Alfons Frencl, Za hunami mjeza. Wot Žuric hac do Hochozy [Die Grenze hinter den Tennen. Von Säuritz bis Drachhausen], Budyšin: Ludowe nakladnistwo Domowina 2012, 224 S. – ISBN 978-3-7420-2219-6, Preis: EUR 19,90 (DE).

Rezensiert von Christian Zschieschang, Leipzig

Dem Titel ist nicht zu entnehmen, dass es sich bei diesem Werk um ein Ortsnamenbuch handelt. Es ist jedoch eines, und zwar von ganz eigenem Charakter, indem es drei essayistische Streifzüge durch die Ober- und Niederlausitz beinhaltet. Von Kapitel zu Kapitel werden Ortschaften vorgestellt, ihre Namen erklärt und in den sprachlich und kulturell jeweils maßgeblichen Kontext gerückt.

Die durch die Hauptkapitel vorgegebenen Routen („Wot Žuric hač do Radwor“ [Von Säuritz bis Radibor], 9–87; „Mjez horami a jězorami“ [Zwischen Bergen und Seen], 89–169; „Přez Błota hač do hole“ [Durch den Spreewald bis in die Heide], 171–212) bilden jedoch keine Streckenführungen, die einfach abzuwandern wären. Verfolgt man sie auf einer Karte (dem Band selbst ist leider keine beigegeben), dann lassen sich einige Lücken und z. T. beträchtliche Versprünge von z. T. mehr als zehn Kilometern zwischen Orten erkennen, die im Text aufeinanderfolgen. Dies bleibt beim bloßen Lesen jedoch verborgen und beeinträchtigt den Lesegenuss – bei einem derartigen Werk dürfte diese Formulierung angebracht sein – nicht.

Der Blick des onomastisch interessierten Rezensenten richtet sich insbesondere darauf, wie es der Autor versteht, die nicht leicht zu vermittelnden Erkenntnisse der wissenschaftlichen Namenforschung noch stärker zu popularisieren als es Namenlexika mit populärwissenschaftlicher Zielstellung tun (Anm. 1). Entsprechende Versuche sind nicht selten (Anm. 2), und obwohl nicht zu bestreiten ist, dass sie im Wesentlichen gelungen sind, erscheint doch die völlige Perfektion noch nicht ganz erreicht, trotz (oder gerade aufgrund?) einer professionellen journalistischen Sekundierung. Es ist dieser Hintergrund, vor dem es das Werk von Alfons Frencl zu bewerten gilt.

Dass der Autor ein Slavistikstudium hinter sich hat, als Lehrer tätig war (Anm. 3) und damit der oft selbstverliebten Welt des Medienmarktes fern steht, sind zunächst gute Voraussetzungen. Sein Schreibstil ist unaufgeregt, aber gleichwohl interessant, das Weltwissen, das er in seine Abhandlungen einbringt, beträchtlich. Der Text ist mit Fotos hervorragender Qualität illustriert, aber kein Bildband. Den Gang der Abhandlung durchbrechen kurze Einschübe zu den Namen des gerade behandelten Ortes. Diese fassen den wissenschaftlichen Ertrag zusammen (auf eine hier vorliegende kapitale Sünde sei erst zum Schluss eingegangen) und sind durch eine Zwischenüberschrift („Wjesne mjeno:“ [Dorfname]) und eine andere Schriftart hervorgehoben. Zusätzlich finden sich an den äußeren Seitenrändern weitere Exkurse, in denen die Nachbarorte und landeskundliche Besonderheiten dieser Siedlung genannt werden. Dieses Nebeneinander dreier verschiedener Arten von Texten ist etwas verwirrend, zumal eine strikte inhaltliche Trennung nicht immer einzuhalten ist.

Die Hauptabhandlung folgt von Kapitel zu Kapitel einem ähnlichen Schema: Am Anfang wird man mit einem interessanten Sachverhalt aus der weiten Welt konfrontiert, von dem aus geschickt, sachlich begründet und nur selten an den Haaren herbeigezogen zu dem jeweiligen Ortsnamen hingeführt wird – dass beispielsweise der Indian Summer in Kanada durch die bunte Laubfärbung des Ahorns geprägt wird und wir den Ahorn im Ortsnamen Jawora/Jauer finden (12 f.) oder dass die menschliche Sprache aus nur wenigen Dutzend Lauten generiert wird, die durch eine vergleichbare Zahl von Buchstaben repräsentiert wird, die häufiger oder seltener auftreten, dass zu den selteneren das X gehört, das im Ortsnamen Klix erscheint (122).

Nach dem darauf folgenden Einschub zum jeweiligen Ortsnamen wird dieser insofern ausgelegt, als dass bekannte oder weniger bekannte Bezüge zu anderen Namen und Wörtern, natürlich vor allem sorbischen, hergestellt werden. Damit schafft es Alfons Frencl, einen der wichtigsten, für Rezipienten jenseits der Wissenschaft aber auch langweiligsten Aspekt der Namenerklärung verständlich und lebendig zu machen; nicht zu reden davon, dass solche Vergleiche – insbesondere im Rahmen der slavischen Welt – neue Anregungen für die Namenerklärung geben können. Auch sonst versteht er es ausgezeichnet, Namen zu erklären und präsentiert nicht einfach nur das, was „in den Namen“ steckt, sondern auch die dazugehörigen Kontexte. Seine Kenntnis der lokalen Topographie erlaubt es ihm, sprachliche Namendeutungen mit Motivationen zu versehen (Kuckau, 26). Mit seiner Darstellungsweise kann er wissenschaftlich tätigen Onomasten ein Vorbild sein.

Außerdem formuliert Alfons Frencl viele kluge und wichtige Gedanken, unter denen sich mancher Kernsatz der Onomastik findet – dass uns jeder Name in seine eigene Welt führt (48), zur zweisprachigen Topographie (59), zur Notwendigkeit der Benennung und zu den Leistungen der Namenforschung (88), zur Namengebung als kultureller Leistung (107), zum (fragwürdigen) Verhältnis von Ersterwähnung und Jubiläumsfeier (204) und schließlich zur Distinktivität (205).

Dass es bei dieser Weite des Horizonts gelegentlich auch etwas zu korrigieren oder zu ergänzen gilt, kann nicht verwundern. Dass z.B. im frühen Mittelalter noch keine Pferde vor schwere Wagen gespannt werden konnten (wie auf S. 23 dargestellt; das dafür erforderliche Kummet war noch nicht erfunden), sondern nur Ochsen (mit dem Joch); dass Namen wie Kahler Berg (138f.) eine mythische Bedeutung zukommt (Anm. 4), die auch Modest Mussorgsky bewusst gewesen sein dürfte, und dass Steinbeile mitnichten nach der Erfindung der Metallverarbeitung ausgedient hatten (128), sondern auch später, in Zeiten von Metallmangel verwendet wurden (nicht zu reden von ihrem gelegentlichen kultischen Gebrauch) – all dies und noch mehr sind Details, die in der Fülle der Informationen kaum ins Gewicht fallen. Übersehen hat der Autor (92) eine ihn sicher interessierende These, wonach die Identität von Uta und Reglindis im Naumburger Dom zu vertauschen wäre. Damit jedoch wäre das einst so penetrant postulierte Urbild der „deutschen Frau“ plötzlich eine slavische Prinzessin …

Auch hinsichtlich der vom Autor herangezogenen Vergleichsnamen ist nicht alles korrekt. So ist es zwar nicht ganz falsch, aber doch unwahrscheinlich, dass Brück (im Fläming) und Rosental aus dem Flämischen übertragene Namen sind (so aber 144). Ujězd (Uhyst) bezeichnet keine ‚Ausfahrt’ aus dem Wald (108), sondern ein durch Umreiten (‚Umfahren’) abgegrenztes Rodungs- bzw. Siedlungsareal – sehr markant für die Besiedlungsgeschichte. Bad Düben ist im Jahr 981 nicht als Duben (so 69), sondern als Dibni bezeugt.

Auch dies bleibt letztlich marginal, denn eine bereits weiter oben angekündigte Sünde legt sich wie ein düsterer Schatten über das Werk: Am Ende findet sich zwar ein Ortsregister, doch erhält man keinerlei Hinweis, aus welchen Quellen der Autor schöpft. Dies betrifft die Aussagen zu den Namen nicht weniger als Zitate im Text. Wenn aus Gründen der Schonung des nichtwissenschaftlichen Lesers nicht jeder Beleg oder jeder Name mit einer erschöpfenden Fußnote nachgewiesen wird, hätte man dafür vielleicht noch Verständnis (Anm. 5).

Dass aber nicht einmal ein Verzeichnis der maßgeblichen onomastischen Literatur geboten wird oder wenigstens ein namentlicher Hinweis auf die seit vielen Jahrzehnten in der Lausitz und für die Lausitz tätigen Onomasten, ist ebenso schwer zu verstehen wie zu akzeptieren und bei nächster Gelegenheit unbedingt zu korrigieren. Immerhin liegen für Nieder- und Oberlausitz nicht wie für die meisten anderen Regionen nur ein oder zwei maßgebliche Ortsnamenbücher vor, sondern jeweils gleich fünf (Anm. 6);  hinzu kamen in den letzten Jahren Kontroversen über die Erklärung von etwa 200 Lausitzer Ortsnamen. Vor diesem Hintergrund wäre der Nachweis der jeweils rezipierten Literatur zumindest für die strittigen Namen von besonderer Wichtigkeit.

Schon aus Prinzip sei hier darauf verzichtet, diese Lücke auch nur exemplarisch zu füllen, und es sei nur summarisch festgestellt, dass sich Alfons Frencl in den meisten der umstrittenen Fälle – Barbuk/Bärenbrück (str. 202), Koł(o)waz/Kohlwesa (104), Minakał/Milkel (125 f.), Worklecy/Räckelwitz (48), Wěteńca/Dürrwicknitz (21 f.) und Worcyn/Wurschen (112)– vorrangig auf Heinz Schuster-Šewc bezieht (Anm. 7), mitunter aber – bei Kopšin/Kopschin (39 f.), Smjerdźaca/Schmerlitz (58 f.) und Trupin/Truppen (146) dessen Auffassungen neben die Walter Wenzels stellt. Dies zeigt, dass der Autor auch mit neuen Publikationen vertraut ist, es bleibt aber offen, welche weiteren Beiträge (Anm. 8) er vielleicht nicht zur Kenntnis nehmen konnte.

Trotz dieses Sündenfalls verdient das elegant geschriebene Werk große Aufmerksamkeit aus zweierlei Gründen: Der Leser außerhalb der Wissenschaft erfährt über die Namen, die hinter ihnen stehenden Welten und ihre Zusammenhänge sicher mehr als aus einem mit Terminologie und Material schwer beladenen Fachbuch, und Onomasten können daraus lernen, wie eine lebendige und essayistische Abhandlung über die Ortsnamen einer Region verfasst werden kann. Hierfür sind keine Kenntnisse des Obersorbischen notwendig: Auf Deutsch liegt bereits eine ganze Trilogie vor (Anm. 9), in der die gleichen Namen begegnen. Wer aber meint, die obersorbische Fassung wäre nur eine Übersetzung der entsprechenden Kapitel der deutschsprachigen Bücher, der irrt. Es spricht für den Wissenshorizont des Autors, dass es ihm offenbar ein leichtes ist, den gleichen Namen in ganz verschiedene Kontexte der weiten Welt zu rücken. Wir sind gespannt, ob Alfons Frencl uns mit noch weiteren Werken erfreuen wird.

Anmerkungen

(1) Exemplarisch Eichler, Ernst / Walther, Hans: Städtenamenbuch der DDR. Leipzig ²1988; Reitzenstein, Wolf Armin Freiherr von: Lexikon bayerischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz. München 2006; Fischer, Reinhard E.: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Alter – Herkunft – Bedeutung. Berlin-Brandenburg 2005.

(2) Bily, Inge: Potsdam bis München. Die Ausfahrten der A 9 – ihre Namen kurz erklärt. Das Namenbuch fürs Handschuhfach, Leipzig 2012; Franke, Susanne / Hackl, Stefan: Die Wahrheit über Pumpernudel. 111 kuriose Ortsnamen in Bayern und was sie bedeuten, München 2010.

(3) www.domowina-verlag.de/ds/awtorki-awtory/7-frencl-alfons, 15.07.2013.

(4) Rutkiewicz-Hanczewska, Małgorzata: Das Vor-Heilige und das Anti-Heilige in Großpolen am Beispiel des Toponyms Łysa Góra [Kahlberg] und seinesgleichen, NI 93/94 (2008), 251–266.

(5) Dennoch hat gerade auch der Domowina-Verlag mit populär ausgerichteten und trotzdem mit Fußnoten versehenen Buchprojekten in früheren Jahrzehnten reiche Erfahrungen gesammelt.

(6) Auf eine Aufzählung dieser insgesamt neun Werke sei an dieser Stelle aus Platzgründen verzichtet.

(7) Schuster-Šewc, Heinz: Die Ortsnamen der Lausitz – Anmerkungen zum Stand ihrer Erforschung, Lětopis 55 (2008), Heft 2, 94–108; 56 (2009), Heft 2, 103–124 und 58 (2011), Heft 1, 116–130.

(8) Hier wäre insbesondere zu denken an: Hengst, Karlheinz: Meinungsverschiedenheiten zu altsorbischen Ortsnamenformen. Zur Problematik bei der Rekonstruktion der Ausgangsformen sorbischer Ortsnamen in den Lausitzen, NI 93/94 (2008), 155–184; Wenzel, Walter: Umstrittene Deutungen Lausitzer Ortsnamen. In: NI 95/96 (2009), 55–88; Ders.: Problematische Deutungen Lausitzer Ortsnamen, Lětopis 57 (2010), Heft 2, 119–130.

(9) Frenzel, Alfons: Lausitz grenzenlos, Bautzen 2008; Ders.: Lausitz rundum. Zwischen Rand und Mitte, Bautzen 2010; Ders.: Lausitz mittendrin, Bautzen 2013.

Christian Zschieschang: [Rezension zu] Alfons Frencl, Za hunami mjeza. Wot Žuric hač do Hochozy [Die Grenze hinter den Tennen. Von Säuritz bis Drachhausen], Budyšin 2012, in: Onomastik-Blog [20.03.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-za-hunami-mjeza-wot-zuric-ha-do-hochozy/

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