Familiennamenfrequenzen sind, wie Ranglisten allgemein, beliebt. Allerdings müssen sie mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden. So sind, je nach Gesichtspunkt, bei den weiblichen Vornamen Maria, Marie und Mia als Varianten desselben Namens anzusehen, sie müssten daher zusammen gerechnet werden, was ihre Vormachtstellung noch unterstreichen würde. Auf die französischen Familiennamen bezogen, ist die charakteristische Rangfolge Martin, Bernard, Durand, Dubois, Petit, Thomas usw. zu hinterfragen: Sind die Familiennamen Frankreichs wirklich so verschieden von denen in Deutschland (Berufe), Italien („sprechende Namen“) oder Spanien (Patronymika)?

Im Gegensatz zu Italien und Spanien/Portugal kennt das Französische keine spezifischen Namensuffixe. Namen und Lexeme (Übernamen) erscheinen unverändert als Familiennamen. Auch der genitivische Bezug („Sohn des“) wird nur durch unmarkierte Beiordnung angezeigt, ein Robert Martin ist zu interpretieren als „Robert, Sohn des Martin“. In der Tat stehen die Patronymika ganz oben in Namenfrequenzen Frankreichs. Doch wie steht es mit den Berufsnamen oder Übernamen?

Zwei Dinge sind zu beachten: Einerseits ist die Namenfrequenz in verschiedenen Regionen zu berücksichtigen. Für Frankreich insgesamt gibt es nur eine pauschale Summe, dabei ist das Land in unterschiedliche Sprach- und Kulturräume zu differenzieren, auch das französischsprachige Belgien ist einzubeziehen. Andererseits ist für die „delexikalischen“ Namen (Berufsbezeichnungen, Übernamen, Wohnstättennamen) der onomasiologische Aspekt nicht zu unterschätzen: Unterschiedliche Bezeichnungen derselben Sache müssen zusammengeführt werden. Hier zunächst eine (für Frankreich provisorische) Rangliste pauschal nach Einzelnamen, delexikalische Namen in kursiv:

FrankreichBelgien (Wallonien),
nach Germain/Herbillon
1.MartinDubois
2.BernardLambert
3.DurandMartin
4.DuboisDumont
5.PetitDupont
6.ThomasLeclercq
7.RobertSimon
8.MoreauLaurent
9.RichardRenart
10.MichelLejeune
11.LeroyDenis
12.RouxGérard
13.SimonCharlier
14.LefebvreLeroy
15.BertrandMathieu

Auf die einzelnen Regionen Frankreichs und Walloniens herunter gerechnet ergibt sich allerdings ein außerordentlich differenziertes Bild.

Die Anwendung der onomasiologischen Methode führt zu einem völlig anderen Bild. Führt man Benennungen nach der Farbe ('rot': Roux, Rousseau, Roth usw., 'weiß': Blanc, Blanchard, Weiss usw., 'braun': Moreau; Brun, Bruneau, Braun usw.), Standesbezeichnungen wie 'König' (Leroy, Koenig usw.) oder Wohnstättennamen wie 'vom Berg' (Dumont, Dupuy, Pujol, Serre, Motte usw.), 'aus dem Wald' (Dubois, Bousquet, Buisson usw.) oder 'aus dem Tal' (Laval, Duval, Devaux, Valette usw.) zusammen, so ist in dieser Perspektive auch in Frankreich der häufigste Beinamentyp die Berufsbezeichnung Schmied (Lefèvre, Fabre, Faure, Schmitt, Le Goff usw.), allerdings folgt erst an 7. Stelle der Bäcker (Fournier, Boulanger, Du Four usw.), an 10. der Müller (Meunier, Molinier, Müller usw.). Dazwischen liegen, vielleicht ganz unerwartet, „sprechende“ Beinamen.

Nach den Materialien einer (unveröffentlichten) Untersuchung von  Michel Tesnière aus dem Jahr 1995 ergibt sich für die Familiennamen Frankreichs (die Zahlenangaben, in Tausend, sind hochgerechnet) unter sachlichem Aspekt folgende Rangfolge (delexikalische Namen wieder kursiv, Personennamenvarianten zusammengeführt):

1.'Schmied'268,81
2.'rothaarig'277,43
3.Martin (+ Ableitungen)205,66
4.'dunkel, braun'169,99
5.'vom Berg'163,42
6.Pierre+153,86
7.'Bäcker'152,28
8.'aus dem Wald'139,83
9.'König'139,61
10.Nicolas+133,95
11.Robert+132,08
12.'weiß(haarig?)'128,62
13.'braun(haarig?)'122,11
14.Bernard+117,26
15.Guillaume+112,84
16.Thomas+108,44
17.Renaud+107,12
18.Gautier+107,09
19.'Müller'95,58
20.'klein' 92,42


Die Berufsbezeichnung Schmied ist also auch in Frankreich der häufigste Familienname, unter den Übernamen sind die Benennungen mit 'rot' am zahlreichsten.

Es lohnte, diese Zusammenführung verschiedener Bezeichnungen zu einem Begriff fortzuführen. Auch für die deutschen Familiennamen sind hier gewiss interessante Ergebnisse zu erwarten, wobei etwa Fuchs (Renard wurde in der obigen Liste nicht mitgezählt) aufgrund der Häufigkeit von Charakterisierungen nach der Farbe eventuell eher als 'rothaarig' als mit 'schlau' zu interpretieren wäre.

Weitere Beispiele in Art. 193 (Morphologie und Wortbildung der Familiennamen: Romanisch) des internationalen Handbuchs für Onomastik Namenforschung/ Name Studies / Les noms propres, hg. von Ernst Eichler, Gerold Hilty u.a., 2. Teilband, Berlin / New York: De Gruyter 1996. Ausführliche Informationen zur Namensituation und Namenforschung in den einzelnen romanischen Sprachen finden sich in den entsprechenden Kapiteln des Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL), hg. von Günter Holtus, Michael Metzeltin, Christian Schmitt, 8 Bände, Tübingen: Niemeyer 1988/2005. Für Wallonien Jean Germain / Jules Herbillon, Dictionnaire des noms de famille en Wallonie et à Bruxelles, Bruxelles: Racine 2007.