in der Analogiebildung zu anderen andalusischen Toponymen mit arabischem Etymon wie z. B. Gibraleón oder Gibralfaro (S. 252) gesehen. Robert Pocklington widmet sich in seinen Darstellungen („El análisis de la toponimia por capas lingüísticas: La Huerta de Ricote“, S. 749–761) ebenfalls etymologischen Aspekten. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Herausarbeitung und Darstellung der sprachlichen Schichten, d. h. es wird der Frage nachgegangen, auf welche Sprachen/Varietäten die Toponyme der andalusischen Gemeinde La Huerta de Ricote zurückgehen. Als Ergebnis konnte z. B. die Schicht der arabischen, altspanischen oder neuspanischen Namen ausfindig gemacht werden. Josep Moran bietet in seinem Beitrag „Toponímia litoral d’origen antic en llengua catalana“ (S. 673–680) eine Auflistung prärömischer Toponyme in den verschiedenen katalanischsprachigen Gebieten (wie Katalonien, Valencia, Roussillon und die Balearen). Schließlich beobachtet Joan Anton Rabella in seinem Beitrag „De la ribera a la Noguera: ecolució històrica dels descriptius hidronímics“ (S. 763–776) die historische Entwicklung von Appellativen wie z. B. flum (‘Fluss’) oder aigua (‘Wasser’), die bei der Nennung von katalanischen Hydronymen verwendet wurden. 

Neben Anthroponymen und Toponymen umfasst der vorliegende Sammelband auch einen Beitrag, der eine andere Namenklasse, nämlich die Namen von fiktiven Figuren, von sogenannten Poetonymen oder Fiktionymen untersucht. Es handelt sich hierbei um die Studie von Maria Morant und Ricard Morant-Marco („Juegos de Tronos, juego de identidades: nombres de nobles, bastardos y esclavos*“, S. 681–692), die die Namen der Figuren aus der mittlerweile weltweit bekannten Fantasy-Fernsehserie Game of Thrones insbesondere in Hinblick auf die Benennungsmotive untersucht. 

In der Gesamtbetrachtung kann festgehalten werden, dass der zu rezensierende Sammelband eine thematische Vielfalt der Toponomastik und Anthroponomastik bietet. Sowohl Einzelstudien zu Orts- oder Personennamen, als auch quantitativ breiter angelegte Analysen werden präsentiert. Hervorzuheben ist, dass nicht nur verschiedene Gebiete der Romania, sondern auch verschiedene Zeiträume in Betracht gezogen werden. Darüber hinaus zeichnet sich der Sammelband durch die Thematisierung bisher wenig berücksichtigter Untersuchungsfelder aus. In diesem Kontext zu erwähnen sind beispielsweise die Namen von Findelkindern. Dem Herausgeber Emili Casanova, der selbst zu den bedeutendsten romanistischen Namenforschern gehört, ist es durchaus gelungen aufzuzeigen, wie innovativ und breitgefächert die Onomastik in romanischsprachigen Ländern ist. 

Empfohlene Zitierweise

Sandra Herling: [Rezension zu] Onomàstica romànica, hg. von Emili Casanova, València 2017, in: Onomastikblog [23.08.2018], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-onomastica-romanica/

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