Kathrin Dräger, Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7), Regensburg: Edition Vulpes 2013. 285 S., 69 farbige Karten, Namenlexikon auf CD-ROM. ISBN: 978-3-939112-06-8, Preis: EUR 32.00 (DE), 32.90 (AT)

Rezensiert von Sabrina Ulbrich, Leipzig

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine bearbeitete Fassung der Dissertation Kathrin Drägers, die 2011 von der Philologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Breisgau angenommen wurde. Sie entstand während ihrer Mitarbeit am „Deutschen Familien­namenatlas“ (DFA) und wurde von Konrad Kunze (Freiburg) betreut, der gemeinsam mit Damaris Nübling (Mainz) das Projekt DFA leitet.

Das Werk widmet sich erstmals systematisch der Untersuchung von ca. 4.000 Familiennamen im deutschsprachigen Gebiet, die aus dem Rufnamen Nikolaus entstanden sind bzw. entstanden sein sollen und versteht sich selbst als Pionierstudie innerhalb der Patronymen­forschung – dem Gebiet der Onomastik, das die „variantenreichste und daher am wenigsten erforschte Namengruppe“ (S. 12) zum Gegenstand hat. Die einzige Monographie, die sich bisher ausschließlich mit einem Familienna­men aus einem Rufnamen befasst, hat Jost Trier 1924 zu den Jodocus-Namen geliefert (Anm. 1). Jüngere Unter­suchungen, wie die von Kohlheim / Kohlheim 2001 (Anm. 2), sind Aufsätze geringeren Umfangs. Eine Liste mit 410 Nikolaus-Familiennamen, die die Autorin heran­zieht und kritisch begutachtet, hat Edmund Nied 1924 bereits veröffentlicht (Anm. 3).

Im Einleitungsteil (S. 11–38) wird neben dem bisherigen Forschungsstand die Methodik und Frage­stellung der Autorin umrissen. Mit Hilfe der DFA-Datenbank, welche auf 28.205.713 Telefon-Festnetzanschlüsse der Telekom im Juni 2005 basiert, war es möglich, einen Aufschluss über die rezenten Familiennamen in Deutschland zu geben und nicht nur Schreibvarianten eines Namens (Types) zu ermitteln, sondern auch die Gesamtanzahl der Telefonbuchein­träge (Tokens). Ein Familien­name gilt dann als rezent, wenn er nach 1900 belegt ist, also nach Inkrafttreten des Bürger­lichen Gesetzbuches und dem damit einhergehenden Festwerden der Namenschreibung. Belege davor werden als historisch bezeichnet und werden durch Arbeit mit Namenlexika erschlossen. Ebenfalls zur Einleitung gehört der Abschnitt über „kultur-, sprach- und namengeschichtliche Hintergründe“ (S. 22–38). Darin wird zunächst das Leben und der Kult des heiligen Nikolaus (ca. 270 bis 350 n. Chr. in Lykien) besprochen und der Weg seiner Verehrung nachgezeichnet, über den schließlich auch der aus dem Griechischen stammende Rufname in seiner lateinischen Form Nikolaus in unseren Namenschatz geriet. Abrisse über die Rufnamenentwicklung im Mittelalter und zur Patronymbildung im Allge­meinen beschließen die Einleitung.

Der Aufbau des Analyse- und damit Hauptteils (S. 39–256) orientiert sich im Wesentlichen an der DFA-Projektgliederung. Im ersten Teilkapitel „Namengrammatik“ (S. 39–147) unter­sucht die Autorin Vokalismus, Konsonantismus und Morphologie der auf Nikolaus zurückgehenden Rufnamen und der daraus entstandenen Familiennamen, beschränkt sich dabei aber auf „die häufigsten und etymologisch möglichst eindeutigen“ Namen (S. 39). Dieser Analyse wird ein Abschnitt zur Bildung von Kurz- bzw. Koseformen und zur sprachlichen Integration fremder Namen ins Deutsche vorangestellt. Die folgende Kurzbeschreibung der neun wichtigsten Typen von Kurzformen anhand der Beispielnamen hätte allerdings übersichtlicher und schematischer erfolgen können. Der Abschnitt zum Vokalismus (S. 46–84) beschäftigt sich mit den variierenden Vokalen in den unterschiedlichen Silben der Voll- und Kurznamen zu Nikolaus. Außerdem werden die Varianten des lateinischen Genitivs -ai wie in Nikolai oder Nikolei untersucht, wobei konstatiert werden kann, dass die Schreibung mit -ai die häufigste ist. Unklar jedoch bleibt, warum der lateinische Genitiv nicht noch einmal im Morphologie-Abschnitt als patronymischer Genitiv erwähnt wird. Im Abschnitt „Konsonantismus“ (S. 84–113) werden die Konsonantenvarianten besprochen. Ein Exkurs über die Herkunft von nhd. au aus mhd. û oder mhd. ou (S. 100) im Zusammenhang mit der -w-Schreibung wie in Clawes soll vermutlich das Verständnis für weniger sprachgeschichtlich versierte Leser erleichtern. Wünschenswert wäre jedoch dann auch eine Erläuterung zum Phänomen Hiat bzw. der Hiatustilgung im selben Abschnitt gewesen. Im Morphologieteil (S. 113–142) bespricht Kathrin Dräger die patronymischen Genitive und Suffixe und stellt fest: „Eindeutige Nikolaus-Patronyme im schwachen Genitiv gibt es nicht, da sie in Verbin­dung mit dem Auslaut -s stets als -sen, -ssen oder -ßen erscheinen.“ (S. 117). Selten treten Dimi­nutivsuffixe wie in Clawesken und Kompositionen mit Nikolaus-Formen (wie Jungklaus) auf. Matro­nymische Formen werden nicht behandelt – warum, erfährt der Leser im Einleitungsteil: „Im dt. Sprachgebiet sind movierte Nikolaus-Varianten im MA und in der frühen Neuzeit Einzelfälle und daher nicht in die FamN-Bildung eingegangen.“ (S. 31). Das erste Teilkapitel „Namengrammatik“ schließt mit einer kurzen Abhandlung zur Latinisierung und Gräzisierung der Namen in der Zeit des Humanismus (S. 142–147). Die Autorin hält fest, dass ausschließlich über die „familiengeschichtliche Methode“ (S. 142) zweifelsfrei herausgestellt werden kann, ob ein Name fremdsprachlich übernom­men oder sekundär latinisiert wurde.

Zur Analyse gehört ebenfalls das Unterkapitel „Etymologie“ (S. 148–256), in dem 33 rezente Fami­liennamen in alphabetischer Reihenfolge ausführlich besprochen werden. Bei ihnen handelt es sich um Namen, die entweder mindestens 1.000 Tokens besitzen oder zu deren Klärung beigetragen werden konnte. Der Name Nickel, auch Nückel u. a. beispielsweise stellt in der Regel ein Patronym zu Nikolaus dar, kann aber auch als Wohnstättenname zu Nückel 'steiler Abhang' gedeutet werden.

Das eigentliche Namenlexikon findet sich auf der mitgelieferten CD-ROM. Auf 717 Seiten im PDF-Format werden rund 4.000 rezente Familiennamen und rund 6.300 historische Ruf- und Familien­namen aufgeführt, wobei die historischen Namen als klein gedruckte Lemmata wiedergeben werden. Jeder Type eines rezenten Namens bekommt im Unterschied zum Etymologie-Teil einen eigenen Eintrag. Angegeben werden neben der Deutung u. a. die Anzahl der Tokens laut DFA-Datenbank und eventuelle Verweise auf entsprechende Kapitel im Band oder andere Namenartikel. Für die histori­schen Namen werden die Belege aufgeführt.

In einem recht knappen Fazit (S. 257–261) formuliert die Autorin nicht nur ihre wichtigsten Erkennt­nisse, sondern stellt auch Mutmaßungen an. Kohlheim / Kohlheim (2001) konstatieren in der bereits erwähnten Studie, dass Nikolaus-Namen Platz 6 unter den 1000 häufigsten Patronymen einnehmen. Doch Dräger dazu: „Vermutlich hat Nikolaus […] gemessen an der Zahl der Types die meisten FamN hervorgebracht.“ (S. 258). Dass die drei größten Gruppen von Nikolaus-Patronymen in Deutschland die Kurzformen Klaus, Klos(e) und Klas (zwischen 14.000 und 20.000 Tokens) darstel­len, geht aus der Studie der Autorin hervor. Weniger auf Nikolaus basierende Familiennamen gibt es im ober- und nordostdeutschen Raum, was damit erklärt wird, dass „sich im Südwesten und v. a. im Südosten […] Bei- und FamN bereits etabliert hatten, bevor fremdsprachige RufN wie Nikolaus die RufN germ. Ursprungs verdrängten und es daher generell weniger Patronyme […] aus Nikolaus gibt“ (S. 258). Im Nordosten nun leben insgesamt weniger Menschen, von denen zudem viele einen slawi­schen Namen tragen. Ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis schließt sich dem Fazit an (S. 262–283).

Kathrin Dräger behält bei ihrer fundierten Analyse stets die geographische Verteilung im Blick und illustriert durch zahlreiche farbige Karten. Sie leistet mit ihrem Band nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Patronymenforschung, sondern auch zur Namengeographie und konnte somit ihrer Ziel­setzung, diesen beiden onomastischen Teildisziplinen methodische Anregungen zu geben, voll gerecht werden.

Anmerkungen

(1) Jost Trier, Der heilige Jodocus. Sein Leben und seine Verehrung, zugleich ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Namen­ge­bung, Breslau 1924.

(2)  Rosa Kohlheim / Volker  Kohlheim, Von Hartmann bis Janzen. Die Patronymika unter den 1000 häufigsten Familien­namen in Deutschland, in: Angelika Braun (Hg.), Beiträge zur Linguistik und Phonetik. Festschrift für Joachim Göschel zum 70. Geburtstag. Stuttgart 2001, S. 283–307. Wiederabgedruckt in Andrea Brendler / Silvio Brendler (Hg.), Rosa Kohlheim und Volker Kohlheim: Personennamen. Motivation – Diffusion – Integration, Hamburg 2011, S. 295–319.

(3)  Edmund  Nied, Heiligenverehrung und Namengebung. Sprach- und kulturgeschichtlich mit Berücksichtigung der Familien­namen, Freiburg i. Breisgau 1924.

Empfohlene Zitierweise

Sabrina Ulbrich: [Rezension zu] Kathrin Dräger, Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland, Regensburg 2013, in: Onomastik-Blog [21.10.2013], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-familiennamen-aus-dem-rufnamen-nikolaus-in-deutschland/

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