Jürgen Udolph (Hg.), Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa (= Beiträge zur Lexikographie und Namenforschung 6), Hamburg: baar 2013, 386 S., ISBN 978-3-935356-06-6, ISSN 1618-7636, EUR 75,00 (DE), EUR 77,10 (AT).

Rezensiert von Dagmar S. Wodtko, Freiburg im Br.

Umrahmt von einem knappen Vorwort des Herausgebers (7–9) und einer Autorenliste (387–389) versammelt dieses Buch acht Beiträge, die sich, wie der Titel deutlich macht, kritisch mit zwei Forschungsansätzen Th. Vennemanns auseinander setzen. Dabei weicht der Titel der vorliegenden Sammlung nur in dem Fragezeichen (und dem Untertitel) von dem Buchtitel ab, in dem eine Reihe von Publikationen Vennemanns zur Thematik zusammengestellt sind. (Anm. 1)

Vennemann hat in seinen Veröffentlichungen versucht, die Existenz von zwei vorhistorischen nichtindogermanischen Sprachschichten in Europa wahrscheinlich zu machen, die beide mit den indogermanischen Sprachen dieses Raumes in Kontakt traten. Dabei handelt es sich zum einen um eine „Atlantisch“ genannte, dem Semitischen verwandte Sprache, die u. a. als Quelle für Lehnwörter im Germanischen angesehen wird, zum anderen um eine „Vaskonisch“ genannte, dem Baskischen verwandte Sprache, der u.a. Fluss- und Siedlungsnamen entstammen sollen, die der sog. Alteuropäischen Hydronymie zugeschrieben werden. Wie Vennemann selbst betont hat, ist er kein Fachmann für die in Frage stehenden Sprachfamilien (vgl. Zitate im hier besprochenen Band S. 154). Eben fachliche Unkenntnis ist es nun, die alle in diesem Band vertretenen Spezialisten zu einem ablehnenden Urteil gegenüber Vennemanns Hypothesen führt; Vergleiche werden in den Bereich von „ad hoc sound similarities“ (194) und „klingklanglichen Assoziationen“ (155) verwiesen.

Drei der hier versammelten Beiträge sind von Indogermanisten geschrieben: P. Anreiter Gedanken zum Buch von Theo Vennemann, Europa vasconica – Europa semitica (11–63), M. Meier-Brügger Historische Sprachwissenschaft und ihre Grenzen (151–158), J. Udolph Vaskonisches und Semitisches in Europa aus namenkundlicher Sicht (211–324); zwei stammen aus der Feder von Semitisten: H. Y. Sheynin Indo-European, Old European, and Afrasian, or Contra Vennemann (181–210) und R. Voigt Europa Semitica? Bemerkungen zu Vennemanns semit(ohamiti)istisch-(indo)germanistischer Komparatistik (325–359), ein Aufsatz beschäftigt sich mit dem Baskischen: J. A. Lakarra On Ancient European and the Reconstruction of Proto-Basque (65–150). Hierbei handelt es sich um eine gekürzte und aktualisierte Fassung von J. A. Lakarra 1996 [1999]. (Anm. 2) Dazu sind auch zwei kürzere Stellungnahmen aus den neunziger Jahren hier noch einmal abgedruckt: W. P. Schmid Methodische Bemerkungen zur Klassifikation: Alteuropäisch (169–178) und L. Reichardt Nachfolger Hans Bahlows (159–167).

Von diesen diskutieren Anreiter und Udolph in größerer Ausführlichkeit Namen, die Vennemann einer der vermuteten Kontaktsprachen zugeschrieben hatte, so unter anderen die Fluss- und Ortsnamen Isar (21–28, 267–273), München (47 f., 275 f.), Partenkirchen (50 f., 281-85), Namen mit Eber- (51–54, 246–253) und Ur-/Auer- (48 f., 291–295). Anreiter bezieht weiterhin Appellativa wie Apfel (43 f.), Kalb (38 f.) und Opfer (46) ein, die auch in den semitistischen Stellungnahmen aufgegriffen werden (vgl. Apfel 197, Kalb 337, Opfer 198).

Soweit Fragen der Alteuropäischen Hydronymie angesprochen werden, weisen die meisten Beiträge darauf hin, dass dieses onomastische Subsystem Erklärungen aus dem Indogermanischen erlaubt und auch bereits vielfach erfahren hat. Dies schließt nun prinzipiell nicht aus, dass mindestens einige seiner Elemente auch Anschluss in anderen, nichtindogermanischen Sprachen finden könnten. Lakarras Beitrag hebt indessen hervor, dass eine so zu postulierende nichtindogermanische Substratsprache keine Ähnlichkeit mit einer Vorstufe des Baskischen gehabt haben dürfte, da entsprechende Vergleiche auf anachronistischen Voraussetzungen beruhen. Hier wie anderwärts findet sich auch Betrübnis darüber ausgedrückt, dass von Vennemann herangezogene sprachliche Daten diachron, dialektal und semantisch nicht hinreichend überprüft wurden, eine Betrübnis, die etwa auch Sheynin und Voigt teilen. Da das Baskische ebenso oft das Interesse von Amateuren wie von Sprachwissenschaftlern auf sich zu ziehen scheint, hält es Lakarra hier, wie auch an anderer Stelle, für angebracht, methodische Grundsätze der historischen Sprachbetrachtung zu zitieren, die Hamp zusammengestellt hat (123 f.). (Anm. 3) Dem Vorbild Trasks, der versucht hat, am Beispiel eines ungarischen Vergleichs vor mangelhaft fundiertem Umgang mit baskischem Sprachmaterial zu warnen, folgt in diesem Band Anreiter mit dem „Gedankenexperiment“, das einige Namen der Alteuropäische Hydronymie und einige Appellativa aus dem Türkischen herleitet (25–27). (Anm. 4) Ähnlich ernüchternd ist Meier-Brüggers methodisch korrekter innergriechischer Anschluss eines griechischen Personennamens, für den unter Rückgriff auf nichtindogermanische Provenienz die schöne Bedeutung „blissful woman“ vorgeschlagen werden konnte, der aber innerhalb des griechischen Sprachsystems nur zu der Beurteilung „Mehr ist nicht.“ (155) Anlass gibt.

Der Band wird beschlossen durch Fragen an die Genforschung (361–386), den Abdruck eines Fragebogens, den der Herausgeber J. Udolph den Genetikern M. Kayser und L. Roewer zugesandt hatte. Obwohl die Genetik bekanntlich durch die Natur der Sache nicht zu sprachwissenschaftlichen Fragestellungen beitragen kann, (Anm. 5) haben sich beide freundlicherweise die Zeit genommen, Udolphs Fragen in einer für Laien verständlichen Form zu beantworten. Daraus geht hervor, dass der mögliche Beitrag der Genetik auch im Bereich von populationshistorischen Überlegungen äußerst gering veranschlagt werden muss. (Anm. 6)

Anmerkungen

(1) Vgl. Theo Vennemann Europa Vasconica - Europa Semitica. Ed. P. Noel Aziz Hanna. Berlin-New York 2003.

(2) Vgl. J. A. Lakarra Sobre el europeo antiguo y la reconstrucción del protovasco. ASJU 30, 1–70.

(3) Vgl. E.P. Hamp Some draft principles for classification. In: Nostratic: Sifting the evidence, edd. J. C. Salmons & B. D. Joseph, Amsterdam 1998, 13–15 sowie J. Gorrochategui & J. A. Lakarra Why Basque Cannot be, Unfortunately, an Indo-European Language JIES 41, 2013, 203.

(4) Vgl. R. L. Trask The History of Basque, London-New York 1997, 412–415.

(5) Vgl. etwa P. Sims-Williams Bronze- and Iron-Age Celtic-speakers: what don't we know, what can't we know, and what could we know? Language, genetics and archaeology in the twenty-first century, The Antiquaries Journal 92 (2012), 427–449.

(6) Vgl. aus archäologischer Sicht z. B. J. P. Mallory The Origins of the Irish, London-New York 2013, Kap. 8.

Empfohlene Zitierweise

Dagmar S. Wodtko: [Rezension zu] Jürgen Udolph (Hg.), Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa, Hamburg 2013, in: Onomastik-Blog [18.02.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-europa-vasconica-europa-semitica/

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Die Titeldaten für das rezensierte Werk finden Sie im DNB-Katalog, dort auch das Inhaltsverzeichnis.
Eine Ankündigung des Bandes in diesem Blog erfolgte im Beitrag vom 23.02.2013.