Onomastica Canadiana, Band 94/1 (Journal of the Canadian Society for the Study of Names/Revue de la Société canadienne d'onomastique). Redaktion: Carol J. Léonard. Edmonton, Alberta: Campus Saint-Jean, University of Alberta 2015, 95 S. – ISSN 0078-4656.

Rezensiert von Gunter Schaarschmidt, University of Victoria/BC, Canada

Wie in unserem Onomastikblog vom 18.02.2015 beschrieben wurde, hatte die obige Zeitschrift, herausgegeben von Carol J. Léonard (Universität Alberta in Edmonton, Alberta, Canada), nach vierjähriger Pause einen versprechenden Neuanfang gemacht, indem sie sich auch inhaltlich mehr der internationalen Namenforschung anschloss. Dieser Neuanfang wird auch in dem vorliegenden neuen Band fortgesetzt. Insbesondere macht sich das in der mehr faktenorientierten Methodologie bemerkbar, zum Beispiel in dem über 50 Seiten langen Beitrag von Marc Picard (Université Concordia, Montréal; Verfasser des Dictionaire des noms de famille du Canada français: Anthroponymie et généalogie, Québec: Presses de l’Université Laval 2010), mit dem Titel “On the Origin of the ‘Unexplained’ Surnames in North America” (43-95). Picard analysiert zu diesem Zweck Hanks dreibändiges “Dictionary of American Family Names”, wobei er findet, (1) dass die dort angeführten und als „Englisch: etymologisch unerklärten“ 1.200 Lemmata in vier Kategorien einzuteilen sind: 25% haben einen fremden, besonders deutschen Ursprung (Appendix A); weitere 25% sind in anscheinend nicht herangezogenen Quellen aufgeführt und ihre Etymologien sind sicher nicht immer richtig erklärt worden (Appendix B); (2) dass die Hälfte der sog. unerklärten englischen Nachnamen in Hanks’ Wörterbuch schottischen, irischen, walisischen und kornischen Ursprungs in englischer Lautform und in keinem der zur Hand gezogenen Quellen erklärt sind; von diesen sind 17% zur Zeit nicht erklärbar. Der Rest wird in Picards Beitrag erklärt, wobei auf mehrere seiner früheren Arbeiten hingewiesen und besonders der Wert des Internets für onomastische Forschungen betont wird. Man kann dem nur hinzufügen, dass besonders in Hinsicht auf die in Appendix A angeführten und meist deutschen Namen, viele davon mit einem Fragezeichen versehen, weitere etymologische Forschungen notwendig sind.

Von den anderen beiden Arbeiten in diesem Heft befasst sich die längere (1-34) von Michal Ephratt (Professorin im Department of Hebrew Language, Universität Haifa, Israel; mit dem Forschungsinteresse u. a. auf dem Gebiet des Schweigens als Kommunikationsmittel) mit der Frage “What’s in a No-Name“ (Was ist in einem Nullnamen [Anm. 1])? Die Autorin konzentriert sich sich dabei auf drei Rollen, die ein Nullname entweder im Leben oder in der Belletristik spielen kann: (1) ein Nullname bedeutet Anonymität, die jedermann aber nicht jemanden widerspiegelt; (2) der Nullname ist ein Mittel entweder zur Bildung oder zur Vernichtung der Identität; und (3) der Nullname fungiert in Tabusituationen (wie z. B. im Tabu der Warlpiri in Australien, wo der Name eines Verstorbenen sowie dessen Basiswort aus der Sprache verschwindet, manchmal für zwei Jahre, aber oft auch für eine gesamte Generation (Glowczewski 2004: 149); in der Gesetzgebung, wo die Verweigerung des Namens durch die ein Amt Anrufenden die (unbewusste) Neigung zur Manipulierung und Wehr vor Misshandlung darstellt; sowie im Vermeiden des Gebrauchs von antizipatorischen Namen für in Gefahr schwebende Neugeborene, d. h. der Brauch, Neugeborenen erst dann einen Namen zu geben, wenn sie mehr als ein Jahr alt waren, weil sie dann erst eine realistische Chance zum Überleben und Erwachsenwerden hatten. Die viereinhalb Seiten lange Literaturliste der Arbeit gibt einen umfassenden Überblick über das Thema des Nullnamens (bei den kanadischen Inuit; in der Bibel; bei den bolivianischen Laymi; bei Kafkas zentralen Charakteren und bei den Häftlingen in den Konzentrationslagern im nazistischen Deutschland). Es fehlen in dieser Liste allerdings ein wichtiger Beitrag “No-name in central Australia” von Larsen/Simpson 1981: 165-177 sowie die bereits zitierte Arbeit Glowczewski 2004: 145-160.

Die kürzere Arbeit von Richard Leclerc (Gouvernement du Québec. Ministère des relations internationales) umfasst etwa 8 Seiten (mit Literaturangaben) und will zeigen, wie der Besuch eines Würdenträgers aus dem Orient in Kanada im Jahre 1907, des japanischen Prinzen Hiroyasu Fushimi, die kanadische Toponymie um fünf Namen bereichert hat. Der Prinz unternahm vor seiner Rückreise vom Esquimalt Hafen auf Vancouver Island über den Pazifik nach Jokohama eine Fahrt mit der Canadian Pacific Eisenbahn durch ganz Kanada mit Aufenthalten in Montréal, Ottawa, Toronto, Winnipeg, Calgary, Banff, Vancouver und Victoria. Der erste Name, Fushimi, wurde dem Prinzen zu Ehren im Jahre 1907 einem Kreis im Bezirk Cochrane (Ontario) verliehen, allerdings erst am 31. Dezember 1962 offiziell von der Provinzregierung anerkannt. Später, am Anfang der 1950er Jahre, wurde ein See mit Namen Pewabiska in Fushimi Lake umbenannt und am 1. Mai 1952 offiziell von der Ortsnamenkommission Ontario anerkannt. Der ursprüngliche Name Pewabiska kommt aus der Sprache der Cree und bedeutet so viel wie ‘Weißwasser’, und so scheint hier ein früher Fall der Verdrängung eines indigenen Namens durch den Namen eines Würdenträgers einer fremden Macht vorzuliegen ‒ ein Prozess, der heute undenkbar wäre. Der dritte Name ist Fushimi Road und bezeichnet die 45 Kilometer lange Straße, die in den Fushimi Provincial Park führt. Das wäre dann das vierte Toponym in der Provinz Ontario. Das fünfte Toponym, einfach wie der Kreis im Bezirk Cochrane (Ontario), hieß ursprünglich Fushimi und liegt in der Provinz Saskatchewan östlich von Regina an der Eisenbahnlinie der Canadian Pacific Railway. Dieser Ort wurde allerdings um das Jahr 1942, wohl aus politischen Gründen (man befand sich im zweiten Weltkrieg), in Kearney (nach Thomas William Kearney, dem Direktoren des Reisebüros der Canadian Pacific Railway) umbenannt und am 8. Juli 1954 offiziell von der Regierung von Saskatchewan anerkannt.

Die vorliegende Nummer der Zeitschrift Onomastica Canadiana ist ein Zeugnis dafür, dass es weiterhin gut mit der Onomastik in Kanada vorangeht. Es ist allerdings sehr zu bedauern, dass Richard Leclercs Beitrag durchgehend unter dem Header (der Kopfzeile) des vorangehenden Artikels, also Ephratts “What’s in a No-Name”, steht und dadurch auch die Paginierung der beiden Arbeiten etwas durcheinandergebracht wurde.

Anmerkungen

(1) Andere Übersetzungsmöglichkeiten wären vielleicht „Keinname“ oder „Nichtname“. Unsere Wahl übersetzt „no“ als lateinisch nullus, also englisch no oder null.

Zitierte Literatur

Larsen, Richard / Simpson, Jane (1981): “No-name in central Australia”, in: Masek, Carrie S. et al. (Hg.): Papers from the Parasession on Language and Behavior, Chicago: Chicago Linguistic Society, 165-177.

Glowczewski, Barbara (2004): “Returning Indigenous knowledge in central Australia”, in: Graeme, K. Ward / Muckle, Adrian (Hg.): The Power of Knowledge, the Resonance of Traditon. Electronic publication of papers from the AIATSIS Indigenous Studies conference, September 2001, Canberra: AIATSIS, 145-160.

Hanks, Patrick (Hg.) (2003): “Dictionary of American Family Names”, Oxford-New York: Oxford University Press.

Empfohlene Zitierweise

Gunter Schaarschmidt: [Rezension zu] Onomastica Canadiana 94/1 (2015), in: Onomastikblog [01.06.2016], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/onomastica-canadiana-94-1/

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