Ein sehr interessanter Aufsatz des erfahrenen Namenforschers Walter Wenzel, der mich zu zwei der behandelten Namen zu ausführlicheren Bemerkungen anregt: 

Teuchern

Die Erklärung dieses ON als deappellativische Bildung ist (mit Walter Wenzel) wohl zu verwerfen, obwohl das Rekonstrukt, das sich m. E. durch Thietmars Notat aufdrängt, eine solche scheinbar fast zwingend nahelegt. Mehrere Thietmarsche Namensnennungen auf ‑<ini> sind nach meiner Überzeugung (zum Teil im Unterschied zur bisherigen Forschung) als -*(j)ane-Namen zu interpretieren. Ausgangspunkt für diese Überzeugung sind zunächst die Belege Milcini und Milzini (neben anderen) für das Gebiet der Milzener. Dem schließe ich an: <Lunzini> (Lenzen) = *Ło͂čane zu ursl. *lo͂ka ›Wiese‹ oder ›bogenförmige Krümmung‹, <Mogelini> (neben <Mogilina>) = *Mogyľane (?) zu *mogyła ›(Grab-)Hügel‹, <Morezini> = *Morečane ? (Etymologie unklar), <Mucherini> = *Mokŕane zu *mokŕ ›feuchte Gegend‹, <Passini> = *Pašane zu *paša ›Weide (Hutung)‹, <Piscini> = *Pěsčane zu *pěsk ›Sand‹ , <Wirbini> = *Wiŕḃane zu  *wiŕba ›Weide (Baum/Strauch)‹. Plausibel erschiene dann ebenfalls <Tuchurini> (Teuchern) = *Tuchoŕane, mit Eichler dann zu *tuchoŕ ›dumpfiger, moorbrüchiger Wald‹ – also wie die anderen deappellativisch, nicht deanthroponymisch und nicht personenbezogen. Aber *Tuchoŕane ist ja auch mit einer PersN-Basis *Tuchor(a) vereinbar. Was diese Basis betrifft, ist außer dem tschechischen ON Touchořiny auch der polnische Tuchorza = apoln. *Tuchoŕa ›Dorf des *Tuchor(a)‹ (nach Profous IV, 348) zum Vergleich potentiell hilfreich. Man hat m. E. *Tuchoŕane ebenso wie zwei andere bei Thietmar verzeichnete -*(j)ane-Namen – <Titibutziem>, korrigiert zu *<Titibutzieni>, und <Sciciani>/<Cziczani>(/<Ciani>) – als Detoponymica zu interpretieren, deren Basis die possessivischen Toponyme *Tuchoŕ-, *Čstibudč- bzw. *Židč- oder *Žitč- sind (Koenitz 2017a, Koenitz 2017b). (Eine analoge Erklärung sehe ich auch für den Stammes- und Gebietsnamen der Milzener, aber das führe ich hier nicht weiter aus. Diese Betrachtungsweise ließe sich auch noch durch die Stammesnamen <Besunzane> und <Dadosesane> erhärten.) Gegen ein bekanntes Argument von Profous zur Ablehnung  einer detoponymischen Deutung des tschechischen ON Synčany, ein Ort *Syneč sei weit und breit in der Umgebung nicht zu finden (Profous IV, 265), ist zu sagen, daß *Syneč statt des Namens eines geographisch entfernten der eines zeitlich entfernten topographischen Objektes identischer oder ähnlicher geographischer Koordinaten, d. h. des Vorgängers des aktuellen Namenträgers mit anderem Zustand, Status usw. sein kann. So in den hier gemeinten Fällen. Während fast alle anderen historischen Belege für Teuchern in ihrer Form die an <Tuchurini> geknüpfte Ableitung als ‑*(j)ane-Name für sich genommen nicht zu stützen vermögen, dürfte der Beleg 1068 in suburbanio Tucheri (Eichler 1985-2009, IV 18) im Lichte der Detoponymikum-Hypothese von besonderem Interesse sein: es wäre zu prüfen, ob es sich nicht um eben den angenommenen Vorgängernamen *Tuchoŕ handeln könnte (evtl. Lokativ Singular *Tuchoŕi). Die übrigen Belege finden ihre Erklärung wohl teils in Veränderung der Form noch im Altsorbischen, teils in Ungenauigkeiten der Kanzlei bzw. In Eindeutschung und Wandlung im Deutschen.

Taucha bei Leipzig

Gustav Hey (1893, 88) (übrigens z. B. auch im modernen Kompendium HONSa nicht erwähnt) hat, abgesehen davon, daß er (wie später auch Ernst Eichler [1998, 12]) keinen pluralischen deanthroponymischen Namen annahm, eine m. E. hundertprozentig überzeugende Erklärung gegeben: „... = Chotuch oder, da statt o in diesem Stamme auch stummes ŭ erscheint, Chtuch, woraus Tuch, = Besitz des Chotuch ...; ebendaher Chotouchov bei Čáslav in Böhm., ...“ Erhellend ist in Heys Sinne der von ihm nicht genannte Beleg (1004) Kop. 11. Jh. civitas nomine Chut: Der Name wurde „verschrieben oder verhört“, aber er wurde wohl nicht „verkürzt (statt Kot[-uch])“ (so HONSa II, 487). <Chut> steht tatsächlich für [xu:t], d. h., unter dem Eindruck des das Klangbild dominierenden und den gehörten Anlaut bestimmenden, für das Deutsche in phonologisch „unmöglicher“ Position, insgesamt im Namen [xtu:x] zweifach auftretenden [x] wurden An- und Auslaut des wahrscheinlich anderweits rezipierten [tu:x] vertauscht. (Man wird sich gut vorstellen können, wie heutige slawischer Sprachen unkundige gebürtige Deutschsprecher mit einem solchen Namen umgehen würden.) Für das ursprüngliche Vorhandensein der ersten Silbe *Chъ- statt *Cho- und ihren Schwund stellt der tschechische ON Chcebuz samt mehreren historischen Belegen und der späteren amtlichen deutschen Entsprechung Zebus einen gültigen Vergleichsnamen dar.

Eine interessante Frage tut sich dahingehend auf, ob  das <o> in der Schreibsilbe <Co>- bei Thietmar als aktueller Füllvokal zur Bewältigung des für Deutsche schwierigen Anlauts [xt]- oder als direkter Reflex des reduzierten Vokals -ъ- in [xъtux]- aus einer früheren Entlehnung des Namens zu verstehen ist. Letzteres entspräche jüngsten Annahmen von Karlheinz Hengst  bzgl. des -i- der zweiten Silbe in den Belegen <Libiz> und <Libizken> zu Leipzig (Hengst 2016, 469–470 und passim), der ebenfalls die Annahme eines epenthetischen Vokals entgegensteht (Koenitz 2016, 441-461). (Diese Überlegung wäre hinfällig, wenn man dabei bliebe, daß ein -ъ- gar nicht vorhanden gewesen und somit im 11. Jahrhundert ein ursprüngliches -o- geschwunden sei.)


Literatur:

Eichler, Ernst (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium, Bde. I-IV, Bautzen.

Eichler, Ernst (1998): Zu neueren Tendenzen und Zielen der Namenforschung im deutsch-slavischen Berührungsgebiet. In: OSG XXIII, 9–19.

Hengst, Karlheinz (2016): Leipzig – slawische Ausgangsform des Namens möglich, in:

Namenkundliche Informationen 107/108, 462-477.

Hey, Gustav (1893): Die slavischen Siedelungen im Königreich Sachsen mit Erklärung ihrer Namen. Dresden. Reprint der Originalausgabe 1893 nach dem Exemplar der Universitätsbibliothek Leipzig. Mit einem Nachwort und ergänzendem Verzeichnis zu den Ortsnamen Sachsens von Ernst Eichler. Leipzig 1981.

HONSa = Eichler, Ernst; Walther, Hans (Hrsg): Historisches Ortsnamenverzeichnis von Sachsen. Bd. I–III. Berlin 2001.

Koenitz, Bernd (2016): Leipzig – die Herkunft des Namens ist rein slawisch!, in:

Namenkundliche Informationen 107/108, 441-461.

Koenitz, Bernd 2017a: Fehlerhafte Wegweiser zu einem Burgward („Titibutziem“ usw.) – bisher unveröffentlichte Studie.

Koenitz, Bernd 2017b: Seitschen/Žičeń – zur Namensgeschichte (und der Geschichte von deren Erforschung) – bisher unveröffentlichte Studie.

 

Profous, Antonín (1947-1960): Místní jména v Čechách, Bde. I-V, Bd. IV zus. mit Jan Svoboda, Bd. V von Jan Svoboda und Vladimír Šmilauer, Praha.