Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung e.V. wünscht allen Mitgliedern sowie allen Lesern dieses Blogs ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes, glückliches Jahr 2016!

Bergaltar (anno 1521, Vorderseite) der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge (Sachsen)
Bergaltar (anno 1521, Vorderseite) der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge (Sachsen)

Die Weihnachtszeit ist mit ihrem meist überaus bekannten Namen ein beliebtes und bekanntes Arbeitsfeld für die Kulturgeschichte und Namenforschung. Zentrale Bedeutung hat die Geburt und ihr Ort (in Bethlehem, in einer Krippe). Alle drei Themen spiegeln sich in der Namengebung, vielleicht deutlicher im romanischen Kontext als im deutschen.

Zur Allgemeinbezeichnung für „Weihnachten“ wurde die Bezeichnung des Tages der Geburt [dies] Natalis (ital. natale, frz. noël, port. natal, kat. nadal) oder [dies] Nativitatis (span. navidad); das rumänische crăciun ist aus dem Slavischen entlehnt. In Spanien gesellt sich dazu natividad, doch steht dieses allgemein für eines der großen kirchlichen Geburtsfeste: Jesus, Gottesmutter oder Johannes der Täufer. Ebenfalls mehrdeutig sind span. nacimiento, port. nascimento, frz. naissance, ganz banal ist ital. nascita ‚Geburt‘. Alle diese Bezeichnungen spiegeln sich in der Namengebung. Insbesondere die Namenfamilie um Natalis hat weiteste Verbreitung gefunden, bekannteste Vertreter sind gewiss der Frauenname Natália (mit zahlreichen formalen und phonetischen Varianten) und der Männername Noël (mit der weiblichen Umformung Noëlle). Doch gehe ich an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Namenkomplex ein.

Der Ort des Geschehens soll uns heute interessieren. Bethlehem ist in Personennamen und Institutionsnamen gut vertreten, von hier ist es auch zum Familiennamen geworden: Eine Person namens Bethlehem kann daher durchaus ursprünglich in einem Ort Bethlehem geboren worden sein, aber natürlich nicht dem originalen. Wie andere biblische Orte (Nazareth, Jerusalem, Sinai, Galiläa u.a.) ist Bethlehem nicht selten als Klostername und damit die umgebende Gemeinde zu finden, bei Hausnamen kann es sich auch um „Scherznamen für dürftige Gebäude bzw. Siedlungen“ (www.ortsnamen.ch) handeln. Das gilt natürlich auch für andere Länder. Spanisch Belén und portugiesisch Belém sind in nicht wenigen Ortsnamen enthalten, die bekanntesten sind vielleicht Belém, Hauptstadt des Bundesstaates Pará (Brasilien) und der Lissabonner Stadtteil Belém mit dem berühmten Jerónimos-Kloster. Auch hier könnte man systematisch suchen, einschließlich zahlreicher Varianten wie etwa englisch Bedlam.

Weniger allgemein bekannt ist vielleicht, dass es sich bei der spanischen Bezeichnung der Krippe um ein Deonym handelt, nämlich belén ‚Krippe‘ aus dem Ortsnamen Belén (Bethlehem); auch die übertragene Bezeichnung nacimiento kann in diesem Sinne gebraucht werden. Entsprechend schwierig ist eine korrekte Interpretation der gleichlautenden Familiennamen Belén (584+738+6, verbreitet, aber mit einem deutlichen Schwerpunkt in Alicante 329+422).

Die Benennung nach der Krippe spielt im Französischen eine geringe Rolle, der Familienname Crèche ist zwischen 1891 und 1990 für 125 Geburten nachgewiesen, mit eindeutigem Schwerpunkt im zentralen Département Loir et Cher, weshalb vielleicht nicht unbedingt von der christlichen Bedeutung ausgegangen werden muss. Etymologisch ist crèche im Übrigen mit dem dt. Krippe identisch (fränkisch *kripja), wozu auch ital. greppia (wohl keine FN) und altprovenzalisch crepcha. In den übrigen romanischen Sprachen haben sich die lat. Bezeichnungen praesaepe(s) bzw. praesaepium erhalten, die sich allerdings kaum in den FN spiegeln. Ital. Presepio 21 (Pavia 14) und Presepi 357 (Forlì 268) können sich auf die Krippe aber auch den Futtertrog (mangiatoia), doch fehlen entsprechende Namenbildungen. Im Spanischen ist neben belén die Bezeichnung pesebre (navideño) wie auch das katalanische pes(s)ebre bekannt, doch existiert kein entsprechender Familienname. In Portugal gibt es zwei Orte, die presépio enthalten: Mosteiro do Presépio (bei Castro Daire) und das Landgut Presépio (Olalhas, Tomar). Hier dürfte als Ausgangspunkt vielleicht eine besondere Krippendarstellung zu vermuten sein; portugiesische Krippentradition ist in Afrika und Asien seit dem 16. Jahrhundert gut dokumentiert. Doch auch als Namenzusatz eines Klosternamens kann die Krippe dienen, etwa Margarida do Presepio (1623).

Diese Art Namengebung ist ein weites Feld, auf dem es noch so manches zu ernten gäbe …