Von Bernd Koenitz

Als ein in zweifacher Hinsicht überaus interessanter altsorbischer Ortsname stellt sich Schlobeck (I) (Wg. nö. Bernburg) heraus. Mit seinen historischen Belegen 979 Zlubusiki, 1145 Zlubec, 1179 Zlubuhc, 1205 Zlubuc, 1563 Schlobeck bereitete er der bisherigen Forschung erhebliche Schwierigkeiten. Ernst Eichler hatte ihn, einen älteren Erklärungsversuch Freydanks (zu Recht) verwerfend, in seinem Kompendium Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße (III, 203 f.) unsicher als einen mit *Zlo- (zu ursl. *zъl- 'böse') anlautenden PN gedeutet. Angenommen wurde eine frühe Anlehnung an das Mittelniederdeutsche, wobei nur von Angleichung an mnd. bëke ʻBach' die Rede war, womit der älteste Beleg gar nicht erfasst wurde. (Es wurde wohl eher versehentlich nicht ausgeführt, dass dieser slaw. *Złobušici / *Złobyšici meinen könnte, wobei slaw. -ici kraft altsächsischem Zetazismus durch <iki> wiedergeben worden wäre). Viel später nun legte Walter Wenzel in seinem Aufsatz "Altsorbische Ortsnamen vom Typ Kosobudy / Žornosěky" (in Beiträge zur Namenforschung 47, 107f.) sein Hauptaugenmerk offensichtlich gerade auf den ältesten Beleg. Dieses <Zlubusiki> ist besonders mit seiner Endsequenz wahrlich geeignet, etwa den Oberlausitzer ON dt. Sornßig/oso. Žornosyki (< *Žьrnosěky) ins Gedächtnis zu rufen und jedenfalls einen zweigliedrigen Bewohnernamen zu vermuten. Die Versuche, mit den Bausteinen Erstglied ursl. *Sъljub- oder *Zъlob- und Zweitglied ursl. *sěk- oder *sik- einen entsprechenden slawischen ON zu rekonstruieren, schienen wohl auch ihrem Autor selbst vor allem aus semantischen Gründen doch nicht sehr überzeugend.

Wenn hier (auch nach Wenzels Worten) vieles "weiterhin unklar" bleibt, so vor allem deshalb, weil es schwer fällt, den Unterschied zwischen dem ältesten Beleg und allen weiteren Zeugnissen des ON einfach als eine starke Reduzierung des Zweitgliedes im Deutschen zu erklären. Stutzig macht von vornherein das in dieser Position angesichts dessen, dass es sich über drei Belege in einer Spanne vom 10. bis zum 13. Jahrhundert hält, ungewöhnliche -<u>- der zweiten Silbe. Tatsächlich liegt hier kein Kompositum vor. Vielmehr handelt es sich um eine ursl./aso. Dublette *Klobučьky > *Kłobučky (Beleg zu 979) // *Kłobuky (Belege zu 1179 und 1205), zu *klobukъ 'Hut', Demin. *klobučьkъ. Der Anlaut <Z>- erklärt sich aus dem niederdeutschen (altsächsischen) Zetazismus genau wie in dem Notat <pagus ... Zlomizi> statt *<... Glomi(n)zi> für aso. *Glomĩci, die slawische Form des Stammesnamens der Daleminzer, bei Thietmar von Merseburg V,36. Im Unterschied zu diesem Vergleichsnamen blieb in Schlobeck die zetazistische Veränderung des Anlauts erhalten und führte zu <Sch>-. Das -<u>- der ersten Silbe steht für ein phonetisch eng realisiertes slaw. -/o/- (wie auch schon in der bisherigen Forschung angenommen).

Vermutlich bestand die nicht deminuierte Namensform bereits im 10. Jahrhundert neben der deminuierten. Wie beim tschechischen ON Klobuky wäre mit Profous (1) Ableitung von einem PN *Klobuk, also ʻDorf der Familie Klobuk', oder auch als Stellenbezeichnung ʻspitze Hügel' denkbar. Wie der PN - als tschechischer Familienname laut Profous (II,247) häufiger in der Form Klobouček - wohl auch ein Spottname gewesen sein kann, darf man vermutlich eben so gut in unserem ON einen Bewohnernamen dieses Charakters sehen. Da das Deminutivum geeignet war, diesen Charakter zu verstärken, konnte das eine Ursache für das Verschwinden dieser Namensform sein.Die für den richtigen Erklärungsansatz entscheidende Erkenntnis, dass der altsächsische Zetazismus für die Rezeption des slawischen velar-okklusiven Anlautes verantwortlich war, drängt zu einer weiteren diesbezüglichen Überlegung. Auch der zweite velare Okklusiv in der Namensform *Klobučьky hätte ja doch diesem Lautgesetz folgen können bzw. müssen, graphisch: *<Zlubusizi>. Der deutsche Schreiber könnte die Notwendigkeit empfunden haben, die möglicherweise als neue Nominativform zum Zwecke des Ausdrucks der Toponymisierung aufgekommene ursprüngliche A.-Pl.-Form *Klobučьky von der ursprünglichen N.-Pl.-Form *Klobučьci zu unterscheiden, und schrieb also -<k>-.

Es ist aber auch nicht außer acht zu lassen, dass in dem anderen frühmittelalterlichen Beleg für den Stammesnamen der Daleminzer, <Zlomekia> (zu 981 in einer Kopie aus dem 12. Jh.) (2), das -<k>- fälschlich in Umkehranalogie für [ts] (<z>/<c>) steht. Demnach könnte <Zlubusiki> tatsächlich auch Falschschreibung für *Klobučьci sein. Immer wieder strittig ist die Frage, ob in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts noch die slawischen reduzierten Vokale in schwacher Stellung erhalten waren. Dies betrifft hier das -<i>- in <sik>-, das die ursprüngliche Position eines - einnimmt. Wie das -<e>- in dem bei Thietmar häufig und konsequent als <Miseco> verzeichneten polnischen Herrschernamen Mieszko könnte das -<i>- vornehmlich Trennfunktion gehabt haben, eine Lesung zu verhindern, die der zu rezipierenden slawischen Namensform nicht entsprach, da ein -<sk>-/-<sc>- (< */sk/) zu dieser Zeit wohl für ein ahd./asä. -[ʂç]- stand. Bemerkenswert ist entsprechend gegebener Erklärung der ON Schlobeck als rares eindeutiges Zeugnis für ein frühes Nebeneinander von zwei sich nur durch das formale Merkmal der Deminuierung unterscheidenden Toponymen im altsorbischen Bereich. Dieser Erscheinung sind nach meiner Meinung auch die aus den historischen Belegen des Namens der Stadt Leipzig herauszufilternden Namensvarianten zuzurechnen (vgl. den Blog Leipzig - die Herkunft des Namens ist rein slawisch!).

Anmerkungen: (1) Profous, Antonín: Místní jména v Čechách ... , II, 247. Vgl. auch Profous V,200. (2) Vgl. Eichler, Ernst / Walther, Hans (Hg): Historisches Ortsnamenverzeichnis von Sachsen, 3 Bde., Berlin 2001 [I 614 zu Lommatzsch].