Richard Brütting: Namen und ihre Geheimnisse in Erzählwerken der Moderne, Hamburg: Baar 2013, 258 S. – ISBN: 978-3-935536-33-2, Preis: EUR 65,00 (DE), EUR 66,90 (AT).

Rezensiert von Volker Kohlheim, Bayreuth

Richard Brütting, Germanist und Romanist, 1970/71 Deutsch-Lektor an der Universität Orléans, 1976–1985 Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Siegen, bis zu seiner Pensionierung Oberstudienrat an der Abendschule für Erwachsene in Gießen, ist einem breiteren Kreis bekannt als Herausgeber des Italienlexikons, das 1995 in erster Auflage im Erich Schmidt Verlag, Berlin, erschienen ist (Studienausgabe 1997). Eine zweite aktualisierte Auflage ist in Vorbereitung. Arbeiten zur literarischen Onomastik hat Brütting bislang vor allem in der Zeitschrift il Nome nel testo in italienischer Sprache publiziert. Vieles davon – und einiges mehr – ist nun im vorliegenden Band in deutscher Sprache und in überarbeiteter Form zugänglich.

Das Werk beabsichtigt, eine „enge Verbindung von konkreten Textinterpretationen mit allgemeinen Erörterungen zur literarischen Onomastik“ herzustellen (18). Dies ist ihm in hervorragender Weise gelungen. Den einzelnen onomastisch orientierten Werkinterpretationen vorangestellt ist ein sehr lesenswerter Überblick über die Geschichte, die Ziele und die Methoden der Poetonomastik („Namen in literarischen Werken“, 21–46). Die durchaus nicht unkritische Darstellung ist auch deswegen von Interesse, weil sie italienische und französische Arbeiten einbezieht, die in den bekannten deutschsprachigen Abhandlungen zu dieser Thematik kaum oder gar nicht erwähnt werden. Zu Recht kennzeichnet Brütting die literarische Onomastik als eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich durch das „Zusammenwirken von sprachwissenschaftlicher Onomastik mit literaturwissenschaftlichen bzw. literaturkritischen Verfahren“ auszeichnet (24). Unter den vielen Aspekten, die er nennt, verdienen folgende Punkte besondere Aufmerksamkeit: Die grundlegende „Unterscheidung zwischen referentieller und nicht-referentieller Verwendung“ von Eigennamen (25), die Differenzierung zwischen Kollektiv- und Individualkonnotationen (25), die Feststellung, dass die Differenzierungsfunktion nicht die primäre Aufgabe des literarischen Namens ist, denn „anstatt – wie in der realen Welt – ein bereits Existierendes zu identifizieren, dient der literarische Name, produktionsästhetisch gesehen, zur Figurenkonstitution“ (30). Mehr als üblich geht Brütting auch auf die schier unüberwindbaren Schwierigkeiten ein, die die Namen bei Übersetzungen des literarischen Werks in andere Sprachen bereiten, und illustriert diese anhand von Beispielen aus einem Gesang der Odyssee, aus Boccaccios Dekameron, aus Flauberts Madame Bovary und aus Th. Manns Novelle Tristan (42–46).

Die erste onomastische Werkanalyse gilt G. Flauberts Roman Madame Bovary (47–90). Als einigermaßen überraschendes Teilergebnis seiner Untersuchung der Personennamen konstatiert Brütting, dass Flaubert, der doch bekanntermaßen um äußerste Objektivität bemüht war und der sich das Ziel gesetzt hatte, sich so weit als möglich aus dem Text herauszuhalten, bei den Personennamen dieses Ziel kaum erreichte: „Schon die auf eine düstere Rindvieh-Obsession hindeutenden literarischen Namen lassen das Gegenteil annehmen“ (70). So sind nahezu alle Personennamen „redende Namen“, deren vorpropriale Semantik im Kontext der Romanhandlung virulent wird: der ‚Ochsenknecht’ Charles Bovary; Rodolphe Boulanger de la Huchette (‚Bäcker vom Backtröglein’); der ‚(Gesellschafts)Löwe’ Léon, der doch nur ein banaler Dupuis (‚Brunner’) ist; der ‚tugendhafte’, unglücklich liebende Justin, dessen Name parodistisch auf Justine ou les malheurs de la vertu, den bekannten Roman des Marquis de Sade vom Unglück eines sittsamen Lebens, anspielt, der sich aber auch ähnlich wie die Figur des Chérubin/Cherubino bei Beaumarchais und Mozart verhält und zumindest mit baisers justes, ‚gerechten Küssen’, belohnt wird; das Dienstmädchen Félicité, das für Justin ‚Glückseligkeit’ bedeutet; der ‚glückliche’ Geschäftsmann Lheureux. Wie schon bei dem Namen Justin deutlich wurde, begnügt sich Brütting nicht damit, die semantische Potenz der „redenden Namen“ aufzuschlüsseln, er weist auch zahlreiche erhellende Assoziationen und Querverbindungen zu anderen realen und literarischen Figuren nach, so zum Maler Gustave Clarence Rodolphe Boulanger, dem wahrscheinlichen Namengeber für den Verführer von Emma Bovary. Interessanterweise stehen Vor- und Familiennamen der Figuren in Flauberts Roman in gewisser Opposition zueinander: ein „edler“ Vorname kontrastiert meist mit einem „gewöhnlichen, alltäglichen“ Familiennamen (69): Héloïse (Anspielung auf Abélard und Héloïse) mit Dubuc (frz. bouc ‚Bock’), Charles (german. ‚Kerl’) mit Bovary ‚Ochsenknecht’, Rodolphe (german. ‚ruhmreicher Wolf’) mit Boulanger ‚Bäcker’, Léon (‚Löwe’) mit Dupuis (‚Brunner’). Brütting erkennt hier nach A. Brendler (Anm. 1) den Familiennamen eine „relativierende Funktion“ zu.

Auch die Ortsnamen, die in Madame Bovary vorkommen, werden einer gründlichen Analyse unterzogen, so der Hofname Les Bertaux, bei dem Brütting auf die etymologische Beziehung zum Namen Berthe verweist, so Emmas Sehnsuchtsort La Vaubyessard, das Herrenhaus La Huchette, das Hôtel de Boulogne, das an den Namen des vorhergehenden Verführers Boulanger anklingt, und schließlich sehr ausführlich Yonville-l’Abbaye. Hier lässt sich Brütting nicht auf die über hundertjährige Suche nach dem etwaigen realen Vorbild ein, sondern konzentriert sich lieber auf den Namen selbst, dem er überraschende Aspekte abgewinnt. So findet er neben anderen Assoziationen Anklänge an den griechischen Gott der Verwirrung Ion (vgl. das Schaubild auf S. 85) und vermag auch im Text des Romans Griechisches, speziell „Jonisches“, nachzuweisen. Dadurch gewinnt diese Deutung natürlich große Plausibilität. Die kaum zu übersetzende Bezeichnung capharnaüm für Homais’ Giftlabor, in Flauberts Roman ein Ort todbringender Substanzen, erweist sich als ironischer Verweis auf das biblische Kapernaum und das Wirken Jesu als Heiler.

„Thomas Manns Kunst der Namengebung“, dem sich das folgende Hauptkapitel (91–132) widmet, hat schon zahlreiche Interpreten gefunden. Dennoch gelingt es Brütting, auch diesem Bereich überraschende neue Aspekte abzugewinnen, zunächst den Namen im Zauberberg-Roman. Zusammenfassend stellt der Autor fest, dass sich in diesem Roman Th. Manns Leitmotivtechnik „nicht nur auf die semantisch-inhaltliche Ebene der Ideen“ erstreckt, „sondern auch auf Lautstrukturen. Im Zauberberg werden die Silben KA(T), MI(E/N) und MA(N) durch ständige und insistierende Wiederholung als sprachmagische, unterschwellige Signale genutzt, die ein erotisiertes, mythologisch-katzenhaftes Universum kreieren, aber auch an Tod und Sterben gemahnen“ (S.106). Als eigentliche Verkörperung des „Katzenhaften“ macht Brütting selbstverständlich Clawdia Chauchat mit ihrem französisch-(pseudo-)russischen Namen aus, der Anlass zu weitreichenden linguistischen und intertextuellen Bezügen (u. a. zu E.T.A. Hoffmanns Kater Murr und seinen Katzennamen) gibt, doch werden auch weitere Namen aus dem Roman in diesem Kontext interpretiert: Pribislav Hippe, Marusja/Marie, Madame Chauchats „Probename“ Minka, Castorp als Katzdorp + Kasten [= Sarg]. Abschließend wird das „Namennetz“ des Zauberberg-Romans graphisch dargestellt (108).

Ein Kabinettstück literar-onomastischer Interpretation ist das folgende Unterkapitel mit dem Titel „MARIO & A-MORI: Der frühe italienische Faschismus in der Namenwelt der Novelle Mario und der Zauberer“ (109–132). Hier schöpft Brütting tief aus seinen profunden Kenntnissen der Literatur, Geographie und Geschichte Italiens. Brütting liest (erstmals!) den Namen MARIO als Anagramm zu AMORI, findet aber auch Anklänge an ital. amaro ‚bitter’, an den Namen der Gottesmutter Maria, an den Ort Marina Petriera, sowie an lat./ital. mare ‚Meer’, verbindet ihn (über den präfaschistischen Cipolla) mit ROMA, entdeckt in dem (fiktiven) Torre di Venere – abgesehen von den naheliegenden Bezügen zu Erotik und wiederum zu MARIO-AMORI – eine Anspielung auf die (realen) Badeorte Porto Venere und Torre del Lago und somit auf Puccini, der dort lebte und auch dort bestattet ist, während weitere Namen der Novelle auf Mozarts Don Giovanni, Boccaccios Dekameron, D’Annunzio, die Duse und den Duce verweisen. „Es zeigt sich“, so zusammenfassend der Autor, „dass insbesondere die raffinierte onomastische Struktur der Novelle den italienischen (Prä-)Faschismus aufscheinen lässt“ (131). Auch dieses Kapitel wird mit einer Graphik der Namenbezüge abgeschlossen, die zeigt, dass die Novelle eindeutig „als Kritik Th. Manns am italienischen Faschismus bzw. als Warnung vor der sich ankündigenden Machtübernahme durch die Nationalsozialisten“ zu verstehen ist (131). Darüber hinaus zeigt Brütting, wie wichtig und aufschlussreich eine kenntnisreich durchgeführte Deutung des „Namennetzes“ eines literarischen Werks für die Interpretation sein kann.

Das folgende Hauptkapitel behandelt „Literarische Namen in Familiensagas“ (133–180), zunächst in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Gattopardo. Ohne nun auf Einzelnes einzugehen, kann gesagt werden, dass es Brütting dank des angewendeten Methodenpluralismus gelingt, den Namen überraschende und vielseitige Aussagen zu entlocken (133–156), selbst dem Namen des Hundes Bendicò. Da Tomasi di Lampedusa in diesem Roman „Elemente der eigenen Familiengeschichte […] mit der problematischen Geschichte Siziliens und Italiens während und nach der nationalstaatlichen Einigung verknüpft“ (133), enthält der Roman sowohl authentische wie auch fiktive Namen. Dank historischer, biographischer und genealogischer Recherchen, dank etymologischer (und paraetymologischer) Analysen, dank intertextueller Recherchen und schließlich dank „interpretative[r] Überlegungen zum Kontext der erwähnten Namen“ (156) kommt Brütting zu dem Schluss, „neben der formalen Struktur bietet der onomastische Gehalt des Gattopardo ein Sinnpotential erster Ordnung“ und ist daher „eine Einladung zur Reflexion über die sinnstiftende Macht von Namen – in der Literatur und außerhalb von ihr“ (156).

Im folgenden Kapitel (157–180) wird auf die Verwandtschaftsterminologie in Cristina Guarduccis Roman Mitologia di famiglia aus dem Jahr 2005 – eine deutsche Übersetzung existiert noch nicht – eingegangen, in dem Personennamen, abgesehen von der einmaligen Erwähnung des Namens Maria, vollständig fehlen. Der Roman ist eine postmoderne Groteske, eine „scharfzüngige Demaskierung der gerade in Italien so hoch gepriesenen Institution FAMILIE“ (158). Sehr beachtenswert sind hier Brüttings Beobachtungen zum Gebrauch von „Verwandtschaftswörtern“, die pragma-onomastisch zwischen Eigennamen und Gattungsbezeichnung oszillieren. Erhalten solche Begriffe den bestimmten Artikel und werden sie mit Majuskel geschrieben, wie z. B. la Mamma, eignet den so bezeichneten Personen „eine Aura (falscher) Monumentalität“ (176).

Einem ungewöhnlichen, aber reizvollen Thema ist das Kapitel „Niemand. Aspekte eines paradoxen Namens“ gewidmet, das „etwas zur neueste[n] NEMO-logie“ beitragen will (181–206). Nach einem Überblick über neuere deutsche „Nemo-Romane“ mit akzentuierter sozialkritischer Aussage (181f.) behandelt Brütting das 2005 in Turin unter dem Titel Il mio nome è Nessuno als Buch erschienene, von Niccolò Ammaniti initiierte Projekt eines Fortsetzungsromans, der von 14 Schriftstellern unterschiedlicher Nationalität verfasst wurde. Herausgekommen ist eine abenteuerliche Revolutions-, Agenten- und Liebesgeschichte, die ständig zwischen (Quasi-)Realität und Fiktion oszilliert, da der Protagonist Hugo Almendras sich als Nessuno, als Niemand ausgibt, also eigentlich gar nicht existiert. Außerdem werden vorgestellt: das 1995 entstandene multimediale Projekt Oudeis (griech. Niemand) (185) und der 2005 ins Leben gerufene italienische Fernsehsender Nessuno TV, in dem jedermann an der Programmgestaltung mitwirken sollte, ein Sender also für die vielen „Niemands“ im Lande (186f.). – Nach einem kurzen Exkurs zu Nemo als im wirklichen Leben vergebener Vorname (187f.) lässt Brütting Nemo/Niemand im geschichtlichen Rückblick Revue passieren (188–190), von Odysseus, der mit seinem geistreichen Wortspiel, bei dem niemand/Niemand zwischen Appellativ und Eigenname changiert, „für immer das univoke Band zwischen der Person und ihrem Namen, […] zwischen den Dingen und den Wörtern zerstörte“ (189), bis Johannes Niemand in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche. Bemerkenswert ist, dass hier das Ende der naiv-magischen Sprachvorstellung, das man gemeinhin erst Platons Dialog Kratylos zuschreibt, bereits bei Homer gesehen wird. Es geht hier aber auch um das Problem des Identitätsverlusts, das an dem italienischen Comic Oudeis Libro primo von Carmine Di Giandomenico, Reggio Emilia 2004, exemplifiziert wird (190–193). – Eine Neuerzählung des Heimkehrkapitels der Odyssee stellt schließlich Luigi Malerbas Roman Itaca per sempre, Milano 1997 (dt. König Ohneschuh, Berlin 1997), dar (193–206). Hier gibt Penelope, erzürnt darüber, dass sich Odysseus nicht ihr, sondern Telemach anvertraut hat, vor, ihren Gatten auch dann nicht zu erkennen, als es eigentlich längst keinen Zweifel an seiner Identität mehr geben kann. Durch dieses scheinbare Nicht-Erkennen fühlt sich Odysseus nun wirklich zum Niemand verwandelt. Glücklicherweise gibt Penelope ihre Verstellung kurz vor dem Moment auf, in dem Odysseus verzweifelt erneut von Ithaka aufbrechen will.

Das letzte Hauptkapitel von Brüttings Buch behandelt einen neueren deutschsprachigen Roman, der die Namenproblematik bereits in seinem Titel anzeigt: Sibylle Lewitscharoffs Roman Montgomery, Stuttgart/München 2003 (207–234). „Montgomery Cassini-Stahl, so hieß kein vernünftiger Mensch im Herzen des Schwabenlandes, so konnte bloß ein Angeber heißen. Aber er war kein Angeber“, zitiert Brütting die Autorin (210). Im Nachkriegs-Schwaben, in dem der „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel allseitige Verehrung genoss, musste ein Vorname, der offensichtlich als Gedenkname an den Sieger von El Alamein gesehen wurde, unweigerlich Anstoß erregen. In Wirklichkeit hatte der italienische Vater diesen Namen aus Verehrung des Schauspielers Montgomery Clift gewählt, damit aber zusätzlich für Verärgerung gesorgt, als der Held des Romans nun nicht die Vornamen Karl Eberhard Friedrich erhalten konnte, „die die (mütterliche) Familiengeschichte perpetuieren sollten […]“ (213). Tatsächlich wird der Junge in der Familie niemals mit seinem richtigen Vornamen, der als „ein Schlag ins Gesicht“ empfunden wurde, genannt, sondern mit Ersatznamen wie Bürschle, Bubi, Herr Enkel oder einfach der da gerufen. In der Schule bekommt er den Spitznamen Blechle, eine an das heilix Blechle erinnernde, semantisch pejorative Variante seines Familiennamens Stahl. So bleibt Montgomery eigentlich namenlos, bis er eines Tages von seinem in Rom lebenden Onkel Alberto einen mongomeri, einen Dufflecoat, erhält, den er nun sommers wie winters trägt. Zudem hat er auf dem Adressfeld des an ihn gerichteten römischen Pakets endlich seinen eigentlichen Namen gelesen und wird erst dadurch „in einem quasi magischen Akt zu einer Person mit eigener Identität“ (215). – Es verdient hervorgehoben zu werden, dass es Brütting bei seiner tiefgehenden onomastischen Analyse gelingt, nicht nur anhand des auffälligen Vornamens des Protagonisten, sondern auch anlässlich einer Exemplifizierung der in dem Roman vorkommenden Familiennamen semantische Potentiale freizulegen, die der Interpretation des Romans zugutekommen. Geht es doch in dem Roman Montgomery letztlich um den Versuch der Wiedergutmachung: um Wiedergutmachung einerseits der nationalsozialistischen Euthanasieprogramme anhand der übertriebenen Fürsorge für den behinderten Bruder Montgomerys, andererseits um Wiedergutmachung des Holocausts durch Montgomerys Vorhaben, auf den nationalsozialistischen Hetzfilm Jud Süß mit einem Film zu antworten, der das Unrecht anklagt, das dem historischen Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer (1698–1738) widerfahren war. In diesem Zusammenhang evozieren die Familiennamen die Isotopie „Krieg“ und insbesondere „Zweiter Weltkrieg“: Der „Kassandra-Name“ (225) Cassini erinnert an die Schlacht von Montecassino, der „Bastardname“ (213) Cassini-Stahl an Ernst Jüngers Roman In Stahlgewittern (216) und besonders über den Namen Stalin auch an die Schlacht von Stalingrad (217). Schließlich entfaltet der Name Stahl auch weitere sinnaufschließende Potenz, indem Brütting in ihm über die Vergangenheitsform des Verbs „stehlen“ stahl sowie das Nomen Dieb-stahl die positive Beziehung Montgomery Cassini-Stahls und aller Stahls zum Geld ausgedrückt sieht (218). Letztlich scheitern all diese Wiedergutmachungsversuche „der Untaten, an denen Montgomerys schwäbische Verwandten und ihr Umfeld mitschuldig wurden“ (222). Dieses Umfeld charakterisiert S. Lewitscharoff wiederum onymisch durch eine Reihung bekannter Stuttgarter Familiennamen: „All diese Bilfinger-, Gaisberg-, Harpprecht-, Zech-, Röder-, Wallbrunn- und Schützgesichter mit ihrem säuerlichen Haß“, zitiert Brütting (221). Dass weder eine der betroffenen Familien noch die Familie Rommel auf diese provokative Nennung ihrer Namen reagiert hat, erfährt man in der anschließenden „Dokumentation und Befragung der Autorin“ als Versuch „unmittelbarer literarischer Onomastik“ (226–234; hier 232). Diese äußerst interessante Dokumentation zeigt, dass die Autorin sich vieler Implikationen, die die von ihr gewählten Namen beinhalten, durchaus bewusst war, dass der Interpret aber auch manche weiteren onomastischen Assoziationen aufspüren konnte.

Das vielseitig anregende Buch von Richard Brütting endet – „anstelle eines Nachworts“ – mit einem durchdachten „Fragenkatalog zur literarischen Onomastik“ (235–238) und dem reichhaltigen Literaturverzeichnis (239–258). Es sei allen an Fragen der literarischen Onomastik und an Literatur überhaupt Interessierten zur Lektüre empfohlen.

Anmerkungen

(1) Andrea Brendler, Zur relativierenden Funktion von Nachnamen bei Benito Pérez Galdós, Teil 1: Der Nachname Tinieblas in Doña Perfecta, in: Zunamen 1 (2006), S. 112–118; id., Zur relativierenden Funktion von Nachnamen bei Benito Pérez Galdós, Teil 2: Der Nachname Díaz in Tristana, in: Zunamen 2 (2007), S. 108–115.

Empfohlene Zitierweise

Volker Kohlheim: [Rezension zu] Richard Brütting, Namen und ihre Geheimnisse in Erzählwerken der Moderne, Hamburg 2013, in: Onomastik-Blog [22.06.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-namen-und-ihre-geheimnisse-in-erzaehlwerken-der-moderne/

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