Edwin D. Lawson, Zinaida S. Zavyalova, Richard. F. Sheil: Tatar First Names from West Siberia. An English and Russian Dictionary. San Diego, CA, HTCom Group 2014. XXXIV, 65 Seiten und 1 CD-Rom. US $ 14,99; Euro 10,91.

Um dieses Namenbuch fertigzustellen, wurden 50 tatarische Familien in Tomsk und 50 weitere tatarische Familien in der ländlichen Umgebung dieser westsibirischen Stadt nach ihren Vornamen, ihren Namengebungsgewohnheiten sowie ihren Einstellungen gegenüber Religion und Traditionen befragt. Es zeigte sich, dass die befragten 799 Personen rund 500 verschiedene Namen trugen, die im Lexikonteil dokumentiert werden.

Jeder Eintrag enthält die englische Transkription, die russische Schreibweise, Geschlecht und Häufigkeit des jeweiligen Namens im Sample sowie die Aussprache nach IPA-Lautschrift und BBC-New York Times-Style-Umschrift, sprachliche Herkunft und Bedeutung der Namen. Die korrekte Aussprache der Namen wird von einem tatarischen Sprecher auf der beigefügten CD-Rom geboten.

Die sprachliche Herkunft der Namen dieser eigentlich islamischen Ethnie ist sehr vielfältig. Es überwiegen Namen arabischer Herkunft wie Abdulla, Abdelkarim, Fatima neben solchen persischer Etymologie wie die zahlreichen Zusammensetzungen mit gul 'Rose'. Auch türksprachige Namen wie Bulat 'Stahl', Damir 'Eisen' sind gut vertreten. Daneben gibt es aber auch Namen, die mit russischen Elementen gebildet sind wie Byelye 'weiß' oder sogar westeuropäische wie Elvira, Edward, Klara - letzterer Name wohl in Erinnerung an Klara Zetkin. Äußerst selten sind Namen tatarischer Herkunft wie der neu gebildete Name Iririya, dessen Bedeutung aber dunkel bleibt.

Der häufigste männliche Vorname in der Stadt ist Ryenat, der zwar auf lat. Renatus 'der Wiedergeborene' zurückgeht, doch im nachrevolutionären Russland als Abbreviaturname, gebildet aus Revoljutsia, Nauka, Trud ('Revolution, Wissenschaft, Arbeit'), verstanden wurde. Der häufigste weibliche Name unter den Städtern ist Zulfira zu arab. 'Löckchen'.

Auf dem Land findet sich als häufigster männlicher Vorname Marat. Auch dieser Name kann unterschiedlich gedeutet werden: entweder zu türk. 'Heilig(er)' oder als Name des französischen Revolutionärs Jean Paul Marat. Der häufigste ländliche Mädchenname basiert auf derselben arab. Wurzel wie der häufigste städtische: Zulfiya 'Mädchen mit Locken'.

Die Autoren konstatieren folgende Unterschiede zwischen den städtischen und ländlichen Tataren: 

  • Die Dorfbewohner tragen beträchtlich weniger russische Namen als die Städter.·
  • Die Städter scheinen mehr über die semantische Bedeutung ihrer Namen zu wissen als die Dorfbewohner.· Die Dorfbewohner sind religiöser und beachten religiöse Praktiken mehr als die Städter.·
  • In der Stadt scheint die junge Generation völlig areligiös zu sein.·
  • Die Städter beachten die Namengebungszeremonien weniger als die Dorfbewohner.·
  • Sowohl in der Stadt wie auf dem Land scheint der Wohlklang das ausschlaggebende Motiv bei der Vornamenwahl zu sein.
  • Insgesamt bietet diese Neuerscheinung einen aufschlussreichen Einblick in eine ferne Namenwelt, die im Zeitalter globaler Bevölkerungsbewegungen so fern gar nicht mehr ist.

Hervorzuheben ist noch, worauf auch W. Van Langendonck im Umschlagtext hinweist, dass dieses Buch allein aufgrund mühsamer Feldarbeit vor Ort entstanden ist.

Volker Kohlheim, Bayreuth