Die Namen des diesjährigen ESC-Gewinners aus Portugal, Salvador (Vilar Braamcamp) Sobral, sind für einen Portugiesen durchaus banal. Die folgenden, kurzen Bemerkungen möchten zu ihrem Verständnis aus Außensicht beitragen.

Der Vorname Salvador ist allgemein bekannt (Salvador Allende, Salvador Dalí, Salvatore Adamo usw.), im Deutschen nur in seiner lateinischen (oder romanischen) Form als Name gebräuchlich. Es handelt sich um einen religiösen Namen, vergleichbar mit Jesus. Die deutsche Entsprechung Salvator "Retter, Erlöser, Heiland" ist im religiösen Kontext durchaus geläufig (Kirche zum Erlöser usw.), wird jedoch praktisch immer ohne den Titel "heilig" gebraucht, der im romanischen Kontext das Normale ist (San Salvador als Orts- und Ländername, Saint-Sauveur usw.). Es handelt sich um einen im wahren Sinne "christlichen" Rufnamen, so wie Conchita ein marianischer Frauenname ist (im Normalfall Koseform von [María de la] Concepción, Maria von der Empfängnis).

Der Name der Schwester ist Luísa, wie die deutsche Luise deutlich die Übernahme von französisch Louise (die Schreibung Louísa ist abartig), ist in Portugal sehr verbreitet. Es ist natürlich die weibliche Anbildung an Louis. Letztlich handelt es sich um einen Namen germanischen Ursprungs, im Deutschen heute Ludwig, mit älteren Vorstufen wie etwa Chlodwig.

Sobral zählt zu den häufigsten portugiesischen Ortsnamen und Ortsbezeichnungen. Es handelt sich um eine Ableitung mit dem Kollektivsuffix -al zum Baumnamen sobro (sovro) "Korkeiche (auch Pantoffelholzbaum)" (Quercus suber, L.). Die Bezeichnung geht zurück auf lateinisch lat. sūber, sūberis, mit der Variante *sŭber (> sōbru), Grundlage der heutigen Form (1)), und ist eine Art Alleinstellungsmerkmal Portugals: Portugal ist der größte Korkexporteur der Welt. Dieser aus dem Lateinischen entstandenen Bezeichnung entspricht in (Süd-)Spanien alcornoque, das letztlich auf lat. quercus "Eiche" zurückgeht. Sobro ist Ausgangspunkt für unser Sobral (alt Soveral) das in nicht weniger als 67 "offiziellen" Ortsnamen begegnet, dazu auch die Diminutive Sobrainho (2) und Sobralinho (4) oder das Augmentativ Sobrão (2). Aber auch Ortsnamen wie Sobreda (5), Sobredo (3) (mit dem lat. Kollektivsuffix -ētum), Sobrosa (4) und Sobroso (mit lat. -ōsu "reich an") oder Sobrigal gehen auf unsere Baumbezeichnung zurück. Neben diesen Formen stehen die für Baumbezeichnungen charakteristischen adjektivischen Ableitungen auf -āriu, wobei das Grundwort arbor entfällt, nach dem Muster *arbor perāria > pereira "Birnbaum" (zu pera "Birne", wie im Deutschen Birne "Birne (Frucht)" neben Birne "Birne (Baum)"). Nach diesem Muster finden sich die Ortsnamen Sobreira (39, alt Sovereira) und der Plural Sobreiras 6. Im Gegensatz zum Spanischen und den meisten anderen romanischen Sprachen hat sich im Portugiesischen das grammatische (weibliche) Geschlecht von lat. arbor erhalten, also árvore f. gegenüber span. árbol m. (also ein "falscher Freund"); Baum- und Fruchtbezeichnungen sind im Übrigen ein schönes Beispiel für die "natürliche" Familie von "der", "die", "das" und ihre spätere Entwicklung in den Einzelsprachen. Es gibt im Portugiesischen allerdings gibt es auch männliche Baumbezeichnungen nach dem Muster (seltenes) castanho neben castanheira "Kastanie(nbaum)" (castanha "Kastanie"). So auch in unserem Fall, wozu die Ortsnamen Sobreiro (40, alt Sovereiro), Sobreiros (8), Sobreirinho (2), Sobreirinhos mit Sobreiral (4).

Salvador Sobral gebraucht einen auf die wesentlichen Elemente (Vorname, alphabetisierter Familienname) gekürzten Familiennamen. Die portugiesischen Familiennamen enthalten normalerweise (mindestens) zwei Elemente: den Namen der Mutter und den Namen des Vaters, dieser an (im Gegensatz zu Spanien!) letzter Stelle. Vilar ist ebenfalls ein sehr häufiger Örtlichkeitsname, es ist eine Ableitung von villa (portugiesisch vila) und entspricht z.B. dem französischen Villier(s). Interessant ist der Name der bekannten Adelsfamilie Braamcamp. Sie ist niederländischer Herkunft und wurde über den holländischen Diplomaten in preußischen Diensten Hermann Josef Braamcamp (1751-1775), der sich in Portugal niederließ, hier heimisch. Auch hier handelt es sich offensichtlich um einen Wohnstättennamen mit braam "Brombeere" und kamp " Feld".

Der letztlich überraschende "Jazz-Walzer", mit deutlichen Brasilien-Lateinamerika-Anklängen, zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er in der Originalsprache Portugiesisch vorgetragen wurde. Ist es oft schon schwierig, Liedtexte zu verstehen, so ist das im Falle des Portugiesischen besonders problematisch. Es darf bezweifelt werden, dass ein internationales Publikum dem Text folgen kann, das spricht natürlich für die Musik und den Vortrag. Die verkannte Weltsprache Portugiesisch - immerhin handelt es sich um die Muttersprache von rund 216 Millionen Menschen (2) - gilt unter den romanischen, d.h. aus dem Lateinischen hervorgegangenen Sprachen als besonders schwierig, sowohl phonetisch als auch formal. Von den beiden Hauptvarianten, dem europäischen Portugiesisch (das sich wiederum aus dem Galicischen in Nordwestspanien herausgebildet hat) und dem Brasilianischen (im Entdeckungszeitalter wie auch große Teile Afrikas und Asiens von den Portugiesen "entdeckt" und kolonisiert) gilt die letztere als "leichter", klarer und melodiöser, was natürlich spontane Ansichtssache ist. An dieser Stelle nur eine rasche Übersetzung des poetischen Siegertextes.

Se um dia alguém - Wenn eines Tages

Perguntar por mim -  jemand nach mir fragen sollte,

Diz que vivi so -  sag' ihm, dass ich gelebt habe,

Para te amar -  um Dich zu lieben.

Antes de  ti - Vor Dir

Só existi  - habe ich nur erschöpft

Cansado e sem nada p'ra dar - existiert, ohne etwas zu geben zu haben.

 

Meu bem - Mein Schatz,

Quve as minhas preces - erhöre meine Bitten.

Peço que regresses - Ich bitte Dich, dass Du zurückkehren

Que me voltes a querer - und mich wieder lieben mögest.

 

Eu sei - Ich weiß,

Que não se ama sozinho - dass man sich nicht alleine liebt.

Talvez devagarinho -Vielleicht kannst Du es ganz langsam

Possas voltar a aprender - wieder lernen.

 

Se o teu coração - Wenn Dein Herz

Não quiser ceder - nicht nachgeben will

Não sentir paixão - keine Leidenschaft empfinden,

Não quiser sofrer - nicht leiden möchte,

Sem fazer planos - ohne Pläne zu schmieden

Do que virá depois - für das, was danach kommt,

O meu coração - so kann mein Herz

Pode amar pelos dois - für uns beide lieben.

  1. Vgl. octūber (port. Outubro, span. octubre) gegenüber octōber (frz. octobre, ital. ottobre), hier spielen dialektale Unterschiede im Lateinischen eine Rolle.
  2. Man unterscheidet bei den Weltsprachen zwischen Muttersprache und Verkehrssprache (Sprecher), so ist etwa Englisch die Muttersprache von rund 375 Millionen Menschen, aber die Verkehrssprache von rund 1.500 Millionen, Chinesisch dagegen die Muttersprache von rund 982 Millionen, Verkehrssprache von rund 1.100 Millionen Menschen. Das Portugiesische ist nach dem Spanischen und weit vor dem Französischen die verbreitetste romanische Muttersprache (330-216-79), als Verkehrssprache steht es auf dem 8. Rang der Weltsprachen (4. Spanisch: 420 Millionen, 5. Französisch: 370).

14. Mai 2017, ©Dieter Kremer