In loser Folge veröffentlicht unser Mitglied Prof. Dr. Walter Wenzel, Leipzig, allgemein verständliche Texte zur Bedeutung sorbischer Ortsnamen. Einige davon geben wir hier im Blog wieder.

Spaß und Spott in slawischen Ortsnamen Sachsens

Man sollte bekanntlich, besonders im Alter, einen Sinn für Humor, Spaß und Spott nicht verlieren. Diese Einstellung zum Leben kannten schon die alten Slawen, und das bereits vor rund 1000 Jahren. Davon zeugen eine Anzahl von Namen, auch im Leipziger Land. Über die persönlichen Beziehungen der Menschen zueinander in jenen längst vergangenen Zeiten schweigen die historischen Quellen. Auch Thietmar von Merseburg (975-1018), dem wir viele aufschlussreiche Informationen über die alten Slawen verdanken, berichtet in seiner Chronik nichts über die zwischenmenschlichen Beziehungen der "heidnischen" Wenden, deren Bekehrung zum Christentum ihm in seinem Merseburger Bistum oblag. Es gibt aber eine Anzahl slawischer Ortsnamen, die auf psychische Eigenschaften des Menschen und seinen Charakter, auf sein Verhältnis zu den Nachbarn, die Einstellung zu den Angehörigen einer anderen Sippe oder den Einwohnern des nächstgelegenen Dorfes Bezug nahmen. Die Namengeber konnten sich über ihre Nachbarn lustig machen, sie verhöhnen, sie necken und verspotten, wobei sie vor einer derben bis hin zu einer beleidigenden Benennungsweise nicht zurückschreckten. Das geschah mit einem archaischen Typ von Ortsnamen, der in späterer Zeit völlig aus dem Gebrauch kam. Die betreffende Namenform stand in der Mehrzahl und setzte sich aus zwei bedeutungstragenden Bestandteilen zusammen. Als Beispiel sei der altsorb. OrtsN *Kosobudy, heute Cospuden, ehemals ein Dorf w. Markkleeberg, angeführt, 1216 Kozzebude, 1350 Kossebude (* = Zeichen für eine rekonstruierte Form). Der Name beruht auf dem altsorb. Wort kos ʻAmselʼ, in dieser Form und Bedeutung noch heute im Russischen gebraucht, sowie dem Verb *buditi , russ. buditь ʻweckenʼ. Was hat es aber mit den ʻLeuten, die Amseln weckenʼ auf sich? Mit dieser Bezeichnung verspotteten die Namengeber die Einwohner des Nachbardorfes, die bereits so früh aufzustehen pflegten, dass sie die Amseln weckten, die bekanntlich sehr zeitig zu singen beginnen.

Nicht gerade schmeichelhaft äußerte man sich über die Dorfbewohner von Kötzschbar. Die Siedlung, die 1929 zur Stadt Zwenkau kam, hieß 1403 Koschber, 1472 Koczber, 1548 Koetzschewer, Kotzschbar, 1578 Kutzschwar. Daraus lässt sich der altsorb. OrtsN *Kočvary erschließen (č = tsch). Der erste Teil geht auf altsorb. *koča zurück, dem russ. koška, früher kočka ʻKatzeʼ entspricht, der zweite Teil auf altsorb. *variti, russ. varitь ʻkochenʼ. Mit ʻKatzenkocherʼ meinte man vielleicht Leute, die so arm lebten und so sehr hungerten, dass sie in ihrer Not Katzen kochen mussten.

Etwas derber geht es bei dem Ortsnamen Wölpern, sw. Eilenburg, zu, 1161 Vvelpride, 1201 Welperde, 1404 Welperde, altsorb. *Velpirdy ʻDorf der Vielfurzerʼ, mit dem ersten Namenbestandteil aus altsorb. *vel wie in nieder- und obersorb. wjele ʻvielʼ und dem zweiten Teil aus altsorb. *pirděti wie in obersorb. pjerdźeć ʻWinde streichen lassen, fisten, furzenʼ.

Die gleiche abschätzige Bedeutung hat der Ortsname Scherperd. So hieß ein später untergegangenes Dorf südl. Delitzsch, 1378 Skoroporde, Skorpirde, Skorperde, 1404 Czerperde, altsorb. *Skoropirdy ʻDorf der Schnellfurzerʼ, wobei altsorb. *skoro ʻschnellʼ bedeutet, also dasselbe wie russ. skoryj. Dem einen oder anderen Leser ist das Wort vielleicht noch aus dem Russischunterricht bekannt, so in der Verbindung skoryj poezd ʻSchnellzugʼ.

Viel Kopfzerbrechen bereitete den Namenforschern Toppschädel, Nieder-, Ober-, nw. Nossen, w. Dresden, 1334-1336 Tupschol, 1337 Tupschal, 1378 Tupschel, 1470 Topschedil. Der Name ist wahrscheinlich als altsorb. *Tupošały zu rekonstruieren (š = sch). Der erste Bestandteil lässt sich auf altsorb. *tupy zurückführen, das im heutigen Sorbischen die Bedeutung ʻstumpfʼ, auch ʻeinfältig, dummʼ hat, im Russischen bedeutet tupoj ʻstumpf, gering, stumpfsinnig, dummʼ. Der zweite Teil erklärt sich aus altsorb. *šaliti, vergleichbar mit russ. šalitь ʻübermütig, ausgelassen, mutwillig seinʼ, šaletь ʻtoll, verrückt werdenʼ. Als Gesamtbedeutung des Namens ergibt sich ʻSiedlung der Leute, die sich dumm und ausgelassen, wie verrückt aufführenʼ.

Rätsel gab auch der Ortsname Gorknitz, w. Pirna, auf, 1321 Chorkenuz, 1350 Korkenas, 1378 Korgkanus, 1420 Korkonos, 1420 Gorkenicz. Wegen seiner äußeren Ähnlichkeit mit tschech. Krkonoše, dem Namen des Riesengebirges, könne der Name ursprünglich *Korkonoš- gelautet haben, bestehend aus altsorb. *kork ʻKniezolzʼ und *nos- wie in *nositi, russ. nositь ʻtragenʼ, also ʻSiedlung der Knieholzträgerʼ. Damit sei wohl ein Rodungsname gemeint gewesen, oder ein Gebirgsname sei auf den Ort übertragen worden. Gorknitz lässt sich zutreffender als altsorb. *Korkonosy ʻSiedlung der Leute, die mit den Nasen röcheln, schnauben, schnaufenʼ deuten. Der erste Namensteil beruht auf urslaw. *kъrkati, dem im Tschech. krkat ʻkrächzenʼ entspricht, im Niedersorb. kyrcaś ʻknarren, quietschen, knistern, girrenʼ (urslaw. ъ = kurzer u-artiger Laut). Dem zweiten Teil liegt *nos ʻNaseʼ zu Grunde, in dieser Form und Bedeutung im Russ. und vielen weiteren slawischen Sprachen verbreitet.

Hinsichtlich seiner Bedeutung läßt sich Gorknitz mit dem Lausitzer Ortsnamen Krobnitz, obersorb. Krobnica, w. Görlitz, vergleichen. Er ist auf altsorb. *Chrobonosy ʻSiedlung der Leute, die mit den Nasen schnauben, rasselnʼ zurückzuführen. Der Name besteht aus der Wurzel *chrob-, wie sie sich in obersorb. chrobot ʻGerassel, Geprasselʼ erhalten hat, und dem schon oben genannten nos. Eine ganz ähnliche Motivation zeigt der tschech. Ortsname Chvistonosy: ʻSiedlung der Pfeifnasenʼ.

Der Laie ahnt nicht, was sich hinter dem wohlklingenden Ortsnamen Rosendorf, niedersorb. Zasrjew, nö. Senftenberg, verbirgt. Der Ort heißt 1474 Scheysendorf, 1501 Scheisendorf, 1509 Scheyssendorff, 1540 aber Rosendorf, 1569 Rosendorff, und so bis in die Gegenwart. Die niedersorb. Form schreibt sich 1449 Sasseraw, 1501 Sasserow, 1672 von Rosendorf, darüber steht in kleiner Schrift im Senftenberger Kirchenbuch Se Saßerowa ʻaus Saserowʼ. 1843 heißt die Siedlung in einem sorbischen Ortsverzeichnis Zasery. Zu Grunde liegt urslaw. *Zasьrьje, eine Ableitung von der urslaw. Wurzel *sьr-. Sie ist in niedersorb. sraś, russ. sratь, urslaw *sьrati ʻseine Notdurft verrichten, scheißenʼ, enthalten (urslaw. ь = kurzer i-artiger Laut, russ. ь bezeichnet dagegen die Weichheit des vorangehenden Konsonanten). Die anlautende Silbe Za-, aus sorb. za, so auch im Russischen, bedeutet ʻhinterʼ. Der Name lautete im Altniedersorb. *Zaser´e und glich sich dann an die vielen slawischen Ortsnamen auf -ow und -ew an, so dass er später zu niedersorb. Zaserjew, gekürzt Zasrjew, wurde. Als Grundbedeutung lässt sich ʻHinter dem morastigen Gelände liegende Siedlungʼ erschließen. Jedenfalls ist die derb vulgär und anstößig wirkende deutsche Übersetzung des sorbischen Ortsnamens, der ursprünglich auf sumpfiges Land Bezug nahm, bereits im 16. Jahrhundert durch den schönen Namen Rosendorf ersetzt worden. Abschließend bleibt zu betonen, dass diese rund 1000 Jahre alten Wortgebilde, mit denen die Slawen ihre Siedlungen benannten, uns heute bei ihrer Erklärung oft große Schwierigkeiten bereiten. Fehldeutungen lassen sich da nicht vermeiden.

Walter Wenzel