Seit über 1000 Jahren ist mit der Christianisierung auch der Heilige Nikolaus in der Ostkirche vertraut. Er ist längst der beliebteste Heilige bei den Gläubigen der russisch-orthodoxen Kirche. Davon zeugt auch die 1895 dem Hl. Nikolaus geweihte Kathedrale in Stuttgart. Die Beliebtheit dieses Heiligen bis in die Spitzen der Gesellschaft wird heute noch durch den Namen des letzten russischen Zaren Nikolaus II. vor aller Welt deutlich.

Die Zahl der auf dem Heiligennamen beruhenden Personennamen ist nicht bezifferbar. Es gibt zahlreiche Varianten, Ableitungen und Koseformen. Im Russischen sind das zu NikolájNikúlaNikuléj, aber auch Mikoláj, Mikóla, Mikúla, Mikuláj, Mikúlej, Mikláš [miklásch], Mikljúk und Mikljáj. Basis war die griech. Form Nikólaos. Zu beachten ist die sich vom Deutschen klar unterscheidende Betonung.

Worauf beruhen die Formen mit dem Anlaut M-?

Die Beliebtheit des Heiligen hat in den breiten Kreisen der bäuerlichen Bevölkerung schon früh zu Herausbildung einer volkssprachlichen Variante Mikúla geführt. Dieser Wechsel von N- > M- kann auf einfacher Dissimilation der Artikulationsstelle innerhalb der Sonore beruhen (n – l  >  m – l). Von der Sprachwissenschaft wird auch angenommen, dass eine Beeinflussung durch den Namen des Heiligen Michaíl mitgewirkt hat (also sogenannte Kontamination eingetreten ist). Da auch im Romanischen dieser Wechsel auftritt (vergleiche dazu die Darstellung von Dieter Kremer im Blog), ist eine über eine Sprachfamilie hinausgehende Ursache anzunehmen. Das spricht für eine über eine Einzelsprache hinaus allgemein vorgenommene Dissimilation.

Dieser Anlautwechsel ist im Slawischen nicht auf das Russische beschränkt. Auch im Belorussischen und Ukrainischen sind die Mikula-Formen besonders verbreitet. So haben wir ukrainisch u.a. ebenfalls Nikóla und Mikóla, Mikolaj nebeneinander. Dasa Tschechische bietet aus alttschechischer Überlieferung neben Niklas, Nikloš, Nikuláš die Formen Mikol, Mikolec, Mikul, Mikulec. Auch im Polnischen ist M-Anlaut bereits früh belegt. Neben Nikołaj und Nikłosz sind Mikołaj und Mikułaj in unterschiedlichen Schreibvarianten schon seit dem 13. Jahrhundert historisch nachgewiesen. Auch die verkürzten bzw. suffigierten Koseformen beginnen überwiegend mit M-: Mikoł,  Mikołasz, Mikuł, Mikułasz usw. Diese Beobachtung lässt sich für das Sorbische fortsetzen und auch für das Südslawische dokumentieren. Dazu wären separate Ausführungen willkommen und recht aufschlussreich.

Im hochsprachlichen und amtlich-offiziellen Gebrauch sind in älterer Zeit die Formen mit N-Anlaut stets bevorzugt worden. Die sprachliche Ursache für den Anlautwechsel ist sicher zuerst in der volkssprachlichen Gebrauchsweise zu suchen. Dafür spricht auch, dass es zu den ebenfalls aus dem Griechischen übernommenen Personennamen russ. Nikíta die umgangssprachlichen Formen Mikít, Mikíta, Mikitáj, Mikítij gibt, ebenso zu Nikándr entsprechend Mikándra, zu Nikanór  dann Mikanór, zu Nikífor auch Mikífor.

Bislang ist in Nachschlagewerken vermerkt, dass die Ursache für den Anlautwechsel noch ungeklärt sei. Ein dabei von der Forschung bisher unbeachtet gebliebenes Motiv für diesen Lautwechsel dürfte, wohl zumindest für die slawischen Sprachen, zusätzlich in Folgendem zu suchen sein: Die alten slawischen Personennamen aus noch heidnischer Zeit mit dem Anlaut Ni- waren vor allem apotropäische Bildungen. Diese Namen aus vorchristlicher Zeit wurden bewusst so gebildet, dass sie eine negative „Information“ enthielten. Mit ihrer Negation sollten sie helfen, böse Geister vom Träger des Namens fernzuhalten, also nicht deren Interesse zu erregen.

Diese scheinbare „Schutzfunktion“ war für die christlichen Personennamen nicht mehr zutreffend. Im Volksglauben dürfte aber der Sinn von Ni- tief verhaftet geblieben sein. Daher bot sich als Ausweg zu dieser quasi „belastenden Semantik“ der Nasalwechsel (n  >  m) zur Lösung bzw. Überwindung der, unter Umständen, immer wieder mitschwingenden Funktion an. Dabei wurde zugleich vermieden, dass die mit dem christlichen Personennamen verbundene Bedeutung oder Erwartung und Hoffnung etwa als negiert empfunden werden konnte. 

Welche Derivationen von dem Heiligennamen sind besonders häufig?

Es handelt sich dabei vorwiegend als familiär bzw. inoffiziell gebrauchte Namenformen:
Níka und Kólja sind wohl am meisten bekannt. Daneben sind noch zu nennen Nikola, Nikolacha, Nikolaša, Nikol’ka, Nikol’čik, Nikan, Nikacha, Nikaša, Nikula, Kulja, Kuljanja, Nikusja, Nikuša, Nikusečka, Nikuška, Nikša, ferner Kocha, Koša, Kolina, Kol’ka, Kolečka, Kolčak, Kol’ka, Kol’ča, Koljun, Koljun’ka, Koljunja, Koljusja, Koljuta, Koljucha, Koljuša, Koljaj, Koljanja, Koljacha, Koljaša, Kolik, Kolicha, Kolčak, Koljaga, Koljak, Kolokolja, Koko, Koka, Kokunja etc. sowie schon 1603 Nikulaj.

Wie ist das Erscheinungsbild bei den Familiennamen?

Die Anlautmutation ist natürlich auch in den von Personennamen abgeleiteten ostslawischen Vaters- und  Familiennamen beibehalten worden: Nikoláevič bzw. Nikoláevna und umgangssprachlich Nikoláič als Vatersnamen, als Familiennamen Nikolaev, Nikol’skij (zu der inoffiziellen PN-Form Nikoly gebildet), Nikuličev (Sohn des Nikulič), Nikul’šin (Sohn von Nikul’ša) sowie Mikolaev, Mikulin, Mikulič, Mikul’šin und z.B. 1698 Ivan Samojlovič Nikolev. Heute häufige Familiennamen sind auch Mikoláev, Mikúla, Mikúlicyn, Mikúlič, Mikúl’šin, Nikoláenko, Nikoláičev, Nikolájčin, Nikólenko, Nikólin, Níkólov, Nikoljúkin, Nikuláenkov, Nikúlin, Nikúliščin, Nikúlkin, Nikúlov, Nikúl’šin.

Übereinstimmend mit dem Namenstag des Heiligen Nikolaus in Deutschland am 6. Dezember ist dieser Tag auch seitens der russischen Kirche im Kalender fixiert. Hinzu kommen aber auch noch neun weitere Namenstage im Jahresablauf.

Nachschlagewerke:

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