Alle drei im Titel genannten Ortsnamen erlauben nicht nur neue Erklärungen, mit ihrer Hilfe kommen auch bisher verborgen gebliebene siedlungsgeschichtliche Zusammenhänge ans Tageslicht.

Taucha, ö. Weißenfels, 1041 TuchinTvchin, 1147 Tuchin, 1228 Tughin, 1458 Tuchen, 1576 Taucha, aso. *Tuchyńi, eventuell aso. GewässerN zu *tuch-, oso. tuchi ʻdumpf, faulʼ, tuch auch ʻfauliger Gestankʼ (Eichler 1985-2009: IV 11). Der tschech. OrtsN Tuchyně, erklärt aus dem PersN Tuch, sowie die poln. ZuN 1428 Tuch und weitere zeugen für aso. *Tuchyńi ʻSiedlung des Tuchʼ mit dem PersN als einer KurzF von Tuchorad oder ähnl. VollN, deren Vorderglied sich aus urslaw. *tucha ʻMut, Tapferkeitʼ erklärt (Profous 1947-1960: IV 396; Rymut 1999-2001: II 626; Rymut 2003: 65). Weiter unten bleibt noch auf den homonymen, aber ganz anders zu erklärenden OrtsN Taucha, nö. Leipzig, einzugehen.

†Tauchlitz, Vorläufersiedlung von Weißenfels, auch Alte Stadt, 1004 (civitas) Tuchamuzi (wohl verlesen für Tuchauuizi), Fälsch., um 1430, 1046 in bvrchvvardo Tvchvviza, zu 1121 Duchelitz, Fälsch. 16. Jh., 15./16. Jh. Aldestadt, aso. *Tuchovica, zu *tuch- ʻfaul dumpfigʼ, aso. *Tuchovici, zum PersN *Tuch, KurzF von Tuchorad, oder aso. *Tuchomyšľ, zum VollN *Tuchomysł (Eichler 1985-2009: IV 11). Von diesen drei Deutungen dürfte allein aso. *Tuchovici ʻLeute des Tuchʼ zutreffen, mit demselben PersN wie oben in Taucha. Ebenso erklärt man tschech. Tuchlovice < Tuchovice (Profous 1947-1960: IV 394). Das -l- in Duchelitz, später Tauchlitz, kam unter dem Einfluß von KösslitzÖblitzMarkröhlitzGrochlitzPohlitzScheiplitz und Dehlitz auf, alles mehr oder weniger weit von Weißenfels entfernte Orte.

Teuchern, ssö. Weißenfels, 976 in pago Ducharin, 1012/18 (zu 981) Tuchurini, 1004 in teritorio Tucherin, 1042 burgwardus Thvchorin, 1181 Thucherin, 1466 Teuchern, aso. *Tuchorina oder *Tuchoŕna-o, zum Appellativum *tuchoŕ, oso. tuchoŕ ʻder dumpfige, moorbrüchige Waldʼ, tuchorićtuchorjeć ʻmit fauligem Geruch, mit Gestank erfüllenʼ, tuch ʻfauliger Gestankʼ, ursprünglich LandschaftsN, nicht aus einem PersN *Tuch-r von *Tuchorad (Eichler 1985-2009: IV 18 f.). Vorzuziehen ist aso. *Tuchorin (grod) oder *Tuchorina (veś) ʻ(befestigte) Siedlung des Tuchoraʼ oder ʻDorf des Tuchoraʼ, mit dem PersN als KurzF von Tuchorad, siehe oben Taucha. KurzF mit dem Suffix -or und -ora sind selten. Derartige Formen gehen möglicherweise auf einen im Hinterglied gekürzten VollN zurück, also Tuchor < TuchoradLubor < LuboradVitor < Vitorad (Malec 1982: 147). Jedenfalls dürfte es sich hier um eine seltene und altertümliche Bildung handeln. Vergleichbar ist der poln. ZuN Tuchorski sowie der PersN im tschech. OrtsN Tuchořice ʻDorf der Leute des Tuchorʼ. Unserem *Tuchorina entspricht genau tschech. Touchořiny, ursprünglich *Túchořina, wobei man den zu Grunde liegenden PersN *Túchora aus der Wurzel tuch-, enthalten in tschech. tušiti ʻahnen, vermutenʼ und poln. tuszyć ʻversprechen, hoffenʼ, poln. potucha ʻMutʼ erklärt (Rymut 1999-2001: II 626; Profous 1947-1960: IV 395, 348 f.). In den einschlägigen Untersuchungen zu Stammes- und Landschaftsnamen wird Tucharin als eigener Gau betrachtet (Eichler 1985: 144, 148, Karte; Heßler 1957: Karte im Anhang). Dass hier ein OrtsN als StammesN gebraucht wurde, ist anzuzweifeln. Eine diesbezügliche Studie kam zu anderem Ergebnis (Wenzel 2019: passim).

Da alle drei oben behandelten OrtsN nach bisherigen Erkenntnissen genaue Entsprechungen  nur im alttschech. Sprachraum haben, dürften sie zu jenen zahlreichen altwestsorb. Namen gehören, die von der Einwanderung der Slawen zwischen Elbe und Saale aus Böhmen und Mähren zeugen (Wenzel 2017: 349-357).

Zum Abschluß ist  im Vergleich zu obigem Taucha  heute gleich geschriebene und gesprochene OrtsN Taucha nö. Leipzig zu untersuchen, der ebenfalls eine neue Erklärung ermöglicht: 

Taucha, nö. Leipzig, 1012/18 urbs CothugCotug, 1015/1018 urbs Cotuh, (1004) Kop. 11. Jh. civitas nomine Chut, 1174 de Tuch, 1268 in Tuch, 1484 Tauch, 1501 Taucha, aso. *Kotuchy ʻSiedlung mit Tierstallungenʼ, zu urslaw. *kotuchъ ʻStallungʼ, russ. kotuch ʻkleiner Stall, Schweinestallʼ, tschech. kotec ʻkleiner Stallʼ (Eichler/Walther 2001: II 487 f.). Schon von der Motivation her ist eine solche Deutung fraglich, denn es ist kaum anzunehmen, dass man nach Nebengebäuden, bestimmt für die zeitweise Unterbringung von Tieren, eine Siedlung benannte (Herrmann 1974: 64, 145). Die Namengebung erfolgte gewöhnlich bei der Anlage des Dorfes, nach Errichten der Blockhäuser, Namengeber waren nicht selten die Nachbarn. Dass Stallungen für das Vieh, oft waren es anfangs nur Pferche, Anlaß zur Namenwahl gaben, ist nicht nachvollziehbar. Sehr oft benannte man die Siedlung nach dem Sippenältesten, der den Standort auswählte und die Siedlung gründete. So dürfte es auch in unserem Falle gewesen sein. Taucha erklärt sich deshalb viel eher als aso. *Kotuchy ʻSiedlung der Leute des Kotuch oder Kotuchaʼ mit dem PersN aus urslaw. *kotъ ʻKaterʼ. Von *kotъ wurden in vielen slaw. Sprachen zahlreiche Namen abgeleitet, darunter im Poln. auch Kotuch und Kotucha, am frühesten dort 1377 Kot, im Alttschech. Kot und Kotek, im Altruss. Kotъ, im Sorb. KotKotakKotan u. a. (Rymut 1999-2001: I 450; Svoboda 1964: 275; Tupikov 1989: 203; Wenzel 1987-1994: II/1, 214 f.). Gegen die bisherige Deutung spricht nicht zuletzt, daß *kotuchъ ʻRaum für Haustiere, Stallungʼ nur im Ostslaw. vorkommt (Trubačev 1974-2016: XI 208). Statt des von uns angenommenen aso. *Kotuchy könnte der Name gegebenenfalls auch aso. *Chotuchy ʻSiedlung der Chotuchs oder Chotuchasʼ mit dem PersN als KurzF von Chotěmir oder ähnl. VollN gelautet haben. Die urslaw. Suffixe *-uchъ und *-ucha, die u. a. PersN ableiteten, so Raduchъ < RadoslavъGoluchъ < *golъjьMalucha < Malomirъ, trugen den Akzent (Akut) (Sławski 1974-2001: I 74-75). Auf aso. *Kotúchy, gegebenenfalls *Chotúchy, weist auch die Überlieferung von Taucha hin, bei der das anlautende unbetonte Co- schwand. Nach dem rückläufigen Wörterbuch der altpoln. PersN kommen die Suffixe -uch und -ucha öfters vor (Cieślikowa/Malec 1993: 94, 12). Die OrtsN vom Typ „Personennamen im Plural“, also auch unser Name, gehören bekanntlich mit zu den ältesten Namenschichten. Die Siedlung *Kotúchy lag im östl. Grenzbereich des Slawengaues Chutici zu Quezici. Nach der fränkischen Eroberung wurde sie zu einem Burgwardhauptort, an dem vorbei wichtige Verbindungswege von Leipzig nach dem Osten führten, so nach Eilenburg und Püchau, danach weiter ostwärts.    

Als methodisches Fazit bleibt festzuhalten: Die Benennung vieler slawischer Siedlungen erfolgte durch OrtsN aus PersN. Diese Benennungsweise wurde in der Forschung oft verkannt, so auch bei den oben behandelten vier altsorb. OrtsN.


 

Literatur:

Cieślikowa, Aleksandra / Malec, Maria (1993): Indeks a tergo o słownika staropolskich nazw osobowych, Kraków.

Eichler, Ernst (1985): Beiträge zur deutsch-slawischen Namenforschung (1955-1981), Leipzig.

Eichler, Ernst (1985-2009): Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium, Bde. I-IV, Bautzen.

Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg.) (2001): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, Bde. I-III, bearb. von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber Berlin.

Herrmann, Joachim (Hg.) (1974): Die Slawen in Deutschland. Ein Handbuch, Berlin.

Heßler, Wolfgang (1957): Mitteldeutsche Gaue im frühen und hohen Mittelalter, Berlin.

Malec, Maria (1982): Staropolskie skrócone nazwy osobowe od imion dwuczłonowych, Wrocław Warszawa Kraków Gdańsk Łódż.

Profous, Antonín (1947-1960): Místní jména v Čechách, Bde. I-V, Bd. IV zus. mit Jan Svoboda, Bd. V von Jan Svoboda und Vladimír Šmilauer, Praha.

Rymut, Kazimierz (1999-2001): Nazwiska Polaków, Bde. I-II, Kraków.

Rymut, Kazimierz (2003): Szkice onomastyczne i historycznojęzykowe, Kraków.

Sławski, Franciszek (Red.) (1974-2001): Słownik prasłowiański, T. I-VIII, Wrocław.

Svoboda, Jan (1964): Staročeská osobní jména a naše přímení, Praha.

Trubačev, Oleg Nikolaevič (Hg.) (1974-2016): Ėtimologičeskij slovar´ slavjanskich jazykov, Bde. I-XL, Moskva.

Tupikov, Nikolaj Michajlovič (1989): Slovar´ drevnerusskich ličnych sobstvennych imen (1903). Mit einem Vorwort von Ernst Eichler, Leipzig.

Wenzel, Walter (1987-1994): Studien zu sorbischen Personennamen, Tle. I-III, Bautzen.

Wenzel, Walter (2017): Die Einwanderung der Slawen in den Elbe-Saale Raum im Licht der Namen, in: Religion und Gesellschaft im nördlichen westslawischen Raum, hrsg. von Felix Biermann, Thomas Kersting und Anne Klammt, Langenweissbach, 349-357.

Wenzel, Walter (2019): Namenkundliche Studien zur slawischen Frühgeschichte Mitteldeutschlands, hrsg. von Andrea Brendler und Silvio Brendler, Hamburg [im Druck].